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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-12-02 · 50 (2.12.1921) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
50 (2.12.1921)
Date
1921-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dies geschieht schon darin, daß die zusammenhängenden Banschichten des Pentateuch von mir und denen, die mir gefolgt sind (z. B. Sellin), in eine weit frühere Zeit verlegt weiden, als in das „9. oder 8. Jahrhundert", wie mit der jetzt landläufigen Meinung auch Delitzsch (I, S. 7) schreibt. Sodann aber ist der gegenwärtig herrschenden Richtung gegeniiber hauptsächlich dies zu betonen: Die Zerspaltung des Pentateuchs in Quellenströmungen oder Ballschichten hat, wie ihre Gründe, so auch ihre Grenzen. Diese Grenzen liegen aber in den gemeinsame n Bestandteilen der gefundenen Qnellenströme. Um ein Beispiel anzuführren, so Weichen allerdings die Hauptströmungen (der Elohist, der Iahwist und die priesterliche Schrift) in Bezug auf den Ort von einander ab, wo Abraham berufen wurde. Denn nach dem Iahwisten geschah es erst zu Charan in Mesopotamien (1. Mos. 11, 32; 12, 1), aber nach dem Elohisten schon zu Ur in Chaldäa (15, 7). Aber alle Quellen berichten von Abrahams Vater Therach, von seiner Verheiratung mit Sara, von seiner Berufung imb Weg-Wanderung nach Kanaan usw. Und wie minder wertig sind die Differenzen gegeniiber dem Gemeinsamen! Denn was ist die Verschiedenheit des O r t e s der Berufung in bezug auf den sie von einander a b w e i ch e n, gegenüber dem Faktum der Berufung, betreffs dessen sie z u s a m m e n st i m m e n! Auch über den Ort, wo Haunibal die Alpen überschritt, sind die ältesten Erzähler (Polybins, Liburs) uneinig, aber wer leugnet'deshalb die Tatsache, daß er die Alpen überschritten und Rom zum Zittern gebracht hat? Und trotzdem nun die gewöhnliche Vernachlässigung der gemeinsamen Bestandteile der Quellell! Für die erste Zeit der Kritik war es begreiflich, daß das Auge mehr aus die Verschiedenheiten eingestellt war, aber nun wird es endlich Zeit, daß die Uebercinstimmungeu mit derselben Sorgfalt gesucht und in die Wagschale der Entscheidung geworfen werden. Nur die Allseitigkeit der Kritik macht sie zu einer wissenschaftlichen Operation. Obgleich ich den heute hier gewühlten Weg zur Untersuchung der Autorität des allhebräischen Schrifttums als einer Geschichtsquelle nur mit sechs raschen Schritten durchlaufen konnte, meine ich doch, deutlich gezeigt zu haben, daß diese Autorität unerschütterlich feststeht. Und was ist das praktische Ergebnis dieser Feststellung? Der wichtigste Punkt in diesem Ergebnis ist dies, daß die wirkliche Existenz Abrahams als einer geschichtlichen Persönlichkeit, und die Patriarchenreligion als die erste Stufe der prophetischen Religion unleugbar gemacht worden sind.. Mit guten Gründen also können wir ruhig bleiben, wenn Delitzsch als gelehriger Nachfolger seiner wellhauseniauischcn Schrittmacher die Patriarchen unter den Tisch wischt und die in ihrer Geschichte begegnenden Verheißungen als betrügerische Zurücktragungen aus der Zeit der Schriftpropheten hinstellt (I, 81 ft, 36 ft; meine Gegenschrift I, 20, 54), obgleich die Verheißungen im 1. Buch Mose schon durch ihre Einfachheit sich gegenüber den Verheißungen bei den Schriftpropheten als eine An- - sangsstufe in der Entfaltung der Weissagung kennzeichnet. Nacktem so für die Betrachtung des altisraelitischen Neligionsbuchcs wieder die alte Grundlage als eine trotz ihrer unterscheidbaren Schichten doch felsenhafte aufgezeigt werden konnte, fasse ich mein Thema „Pas altisraelitische Religionsbnch als neuestes WaffenarsDal des ' Antisemitismus" von einem zweiten Gesichtspunkt aus ins Auge. Dies ist der religisnsgefchichtliche oder theologische im engeren Sinn, und wenn ich den von diesem Gesichtspunkt aus in Bezug auf mein Thema