Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 43 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ttnu wären sie Führer gewesen, dann Hallen sie kein Volt gehabt — das war das andere und das Ausschlaggebende. Ihre Wirksamkeit war ans die dünne Oberschicht der Intellektuellen beschränkt, .das Volk aber stand im anderen Lager. Das ist in den letzten Jahrzehnten anders geworden, aber die Lage des Liberalismus hat sich trotzdem nicht wesentlich geändert. Wohl hat der liberale (Gedanke weitere Kreise erfaßt, insofern die Loslösung von der Orthodoxie immer weiter um sich greift und der Uebergang zum Zionismus noch nicht so stark geworden ist, daß man von einer Massenbewegung sprechen könnte.' Aber der Liberalismus hat es nicht verstanden, die Gunst der Verhältnisse auszunutzen, die Liberalen zu organisieren und ihrem religiösen Denke n und Fühlen einen Positiven Gehalt zu geben. Wir stehen vor der beschämenden Tatsache, daß der Liberalismus des einen Teils gleichbedeutend ist mit Jndifferentismus oder Negativismus, während wertvolle Elemente der Liberalgesinnten offenkundig mit einer gemäßigten Orthodoxie sympathisieren, deren Selbstsichcrheit und S c l b st b c w u ß t s e i n ihnen Vertrauen und Achtung a b n ö t i g t. Diese Liberalen aber müssen der Grundstock des Liberalismus werben, an dessen Schaffung wir arbeiten. Wir können sie aber nur gewinnen, wenn wir an unsere Spitze Männer stellen, die nicht nur als Persönlichkeiten und Politiker, sondern auch als Juden Vertrauen einflößen. Orthbdoxe und Zionisten wählen ihre Führer aus den Tüchtigsten und Bewährtesten, zu denen die Geführten aufblicken. Daß das bei uns Liberalen auch immer so wäre, wird kein ehrlicher Mensch behaupten wollen. Demokratie ist bei den als Denrokraten so übel beleumundeten liberalen Juden durchaus noch keine Selbstverständlichkeit. Bei uns sprechen andere Imponderabilien mit. Mit Vorliebe sucht man gerade dem Judentum Entfremdete „heranzuziehen", nicht etwa, indem man ihnen Gelegenheit zur Bewährung gibt, sondern indem man sie — eben aus Rücksicht auf di erwähnten Imponderabilien — an führende Plätze stellt Mir ist ein Fall bekannt geworden, in dem man den Vorsitz in der Gemeinde einer Persönlichkeit angetragen hat, die ihre Söhne nicht einmal in das Judentum hat aufnehmen lassen. Man stelle sich als Kirchenvorstand einen Protestanten vor, der seine Kinder nicht taufen läßt, und die ganze Ungeheuerlichkeit jenes Falles wird einem zum Bewußtsein kommen. In keiner Gemeinschaft wäre so etwas möglich, nur liberale Juden sind so — vorurteilslos. So lange wir aber unseren Liberalismus selbst nicht ernst nehmen, können wir nicht erwarten, daß die Gegner in ihm einen berechtigten Faktor des jüdischen Lebens erblicken. Als geistige Bewegung kann der religiöse Liberalismus seinen Schwerpunkt natiirlich nicht in der Organisation oder der Gemeindepolitik finden, sondern nur im geistigen Leben seiner Bekenner. Dessen Pflanzstätte ist aber die Schul e. Wir Haben aber, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, keine liberalen Religionsschulen. Gemeinden, zu dreiviertel, vielleicht auch neunzehntel liberal, schreiben Rabbiner- und Lehrcrstellen für „gesetzestreue" Bewerber aus und organisieren den Religionsunterricht dementsprechend. So hat der weitaus größte Teil der liberalen Jugend, bczw. der Jugend liberaler Ellern, einen orthodoxen