Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-10-14 · 44 (14.10.1921) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
44 (14.10.1921)
Date
1921-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613648--0220-2617420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Bus dem Reich. Berlin. Ostjudendebatte im Stadtparlament. In der Stadtverordnetenversammlung kam es zu einer zeitweise recht heftigen Aussprache über den Zuzug aus dem Osten nach Berlin. Die Rechtsparteien benutzten die Gelegenheit zu antisemitischen Kundgebungen; besonders ihr Führer, Pastor Koch, zeichnete sich dabei aus. Stadtverordneter Lewin (Demokrat) stellte sich auf den sachlichen Standpunkt, daß in jedem Fall die freien Wohnräume in Berlin in erster Linie der einheimischen Bevölkerung und nicht den zugezogenen Leuten zur Verfügung gestellt werden müssen. Wer die Zugezogenen seien und welcher Religionsgemeinschaft sie angehörten, müsse dabei vollständig gleichgültig bleiben. Der unabhängige Sozialdemokrat Waldeck-Manasse bezeichnete die Haltung des deutschnationalen Pastors Koch als unchristlich. Antisemitisch sei immer antichristlich und antimenschlich zugleich. Man sollte and) an so wichtige Probleme wie die Unterbringung der Flüchtlinge aus dem Osten, ohne Voreingenommenheit Herangehen. Keine Partei habe Veranlassung, für die einzelnen Juden, die aus dem Osten nach Berlin gekommen sind, besonders einzntrcten, und von einer Bevorzugung dieser Leute dürfe keine Rede sein. Die ganzen Vorgänge aber zur Wahlagitation gegen die Zünden benutzen zu wollen, sei unschön. Die Mehrheit der Stadtverordneten lehnte dann auch die Anträge der Rechten über die Aufnahme einer Statistik über die zugezogenen Ostjuden ab. Berlin. Das Kuratorium der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums versendet das Verzeichnis der Vorlesungen im Wintersemester 1921/22. Herr Dr. Baeck wird lesen: 1. Midraschübungen, 2 Stunden. Dienstag 8—10; 2. Homiletische Hebungen, 2 Stunden. Freitag 8— 10; 3. Besprechung moderner religiöser Literatur, 1 Stunde. Mittwoch 8—9 abend. Herr Professor Dr. Baneth wird lesen: 1. Mischna: N'zikin, 2 Stunden. Sonntag 10—12; 2. Bab. Talmud: Baba Kanuna, 4 Stunden. Montag, Donnerstag 9—11; 3. Trrr und Schnlchan Aruch Iore Dea, 2 Stunden. Mittwoch 9—11; 4. Die Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde, 1 Stunde. Montag 11—12; 5. Der jüdische Kalender, 1 Stunde. Donnerstag 11—12. Herr Professor Dr. Elbogen wird lesen: 1. Einleitung in die Wissenschaft des Judentums, 2 Stunden. Dienstag, Freitag 10—11; 2. Geschichte der Inden im neunzehnten Jahrhundert, 1 Stunde. Mittwoch 8—9 abends; 3. Alt jüdische Trauergebräuche im Anschluß an Mocd qaton III, 4 Stunden. Montag, Donnerstag 8—10; 4. Literatur und Geschichte des jüdischen Gottesdienstes, 2 Stunden. Montag, Donnerstag 10—11; 5. Hebräische Geschichtsquellen, 1 Stunde. Freitag 9—10. Herr Professor Dr. Guttmann wird lesen: 1. Die religiösen Grundgedanken.&§ Judentums, 2, Stunden. Mittworlj,' Freitag 10—11; 2. Einführung in die jüdische Philosophie des Mittelalters, 1 Stunde. Dienstag 8—9 abends; 3. Hebungen zur Ethik der Gegenwart, 2 Stunden. Freitag 9— 11; 4. Lektüre des Or Adonai von Chasdai Kreskas, 2 Stunden. Dienstag 11—1; 5. Lektüre ethischer Texte für Anfänger, 2 Stunden. Dienstag 9—11. Herr Dr. Torczyner wird lesen: 1. Israel und Aegypten. Dienstag 8—9 abends; 2. Jesaia, 3 Stunden. Montag, Donnerstag, Freitag 12—1; 3. Die pentateuchischen Gesetze unter besonderer Berücksichtigung der hebräischen Bibelkommentare, 3 Stunden. Montag, Donnerstag, Freitag 11—12; 4. Hebräische Stilübungen, 1 Stunde. Donnerstag 10 bis 