gewonnenen (redenßct dev Jüdischen JiinderMlfel Eindruck wieder in einem knappen Satze aussprechen darf, so muß ich so sagen: Der Antisemitismus verkennt das althebräische Religionsbuch in Bezug ans dessen Gottesbegrift in extrem st er Weise. (Schluß folgt.) Urteile über üie Simultanschule. Von einem angesehenen jüdischen Schulmann erhalten wir nachstehende Zusammenstellung von Urteilen über die Simultanschnlc übersandt: Adolf D i e st e r w e g, der berühmte freisinnige Schulmann, gestorben 1866, führt folgende . Gründe für die Beseitigung der Konfeftionsschulen an: 1. Der wirtschaftliche oder finanzielle Grund: Gesetzt, eine Stadt habe 30 000 Einwohner, wesentlich in drei ungefähr gleiche Teile zerfallend: Katholiken, Protestanten. Juden. Machte nun jede dieser Konfessionen das Recht aus ein ihr angehöriges Gymnasium und eine ihr angehörerche Realschule .geltend, so hätte die Stadt drei Gymnasien und drei Realschulen zu errichten. Die Anwendung dieses Beispiels auf die bestehenden Realitäten enMt sich von selbst. Mit diesen: ersten Grunde hängt Der zweite zusammen: 2. * Der unterrichtliche (didactisch-pädagogische): In den meisten Fällen werden die Mittel zu einem gut organisierten und gut ausgestatteteu Gymnasium oder einer solchen Realschule oder auch zu beiden ausreichen. nicht aber zu einer größeren Zahl. Würde Letzteres verlangt, so würde der Unterricht (inll. der Erziehung) in den mehreren weniger gut beschaffen sein, als wenn alle Kräfte aus eine Anstalt verwandt würden. 3. Der religiöse Grund: Ich gehe nicht davon ab, daß die Denk- und Gcsirmungsweise, die nach meiner Meinung allein die religiöse (Gottvertrauen und allgemeine Menschenliebe) genannt zu werden verdient, durch die Vereinigung aller Schüler zu einer Anstalt unter einem konfessionell gemischten Lehrerkollegium nicht gewinnen sollte. 4. Der politische, nationale Grund: Eine Nation wird nur durch Einheit und Einigkeit stark. Die gemeinsame Erziehung der Jugend beseitigt die Uneinigkeit, die Spannung, die Vorurteile, die Antipathien. Für Preußen und Deutschlannd ist das ein sehr wichtiger Grund. Mächtig nach Außen, wird man nicht durch Uneinigkeit und Zwietracht im Innern. 5. Der Grund der Konformität: Kürzer weiß ich ihn nicht zu bezeichnen. Er besagt: die Institutionen eines Staates sollen dem Wesen dieses Staates konform, mit ihm harmonisch sein. Nun besteht die Einwohnerschaft des Preußischen Staates wesentlich aus Christen und Juden, Katholiken und Protestanten, der Staat ist kein Kirchen-, kein christlich-protestantischer Staat, sondern ein paritätischer, dem unter den großen und schwierigen Aufgaben, die er zu lösen hat, auch die Pflicht obliegt, für Ordnung. Eintracht, Einheit und Einigkeit seiner Bürger, ergo auch für die Erziehung des künftigen Geschlechts zu diesen großen Bürgertugenden zu sorgen. — Der jüdische Lehrer-Verbandstag in Cassel 1904 erklärte: „Die allgemeine Staatsschule, an der Kinder aller religiösen Bekenntnisse von Lehrern ohne Unterschied der Religion unterrichtet werden, i st auch fürdiedeutschenLehrerjüdischenGlaubens die zu erstrebende Schulsorm." — % ©fe trif ft fettt eine deutsche Lehrer der» Tättttluttft in München 1906 stellte u. a. folgende Leitsätze auf: „Unter Simultanschulen find Bildungsanstalten zu verstehen, in denen Kinder aller Konfessionen gemeinsam unterrichtet werden, den Religionsunterricht jedoch nach Konfessionen getrennt erhalten. Die Zusammensetzung des Lehrkörpers an einer Simultanschule soll möglichst dem zahlenmäßigen Verhältnis der Konfessionen unter den Schulkindern enftprechen. In allen Orten mit konfessionell gemischter Bevölkerung bietet die Simultanschule wesentliche Pädagogische Vorteile, indem sie a) die Errichtung vollentwickelter Schulsysteme, b) eine bessere unterrichtliche Versorgung der Kinder der konfessionellen Minderheit selbst bei