oder bestenfalls einen gelegentlich abgedämpften, den /Verhältnissen Rechnung tragenden" Religionsunterricht. Nun will ich nichts gegen den orthodoxen Religionsunterricht sagen, das ist ja gar nicht unsere Sache. Aber er ist nun einmal nicht der Religionsunterricht, den wir brauchen. Unsere Jugend fügt sich dem Zwang, so lange sie unter Vormundschaft steht. Im Augenblick der Freiheit wirst sie das, was ihr als Bürde erscheint, ab und dann erleben wir den Abfall oder die Abwanderung ins zionistische Lager. Was bleibt, ist gekennzeichnet durch Jndisferentismus und Ignoranz. So erzieht „man" nicht unseren Nachwuchs, nein, so erziehen wir ihn selber. Nostra culpa, nostra maxima culpa! Daß wir auf diese Weise keine Gesundung des Liberalismus herbeiführen, ist klar. Wollen wir aber wirklich bewußte Juden auch als liberale Juden fern, oann muffen wir vor allem einen bewußt liberalen Religionsunterricht haben. Unsere Rabbiner und Lehrer müssen das Rc'ht haben, liberal zu sein und sich in liberalem Sinne auszuwirken. Wenn wir nicht das Vertrauen zu unserer liberalen Ueberzeugung haben, daß man auf ihr eine jüdischreligiöse Erziehung aufbauen kann, dann haben wir eben keine Existenzberechtigung. Nur die liberale Religionsschule gewährleistet uns die Einheit von Schule und Haus, Lehre und Leben, die heute aber durchgängig mangelt und deren Mangel daran schuld ist, daß unser gesamtes religiöses Leben von der großen Lüge beherrscht wird. — Nun bin ich mir wohl bewußt, daß die Erringung unserer Notwendigkeiten mit großen Schwierigkeiten verbunden sein kann, wenn man nicht einen rücksichtslosen Trenuungsliberalismus das Wort reden will. Das wäre aber angesichts der gegenwärtigen Lage des Judentums eine Versündigung an der Gesamtheit. Rücksichten werden sich nicht umgehen lassen, aber sie dürfen nicht zu einer blinden Unterwerfung unter die Diktatur einer Minderheit führen. Denn das Problem des religiösen Liberalismus i nicht nur unsere Angelegenheit, sondern eine solche des Gesamtjudentums. Nur noch Teile sind entweder orthodox oder zionistisch; sie stehen an den Flügeln. Die Masse aber, das Zentrum, ist liberal. Versagt darum der Liberalismus, dann muß das Judentum auseinanderbrechen. In dem Grade nun es uns gelingt, die Masse der Liberalen zu einem festen, selbstbewußten Gebilde zusammenzuschweißen und dieses Gebilde mit frischpulsierendem Leben zu erfüllen, in dem Maße schaffen wir nicht nur Persönlichkeitswerte, nein, in demselben Maße leisten wir eine gesamtjüdische Arbeit, die als schwere Verantwortung auf uns lastet. Die Gelegenheit ist günstig! Trotz schwerster Befehdung von außen mag es wenige Perioden in der neueren jüdischen Geschichte gegeben haben, wo der Stolz, ein Jude zu sein, so berechtigt war, wie in dieser Zeit des Rassenhasses und der Völkervernichtung, des Zusammenbruchs üner Scheinkultur, einer Zeit, da Lüge und Treulosigkeit, 'errat und Gewalt unverhüllt als Grundlagen der neuen Leltordnung gepriesen werden. Und ein Sehnen und Suchen nach neuen Werten geht durch die Menschheit, vornehmlich die kommende. Von uns erwartet sie Erfüllung und Führung. Lassen wir sie nicht vergebens hoffen! Ru-olf Cucken. Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Es mag im Grunde genommen von einseitigem Denken zeugen, immer nur das spezifisch Jüdische ins Auge zu fassen und darüber die großen Zusammenhänge und inneren Verkettungen der Geschehnisse zu vernachlässigen. Aber wenn ein berühmter Gelehrter den Verbrauch der Seife als Gradmesser der Kultur ansehen zu müssen glaubte, so dürfen wir antisemitisches Denken als Maßstab für den religiös-sittlichen Standpunkt Gebildeter, Halbgebildeter und Ungebildeter betrachten: Ern Mann wie Eucken ist erhaben über alle Rassen-, Klassen- und Religionsvorurteile, „ist frei von aller konfessionellen Enge". Diese Auffassung gewinnen wir aus seinen „Lebenserinnerungen" (Verlag K. F. Koehler, Leipzig 1921), deren Lektüre jedem Weiterstrebenden hohen Genuß bereitet. Wir beobachten ein stetes Ringen und Kämpfen um eine einheitliche Welt- und Lebensanschauung, auf ethischen Grundsätzen beruhend. Es war hierbei ganz naturgemäß, daß der Gelehrte in dem „Kampf um einen geistigen Lebensinhalt" sein Hauptaugenmerk auf das Problem der Religion gerichtet hat und angesichts der starken Empfindung der Unwahrhaftigkeit der gegenwärtigen Lage der Religion den „Wahrheitsgehalt der Religion" priifte, um den unvergänglichen Kern in möglichster Ursprünglichkeit herauszustellen. Wie auf religiösem, so galt es auch auf philosophischem Gebiete, dem Leben einen Inhalt zu geben, es galt, „eine innere Verbindung zwischen dem Menschen und dem All herzustellen und ihm dieses zum geistigen Besitz zu geben. In dieser Richtung haben Männer ersten Ranges, wie Spinoza und Leibniz, gew:rN uno es sind kühne Gedankengebäude daraus hervor, gegangen." Wir erwähnen dies ganz besonders gegen antisemitische Gelehrte — fit venia verbo —, die Spinozas Ruhm — weil erIude war — verdunkeln möchten. —* Es geht aus den Lebenserinnerungcn nicht hervor, daß Eucken mit jüdischen Gelehrten in freundschaftliche Be. Ziehungen getreten ist. Interessant ist ein Erlebnis, das E. aus seinen ersten Kinderjahren erzählt, das aber mehr auf seine Mutter als auf ihn einen dauernden Eindruck machte. Auf einer Reise mit seiner Mutter trafen sie „in der Post von Gifhorn nach Celle mit einem würdigen Rabbiner zusammen", der sich mit seiner Mutter unterhielt; dann ergriff er ihn, legte seine Hand auf seinen Kopf und segnete ihn. „Er sagte: Er wird durch ferne Länder gehen, und er wird Großes im Dienste Gottes leisten." Der Name des Rabbiners wird nicht genannt. Es war 1850, E. zählte 4 Jahre. Um diese Zeit waltete der selige Landrabbiner Dr. Meyer in Hannover seines Amtes, der vielleicht da- 'nals auf einer Inspektionsreise sich befand. Absichtlich ollen wir noch Notiz nehmen von einer Bemerkung, die ch auf die finanziellen Verhältnisse nach dem Tode seines Vaters bezieht: „Von Jahr zu Jahr wurde eine kleine Summe zurückgelegt, die ein sorgsamer Berater aus altüdischem Geschlecht, mit dessen Enkel mich ein freundschaftlichcs Verhältnis verknüpfte, fürsorglich verwaltete." Auch hier wird kein Name genannt. Freundschaftlichen Verkehr pflegte er später bei seinem Aufenthalt in Frankfurt a. M. mit dem berühmten Naturforscher Schleiden. Wir gedenken dieses ausgezeichneten Mannes hier aus dem Grunde, weil er zur Zeit der Hochflut der antisemitischen Bewegung durch die folgenden Schriften für das Judentum in die Schranken trat: „Die Romantik des Martyriums bei den Juden" (Leipzig 1878), und „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter" (Leipzig 1879). Ehre seinem Andenken! Zweifellos zählt Rudolf Eucken zu den edlen Männern, die in dem Chaos unserer Zeit, in dem unseligen Parteigewirr durch ihre erhabene religiös-sittliche Lebensauffassung eine führende Stellung einzunehmen verdienen, um einen Aufstieg unseres zu Boden gestreckten Vaterlandes anzubahnen. flus -rm Reich. Hamburg. Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Im großen Saale des Curiohauses hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus unter starker Beteiligung seiner Mitglieder und Freunde seine jährliche Haupwersammlung ab, u. a. waren auch die Senatoren Dr. Nöldeke, Carl Cohn und Gruenwaldt erschienen. Eine offizielle Vertretung hatte der Senat zu seinem Bedauern nicht entsenden können; er hatte aber den Verhandlungen einen guten Erfolg gewünscht, wie der Vorsitzende, Reichsminister a. D. Dr. Georg G o t h e i n (M. d. R.) in seiner Begrüßungsansprache' milteilte und' dann der im letzten Geschäftsjahre verstorbenen besonders verdienten Mitglieder des Vereins, u. a. des Geh. Justizrats Dr. Friedmann, des Stadtrats Flintsch aus Frankfurt a. M. und Friedmann-Berlin in ehrenden Worten gedachte. Dann wandte er sich der Bekämpfung des Antisemitismus zu, dieses Krebsschadens an dem deutschen Volke, der aus falschem Nationalismus, der eine Parodie auf den Patriotismus sei, entstand. Wie arm wäre die deutsche Kultur, wenn wir das entbehren müßten, waZ unsere jüdischen Mitbürger für sie geleistet haben. Wir kämpfen gegen diese Bewegung, weil wir die Sittlichkeit des Volkes wicderherstellen wollen. (Lebhafter Beifall.) C. Göbel begrüßte die Versammlung im Namen der deutscher: Jugendbewegung, die in ihrem überwiegenden Teile den Antisemitismus aus das schärfste verurteilt. Dr. Holländer sprach im Namen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, und Dr. U r i a s im Namen des vaterländischen Bundes jüdischer Frontsoldaten der Versammlung die besten Wünsche für erfolgreiche Verhandlungen aus. Dag ües Gedenkens. Eine chasiidischc Geschichte von Ino Gaßmann. Jakob Zewi, 'der Großkaufherr, dessen Galleoner: vom goldenen Byzanz bis nach Venedig segelten, dessen Gedanken jedoch nur auf Mehrung seines Reichtums und nicht auf den Schöpfer aller Dinge gerichtet waren, saß einsam, müde und versonnen, das Haupt in die Hand gestützt, in seiner Schreibstube am Ponto und blickte in das golden flirrende Abendrot über den: Meere und auf die rostfarbenen Segcltücher der heimkehrenden Fischerboote. Seit einiger Zeit fühlte er, wie er alt geworden war, die Hände zitterten ihn: oft, die Augen erkannten nicht rnehr die Schriftzüge auf den Pergamentrollen, die Nachrichten von der glücklichen Heimkehr seiner mit allen möglichen Maren beladenen Karavellen erfreute ihn nicht mehr; — nutzloser Tand dünkten ihm seit kurzein alle Kostbarkeiten, die sich in seine!: Gewölben häuften. — Und er gedacht« seiner Jugendzeit und seiner Heimat im Norden: Bunter Herbst leuchtete Wohl jetzt über Kitow am Czermogia, wo er in Aruurt und Dürftigkeit seine Jünglingsjahre verbracht hatte. — lieber ihn kam eine seltsame Sehnsucht nach der: längst versunkenen, halb vergessenen Zeiter:, da er den Worten seines geliebten Lehrers, des großen Rabbi Baal-Schcm, gcla!:scht hatte. — Bald würde man in denr lieben, kleinen Städtchen wieder begirmen, die großen Tage zu feiern, die Tage der Gnade; aus allen Dörfern zogen dann die Juden dorthin, um ii: inbrünstiger Erhebung der betenden Gemeinde vor Gott zu stehen. Und Jakob sah im Geiste die Wagen