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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-11-25 · 49 (25.11.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
49 (25.11.1921)
Date
1921-11-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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für Ke Innere Mission oetvmnen. ftjmtt sie auf die Kinder wirken. Neben der Aufklärung muß die Abschreckung stehen. Wir müssen in Flugschriften;e?aen. welche Folgen das Verhalten einzelner indischer Kreise für d'e Gesamtheit hat. Wir müssen den ganzen Menschen erneuern, jüdische Persönlichkeiten schaffen. Unser Judentum darf nicht nur ein Trntzjndentnm sein. Unser Judentum darf nicht nur neaativ sein. Heute vollzieht sich die Wiedergeburt des Judentums. Wir muffen ein Geschlecht in das Leben hiueinstellen. das den kütegor'scheu Imperativ des Judentums wieder anerkennt.. (Stürmischer Beifall.) I u st izra t Tr. Brodnitz teilt mit. daß er soeben die Nachricht vom Ableben des Herrn Professor Dr. D.'vid Hoffmann erhalten habt. Er w'dmet ihm. dem ersten indischen Talmndisten Deutschlands, einen Wannen Nachruf, den die Versammlung stehend mit anhört. Iustizrat D r. A u e r b a ch - F r a n k f n r t a. M. uub Geheimer I u st izrat Tr. Eugen Fuchs vertreten den Standpunkt, daß die ..Innere Mission" nicht zum Aufgabcukomplex des Zentraloereins aehören. Das positive Programm des Zentral- Vereins heiße: Gltichberechtignna. Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. Bei der Wahl der B o r st a n d s m i 1 g l i c d e r kommt es zu lebhaften Auseinandersetzungen. Nach langen Erörterungen wird der Vorschlag des Htuptvorstandes angenommen. 2. Verhandlungstag. Iustizrat Dr. Brodnitz teilt mit, daß sich der Vorstand konstituiert habe. Vorsitzender: Iustizrat Dr. Brodnitz. stellvertretender Vorsitzende: Tr. Paul Nathan. Banker Ernst Wallach. Iust'zrit Tr. Sonnenfeld. Geschäftsführendcs Vorstandsmitglied: Syndikus Dr. Holländer. Nach Satznnasänderun.'en technischer Art folgt der Punkt der Tagesordnung: „Mittel und Wege zur Entgiftung unserer Bevölkerung von Haß und Vorurteil gegen die Juden". Als Erster referiert hierzu Professor Dr. Julius G o l d st e i n - D a r m st a d t: Die Literatur des Zentralvereins muß stärker z'rkulieren und vergrößert werden. Insbesondere muß cm apologetisches Grundbuch geschaffen werden. Ein Gesamtwerk der antisemiüschen Vortvürfc und ihrer Widerlegung ist notwendig. Eilt Buch der Leistungen der Juden im 19. Jahrhundert, das auf einem wisseuschaftlicheil. ethisch hochstehenden Niveau steht, fehlt ebenfalls noch, desgleichen ein Buch über jüdisches Mäzenatentum. Wir benötigen ferner eine Zeitschrift, die Tagcsfragen fub specie etcrei belrachtet und die führenden jüdischen und judemreundlichen Literaten zu ihren Mitarbeitern zählt. Die öffentlichen Bibliotheken, besonders die Gewerkschaftsbibliotheken, müssen weit stärker als bisher vom Zentralverein mit Literatur versorgt werden. Die Buchhandlungen müssen ebenfalls für die in unserem Sinne erschienenen Bücher gewonnen werden, gleichfalls die Bahnhofsbuchhandlungen. Wir dürfen u cht Inzucht treiben. Wir müssen versuchen, mit denen Fühlung zu bekommen, die man als libre croyant bezeichnen kann. Wir müsien die bibelverehrenden Christen für uns gewinnen. Das wird uns gelingen, wenn wir d'e Religion mehr in den Vordergrund stellen als bisher. Wir müssen uns mit denen zu gemeinsamem Abwehrkampf verbinden, die den Antisemitismus ans ethischen Motiven ablehiren. Wir müssen das Gefühl in uns stärken, daß wir nicht nur als Juden kämpfen, sondern auch als Menschen, die Menschenrecht qegell Unrecht verteidigen. (Stürmischer Beifall.) Gem.