Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 43 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dann nahm Hauptpastor Felden aus Bremen daS Wort zu dem ersten Vortrags über „Antisemitische Methoden": Kanaille bleibt Kanaille, und die Gesinnung des Antisemitismus ist die einer Kanaille. So hat der Geschichtsschreiber Mommsen schon im Jahre 1894 gesprochen und dabei die Meinung geäußert, daß das deutsche Volk die kulturellrückständige und unmoralische Bewegung des Antisemitismus bald überwinden würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt; der Antisemitismus ist leider nach dem verlorenen Kriege und der Revolution zu großer Stärke angewachsen. Wenn wir ihn wirksam bekämpfen wollen, müssen wir seine Methoden untersuchen, wenn das auch keine sehr reinliche Arbeit ist. Die Methode des Antisemitismus ist kurz gesagt einmal die der Kanaille und zum andern die des fanatischen Dogmatikers, der in Selbsttäuschung lebt. Der Jude ist für den Antisemiten immer schlecht, weil er einer minderwertigen und verbefferungsunfähigen Rasse angehört. Das ist ein bewußtes Verleugnen des Humanitätsstandpunktes. Die Antisemiten streichen die Kulturarbeit der letzten Jahrhunderte einfach weg und lassen das Gespenst des Mittelalters aus seinem Grabe erstehen; denn sie wollen den Inden völlig rechtlos machen, sie wollen ihm das Leben in Deutschland so verekeln, daß er auswandert. Und wenn er trotzdem bleiben will, soll er doppelte Steuern zahlen. Der Antisemit verallgemeinert den Fehler, den der Jude hat, sein Parvenüetum, und fetzt geschickt bei dem Gefühle des Andersseins ein, das er dann Rassegefühl nennt. Der Antisemitismus ist ein Produkt der dogmatischen und konfessionellen Erziehung. Nach dem Kriege ist er für große Kreise des Bürgertums Modesache geworden, ja die Kinder der Arbeiterkreise sind sogar davon angesteckt worden. Die kranke Seele des Volkes weiß nicht, welchen Schaden sie mit dem Antisemitismus anrichtet. Er verbittert einen Teil unseres Bolkskörpers und macht ihn unlustig und gleichgültig gegen die Wiederaufbauarbeit. Und wir müssen alle Kräfte unseres Volkes zusammenfassen und einfetzen, wenn wir wieder emporkommen wollen. Darum müssen wir aus . deutschem Interesse den Antisemitismus 'auf das schärfste bekämen. (Lebhafter Beifall.) Den zweiten Vortrag hielt Otto Krebs über „Arbeiterschaft und Antisemitismus". Er wies aus der Geschichte der Arbeiterbewegung nach, daß die Arbeiterschaft den Antisemitismus immer abgelehnt habe; sie lehnt ihn auch heute ab, weil er dem Artikel der Weimarer Verfassung, die hauptsächlich durch die Arbeiterschaft erkämpft worden ist, widerspricht, nach dem alle Glieder des Staates, also auch die jüdischen, vor dem Gesetze gleich sein und die gleichen Rechte haben sollen. Zum Schluffe sprach Fräulein Beckmann noch über „Die Frauen und der Antisemitismus" und bekämpfte vom demokratischen Standpunkte aus den Antisemitismus ebenfalls. An die drei Vorträge knüpfte sich eine kurze Aussprache an. Reichsminister a. D. Dr. G. Gothein wurde zum 1. Vorsitzenden wiedergewählt. Mit einem Dank an die Leitung der Versammlung wurde dann die..^auptversammlzzng geschlossen,, < . ' >. Hamburg. 