geringeren finanziellen Aufwendungen, . o) die Erfüllung berechtigter Forderungen der > - Schulhygiene durch den Besuch der nächstgelegenen Schule ermöglicht." — Was wir als wahr erkannt haben, was uns als e r * strebenswert erscheint» darf nicht in der Theorie verblassen. sondern wir müssen es mit aller Macht, mit der Glut unseres Herzens in die Tat umzusetzen suchen: Eins sein im Denken und im H a n d e l n, das ist sittlich. Kus dem Reich. Berlin. Die Zuständigkeit des KultusministermmS für jüdische Gemeindeangelegenheiten. Einem Antrag des Verbandes der Deutschen Juden entsprechend. sind in Preußen die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden nunmehr vom Ministerium des Innern auf das Ministerium für Wissenschaft. Kunst und Bolskbildung übertragen worden, sodaß auch bezüglich der Behörde, welche die Aufsicht über die Angelegenheiten der jüdischen Religionsgesellschaft führt, eine Gleichstellung mit den christlichen Religionsgesellschaften erzielt worden ist. Berlin. In der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Berlin N. 24, Artilleriestraße 14, werdenin den nächsten Wochen namhafte hebräische Schriftsteller aus ihren Werken oder über Problem des Judentums lesen Dienstag. 6. Dezember. Ch. N. Bialik. Dienstag, den 13. Dezember, Dr. S. Bern seid und Dienstag, den 20. Dezember. D. Irisch mann. Beginn der Vorträge abends 8 Uhr. Die Vorträge sind unentgeltlich und jedermann zugänglich. Elberfeld. Aktives und passives Wahlrecht der Gemeindebeamten. Die Beamten der hiesigen Synagogengemeinde besitzen das aktive und passive Wahlrecht und gehören den für ihre Aemter in Betracht kommenden Kommissionen als geborene Mitgliüwr mit Sitz und Stimme an. Der Rabbiner ist in allen Angelegenheiten des Kultus und Unterrichts sitz- und stimmberechtigtes Mitglied des Gemeindevorstandes. Köln. Auf eine Weigerung des Kölner Postdirektors, den jüdischen Telephonistinnen am Jom Kippur sreizugeben, sandle Gemeindcrabbiner Dr. Rosenthal eine Beschwerde an die Oberpostdirektion und bat um Abhilfe. Im Antworftchreiben der Oberpostdirektion vom 14. Oktober wird zunächst hingewiesen auf einen vorliegenden gleichartigen Antrag, auf den, wie der „I ü d i s ch e B o t a vom Rhei n" meldet, der Bescheid erteilt wurde: Bei der Eigenart des Post- und Telegraphendienstes stoße es auf Schwierigkeiten, die darin beschäftigten strenggläubigen Israeliten ohne Nachteil für den Dienst regelmäßig an ihren religiösen Feiertagen vom Dienste zu befreien. Es bleibe aber den Beamten und dem Aushilfspersonal unbenommen, sich durch Diensttausch auch für besondere Angelegenheiten eine Dienstbefreiung zu verschaffen. Die Amtsvorsteher seien angewiesen, derartigen Wünschen, soweit es der Dienstbetrieb nur irgendwie zulasse, in jeder Weise entgegenzukommen. „Aus Ihre Eingabe ist das Fernsprechamt nochmals angewiesen worden, in der Angelegenheit das weitmöglichste Entgegenkommen zu zeigen. Es wird noch bemerkt, daß eine Verfügung des Reichspostministeriums vorsieht, die vom Dienst befreiten Beamtinnen zum Ausgleich an Sonntagen oder zu anderer Zeit entsprechend mehr zum Dienst heranzuziehen." Hastara Tül'öSth. Mal. 1. 1-2. 7. Die Haftara enthält in den ersten Veften ein Fragment, das 'die Bestrafung Edoms vetki'mdet nnd dadurch zur Toravorlesnng paßt, welche am Anfang von der Geburt des Jakob und Esau (Edoms Stammvater) und am Ende von der Benachteiligung Esaüs im Segen Isaaks berichtet. — Vom 6. Verse an aber folgt eine große Strafrede an die jüdischen Priester des 2. Tempels, wegen ihrer Geringschätzung des Opferdienstes. Sie ist ein Kunstwerk: Die erste Hälfte zeftällt in zwei gleichgebaute Strophen (Strophe und Antistrophe), nüe ähnliche schon bei Jesaja und Amos Vorkommen und im griechischen Chor nachaeahmt worden sind: der zweite Teil hat vier gleichgroße Verse (den vierten fügen wir der