-Rabb. Tr. Goldmann-Leipzig: Unser Abwehrlampf muß mit Energie und Takt geführt werden. Demonstr.tionen haben nur dann Wert, wenn wir zur Durchführung unserer Forderungen auch die Macht besitzen. Wir vlüssen d'e Psyche unserer Gegner berücksichtigen. Unsere Parole muß lauten: Fortstcr in re, suaviter in modo. An die Referate schließt sich eine längere Debatte an. Nach der Mittagspause findet eine lebhafte Aussprache über den „Verband der nationaldeutschen Juden" statt. Dr. Caro-Berlin begründet e'ne Resolution, die folaendey'W-ülaut-'hat. » -'ui!- _ .ZTte"Näumannsiche' Bewegung ist überflüssig, weis das' narionaldeutsche Ideal im Zentralvere'n jetzt unzweideutig vertreten wird. Der Zentrolverein lehnt das Zusammengehen m-1 Zionisten und insbesondere Nationaljuden als unvereinbar mit tz 1 seiner Satzungen ab (abgesehen von Fragen körperlicher Abwehr)." (Starker Widerspruch.) Dr. Foerder-Breslau vertritt den Standpunkt, daß man die Zionisten und Naumannianer sich selbst überlassen solle, dann werden erster.- dar Vergessenheit, letztere der Lächerlichkeit anhcimzallen. Zum Thema , I n n e r j ü d: s ch e Fragen" referiert Herr Rechtsanwalt Dr. Kurt A le xan d e r - Cre f e l d. Er führt aus: Palästina ist für den Zentralverein ein heiliges Problem, abcr nur ein religiöses und nicht ein nationales. Solange in Deutschland Iudennot besteht, kann man vom Zentralocre'n nicht crwanen. d'ß er sein Geld nach Palästina sendet. .Den Ostjuden Hilfe zu leisten, ist für den Zentralvcrein eine jüdische und eine deutsche Pflicht, darüber hinaus eine menschliche Pflicht. Redner bespricht dann die Iugendfrage. insbesondere die St:lstmg des Zerrtralvercins zum neutralen Verband jüdischer Ingendvereine im Anschluß an den diesbezüalichen Beschluß des Hauptvorstandes des Zentralvercins vom 10. Apr'l 192k. Redner wünscht einen Beschluß, durch den eine Entspannung der B Ziehungen beider Verbände erreicht wird. Zur Bewegung des Herrn Tr. Ammann führt er ans: Der Zentralverein stehe auf zwei Füßen, dem Deutschtum und dem Judentum. Naumann habe den jüdischen fortaenonunen. ohne de,: deutschen zu verstärken. Er büpricht einzelne Sätze ans der neuesten Schrift Tr. Naumanns: ..Von, mosaischen und nicht mosaischen Juden", ans denen hcrvoraehl. daß für Tr. Naumann els Zugehörigkeit zum Judentum nur die Stamincseigenschaft maßgebend ist, daß toYte Weliafat ^rW ^ngiftt gcfaiftfnB stellen könne, sei selbsteme Resolution der Zentralverein nicht ans diesen Standpunkt verständlich Tr.. Krombach-Essen begründet Ortsgruppe Essen mit folgendem Wortlaut: ..Die Hauptversammluna 1921 hält es für dringend geboten. daß der wirtschaftlichen Not der jüdischen Beamten mit allen Mitteln gesteuert wird. Es besteht andernfalls die Gefahr, daß uns insbesondere in den kleinen Gemeinden die bewährten unentbehrlichen Träger unserer Abwehrarbest verloren gehen." Ferner begründet er die Resolution: „Die Hauptversammlung 1921 stimmt der in der Hauptvorstandssitzuntz vom 6. 