70. Geburtstag des Oberrabbiners Dr. Leimdörfer. Oberrabbiner Dr. Leimdörfer vollendete am 17. September fein 70. Lebensjahr, ein Ereignis, das nicht nur in seiner Gemeinde, sondern in weitesten Kreisen der hamburgischen Bevölkerung die lebhafteste Beachtung fand. Denn seine Hilfsbereitschaft beschränkt sich nicht n'ur aus den Kreis feiner Glaubensgenossen, sondern erstreckt sich auf die Allgemeinheit, wo immer es zu helfen gilt. In Ungarn geboren, kam er nach Vollendung der Universitätsstüdien in Wien nach Nordhausen, und von dort nach achtjähriger Tätigkeit im Jahre 1884 nach Hamburg, wo er dank seiner seelsorgerischen und rednerischen Fähigkeiten, dank seinergroßen Gelehrsamkeit und feiner hervorragenden Persönlichen Eigenschaften schnell tiefe Wurzeln schlug und sich große Achtung erwarb, nicht zuletzt auch in den Kreisen der Geistlichkeit der übrigen Konfessionen, in denen sich zum Teil die Achtung in Freundschaft wandelte. Ueber ein Menschenalter hat er so segensreich gewirkt als Gelehrter, als Geistlicher, als Pädagoge und Bürger. In der Synagoge fand km Räumen des Sabbat- GotteÄnenstes eine Feier statt, bei der der Amtsbruder Leimdörfers, Rabbiner Dr. Sonderling, sprach. In der Predigt, die der Jubilar sodann hielt, bewies er durch seine zündenden Worte, durch feine gehaltvollen Ausführungen, daß „der Kampf mit dem Alter", zu dem er sich nun anschicken müsse, ihm vorläufig nicht zu schwer werde. Sein Gelöbnis, auch fernerhin fein Bestes seiner geliebten Gemeinde zu geben, die ihn am heutigen Tage in großartigster Weise geehrt und beschenkt habe, löste tiefe Bewegung aus. Der Vorstand der Gemeinde verlieh dem Jubilar den Titel eines Oberrabbiners. Berlin. Antisemitische Rohlinge. Mit dem Kampfruf „Haut die Juden!" zog rat Februar dieses Jahres fast allabendlich eine Horde Hakenkreuzler durch den Kursürstendamm. Dabei wurden dann jüdische Passanten in gemeinster Weise beschimpft und geschlagen. Die Polizei war diesem Treiben gegenüber fast machtlos, denn die Energie, die gegen Arbeiter aufgebracht wird, wollte mau diesen antisemitischen Studenten gegenüber nicht anwenden. Als es eines Tages doch zu Verhaftungen kam, wurde nicht etwa einer der Hakenkreuzler festgestellt, sondern ein angegriffener jüdischer Student. Bei der Verhaftung hatte dieser in dem Glauben, einen Hakenkreuzler vor sich zu haben, dem die Verhaftung vornehmeUden Kriminalbeamten erklärt, daß er vorher verlange, daß dieser sich ausweise. Nach der ordnungsmäßigen Legitimation des Beamten ging die Feststellung vonstatten. Die Gerichte, die bisher keine Zeit gefunden haben, gegen die Landfricdensbruch treibenden antisemitischen Studenten vorzugehen, erhoben gegen den jüdischen Studenten eine Anklage wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dieses Verfahren endete am Dienstag vor dem Charlottenburger Schöffengericht nach Vernehmung von 15 Zeugen mit einem Freispruch. Die jüdischen Mitbürger, die durch die Polizei vor solchen Ueberfällen geschützt werden müßten, werden einer peinlichen Anklage ausgefetzt, während die antisemitischen Rohlinge unbehelligt ihr Treiben fortsetzen können. Eine solche Gerechtigkeit muß bei der benachteiligten Seite den Glauben an die Unparteilichkeit der Justiz vernichten. Breslau. Einfachheit und Zurückhaltung. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Angesichts der bevorsichenden Feiertage ist es im Hinblick ans die emste politische und wirtschaftliche Situation unseres deutschen Vaterlandes selbstverständliche Pflicht, in Kleidung und Verhalten alles zu vermeiden, was irgendwie über den Rahmen eines angemessenen FesttagZgewandes hinausgeht, nach einem völlig unangebrachten und häßlichen Lurus aussieht und geeignet ist, den Mischen Namen in den Augen unserer andersgläubigen Volksgenossen hewbznfttzen. Vom jüdisch-theologischen Seminar. Herr Professor Dr. Michael G u t t m a n n in Budapest hat einen Ruf an das Breslauer jüdisch-theologische Seminar als Nachfolger des jüngst verstorbenen Seminar. Rabbiners Dr. Horowitz erhalten und angenommen. Professor Guttmann steht im 49. Lebensjahr und hat sich durch eine Reihe von Veröffentlichungen aus dem Gebiete der Talmudwissenschaft, insbesondere