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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-12-30 · 54 (30.12.1921) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
54 (30.12.1921)
Date
1921-12-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ttnu tzMsam zur Bvsertkgung 6er früheren BeeM«lgen,fgeWrMene Theorien Mer fufclföc Wahrheit und südischeS- Erst wenn wir beim Gotteshaus den Beweis der die Fensterscheiben des Aberglaubens zu zertrümmern, damit die frische Lust einen Zugang fnche. Liberalismus muß also notwendig auch Negation sein. Erschöpft er sich aber darin? Selten vielleicht hat eine religiöse Bewegung der Erneuerung die posittve, fruchtbare Arbeit so kräftig und zielbewusst ausgenommen, wie der jüdische Liberalismus. Seine Schöpfungen waren nicht sogleich vollkommen, sie blieben sicher hinter den ausgestellten Idealen zurück. Aber die hauptsächlichsten Leistungen gehören der Geschichte an, und können dem Liberalismus als Akttvposten nicht mehr entrissen werden. Es sind auch darunter noch heute bestrittene Positionen. und seitdem man den Eintritt in den modernen Staat wieder als ein sehr fragwürdiges Glück tverten gelernt hat. möchte man sie allesamt als problematische Errungenschaften hmstellen, gerade Werl sie fast all« mit der Einbürgerung und der Anpassung an die andersgläubige Gesellschaft verbunden waren. Es ist vielleicht nicht überflüssig, einmal solche Dinge ins Gedächtnis zu rufen, als da sind: di« Verdeutschung der Bibel, die weltliche Schulbildung, die Predigt in der Landessprache, die Veredelung des Gottesdienstes, teils durch Läuterung und Begrenzung der Gebettexte, teils durch Einführung kunstgerechten Chorgesangs und Wiedererweckung jüdischer Musik: Heranziehung des weiblichen Geschlechts zu religiöser Bildung und Betättgung (im Anschluß daran die noch umstrittene Mädchenkonfirmation), die Gewinnung aller wissenschaftlichen Methoden für die Erforschung des Judentums in seiner Geschichte, seiner Literatur und seinem Lehrgehalt; die Neubelebung des systematischen und philosophischen Triebes im Judentum, die Heranbildung weitester Volkskreise zu populärem Wissen von Juden und Judentum durch Büchereien, Zeitschriften und Vorträge; endlich die Herübernahme neuer Wonnen für sozialethische Betätigung (in der Krankenpflege, Gefährdetenfürsorge u. s. f.). Praktisch machen denn auch alle religiösen und nationalen Richtungen rnr Judentum von diesen Errungenschaften weitherzigen Gebrauch, auch wenn sie den Liberalismus, der sie geschaffen hat, nicht genug schmähen können. Wie man sich ein Judentum ohne alle diese neuen Lebensäußerungen denken sollte, ist unklar: sie geben einfach einer ganzen Epoche das Gepräge. Bezeichnend ist, daß ein edler Vertreter des Liberalismus. der zu früh verblichene Dr. Hochfeld, in seiner letzten Rede in der Liberalen Ortsgruppe Charlottenburg unsere .Bewegung vor ber Gefahr der Uobersättigung warnen zu sollen glaubte. Er fürchtete also, daß wir auf unseren Lorbeeren ausrwhen und heute vor anderen Strömungen zurückweichen könnten. Das wäre verhängnisvoll. Cs darf keine Zeit geben, in her unsere religiösen Energien ermatten und sich unfruchtbar erweisen. Das würde denen einen Schein des Rechts geben, die auch die größten geschichtlichen Leistungen als vorübergehende Eintagserscheinungen mit dem Todeskeim im Herzen hinstellen möchten, und positiven Liberalismus für eine bare Unmöglichkeit erklären. Wir glauben damit schon gezeigt zu haben, was der Liberalismus beim Werke der religiösen Erneuerung zuerst in Angriff zu nehmen hat: er muß