11. 1921 vom gesamten Vorstand vertretenen Auffassung bei. daß in der Palästinasrage es jedem Mitglied, anch jedem Vorstandsmitglied als Einzelperson f eisieht. unter Stafmmg des deutschpalerländischen Standpunktes nach freiem Ermessen seine Stellung einzunedmen und zu vertreten. Hinsichtlich der Stellung zum Verband« der jüdischen Jugendvereln« (neutraler Iugendverband) ist der Beschluß des Vorstandes vom April 1921 vielfach so anfgefaßt worden, als ob der Zentralverein in eine Kampfstellung gegen diesen Verband «intreten wolle. Diese Absicht hat nicht bestanden und besteht nicht. Der Zentralverein wird vielmehr nach wie vor den Verband und seine Vereine durch Rat und Tat unterstützen, so strn ste sich im Sinne wahrer Neniralität betätig«,,. Ortsgruppe Essen: Tr. Krombach. Dr. Hahn. Dr. Reis- Eresebd, Moritz Levy-Erefeld, Tr. Aleranve Ersfeld. Rnlf-Detmold, Dr. Kronbeim-Bielefeld, Rabbiner Dr. Roscnthal-Eöln, Dr. Dcvoid-Hagen, Lceivenstein Aachen. Dr. Veis-Andernach, Iacobi-Eöln. Dr. Eschelbacher- Düsscldorf, Ionas-M.'Gladbach, Rosenthal-Hörde. S. Stern-Stecle, Rabbiner Dr. GaNiner-Gelsenkirchcn, Rabbiner Dr. Neumark-DuiFburg. Rabbiner D r. Karlter-Danzig, Dr. LeaY-Polzln, Dr. Regensbnrger-Braunschweig, Dr. Walter-Dessau, Dr. Kantorowitz-ReukAln, Dr. Kebr-Kaiserslanlern, Stein Berlin, Rabbiner Robek-Schneidemühl. Dr. Sander-Zerbst, Sieg frked Weinberg, Dr. Kablb^rg-Halle. Stern-Kattowitz. Dr. Dienemann Offenbach, Pollack-Seesen, Dr. Leo Löwenstein-Berltn, Rabbiner Dr. Wohlbcrg' Berlin, RollmanN-Bonn. * Beschlüsse des tzauptvorstandcs vom 10. April 1921. 1. P a l S st t n a. Wäre die Besiedlung von Palästina nichts weiter wie ein großes soziales Hilfswerk, so war« vom Standpunkt des Zentralvereins aus gegen die Förderung dieses Werkes nichts zu sagen. Die Besiedlung von Palästina ist aber in erster Linie das Ziel der national indischen Politik, ihre Förderung und Unterstützung daher avzulehnen. Solange die sozialen und geistigen Einrichtungen des deutschen Volkes nnd die religiösen nnd kultnrellm Bedürfnisse des deutschen Judentums bitterste Rot leiden, solange zahlreiche heimatlos ge wordene Inden unser: dringende nnd augenblickliche Hilfe brcnrchen, bat indischer Gemeinschaftsgeist nnd Wohltätigkeitssinn i'chcrrciche Gelegenheit und Pflicht zu fruchtbarer Arbeit. Ferner gelangte folgende These zur Annahme: Der politische.'nattonalstidische Zionismus, der für die deutschen Inden Palästina als ihr wahres Vaterland hinslcllen will, steht in unüberbrückbarem Gegeniatz zuin Zentralvereirr. Anch eine Fördenrng eines reNgtösen tu»b Humanitären Zionismus gestört', gleichviel wie er innerlich zu bewerten .ist. s tichst zu" deü Ansgaben des "dessen Mast jM Me vor ai'lf die ^entschlrdene "Vrr^ teidigung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Inden in unserem de,tischen Vaterland und der energischen Bekämpfung des Antisemitismus konzeniriet werden nrnst. 