durch die ersten zwei Bände einer von ihm verfaßten talmndischcn En.chklopädie einen bedeutenden Namen gemacht. Eine Erweiterung des Lehrstoffes am Seminar wird insofern eintrcten, als auch neuhebräische Sprache und Literatur gelehrt werden wird. — Die Verteilung der Fächer aus die einzelnen Dozenten wird etwa die folgende sein: Professor Guttmann: Talmudische Fächer-, Dr.' Heinemann: Religions-Philosophie des Mittelalters, hebräische Grammatik, Homiletik; Dr. Lewkowitz: neuere Religions-Philosophie, Pädagogik; Dr. Rabin: Bibeleregese, ji'dische Geschichte, Neu-Hebräisck. Nähere Mitteilungen über die Vorlesungen bleiben Vorbehalten. DaS Frauenkomitee der Hilfsaktion für die Ukraine veranstaltet in der kommenden Woche eine Sammlung zugunsten unserer verfolgten Glaubensgenossen in der Ukraine. Wir weisen auf diese Veranstaltung mit der Bitte, sie nach besten Kräften zu fördern, hierdurch hin. Generalversammlung de» Aentralverelns deutscher GtaatS» bttrger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe BreSlau. Am 24. d. Mts. fand im Saale der Gesellschaft der Ereunde die Generalversammlung der Ortsgruppe Breslau att. Der Vorsitzende, Justtzrat H i r s ch b e r g , nahm in seinen Ausführungen Stellung zur Ostjudenfrage und zum Verband nationaldeutscher Juden. Man müsse verlangen, daß die Ostjuden nicht etwa anders behandelt würden, als andersgläubige Ausländer; dies liege um des Eindrucks im Auslände willen im Interesse der deutschen Politik. Auch heute lasse die Behandlung trotz der politischen Umwälzung durchaus noch zu wünschen übrig. Die Zahl der zugezogenen OstjUden werde bet weitem überschätzt, wobei man nicht übersehen dürfe, daß ein bedeutender Teil von der deutschen Regierung während des Krieges zu Krivgsarbeit ins Land gezogen worden sei. Von denjenigen, die sich hier im Inland« in Widerspruch zu den Gesetzen stellen, rücke der Zentmlveretn mit aller Entschiedenbeit ab; im übrigen aber trete er selbstverständlich und zwar in Zusammenhang mit der Tätigkeit des dazu eigens geschaffenen Arbetterfürsorgeamtes für die Ostjuden ein, soweit es vom Gesichtspunkt der deutschen Interessen zu geschehen habe; er wirke daraus hin, daß die Ostjuden Deutschland mrr als Durchgangsland betrachten. — Bezüglich der Stellung zu der Naumann'schen Bewegung, dem Verband nationaldeuischer Juden, faßte der Redner sich dahin zusammen, daß der Zentralvevcin den Verband als überflüssig betrachte und auf dem Standpunkt stehe, daß das deutsche Judentum untergehe, wenn die Grundsätze Naumanns sich verbreiten würden. Im Anschluß daran gab Rechtsanwalt F o e r d e t einen längeren Bericht über die' Tätigkeit der Ortsgmpve in den letzten Jahren, wobei er mit überaus reichhaltigem Material die Quellen aufdeckte, aus denen hier in Schlesien der Antisemitismus fließt, und andererseits darlegte, in welcher Weise und mit welchen erfreulichen Erfolaen es arlinge, den antisemitischen Bestrebungen, sei es in der Rei^bswehr, unter der Jugend, oder in der Justiz, entgegenzufreien. An die eindrucksvolle, begeisternde Mahnung des Schatzmeisters, Herrn John L e v i . den Kampf des Vereins durch reichliche Spenden und erhöhte Beiträge nach besten Kräften zu fördern, schloß sich die Neuwahl des Vorstandes. Industrieschule für israelitische Mädchen. Auf Einladung des Lehrerkollegiums hatten sich am letzten Sonntag vormittags eine größere Anzahl früherer Schülerinnen im Klübzimmer der Lessingloge zusammengefunden zu einer ernsten Beratung über das Schicksal der Schule. Hauptlehrer Moops setzte in einer kurzen Ansprache auseinander, daß es die Pflicht derer sei, die einst die Grundlagen ihrer Bildung und damit ihrer zetzigen Lebenslage in dieser Schule