seine eigenen Errungenschaften hüten und vor Verkümmerung und Vernichtung b e - w ah r e n! Mehr als das: er muß sie ausbauen und zielbewußt entwickeln. Nicht ohne Absicht haben wir die wesentlichsten namentlich anfgeführt. Schon in ihrer Weiterentwickelung liegt ein mächtiges, positives Programm. das unsere glänzenden Vorkämpfer aus den schöpferischen Zeiteil des Liberalismus uns hinterlassen haben. Was darüber hmansführt, ist ohne dies Fundament nicht denkbar, die große Linie unseres Weiterschreitens ist bei jenen zu suchen. Die Frage ist aber, ob wir uns damit begnügen dürfen? Die Zeilen sind trübe. Die Schuldfrage übt nicht nur im politischen Leben ihre beunrichigende Wirkung. Wir wollen Wahrheit, und dazu ist Einkehr und Offenheit nötig. Der religiöse Liberalismus hat mindestens neben anderen berechtigten Strömungen auch in unserer Religion sein inneres u n d geschichtliches Recht dargetan; aber die große, sich liberal nennende Mittelschicht, die Allzuvielen, die Mitläufer, haben ihn in argen Verruf gebracht. Für sie bedeutete Liberalismus nichts als Entschränkung, Abschüttelung jeder inneren und äußeren Bindung in Idee und Tat, Verkennung aller Grenzen, die etwa Moral von Religion, schrankenlosen Subjektivismus von positivem Bekenntnis trennen, Verneinung jeder Verpflichtung, di« über jene Grenzen hinausweist. Hier gab der Liberalismus sich bedenkliche Blößen, hier waren die Vorwürfe der Gegner nur allzu berechtigt. Worin gipfeln sie? Man bezichtigt unser reli giöses Grundgefühk, nennen wirs Ehrfurcht, Demut, Andacht, oder wie immer, der Ohnmacht, der Entseelung und Verflachung, und man vermißt ferner in unserer religiösen Betätigung das gleichmäßige Interesse, die Fähigkeit, ja den Willen zur Einordnung, geschweige zum Opfer, kurz die quellende Liebe und damit den beglückenden Reichtum. Hier liegen also die neuen, positiven Aufgaben de8 jüdischen Liberalismus. Wie wir ihnen gerecht werden können, möchten wir im folgenden zeigen. Gesetz hatten bereits Philo, MaimonideS, zuletzt Mendels-! Wendung zur selbstgeseyten Pflicht wieder erbracht haben, sohn gelehrt: auf die peinliche Uebung des ZereMonialj werden wir auch das moralische Recht besitzen, alle die gesetzes gewährten sie ihren Gedanken kernen Einfluß. Das anderen Gebiete des Kultus und Ritus, das Speisegesetz, war möglich, ja unabänderlich, solange auch jüdisches Welt-!das Eherecht und vieles andere in unsere Beweguna einzuleben rein unter jüdisch-nationalem Recht und iüdisch-, beziehen. Möchten diejenigen, die es angeht, beachten, gesellschaftlicher Sitte stand. Seil wir uns aber nicht welch' vollkommenes wissenschaftliches Rüstzeug einem mehr gezwungen, sondern wiflend und willig unter das Leopold Zunz zur Verfügung stand, als er mit seinen II. Religion als beherrschende Idee des Gemüts und Religion als gläubige Verehrung Gottes: sie beide sollen im positiven Liberalismus in verjüngter Kraft erstehen Die eine soll der anderen neue Impulse geben, die Idee soll die Tat beflügeln, die Tat der Idee Form und Loben verleihen. Das ist das Neue, ja Epochemachende, womit der jüdische Liberalismus in die Schranken trat. Keine himmelstürmende Spekulation mehr aus der einen und an der andern Seile ein starres Legitimitätsprinzip! Fort ottesdienstlichen Vorträgen" der deutschen Predigt eine Gasse bahnte. Nur mit ähnlicher Gewissenhaftigkeit kommen wir vorwärts, dann aber auch mit sicherem Erfolg. Der jiwische Liberalismus befindet sich in einer Krise. Von uns wird es abhängen, ob er sie glücklich überwindet, und bgld wieder den Rang einnimmt, der ihm