2. Jugendbewegung. Solange d.r Zemralrecein nicht eigene Irnzendprnppen gründet, wird er die best wenden Iugendsrganisäkiomn mit Rat nnd Tat nnterttützen, wenn und soliveit ihre Wirksam feit mit den Grundsätzen des Zentralvereins, d. h. selbstbewußtes Judentum mit dem Bekenntnis der Zngchörlgkeit ocr deutschen Inden zum deutschen Volk im Einklang steht. Die dazu eriorecrUchen Mittel werden alliährlich bcre!tgefi:llt. 3. N a n m a n n. Der Zen'ral^erein warnt di« deutschen In.den vor da'.n Beitritt zu der Namnannschen Gründung. Die ist gefährlich und geeignet, Verivirrnug nach innen und außen zu stiften: sie ist üi'erilüsst»il. weil das deutsche Ideal seit reher nnzweidentig im Zen ralverein vertrc-en worden ist. In einer weite,«n Rcsolntion Wird zur Jugend,rage in fo!eend-r Fassvnz Stellung genommen: „Gegen den Zentralverein 'st au? Anlaß der April- Resolution in der Frag« der Mi-cken Ingend'cerelne der Vv'wurf crhobcn worden, er wolle in eine Kamps stellnng gegen di scn Verband «intreien. Die heutige Hauptversammlntta weist diesen Vvrwnri als den» Wort laut und Inhalt d:r Resolution nicht entsprechend mit Entschiedenheit zniück." Die Resolntion ist nnt r eichn«: von Pros. Kobnrger- Lu-dwigshasen a. 9'i?., Tr. Baron München, Dr. Iarob- Tortmund. tzu,ig«k^werden Ws lntlonen in der Iuyendfrag« wegen der vorgeschrittenen znrnckaezogen. D'e Resolmion der Ortsgruppe Esse« in der der Besoldung der jüdischen Beamien wird einstimmig' genommen. Der Antrag Dr. Earo belr. „B.rband nationaldeutsch« Inden" wird gegen eine verschwindende Minderheit do» wt fünf Stimmen gbgelclmt. Hierans schließt Iüsiizrat Dr. Brodnitz mit DemkeS« wor'en an die Delegierien die Versammlung. fius üem Reich. Prüfung der wirtschaftlichen Verhaltniffe der jüdischen Beamten. Ter Tentsch-Israefitische Gemeindebund veranstaltet zurzeit bei sämtlichen Bundesgemeinden eine umfasterch« Enquete, die die wir-tschaftlichen Berhältnisse der jüdischen! Beamten ((cnitcfFcn und gleichzeitig eme Uebersicht dar» über schaffen soll, in welchem Ausmaße eine Austefferung derselben durch Bundesmittel erfolgen kann. Es ist drin« gend zu wünschen, daß die Beantwortung der noch aus-s stehenden Fragebogen mit möglichster Beschleunigung ev^ folgt, damit der Fortgang dieser so ungemein wichttge« Arbeiten keinen Auft'chnb erleidet. Berlin. Iosephine Lrvy-Rathrnau gestorben. Die Frauenbewegrmg hat einen großen Verlust erlitten^ Iosephine Ledp-RatHenau ist, noch nicht 45 Jahre alt,, gestorben, nachdem sie noch abends zuvor mit der an khv gelvohriten Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue Amts-z geschafte als Stadtrat des Bezirks Tiergarten erledigt hattL. Ans einem inneren Drange heraus hatte sich Iosephine Rathenau in jungen Jahren den von Dr. Alice Salomott. gegründeten sozialen Franengruppen angeschlossen und war von da aus Mitarbeiterin des unvergeßlichen Stadt-- rats Münsterbcrg geworden, dessen Lebensarbeit in dev Ausgestaltung der Armenpflege bestanden Hot. Ihr kommt das Verdienst zu. frühzeitig die soziale Entwickelung voransgcsehen zn haben, die zu der fast allgemeinen Berufstätigkeit der Frau geführt hat, und aus dieser Er-» kenntnis heraus die Berufsberatung der Frau als not>< wendig erkannt und eingeführt zu haben. Das Beispiels das sie mit ihrer Gründung der Berufsberatungsstellert für Frauen gegeben