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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-12-02 · 50 (2.12.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
50 (2.12.1921)
Date
1921-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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"rTI-l ■ r*-' I Iüdischlibemle Zeitung Dir ^Südlfch-Nbrralr Zelwno" rrschelnt ledea Arrltag und koste» durch die Vost obre durch Me Stschaftsstestr dervaen. viertelMrltch Mk. «.— Einzelnummer «o Vf. Sadlungrn auf voMGeckkonto Lresiou 4S3S7.Südtsch- Uverale Leitung. ZtaNrnvekwoltuna. «.Lager. Breslau I RevaNloa und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Graupenstraße 7. l. ii mm rm iimimm im mm Annahmefchlutz für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlsttettung. Montag dis Freirag 12—1 vorm in der SelchSftSstelle. Annavmefchluv für Anzeigen: Dienstag früh Die 3 . em brette MtNtmeter»etie tostet So Dt.. FamilienonzelgenssVf. LeiWiederdviungErmäßigung iULarif Nr. so Breslau, den 2. Dezember 1921 1. Jahrgang von Knüeruot unü Knüerhüfe. Ms dieses Jahrhunderts FrLhrotsLern aufglühte, erfand eine edle Iran ihm einen wunderschönen Namern Das Jahrhundert des Kindes. Eine Welt von Hoffnungen, BerHeißunqen und Mahnungen war in diese Worte zusammengeprestt. Aber niemals sind Hoffnungen schlimmer betrogen, niemals Berheistunaen ärger verhöhnt, niemals Mahnungen stärker in den Wind geschlagen worden als diese. Im „Jahrhundert des Kindes" zertrampelte rohe Gewalt alle Blüten edler Menschlichkeit, ging ein Morden und Senaen ohnegleichen über die entweihte Eide, wurden Menschenhai und Raffaier die Wegweiser in eine trübe Zukunft des Menschengeschlechts. Und in all diesem Jammer wachsen Kirrer auf: die einen freilich noch wohlbewahrt in der sorgenden Hut eines sicheren Heims, die anderen aber — und ihrer sind ach! so viele — mit schlechtgenährten. kränkelnden Körpern, mit Augen, vor denen sich alle Niedrigkeiten des Lebens allzufrüh entschleiern, mit Seelen, die nach Liebe dürsten und anstatt ihrer nur mit stumpfer Gleichgültigkeit unb oft gar mit Hast getränkt werden. Iür das jüdische Kind aber hat diese Zeit wie viele andere vor ihr noch ein Sondermartyrium in Bereitschaft. Es fühlt sich, schon da es die ersten selbständigen Schritte hinaus m die Welt tut, umaeben von einem dumvfen Widerwillen, so einer Feindseligkeit, deren Ursachen es nicht ergründen, deren Wesen es nicht enträtseln kann, und deren beängstigende Nähe ihm doch seine jungen Tage vergällt. Aber wenn sie von der Straste oder aus der Schule heimkommen, unsere Kleinen, und uns betrübt und verängstigt von den Lieblosigkeiten erzähle^ denen sie brausten zum Ziele grient, dann fahren wir ihnen mit sanft streichelnder Hand über die Köpfchen, dann nehmen wir sie fest in die Arme und küssen ihnen den Harm von der Seele weg. dgnn sprechen wir ihnen von der Gröste und Erbabenbeft unseres Glaubens und unserer Geschichte, uitb im Aufleuchten ihrer Augen versinkt schließlich Erinnerung, Angst und Grauen. Aber da sind Kinder, die suchen. wenn sie verzagt nach Hause kommen, ihr Heim leer, weil Vater und Mutter in der harten Iran des Tages für des Lebens Notdurft sorgen müssen. Und da sind Kinder, .denen starben Vater und Mutter. Und da sind Kinder — nicht in unserem Deutschland, aber nicht aar so weit von uns —. denen haben entmenschte Horden Vater urch Mutter bingemoidet bingeschlachtet, aus keinem anderen Grmrde. als weil sie Juden waren! Wer hilft all diesen Armen