Haftara hinzu): doch scheint ein Abschlußvers zu fehlen. Der Inhalt ist religionsgcschichtlich interessant: Die vorexilischen Propheten dringen ans Recht und Moral statt Opfer. Maleachi auf Gewissenhaftigkeit beim Opferdienst. In dem Widerspruch gegen die Priester als Vertreter der Tora kündigt sich zum ersten Mal leise der Kampf gegen die Sadduzäer an. Der Stil, ein häufiges Frage- und Antwortspiel, knüpft zwar an Reden wie Mi. 6 an. scheint aber gleichzeitig der Anfang talmudischer Dialektik zu sein. Für unsere eigene Religiosität wird das Stück von höchster Wichtigkeit, wenn tvir Priester nnd Opfer als Symbol für Israel und Kultus nehmen: Unsere oberflächliche Geringschätzung des Heiligen ist ebenso religiös verwerflich, unfern besten Traditionen widersprechend und in ihren Folgen gefährlich, wie es hier gesagt wird. — Der Name Maleachi ist vielleicht c;n Pseudonym: er bedeutet „mein Bote". Prophetisches Gotteswort an Israel durch Maleachi: .Ich liebe Euch", stricht Gott. Ihr denkt: „Wie liebst Tu uns?" Am Brndrr Esau hat Jakob. und ich lieb' Jakob und hasse Elan! Ich mack' seine Berge ode, sein Erbland zur Wüstenei. M» spricht es: ,Mr sind zwe- »erschlagen, doch baust wir die Trümmer noch wieder!". — So stricht der Herr der Scharen: „Sie mögen baust, -- ich reiß' ein! Frevelland sollst sie heißen und Volk des Gottesgrolls! Ihr seht's noch mit eigenen Augen und sprecht dann: „Gott ist groß Auch jenseits von Israels Grenzen!" Der Sohn ehrt den Vater, der Knecht seinen Herrn: Bin ich euer Vater, —- wo bleibt meine Ehrung? Bin ich euer Herr, — wo die Furcht vor mir? Ihre Priester, die meinen Namen schänden! — Ihr sprecht: „Wie schänden wir deinen Namen? Ihr bringt auf dem Altar ja Sudelbrot mir! Ihr sprecht: „Wie schätzen wir dich gering? Ihr sprecht ja: „Gleichgültig ist Gottes Tisch! Es schadet nichts. Blindes als Opfer zu bringen, Schadet nichts. Lahmes und Krankes zu bringen. Trag das einmal deinem Pascha hin, — Ob er dich dann gern hat, ob er dir's verzeiht! Flehi Gottes Antlitz doch so an, daß er uns gnädig sein kann! Wenn solches aus euer Hand kommt. — kann Gott eure Schuld vergeben? Ach. schlösse doch einer vor euch die Äiten, Daß ihr meinen Altar nicht unnütz in Brand setzt! Ich mag euch nicht mehr. so stricht der Herr Nrhm' Opfer von euch nicht gnädig mehr an! Bon Sonnenaufgang bis Untergang Ist unter den Völkern groß mein Name, Ucberall bringt man meinem Namen Reine Gaben und Opferrauch: V# Nur ihr entweiht ihn. indem ihr denkt- " «Der Tisch des Herrns ist doch einmal ♦ „Gleichgiltia ist seine Speise", so sprecht ihr: „Wozu die Sorgfalt?" so hustet ihr drauf! Ihr bringt Geraubtes als Gabe, — kann ich das in Gnaden an» nehmen? Ich bin doch ein großer König, und den Völkern ist furchtbar mein Name! So geht denn an euch, ihr Priester die Weisung: Wenn ihr nicht hört Und nehmt es euch nicht zu Herzen, meinem Namen Ehre zu geben. So hetz' ich auf euch den Fluch und verfluche selbst euren Segen, Laß kleiner den Priestersold werden und schleudre euch Schand' ins Gesicht! Wiflet: einst hob' ich an euch andre Weisung gesandt! Mit Levi sollte mein Bund lein. — so spricht der Herr der Scharen. Mein Bund war auch mit ihm. ich gab ihm Leben und Frieden: Denn er verehrte gehorsam voll heiliger Scheu meinen Namen. In seinem Munde war echte Tora, auf seinen Lippen kein falsch; In Frieden und Gradheit ging er mir nach und rettete sich vor Schuld. Denn Priesters Lippe soll Weisheit bewahren» bei ihm sucht man die Lehre, Ein Bote des Herrn der Scharen ist er! Ihr aber wichet vom Wege. laßt viele straucheln im Glauben. Den Levi-Bund habt ihr zerriflen, so sprich: der Herr der Scharen! So mach' auch ich euch verächtlich und stell' euch tief unters Voll! Weil ihr meine Wege nicht wahrtet und wider die Lehre euch . wandtet! v Fuchs.-

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