im .Judentum gebührt? _ Was will üie liberale Mm? Von Else D o r m i tz e r, Nürnberg. In einer Zeit, die die größten Ansprüche an die Kraft und Leistungsfähigkeit jedes einzelnen stellt, die unbegrenzte Hilfstruppen benötigt in dem schweren Existenzkampf unserer Tage, ist es ganz selbstverständlich, daß auch die Frau heraustritt aus dem engen Rahmen der Häuslichkeit, daß auch sie teilnimmt an den Sorgen und Lasterl der Gegenwart. Als treffliche Vorbereitung für diese neue Art ihrer Betätigung konnten die Kriegsjahre gelten; klaglos trugen die! Frauen diese Epoche schwerster seelischer und körperlicher Anforderung: in Büro und Werkstatt, in Geschäften und Sie darf nicht einigen führen- Fabriken, in sozialen Organisationen und öffentlichen Aemtern als wissenschaftliches Sonderaebiet übertraf man weibliche Hilfskräfte, die pflichtgetreu und tapfer — **“a :ic~~ die Plätze der eingezogenen Mmmer auszufüllen suchten. Dann kam die Revolution mit dem Umsturz alles Bestehenden und Gebräuchlichen; sie brachte der Frauenwelt längst ersehnte und erstrebte Rechte: das aktive und passive Wahlrecht in Staat und Gemeinde; sie stempelte sie mit einem Schlag zu vollberechtigten Bürgerinnen der jungen deutschen Republik. Mit vollem Verständnis und richtigem Empfinden empfing die deutsche Frau diese Errungenschaften; in allen Parteien, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, erstanden neben den Wählerinnen kluge Führerinnen, die, gleich ihren männlichen Kollegen, volles Vertrauen genießen, sind deren gewichtige Stimmen man bei wichtigen Verhandlungsgegenständen, wenn sie auch außerhalb der Sphäre weiblicher Interessen liegen, jederzeit zu hören gewohnt ist. Die moderne Jüdin, intelligent und jeden: Fortschritt zugängig, nahm voll Begeisterung ihre neuen Rechte als deutsche Staatsbürgerin entgegen und übte sie mit Eifer aus. Aber in ihrem Innern fragte sie sich besorgt: „Wie wird es mit dem aktiven und passiven Wahlrecht in unseren Religionsgemeinden aussehen? Wird auch hier die Neuzeit ihren Einzug halten oder steht sie still vor der starren Tradition, die seit Iahrhundetten jedwede öffentliche Tätigkeit der jüdischen Frau unterbindet?" Denn es ist wirklich nur Tradition, was uns Jüdinnen beengt und fesselt, eine Errungenschaft des finsteren Mittelalters, dem wir Juden soviel Zwang und unnötigen Ballast verdanken. War doch in früherer Zeit die Frau dem Manne in jeder Hinsicht ebenbürtig, durfte im Tempel Dienste verrichten und ist weder in der Bibel, noch in anderen wichtigen Gesetzesbüchern zurückgesetzt worden. Wie berechtigt diese Besorgnis um unsere Gleichstellung in der Gemeinde war, sollte sich gar bald zeigen, denn die Orthodoxie, gestützt auf Brauch und Herkommen, sträubte sich mit aller Kraft gegen das Eindringen des weiblichen Elementes in den Verwaltnngsapparat und wünschte die Frau, getreu dem Grundsatz „mutter taceat in ecclesia" ausschließlich auf die häuslichen Verrichtungen zu beschränken. Als der Verband bayrischer Gemeinden gegründet wurde, der in seinem Satzungsentwurf den Frauer aktives und passives Wahlrecht zubilligte, stellte ein orthodoxe: Rabbiner im Namen seiner Gesinnungsgenossen den Antrag den Frauen jegliches Stimmrecht zu versagen. Nur dem energischen Widerspruch der liberalen Mehrheit, die selbst eine Anzahl weiblicher Delegierter zur Gründung abgeordnet hatte, gelang es, diesen Antrag zu Fall zu bringen. Aber dieser Vorgang zeigte uns Frauen deutlich, daß wir für uns von der konservativen Richtung nichts zu erwarten haben. ist daher unser ureigenster Vorteil, wenn wir, die