und Aermsten? Wer nährt die Hungernden und gibt den Verängstigten das Brot der Seele, nach dem Kinderherzen so sehnend verlangen: ein wenig Liebe'? Solcher Frage durften wir Juden bisher noch immer eine stolze Antwort finden. Nirgends wurde mit volleren Herzen und reicheren Händen für verwaiste und gefährdete Kinder gesorgt als bei uns. Das lieat im jüdischen Glauben, der solche Pflicht fast über alle anderen stellt, und im jüdischen Herzen, das sich keiner Not verschliestt, begründet. Jetzt aber, in unseren Tagen, scheint es fast, als sollten wir mit so vielem anderen, was wir einäebüstt. auch diesen unseren Stolz und unser köstlichstes Erbaut hingeben müssen. Mit dem Baterlande, dessen Währung in der Welt kaum noch etwas qilt. sind auch unsere jüdisch-sozialen Anstalten verarmt. Wachsender Not stehen sie mit schwin denden Mitteln gegenüber, und näher und näher rücken die furchtbaren Taae. da hier ein jüdisches Waisenhaus, dort eine Anstalt für taubstumme jüdische Kinder. da ein Menschheit — helft alle. alle. alle, unter Aufgebot alles Könnens und aller Kraft. Ihr helft ja nicht allein den Aermsten der Armen. Ihr helft auch uns allen mtb Euch selbst und bringt einen frohen Schimmer in unserer Tage Düsternis. Denn es liegt ein rechter Trost und eine für uns Juden doppelt wertvolle Wahrheit in dem Worte, das ein edler deutscher Dichter in diesen Jahren niedergeschrieben: „Und ob auch Hast und Hetze sprüh'n Die feindlichen Gewalten, So lange Blumen und Kinder blühen. So,lange ist's auszuhalten." Erich Spitz. Mim frofcflfoc De. BaoiD fjojfmann. Kinderhort seine Pforten wird schliesten. seine Zöglinge ins Ungewisse wird hinausschicken müssen, da wir auch darauf werden verzichten müsien, armen, blaffen, kränkelnden Groststadtkindern ein paar glückselige Ferienwochen in den Bergen, an der See oder auf dem Lande zu bereiten. Aber da gellt noch einmal in die jüdische Welt hinaus der Schrei: Soll das aeschehen? Darf das geschehen? Die Zentral-Wohlfahrtsstelle der deutschen Iichen. in deren Hand sich mehr und mehr alle jüdische Hilfsarbeit vereinigt, ist es, die uns diese Fragen stellt. Diese fragen, auf die es nur eine Antwort geben darf:?iein und tausendmal nein! In den nächsten Tagen uich Wochen werden wir hier in Breslau dies unser „Nein" mit der Tat zu bekräftigen haben. Niemand darf, niemand will da sicherlich fehlen. Ihr Eltern, die Ihr das unnennbare Glück habt, Euren Lieblingen Me fröhliche, sonnenhelle Kindheit be reiten zu dürfen, Ihr Kinderlosen, die Ihr. wenn Ihr nur wollt, es nicht länger zu sein braucht. Ihr jungen Menschen, die Ihr tief durckqlüht seid von dem Gefühl der Verantwortung für die Zukunft des Judentums und der Mit Profeffor Dr. Hoffmann, der am 22. November zu Grabe getragen wurde, ging der 2. Rektor des Berliner Rabbinerseminars in die Ewigkeit ein. Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer in Frankfurt a. M. wurde der damals 30jährige Gelehrte, der sich schon in seiner ungarischen Heimat du'-ch ungewöhnliche Geistesgaben ausgezeichnet hatte, von Israel Hildesheimer an das von ihm begründete Seminar berufen. Hoffmann gehörte zu jenen seltenen Männern, die bei aller religiösen Strenge für sich doch Duldsamkeit für andere und Verständnis für Auffassungen empfinden, die von den ihrigen abweichen. Wer das Glück hatte, zu seinen Füsten sitzen zu dürfen, wird die vielen köstlichen Stunden, in denen er aus der Fülle scin-s Geistes zu geben verstand, nimmermebr vergessen. Er war kein Monn der Rede, ft in