erworben haben, nun auch für den Fortbestand der gefährdeten Anstalt zu sorgen. Seine Worte sielen auf guten Böden; denn nach einer langen Aussprache, in der die gleiche Meinung, die Schule, die so viel Segen gestiftet und weiter stifte, müsse unbedingt erhalten bleiben, einigten sich alle Anwesenden dahin, in die Hilfsarbett einzutreten und sowohl in ihrem Bekanntenkreise einmalige Beträge zu sammeln, wie auch Mitglieder zu werben. Mit gutem Beispiele vorangehend, zeichneten sich all:, einige mit namhaften Beträgen, in die Mitgliederliste ein und spendeten zugleich namhafte einmalige Beiträge, die in ihrer Gesamtsumme mehr als 3000 Mark betrügen. Es steht zu hoffen, daß es dem Eifer der Werbenden gelingt, weite Schichten für die Erhaltung der Schule zu interessieren. Die Freie jüdische Volkshochschule beginnt ihr 5. Halbsemester am 1. N.cjbeniber d. Js. mit einem reichhaltigen Programm. Wir weisen auf das im Inseratenteil unserer heutigen Ausgabe erscheinende Vorlesungsverzeichnis noch besonders hin. . . Die Preise für koscheres Fleisch. Die unter den Gcmeindemitgliedern laut gewordenen Klagen über zu hohe Preise für koscheres Fleisch (vergleiche auch Eingesandt in der Jüdischen Volkszeitung vom 26. 8. 1921» haben den Vorstand zu sofortigem Einschreiten veranlaßt. In seinem Aufträge hat der Verwaltungsdirektor Dr. Rechnitz in einer Unten.düng mit dem Dezernenten der Prcisprüfungsstelle der Provinz Schlesien, Oberregiemngsrat Dr. Schröder, die rechtlichen Grundlagen für ein Eingreifen der Gemeinde erörtert. Die Preisprüfungsstelle hat es dankbar begrüßt, daß die Gemeinde dir Feststellung von Richtpreisen für koscheres Fleisch übernehmen will und zugefagt, die Unterlagen für die Kalkulation der christlichen Fleischer der Gemeinde zugänglich zu machen. Da die Richtpreise für nicht koscheres Fleisch aber gerade neu geprüft wurden, hat sich die Ueberseudung der Kalkulation stärk verzögert. Nunmehr hat die Ritualkommission einen Ausschuß aus 3 Mitgliedern und 3 Stellvettretcrn gewählt, und zwar je einen Vertreter aus dem Kreise der Ritualkommission, der Großviehhändler und der .Hausfrauen, welcher untev Zuziehung der erforderlichen Sachverständigen die Richtpreise für koscheres Fleisch feststellcn wird. An den Verbrauchern wird es liegen, daß diese Richtpreise auch praktisch werden. Die Gemeinde wird selbstverständlich alles tun, um die Fleischer zu veranlassen, sich an diese Richtpreise zu halten. R. daß er so lange Zeit nur an seine Schiffe und Waren, und nicht an Gott gedacht hatte. Der stetig sich verändernde Einwechselungssatz umbrischer Zechinen war ihm wichtiger gewesen als das heilige Gesetz, nach dessen geistigem Besitz zu streben einstmals sein höchstes Ziel gewesen war! Als sie gebetet hatten, ließ ihn der Rabbi allein, aber trotz großer Müdigkeit konnte Jakob nachts nicht schlafen; hier an der Stätte eines früheren, besseren Seins dünkte ihm der Inhalt seines Lebens, das er im Süden geführt hatte, hohl und schal; er fühlte eine große Verlassenheit und fand sich leer und bar in seiner Seele, wie die fortgeworfene Schale einer Frucht ohne Saft und ohne Süße. Er sah sich im Zimmer uni; als er an der Tür die Mesuso sah, im Wandschrank den mächtigen, siebenarmigen Leuchter und den reichverzierten, oben in einer Krone zusammenwachsenden Gewürzbehälter, von dem noch ein leiser Duft ausging, umfingen ihn wieder alte Erinnerungen. Diese Gegenstände waren in seinem Wohnhause am levantinischen Hafen nicht zu finden! In aller Frühe stieg er hinunter ins Wohnzimmer, und in Gemeinschaft mit dem Baal-Schem umschlang er Haupt und Arm mit den Gebetriemen, wie er als Knabe getan hatte. An diesem Tage gab es viel Arbeit in