11. Herr Dr. Freund wird lesen: Die staatskirchenrechtliche Stellung des Judentums in Deutschland nach der neuen Reichsverfassung, 2 Stunden. Mittwoch 6—8 abends. In der Präparandie werden wie bisher Kurse über Bibel und Kommentare, hebräische Grammatik, Mischna, Talmud und das Gebetbuch von den Herren Dr. Barol, Dr. Grünthal und Dr. Rosenthal laut Anschlag am schwarzen Brett gehalten werden. Außerdem finden an den Montagen vom 15. November bis 18. Dezember 1921, abends 8 Uhr, einige Gastvorträge in hebräischer Sprache über „Literatur und Wissenschaft der Juden Osteuropas" durch namhafte hebräische Schriftsteller statt. Näheres über die Abendvorlcsungen und die Gastvorträge wird noch bekanntgcgeben. Alle Vorlesungen und Uebungen sind unentgeltlich. Die Eröffnung des Wintersemesters erfolgt Montag, 31. Oktober, 11 Uhr vormittags. Als Zuhörer für dke Vorlesungen sind' ln erster Lims rlte immatrikulierte Studierende der hiesigen Universität — und zwar ohne Unterschied der Fakultät — in Aussicht genommen. Auch andere Personen können auf Grund besonderer Ermächtigung an den Vorlesungen teilnehmen. Die Anmeldung erfolgt bei dem derzeitigen Vorsitzenden des Lehrerkollegiums, Herrn Professor Dr. Guttmann, am Dienstag, 1., Mittwoch, 2., und Freitag, 4. November, 12—1 Uhr, im Sprechzimmer der Hochschule. Frankfurt a. M. Ein Bortrag von Dr. Paul Nathan. Dr. Paul Nathan (Berlin) hielt vor Mitgliedern des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (Landesverband Hessen-Nassau, Hessen und Ortsgruppe Frankfurt a. M.) im großen Saal des Volksheims, der bis auf den letzten Platz beseht war, einen Vortrag über das Thema: „Der deutsche Staat und die deutschen Juden". Antisemitismus, so führte er aus, sei von jeher ein Kampfmittel derjenigen gewesen, die ein Interesse daran hatten, daß die Entwickelung des Reiches nicht ohne Hemmungen vor sich geht. Schon Stein und Hardenberg hatten mit einer Reaktion zu kämpfen, die antisemitisch dachte. Die Iudenbefreiung, durch diese beiden Staatsmänner dnrchgeführt, wurde als ein nationales Unglück angesehen. Heute ist es nicht anders. Der Redner charakterisierte dann die einzelnen Parteien in ihren Beziehungen zum Judentum. Ausgesprochen antisemitisch seien die Deutschnationalen, während die Deutsche Volkspariei, hier wie in manchen anderen politischen Fragen, eine Pendelpartei sei. Das Zentrum sei, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht antisemitisch, ebenso wenig die Demokraten und die Sozialdemokraten. Es hieße, dem Deuffchen Reiche und dem deutschen Volke ein schlechtes Zeugnis ausstellen, wollte man glauben, daß sie sich durch die 600 000 bis 700 000 Juden in ihrer Kultur beherrschen ließen. Wer die Judenfrage in den Vordergrund zerrt, vergiftet die deutsche Zukunft. Karlsruhe. Die Versuche der Antisemiten, durch ihre Wühlereien einen Keil in die deutsche Arbeiterschaft zu treiben, um sie durch ein soziales Scheinprogramm vom Klassenkampf zum Rassenkampf abzulenken, findet jetzt auch die Aufmerksamkeit der Arbeiterpresse. Der „Volksfreund" schreibt: „Das Antisemitengesindel weiß ganz genau, daß es die von ihm angeregte Pogromstimmung nur dann in die Tat umsetzen kann, wenn es ihm gelingt, weitere Kreise der Arbeiterschaft für seine verderblichen Pläne zu gewinnen. Man versucht, der Arbeiterschaft darzustellen, daß die antisemitische Bewegung eine Klassenkampfbewegung sei, die der proletarischen verwandt ist. Die Unrichtigkeit dieser Angabe braucht nicht im einzelnen nachgewiesen zu werden. Jedem denkenden Arbeiter ist ohne weiteres klar, daß sämtliche Voraussetzungen, die in ihrer Gesamtheit oft das Wesen des Klassenkampfes bilden, dem Antisemitismus c,fohlen. /-Der Antisemitismus ist eine Bewegung, die ntit. dem Kampf zwischen Ausbeutung und Ausgebeuteten, zwischen der besitzenden und der nichtbesihenden Klasse nicht das mindeste zu tun hat. Sie entspringt den niedrigsten Motiven wirtschaftlichen Neides und ist nicht auf Befreiung, sondern auf Unterdrückung gerichtet. Königsberg i. Pr. Erster oftpreußischer Jugendtag. (2.