hat, hat erst dazu geführt, daß lange Zeit später auch die organisierte männliche Berufsberatungj eingesetzt hat. Mit Gertrud Bäumer gründete sie den Nationalen Frarwndienst und hat ihn in Berlin während des Krieges geleitet, llnter der letzten bürgerlichen Stadt- Verwaltung in Berlin war sie ettna dreiviertel Jahre Mitglied des Magistrats und hatte in dieser Eigenschaft das Dezernat für das Berussamt, das wiederum das Beispiel gegeben hat für die Ausgestaltung der Berufsberatung durch das Reich, das Dezernat für die Hospitäler und für das Statistische Amt. In allen Deputationen, in bene« sie den Vorsitz geführt hat, rühmte man ihre strenge Sachlichkeit. ihr klares Erfassen des Wesentlichen und ihre« Eifer. Verbesserungen herbeiznführen. Nach der Bildung der neuen Stadlgemeinde wurde sie Stadtrat im BeziÄ Tiergarten. Sie war Milbegründerin und lange Zeit Bors sitzende des Frauenklubs von 1900, war im Vorstände des Bundes Deutscher Frauenvereine und Ausschußmitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Für das große Handbuch der deutschen Frauenbewegung hat sie den! fünften Band „Tie deutsche Frau im Beruf" bearbettet^ Iosephine Rathenau war eine Nichte des Begründers und langjährigen Leiters der A. E. G. und in glücklicher Ehe verheiratet mit dem Ingenieur und Industriellen Dr. Max Levy. der auch lange Jahre hindurch der Berliner Stadtverordnetenversammlung angehörte. — Im Trauerhause in der Brückenallee fand die Trauerfeier für die verstorbene Stadträtin statt. Mit ihr geht eine Führerin der Frauen! dahin, die weit über Berlin hinaus sich unter den deutschen Frauen durch ihr vorbildliches Wirken für die Bildung und Berufsberatung der Frauen ein bleibendes ^Denkmal gesetzt hat. Die Verstorbene war eine Kusine des Reichs^ nlinisters a. D. Walter Rathenau. Bei der Trauerfeier gedachte Rabbiner Dr. Weiße der Verstorbenen. Bezirksbürgermeister Doflein erinnerte an das Wirken der Verstorbenen für die Stadt. Stadtveroibneter Martin ge-< dachte ihrer als Vorstandsmitglied der Demokratischen Partei und Ministerialrat Dr. Gertrud Bäumer schilderte Melancholische Kahrt. Tagbuchauszeichnungen von einer Reise nach Prag im Sommer 1921. Von Dr. Ludwig D a v i d s o h n. (Fortsetzung.) lsii Zwei achteckige Pfeiler stützen die Decke, an -eren Gewölbe die bei der schlvcdischen Belagening, 1648. von teil Juden benutzte große Fahne befestigt ist. cm Geschenk Kaiser Ferdinands IH. Drinnen, in dem überaus altertümlichen und düsteren Raume, muß sich das Auge erst ein wenig an die Dunkelheit gewöhnen. Dann wird man von dem unbeschreiblichen Zauber und der historischen Stimmung des einzigartigen Gotteshauses übertvältigi! Etwas buntes Licht bricht durch bleigefaßte, brüchige Butzenscheiben, es spielt auf den herrlichen, messinggetriebenen Ampeln, die über der Kanzel hängen. Synagogenschmuck aus längst versunkener Zeit steht umher. ein siebenarmiger Leuchter, den ein Goldschmied, namens Mosche, 1420 schmiedete, schmückt die Enipore: an der Wand in einer Glasvitrine stehen Gebetbücher, die kurz nach Erfindung der Buchdruckerkunst hergestellt wurden! In kaum lesbaren Lettern entziffert man am Hauptpfeiler das eingeschmttene Schnia Iisroel, das unsere Ahnen als den wichtigsten Teil des jüdffchen Glaubensbekenntniffes betrachtete!