Kitow; in allen Häusern wuvden die Zimmer gereinigt und geschmückt; u;an bereitete sich vor, die hohen Tage würdig zu empfangen. Ein goldenklarer Herbsttag mit tiefblauem Himmel sonnte sich über dem kleinen Städtchen und leuchtete seinen Bewohnern bei allen Vorbereitungen zum Rausch-ha- Schonoh. Jakob begleitete den Rabbi bei allen Gängen; — in ifjm war ein freudiges Verwundern darüber, daß sein Lehrer mit keinem Worte nach seiner Vergangenheit fragte; — ein mildes, verstehendes Lächeln nur spielte um den Mund des Meisters. Am Ercw Jontef, nachdem Jakob mit dem Baal- Schem aus der Synagoge gekommen war, saß er noch lange grübelnd und finrtcnb in seiner Giebelstube. Volles Mondlicht füllte den Raum. Es war schon sehr spät, als der Rabbi noch zu ihm hereintrat. „Kannst Du Dich noch erinnern, Jakob?" fragte er ihn und zeigte ihm ein vergilbtes Blatt Papier. Jakob mußte lächeln; es war ein altes Bild, das Josef Pirkes, der Maler und der kunstsinnige Erbauer des Gotteshauses, einst von ihm gezeichnet hatte, und das der Meister Wohl als Andenken aufgehoben hatte. Der Baal-Schem lächelte sonderbar, stellte das Bild auf den Tisch und strich seinem Schüler wieder gütig über die Stirn. Dann ging er hinunter. Oben war es nun ganz still. Die Kerze war heruntergebrannt und verlöscht. Jakob saß auf dem Beltrand und starrte ans das alte Bild, das der Mond in sein magisches Licht getaucht hatte. Er erblickte sich, wie er einst ausgesehen hatte, — jung, begeistert, gottestrunken, lernbegierig, das Haupt voll schwarzem, lockigem Haar. Dann fühlte er, wie ihm die Lider schwer wurden, und wie große Müdigkeit auf ihm lastete. Er wußte nicht, wie lange er so dagesessen oder gelegen hatte. Da — was war das? — Welch seltsamer Zauber trieb seine Possen mit ihm?! — Sein Bild auf dem Tffche, sein einstiges Ich, wurde auf einmal lebendig, wuchs, nahm Gestalt von Fleisch und Blut an und setzte sich traurig lächelnd zu ihm. — „Ei, sieh da! — Jakob, bist Du auch einmal zurückgekehrt? — Mit aller Inbrunst habe ich danach gerungen, die göttliche Lehre in mich aufzunehmen, nach innen zu leben und nicht nach außen! Dem großen Meister unten wollte ich nacheifern, mn fromm, gütig und wissend zu werden, wie er! — Nud Du? — Ich glaube, Tu tatest vieles, was Du eigentlich garnicht tun mußtest. War es notwendig, daß der Erwerb von Gut und Geld nur Deine einzige, rastlose Sorge bildete? — Was tatest Du, um das Gottesgeschenk zu erlangen, das nur die Begnadeten verdienen? — Bald wird der Tag kommen, an dem Deine Asche sich mischt mit dem Staube von anderen! Lebtest Dr; so, daß Du morgen ruhig für immer von hinnen gehen könntest?" — Plötzlich schlug einer Flamme gleich die Reue in Jakob empor, er begann weinen und erwachte davon, — das alte Bild auf den; Tisch stand unberührt da, wie es der Meister am Abend zuvor hingestellt hatte. — Tie Nacht war vorüber. Ans der Treppe draußen hörte er die Tritte des Baal- Schem, der ihn unn Gottesdienst abholen kam. „Rabbi!" rief Jakob klagend —. und er beugte sich niederund begann zu schluchzen, „viel Schuld habe ich an mir erschaut, falsch und verfehlt war bisher mein Leben, nur ein eitles Haschen nach Wind, ohne Sinn und ohne Ziel! — Und nun ist es zu spät, mn zu sühnen!" —. Aber der Baal-Schem hob ihn^HMpor, zog ihn liebreich zu sich heran und wies durch das Fenster auf den Himmel, an dem das erste Morgenrot erglomm. Leise tröstend sprach er: ,Jaum-ha-din! — Der Tag des Gerichts bricht an! Aber er ist noch nicht vorüber! Es ist noch nicht zu spät! Ein neues Leben sollst Du fortan führen. — Ein neues Leben! — Bald werden die Schofarklänge ertönen! Kleide Dich fertig an, komm mit mir beten, mein Sohn, und verzage nicht!"