-4. September.) Zum ersten ostpreußischen Jugendtag hatte der Jugendausschuß deutscher Juden zu Königsberg i. Pr. die deutschjüdische Jugend Ostpreußens und Danzigs eingcladen, und zahlreich war die Jugend diesem Rufe gefolgt, um Stunden der Feier und der Arbeit miteinander zu verlAen. Sämtliche bestehenden Jugendvereinigungen Ostpreußens waren vertreten. Vier Verbände, jeder von besonderem Wesen und doch alle geeint durch die gemeinsame Grundlage deutschen Judentums, fanden sich zur Arbeitsgemeinschaft zusammen: Der Zentralverein, die Jugendvereine (Jugendgruppen des C. V.), der K. C. und die Kameraden. Eingeleitet wurde der Jugendtag durch eine Freitagabendfeier, die der Königsbcrger Jugendverein den Gästen aus Stadt und Provinz in seinem schönen Heime bot. Die Ansprachen und Gesänge der anwesenden Rabbiner und Kantoren trugen ebenso sehr wie die ergreifende Vorlesung aus Stefan Zweigs „Jeremias" zur Weihe des Abends bei. Sonnabend Mittag eröffnete Herr Dr. Rosenh a i n, der Vorsitzende des Jugendausschusses deutscher Juden zu Königsberg, die eigentliche Tagung mit längeren Ausführungen, in denen er auf die Bedeutung dieser Att beitsgemeinschaft für Ostpreußen und darüber hinaus für das Reich hinwies. Es folgte ein längeres Referat von Herrn cand. med. Kurt E i ch e l b a u m über „Die ideellen Grundlagen unserer Bewegung". Ausgehend von dem! Wesen des Judentums, wie eS sich im Verlaufe seiner Ge-< schichte darstellt, als einer im Religiösen wurzelnden und' gipfelnden Gemeinschaft, legte der Vortragende die Grunde lagen unserer heutigen jüdischen Jugendbewegung klar. Seinen objektiven und fesselnden Ausführungen folgte eine lebhafte Aussprache, in der die Frage des religiösen Judew tums im Vordergrund stand. Der Abend vereinte die Teilnehmer am Jllgendtag zu einer eindrucksvollen öffentlichen Kundgebung. Nach einführenden Worten von Herrn Dr. R o s e n h a i n sprach Herr Arnold Stein - Berlin (Mitglied des Hauptvorstandes des C. V.) über das Thema: „Wen halten wir deutschen Juden für national?" Klar und scharf zog der Redner die Linien, die uns vom jüdischen Nationalismus der Zionisten, vom deutschen Uebernationalismus eines Naumann trennen. An unserem Judentum und an unserem Deutschtum gilt es festzuhalten, allen Angriffen der Jugendgegner zum Trotz. — Dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrage folgte Herr Edmund Berg -Danzig mit einem Vortrage über das Thema: „Auf richtigem Wege?" Er verstand es, dem Hoffen und Streben, das in unserer Jugend lebt, packenden Ausdruck zu verleihen, und die Eltern und Erzieher aufzurütteln zum Verständnis für den neuen Geist der deutschjüdischen Jugend. Dieser Abend stellte wohl den Höhepunkt des Jugendtages dar. — Der nächste Vormittag brachte zunächst die Gründung des Verbandes der Jugendgruppen des Zentralvereins, Bezirk „Nordost", in dem die ehemals dem neutralen Jugendverbande angehörenden Jugendvereine Ostpreußens und der Jugendverein Danzig zusammengeschlossen sind. Es folgte eine Aussprache über praktische Arbeitsfragen. Sie wurde eingeleitct durch ein ausführliches Referat von Erwin Lichten st ein- Königsberg. Nach einer Darstellung des Wesens der vier, in der Arbeitsgemeinschaft vereinten Verbände, ihrer