Vorüberrolle!:, sah tausend Andächtige darin in Festgewändern, die dem Tage der Erneuerung entgegcueilten, dem Tage des Anfangs, da im Buche des Himmels geschrieben wird der Menschen Taten und ihre Lösung. Und während draußen im Garten die Reseden balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren ruhevollen Gang antraten und das Murmeln des sich verdunkelnden Meeres, leise herausdringend, zur Seele sprach, wurde das Ohr Jakobs hell und wach. Die Stimmen des Jugendlandes drangen zu ihm; sie langten an sein Herz und weckten es auf; ihm wurde klar, daß er sich auftun müsse, um ihn einmal wiederzusehen, den großen Meister, dessen Ruhm die Welt erfüllte, und von dessen Leben und Wirken die Wanderer, die über die Alpen zum blauen Meere hinunterstiegen, wundersame Mären erzählten. Wieder wollte er weilen an der Stätte, da er in Israels heiligen Büchern gelesen hatte. Jakob gab Anweisungen für lange Abwesenheit und ordnete alle seine Verrichtungen; dann wcmderte er zuerst mit einer Reisegesellschaft, schließlich allein, über den rauhen Gebirgspaß. Traurig, aber aufrecht verließ er das farbenstrahlende Sonnenland, und nach längerer Reise langte er in der alten Donaustadt an. Der Mond hatte schon fast einmal gewechselt, als der einsame Wanderer zu den: dichten Walde kam, der ihn von seinem Ziele trennte; übermorgen!var der Jaum-ha-sekuraun, der Tag der Selbstprüfung; er würde noch zur rechten Zeit komrnen, um die leuchtenden Stunden in seiner GMrtsstadt zu verbringen. Und richtig, wie er durch den Wald fürbaß strich, hörte er Pferdegetrappel hinter sich; festlich gekleidete Juden waren es, die in einem mit Tannengrün geschmückten Leiterwagen nach Kitow fuhren; ein altes Volkslied sangen sie, das der grauhaarige Mann einst als Kind oft gehört 'hatte; ihm wurde ganz wunderlich zumute, er erinnerte sich gut der alten Weise und sang sie leise mit. Hoch stand der Mond am Himmel, als die Bäume sich lichteten. Da lag das Städtchen, malerisch in ein sanftes Tal geschmiegt, überragt von dem hochgewölbten Gotteshaus, über dessen Tor das Mögen Dovid leuchtete. Im Hause des Baal-Scheem brannte noch Licht. Eine Zeitlang stand Jakob unbeweglich da, von Erinnerungen und Trauer überwältigt, dann schritt er zun: Häuschen seines einstigen Lehrers. Durch die Fenster sah er den Greis bei Lampenlicht über alten Büchern sitzen. Als er an den Garten kam, schlug der Hund an. Er klopfte an die Tür. „Komm nur herein, Jakob Zewi!" rief es von drinnen, „ich wußte, daß Du kommen würdest!" Von maßlosem Staunen ergriffen, öffnete Jakob die Tür, und der Meister trat ihm entgegen, als sei Jakob erst vor kurzen: und nicht vor vielen Jahrzehnten von Kitow fortgegangen. Der Greis gab ihm die Hand, strich ihm über die Stirn und sah ihn prüfend au. „Bist lange, lange fortgewesen!" Jakob brachte kein Wort hervor. — Der Rabbi war sehr verändert. Sein Rücken war gebeugt, sein Gesicht, von silberschimmerndem Bart umrahmt, war verfallen, aber als der einstige Schüler den Ehrwürdigen anblickte, gewahrte er das alte heilige Leuchten auf dem geliebten Antlitz. Plötzlich fühlte Jakob, wie ihm die Augen feucht wurden. Der Alte nahm ihm den Pelz von der Schulter, bewirtete ihn und führte ihn in das große Gastzimmer unter dem Giebel. — Wie vor vielen Jahren legte er ihm den Gebetmantel um die Schulter und sprach mit ihm das Abendgebet; ein Gefühl brenneMr.Scham überkam Jakob,