Mann, der ans die Form besonderes Gewicht gelegt hätte, aber dieser Mangel — wenn er bei ihm überhaupt als solcher hätte empfunden werden können — wurde tausendfach aus^lichen durch den Grift, der bei ollen Gelegenheiten seinen Worten entströmte. Wie gern lauschten wir den Reden bei den Semestereröffnnnaen. in betmr und W-ltw<üssiett in glücklicher Vermählung zu künden wustte und feine Worte stets in väterliche Ermahnungen an uns junge Menschen ausklingen liest. In seinen Vorlesungen, die eine Fundgrube des Wiffens genannt werden können, bewunderten wir zugleich auch seine Gewissenhaftigkeit und seine Pünktlichkeit. Besonders feffelnd waren seine Pentateuch-Vorlesungen, die das Ergebnis lanmahriaer aewissenbafter und mühsame^ Studien gewesen sind. Seine Stellung zur Bibelkritik ist bekannt, und auch der Ctandvunkt des Rabbinerseminars ist naturgemäß ablebnend. aber diese Stellunanabme der von ibm geleiteten Anttglt. uo->-gnlgstte ckn viell-ick-t gerade um deswillen, keine Neuerscheinung auf dem Gebiete der Bibelkritik sich entgehen zu lassen. Er nabm die wiffenschaftliche Fehde mit Männern wie Wellhausen und Delitzsch auk. urw si«> allbatten Hock'gchttmg vor diesem Manne mit der starken Neberreuaunastreue. In die Oeffentlickkeit trat er nicht. Sein Studierzimmer war seine Welt. Dort aber liefen die Jaden des konservativen Judentums zusammen. Dort bearbeitete er die zahllosen Anfragen, die nicht nur seine Schüler, sondern auch anerkannte Grösten aus aller Herren Länder an ihn gerichtet batten, und seine Entscheidung aalt dann als Holacha. Den vielen Reden, die an seiner Bahre aebalten wurden, war desball» auch der e i n e Gedanke gemeinsam, dast ein Mann wie Hoffmann in des Wortes wahrster und tiefster Bedeutung für das Rabbinerseminar und das deutsche Judentum unersetzlich sei. Der groste Gelehrte, der scheinbar nur seine Wissen schaff kannte, war dabei ein so prachtvoller Mensch, der die Reinheit eines kindlichen Gemütes sich das ganze Leben hindurch zu bewahren verstanden hatte. Das konnte aller dinas nur der richtig beurteilen, der ihn in seiner Familie zu beobachten Gelegenheit hatte, der seine rührende und perehrunqsvolle Liebe zu feiner Gattin und zu seinen Kindern wahrnabm. Ein Freitag Abend bei Hoffmann oder auch nur die kurzen Minuten der Habdala waren Grnüffe. die sich in die Seele einvraaten. Die SchicksalSschläae. die durch den frühen Tod zweier Kinder ibn getroffen hatten, konnten den frommen, gottergebenen Mann nur für Momente erschüttern, dann kam wieder seine aanre Seelenkroft über ibn und machte ihn von neuem stark zu neuem Schaffen. Seine letzte groste Freude war Wohl die. seinen Sohn, den einzigen, der den Rabbinerberuf ergrillen hatte, in unserer arosten. blühenden Gemeinde in seinem Sinne wirken zu sehen. Seine Bestattung auf ^em Friedbose der Gemeinde Adast Iisroel gestaltete sich natürlich zu einer imposanten Kundgebung des deutschen konservativen Judentums, aber auch viele Kreise der liberalen Richtung lieben eS sich nicht nehmen, dem arosten Gelehrten, dem duldft^-n Juden und dem edlen Menschen das Geleit zur letzten Ruhestätte zu geben. So wvae er, der am bentigen 1. KiSlew sein 78. Lebensjahr vollendet batte, denn anSruben von dem auch für ihn oft barten Kampfe des Lebens: sein Wi*7en wird unvergestlich sein, so wie seine zahlreichen Werke für immerdar beredtes Zeugnis oblegen werden fitr sein etliche- Bemühen den Kampf der Meinungen in unserem Iud«»ntum zu glätten und. wenn es hätte sein können, ru überbrücken. Rabbiner Dr. Sänger. MW-ltbllM WMvmlil r« Mau. Montag, den 5. Dezember 1921, abends 81/4 Uhr, im Saale der Gesellschaft »Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anaer) Dortrag des Herrn Alfred Bielschowsky, Vorsitzender des liberalen Vereins der Synagoge'»Gemeinde Breslau; Gemeindepolitik und Gemeindeverwaltung Anschließend freie Aussprache. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Weiter- BeeeinS-Aachrichten stehe letzte Seite. das althebräische Neligioasbvch als neuestes Waffenlager öes Antisemitismus. Don Geheimrat Cd. König ra Bonn. I lFortketzimg.) Die Zähigkeit des menschlichen GedackrniffeS der chriftlosen Zeit und die ebenerwähnten Aufzeichnungen wurden aber in der Bewahrung der Crlebniffe drittenS durch die Anhaltspunkte der Erinnerung unterstützt, die sich die Hebräer von alterSher geschaffen haben. Solche Stützen des Gedächtnisses waren ja schon die Altäre, die gebaut, die Brunnen, die gegraben, die langlebiaen Bäume, die aevflanzt. das Erbbegräbnis, das erworben wurde (1. Mos. 12, 7: 21. 25 83: 23. 1 ff. usw.). Aber solche Stützen der Erinnerung war auch die Säule, die Jakob aufstellte (28. 17 ff.), der „Steinhaufen des Zeuaniffcs" (31. 47). die Sitte, die P"llabtradition fortzupflanzen (2. Mos. 13, 14—16). Judebrauche ich mit dieser Ausräblung nickt fortrufabren. Denn wenn man einmal auf diese und obnffcke Reihen aufmerksam geworden ist. findet man selbst ibre Vervollständigung. Ucbrmens sind diese . positiven Glaubwürdigkeitsfvuren". wie sie von mir aenonnt worden sind, fast vollständig in „Die Genesis usw." (1919), 8^—86 gesammelt. &te mündlich aepfleaten Erinnerungen, die Aufzeichnungen usw. waren aber nun viertens sozusagen die Brunnenstoben für die Quellenschriften und Q u e l l e n ma t e r i a l i e n. die in den Gekckickt»b-"'ck-'n, zitiert sind, und zwar direkt (4. Mos. 21. 14 und Jos. 10, 13 usw.) oder noch öfter indirekt. Denn wenn z. B. die Poetisch geformten Svrüche Noahs erwabi.t sind (1. Mos. 9, 25—27), die nach Ausweis der indischen, arabischen, griechischen Literatur schon als dichterische Produkte das Präjudiz der Altertümlichkeit für sich haben, so ist selbstverständlich gemeint, dast der Berfaffer des GesckichtSberickts diese poetischen Heilen voraefunden und in keinen Bericht eingeschaltet bat. Als ebenknscke Zitate sind natürlich auch das Zehnaebot (2. Mos. 20. 2—17). das Bimdesbuch (24. 7). der aaroniffscke Seaen k4. Mos. 6. 24—26) usw. gemeint. Auch diese vielen Quellen Materialien, welche in die uns seht vorliegende G"kch'cktserräblnna wie alte Felsblöcke eingemauert sind, bilden Grundlagen ihrer Zuverlässigkeit. Alle diese vier Punkte, die zugunsten der Vertrauenswürdigkeit der Geschichtsbücher Israels über leine älteste Zeit sprechen, sind von den ietzt verbreitetsten Werken über diese Zeit unbeachtet aelaffen worden. Deren Berfaffer (Wellhausen Stade. Gutbe usw.) hoben ihre Aufmerksam* keit umsomehr der Zerspaltung der altbebräischen Geschichtsbücher gewidmet. Nun gibt es allerdings auch nach meiner Ueberzeuaung sichere Anreichen davon, daß die Bücher Moses aus zusammenhängenden Quellenströmen zusammengcleitct worden sind. Denn um einen einzigen Beweis zu neben, so wechselt der Ausdriu* in 1. Mos. 1. 1—2, 3 mit „Iabwe Gott" in 2. 4b ff. Lästt dieser Wechsel sich so erklären, dast der Ausdruck „Gott" in den weltg-'kckicktlicken. aber ..Iabwe" in den beilsgeschichtlichen Abschnitten oewäblt worden wäre? 1

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