Gemeinsamkeiten und ihrer Besonderheiten, wurden die Möglichkeiten der Zusammenarbeit einer eingehenden Prüfung unterzogen und ein Arbeitsplan für die kommende Zeit entwickelt. In einem zweiten Referat behandelte Herr Hugo L ö w e n st e i n - Königsbergg die Arbeit, welche insbesondere den Jugendvereinen angemessen ist. Die Aussprache zeigte, daß die Teilnehmer manche Anregung erhalten hatten, geeignet, die Arbeit in ihren Heimatsorten zu befruchten. So konnte denn der Vorsitzende den JugeMag mit Worten des Dankes und in der Hoffnung schließen, daß die Saat, die er gestreut, aufgchen und reichlich Friichte tragen werde. Als erstes greifbares Ergebnis steht die Tatsache, daß nunmehr in Deutschlands vorgeschobener Kolonie alle jüdischen Organisationen, die sich zum Deuffchtum bekennen, eine 'geschlossene Phalanx bilden. Der Landesverband des Zentralvereins, der Landesverband des K. C., der Verband der Jugendgruppen des C. V., dem die im Berufsleben stehende Jugend angehört, und der Gau Nordost der Kameraden, hinter denen vorwiegend die Schuljugend steht. Sie alle finden sich, unbeschadet ihrer Selbstständigkeit, zusammen in der Arbeitsgemeinschaft, deren Leitung der Jmgendausausschuß deutscher Juden zu Königsberg i. Pr. hat. Anschrift: Steindamm 11, Jugendheim. Breslau. Btindenverein Eintracht. Am 22. v. Mts. ver. anstaltetr der auf interkonfessionellem Boden stehende Verein, dessen gemeinnützige Bestrebungen noch nicht so gemigend bekannt sind, wie es der Fall sein sollte, einen Konzertabend, dessen Programm fast ausschließlich von Blinden bestritten wurde. Tie Darbietungen waren in jeder Hinsicht eindrucksvoll und erreichten bisweilen eine künstlerische Höbe. Hoffentlich gelingt es dem Verein, weiteste Kreise für seine segensreiche Tätigkeit zu interessieren. Schwesternverein der „Gesellschaft Eintracht". Del Kriegshort des Schwesternvereins der „Gesellschaft Eintracht", Fischcrgasse 8, ist als solcher ausgelöst. Der Hort wird ab 15. Oktober nur für die Nachmittagsstunden von 3—6 Uhr weitergesührt. Es werden nur Mädchen in den Hort ausgenommen. Die größeren, von 6—14 Jahren, werden unter Aufsicht einer geprüften Lehrerin ihre Schularbeiten erledigen, ihrem Germanentunr sich brüsten. Es zeugt von edler Gesinnung, wenn der Verfasser hervorhebt: „Selbst für die wirklich vorhandenen abstoßenden und sittlich verwerflichen Züge einzelner Juden eine befriedigende Erklärung zu finden, sollte doch wahrlich nicht schwer fallen, wenn man sich die tausendfachen Leiden dieses Volkes vergegenwärtigt, wenn man sich vor Augen hält, wie die stete Gefahr, in der es schwebte, es zur Verstellung und zur Benutzung unredlicher Mittel den Verfolgern gegenüber ja geradezu zwang." Diese Worte eines christlichen Geistlichen verdienen dankbare Anerkennung. Hier in Magdeburg ist leider kein einziger christlicher Geistlicher, der, frei von Vorurteilen, den Mut hat, gegen den Antffemitismus Front zu machen. Was selbst Judengegner zu betonen nicht unterlassen, ist, was auch unser Verfasser gegenüber Jesus ehefeindlichen Tendenzen bemerkt: „Denn es gibt im Ernst auch heute noch kein Volk mit so stark und innig entwickeltem Familienleben und so heißer Sinnlichkeit, wie das jüdische." Zum Schluß die aus dem Munde eines christlichen Geistlichen besonders interessante Bemerkung (Seite 93): „Eine solche rigorose Ethik, wie sie etwa die Bergpredigt vertritt, bedeutet den Untergang jeder bürgerlichen Gesellschaft — das ist gewiß." Das Buch legt ein beredtes Zeugnis davon ab, wie das Streben immer mehr um sich greift, die Religion zu verinnerlichen und wahres Menschentum zu fördern. Dr. M. Spanier, Magdeburg. Prinz