^ Alles atmet die Andacht nnd Weihe einer Bevölkerung, die — unendlich viel Trübsal und Leid erduldend — wohl religiöser gestimmt war als manche heutige Gemeinde! — Mit Befriedigung hörte ich von dem führenden Synagogendiener, daß dieser beinahe ein Jahrtausend alte Tempel zu den Kunststätten gehört, die auch voni tschechischen Staate geschützt und konserviert werden. Eine eigene Schöpfung der Prager jüdischen Gemeinde dagegen, von dieser errichtet und erhalten, ist das ganz in der Nähe, in der ehemaligen Iosefstädtcr Gaffe befindliche Museum für ffidische Reliquien und Antiquitäten. Das Museum enthält Erinnerungen an das frühere Ghetto seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts: wertvolle Urkunden (Apothekenprivileg Josefs II. für den Juden Iaiteles n. a.), Iudenpatente. Pamphlete, Pläne und Bilder der Indenstadt. alte Thorarvllen, riMelle Kunstgegenstände, Bilder und Innungszeichen (silberner Schlüssel als Fahnenständer der Fleischerzunft) ». v. a. Am meisten interessierte mich die Sammlung alter Rabbinerportraits, unter denen ich sogar einen entfernten Verwandten meines Urgroßvaters mütterlicherseits entdeckte. Auch die Sammlung von öffentlichen antisemitischen Maneranschläqen war ungemein fesseliÄ: manche atmeten in ihrer verbohrten Engstirnigkeit einen seltsamen, unfreiwilligen Hnmor. Der judenfeindliche Aufruf wider die Emanzipation war sehr komisch! Die Schmähschrift gegen die jüdischen Journalisten erinnerte stark an die ulkig anmutenden Tiraden des Proseffor Bartels. Bedauerlich war nur, daß der Museumskatalog nicht käuflich zu erwerben war. Im israelitischen Gemeindehaus in der fjidovaska rodnice herrscht reges Leben. Man hat dort an hmrdert Progromen entronnene jüdische Flüchtlingsfamilien aus Bessarabien. die nach Amerika Weiterreisen wollen, untergebracht. Aller Jahrtausende alter Gram und alle Heimsnchnngen. an die man denkt, wenn man das Wort „Jude" gebraucht, wurden in mir lebendig, als ich die bedauemstverten Glaubensgenossen erblickte. Da liegen die Aermsteu. die nur das nackte Leben gerettet haben, auf Matratzen nnd Strohsäckcn, in von milder Hand geschenkte Decken gehüllt, und warten ans Nachrichten und Ergebnisse von Verhandlungen, die mit der tschechischen Regierung gepflogen werden: diese will die Bedauernswerten nur möglichst bald aus dem Lande heraus haben. Delegierte der Prager Indengemeinde, durch ihre vornehme Kleidung von den Auswanderern merklvürdig aLstechend. sprechen und beraten mit den Führern der Flüchd« linge. — Draußen auf improvisierten EHerden kochen ein paar alte Frauen rituell zubereitete Speisen. — Ich versuche, ein wenig mit den Kindern zu plaudern, — vergebens! — sie verstehen mich nicht! . . . Sie haben fast alle die schlvermütigen. dunklen Indenangen, schon Kummersalten um den Mund, sind ganz verschüchtert, und man sieht den Gesichtern, aus denen noch Spuren von Angst und Bers störung liegen, an. daß sie bereits viel geweint hoben. —- Der Sommernachmittag neigt sich seinem Ende zu. Groß nnd strahlend, abcr schon ein wenig rötlich und ziemlich tief steht die Sonne am Himmel. Garffetzung folgtz)

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