wir Anspruch aus selbständiges Denken und Handeln machen, uns der liberalen Richtung im Judentum angliedern. Sie verschließt sich nicht hart und streng den Forderungen des Tages, sie klammert sich nicht eigensinnig an Dogmen und Gebräuche, die in vergangenen Zeiten ihre Berechtigung hatten, in der Gegenwart aber ein Unding, eine Unmöglichkeit sind. Haben wir Frauen nicht das größte Interesse daran, in den Erziehungsfragen unserer Kinder freie Hand zu haben? Ist es ein unbilliges Verlangen, wenn wir in der wichtigen Schulfrage ein Wort mitreden wollen? Ist die Revision unserer jüdischen Ehescheidungsgesetze, unter deren sinnloser Härte zumeist der weibliche Teil zu leiden hat, nicht ein Werk, in der auch die Stimme der daran beteiligten Frau gehört werden sollte? Darf in Fragen des Ritus und Kultus sich nicht diejenige dazu äußern, in deren Hand ein gut Teil der Ausübung jener wichtigen Funktionen gelegt ist? Sollen Frauen nicht befugt sein, in der Verwaltung der israelitischen Wohltätigkeitsanstalten, wie Alters- und Mädchenheime usw., mitzu wirken? Das sind nur einige Punkte, die herausgegrissen worden sind und die einen Teil unseres liberalen Prograntms bilden. Es hat sich gezeigt, daß die jüdische Frau, wo man sie auch hinstellt, ihren Posten zu behaupten weiß, überall füllt sie ihren Platz gut aus u,w vor allem ist es ihr Ehrenpflicht, trotz Fortschritt und Neuzeit das Alte hochzuhalten, was unser Aller—- ob Mann oder Frau, ob orthodox oder liberal— höchster Besitz ist: Das treue Festhalten an dem heiligen Glauben unserer Väter! Die liberale Jüdin will nichts wissen von Renegatentum und Taufe, ihr ist der Begriff „Assimilation" verhaßt, aufrecht und stolz bekennt sie ihr Judentum, wehtt sich gbgen Verleumdung und Haß, ist im Kampf gegen den Antisemitismus mutig in vorderster Reihe und vor allem: sie pflanzt in die Herzen ihrer Kinder die unwandelbare Treue zun: Judentum private und öffentliche Recht des modernen Staates begaben. der rabbinischen Autorität entsaften, und somit einen weiten Bezirk einst göttlich gehaltener Offenbarungen praktisch unwirksam machten, mußte die entscheidende Wendung vollzogen werden. Wir beschränken uns fortan auf die Sphäre des Glaubens; aber wir sammeln alle Energie in diesem Bereich, um seine Ansprüche in Synagoge. Schule und Haus zu sichern, seine Bedeutung für die Seele, die Gemeinde, ja für die Weltgeltung zu befriedigen. Das Ringen um den religiösen Gehalt des Judentums tritt in den Vordergrund. An uns ist es, dieses Ringen zuletzt in den Mittelpunkt alles jüdischen Interesses zu bringen, und die Fruchtbarkeit dieses hohen Prinzips an uns selber zu beweisen. Sollen uns der Kern und das Wesen, der Wert und die Höhenlage des Judentums nach und nach ausgehen, so muß die ganze Natur- und Geistesfovschung zu Rate gezogen werden; es müssen neue Einsichten aus dem religionsgeschichtlichen Aspekt, neue aus der Vergleichung mit den übrigen Bekenntnissen gewonnen werden. Eine Fülle von Avbeit drängt sich uns auf. den Männern lassen bleiben; wir alle müssen daran teilnehmen, uns ihre Gedanken zu eigen machen, mit ihren neuen Ansichten uns erfüllen.. Liberales Judentum muß darauf Wert legen, tiefer in die Zusammenhänge einzudringen; es kann sich nicht mit dem autoritativen „Daß" obfinden; es will eine begründete Antwort auf das „Warum?" Damit empfehlen wir keineswegs einen flachen Rationalismus. Wir halten den Hinweis auf das I r r a t i o - nale in aller Religion, im Gottglauben, im Gebet, im | Symbol für verdienstlich. Aber wie sehr sie auch über die Vernunft hinaus