Lonis Ferdinand von Preußen. Ein Bild seines Lebens in Briefen, Tagebuchblättern und zeitgenössischen Zeugnissen. Herausgaben von Dl. Hans Wahl. Gustav Kiepenheuer Verlag. Weimar*) 1917. Es ist begreiflich, daß die strahlende Gestalt des heldenhaften, schönen und genialen Prinzen, der geboren und berufen schien, ein großer Feldherr zu werden, der aus dem Becher des Todes ebenso entschlossen und lies trank wie aus des überschäumcnden Lebensgenusses und seine Liebe zum Vaterlande bei Saalfeld besiegelte, manches Dichterauge aus sich zog und vielfach in Wort und Schrift, in Poesie und Prosa gefeiert worden ist. Neben einzelnen Gedichten von Fouque, Theodor Körner, Stägemann, später Freiligrath und Theodor Fontane ist Fanny Lewalds Roman „Prinz Louis Ferdinand" (1859) zu nennen, in dem außer historischen Unwahrscheinlichkeiten der Rahrl eine entsagende Liebe zum Prinzen angedichtet wird, ferner Rudolf Bunges historische Dichtung „Prinz Louis Ferdinand, ein Heldenleben" (1895). Dramatisch behandelten den Stofs Fr. Wilhelm Hosäns (1865), Job. Jacvbi (1890) und neuerdings als Tragödie Fritz von Unruh (1913). Von hohem Wert sind zwei biographische Würdigungen des Prinzen aus der Feder zweier Persönlichkeiten, die zrde in seiner AN bedeutend, diesen gekannt haben, Karl von Elausewitz und Varnhagen von Ense. Varnhagens Lebensskizze des Prinzen, die in der „Galerie von Bildnissen aus Nabels Umgang und Briefwechiel" (I. 1836) erschien, ist insbesondere eine treffliche Charakterschilderung des Prinzen. Die langjährige Seelensreundschaft, die den Prinzen mit der allzeit teilnahmsbereiten und geistvollen Gattin Varnhagens, Rahel Lrvin, verband, machte dies» zu einem wahren Reliquienichrein des *) Jetzt Potsdan Andenkens an Louis Ferdinand, aus dem Varuhagen manches sehr Persönliche herausheben konnte, was anderen fremd blieb. „Ueber den Charakter des Prinzen Louis", heißt es bet ihm, „wird immer Lob und Tadel gemischt bleiben, je nachdem der Urteilende zeinen Standpunkt wählt. Aus rein menschlicher Ansicht von seiten des Herzens, des Strebens, des innerlichen Daseins wird man ihn stets rühmen und lieben müssen. Radel, der er sich vorzugsweise von diesen Seiten zeigte, hat seine Mängel genug eingesehen und gerügt, aber ihn mehr noch beklagt als verurteilt." Das glänzende Charakterbild des Elausewitz vermag den Standpunkt der Liebe nicht zu betreten. Der stvenge Richter kann sich der Bewunderung für den genialen Menschen nicht verschließen, er nennt den Prinzen den „preußischen Alkibiades", dessen etwas wüste Sitten den Kopf nie zur Reise kommen ließen, der bei einem unermeßlichen Reichtum von Herzhaftigkeit und kühner Entschlossenheit nicht genug für eine ernstliche Bildung und Entwicklung seines Griftes getan hat. Von hohem Interesse sind die Briese, die der Prinz mit seiner ihm in aufrichtiger und inniger Liebe verbundenen Schwester, Prinzessin Luise, Gemahlin des Prinzen Anton Radziwill, zu allen Zeiten seines kurzen Erdendasetns gewechselt hat, wie die Mitteilungen seiner ihm treu ergebenen Adzutanien Karl von Nostitz. Die Tagebuchblätter des Prinzen, wie seine liebeglühenden Briefe an Pauline Wiesel gewähren tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Tr. Hans Wahl hat mit bewundernswertem Sammelfleiß dieses ausgezeichnete Buch zufammengestellt und sich ein hohes Verdienst erworben, das Leben des Prinzen Louis Ferdinand in ernster Zeit unserer Generation nahe gebracht zu haben, wofür ihm alle Freunde ernster Lektüre, denen wir das Werl warm empfehlen, ihren Dank nicht vorenthalten werden. Breslau. Regina Reißer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.