weist, niemals darf die Religion wider die Vernunft sein. Zu einem Credo, quia absurdum („ich glaube, weil es widersinnig ist") werden wir uns nie verleben. Nach unserer menschlichen Vernunft allein erlassen wir die Allvernunft Gottes, und verehren sie denütig, auch wo wir sie nicht mehr erreichen; aber ohne Vernunft denken wir uns Gott nirgends wirken. Auch die heute vielgepriesene Mystik scheint uns wenig geeignet, als Volks- und Gememdefrömmigkeit eine Religiöität der klaren Verständigkeit und des wissenschaftlichen Interesses zu ersetzen. Zwielicht und Dämmerschein sind als Dauerzustand unzuträglich. Unsere religiöse Erfahrung sagt uns. daß auch eine nach Klarheit und Läuterung suchende Frömmigkeit mit sicherer Kraft und heißer Liebe zum Göttlichen vermipft sein könne. Machen wir dann den Schritt von den gewissenhaft erworbenen, neuen Einsichten zur religiösen Darstellung, zur Verwirklichung im Leben, so stoßen wir auf den zähen Widerstand fest geprägter Formen. Wir schulden ihnen Achtung und Rücksicht; größere aber der Wahrheit und Vernunft. Wir halten die Wischen Leitgedanken nicht für armselig genug, daß sie in einer winzig kleinen Zeitspanne vor Jahrtausenden ein für alle Mal die abgezählten und abgezirkelten Formen und Satzungen jüdisch-menschlicher Betätigung erzeugt haben sollten, und alsdann unfähig zu der geringsten Um- und Neubildung geworden wären Wir glauben im Gegenteil bei aller Beharrungstendenz doch eilte wechselnde reiche Gestaltungskraft wahrzunehmen, und in den verschiedensten Epochen des Judentums, oft ungesucht und wie über Nacht gewachsen, neue Formen hervortretett zu sehen. die neuen Bedürfnissen Rechnung trugett. Treffend sagt der Dichter: Was reif ward in den Seelen, Das schafft sich Fleisch und Bein; und lehrt der Weltweise: Das Ewige komntt zu uns in den Schuhen des Endlichen; dem wachsenden Fuße muß der bequemere Schuh entsprechen. Nimmer aber, das muß immer wieder betont werden, kann auch liberalstes Judentum gänzlich gesetzmäßiger Ordnung und fester, organisierter Gestalt der Gottesverehrung entraten. Wohl haben wir keine gesetzgebende, religiöse Oberbehörde mehr (wie es die Gaonen, später die spanischen, alsdann die deutschpolnischen Autoritäten waren); und am wenigsten können wir uns einem papiernen Papste und seinen Orakeln unterwerfen; aber das größere Uebel wäre, überhaupt jede Bindung zu leugnen. Es bleibt uns nichts übrig, als in der Autonomie der Gemeinde. der wir angehören, nicht nur die Freiheit, sondern auch das Gesetz zu bejahen. Wo immer eine liberale Gemeinde ihren Ritus und Kultus nach vorgeschritteneren Grundsätzen eingerichtet hat, da ist es Pflicht, von jenen Gebrauch ztt machen, sich insbesondere an den wahrlich kurz genug bemessenen und würdig ausgestalteten Gottes diensten zu beteiligen; vorerst für die Führer, dann für die Gesamtheit. Das volle Gotteshaus der Orthodoxie — die gähnend leere Syna goge des Liberalismus sind ein beredtes Werbemittel dort, eine Zersetzungserscheinung hier. Die kalte Teilnahmlosigkeit gegenüber den von uns selbst geschaffenen Einrichtungen widerlegt unsere eigenen Prinzipien, und bedeutet Selbstauslösung. Noch kurze Zeit dies Ueber wuchern des Erwcrbstriebes. dieser Mangel an Opfersinn, diese Unbedachtheit und Disziplinlosigkeit, und der Liberalismus, den man ohnehin als Vorstufe für Entfremdung, ja Abfall verfehmen möchte, hat den letzten Kredit in den Augen der Gegner verloren, und was schwerer wiegt, seine Werbekraft bei allen Ernsthafteren und Suchenden eingebnßt.

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