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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-09-30 · 43 (30.9.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
43 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Iüöischlibemle Zeitung D.e jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Bnu^»»ih».ikkUii«kiimiiHi«iiiM Annabmeschluß für Berichte: Montag mittag Freitag und kostet durch die Vofi ober durch die □ 3t(5(|Rion UNb drfAfifWftfllf: 8 Sprechstunden der Schrmieituno: Geschäftsstelle bezogen, vierteijüdriich Mk. 4.— 8 t H Montag di< Freliaoir-L vorm. ,n der cheschtlft-stelle. Sinzelnummer 40 Vf. 8 -VrkvMU 3 g Annaymeschlust für Anzeigen: Dienstag früh Lodlungen auf voftschearomo Breslau 423S 7, Llldlfch- Q 3tCU0 (SrQUpCnftrQfW 7, I* g Die s/, em breite MtllimelerzeNe rostet so vt* Familien. UvrraleZeitung,KastenverwaUung,L.Bayer,Breslaui ■iiimiJiiimiiimimiiiiiixixxriiiiil anreigrn40Vf. BeiMiedervoiungErmäßigungii.Larif Nr. 43 Breslau, den 30. September 1921 1. Jahrgang 9ic nächste Nummer unseres Blattes erscheint mit Rücksicht aus die Feiertage am 14. Oktober. Litten unsere Monnenten höfischst XV um Überweisung -er Vezugsgebühr für -as 4. Quartal 1921 auf Postscheckkonto Breslau I Nr.45387, E. Bayer, Kastenverwaltung-erjü-isch-liberalenZeitung Rahels Leiü un- Rahels Trost. Ein ernstes Wort zum Neujahrsfest don Rabbiner Dr. Norden. Elberftld. Die beiden Prophetenvorlesungen, die die alten jüdichen Gelehrten einst für die beiden Neujahrstage bestimmt haben, sind scheinbar sehr verschieden von einander. Die Haftarah des ersten Tages ist eine Erzählung, die des zweiten eine Rede. Die Haftarah des ersten Tages spielt zu einer Zeit, da noch die Stiftshütte, jenes vorläufige Volksheiligtum, in der Stadt Silo aufgerichtet war; die Haftarah des zweiten Tages führt uns in jene Tage, da der Tempel in Jerusalem nicht nur längst errichtet war, sondern schon kurz vor seinem Untergang stand. Eins aber haben.dir..beiden hWschen Vorlesungen ge; meinsam: beide schildern uns die Gefühle einer Mutter. Am ersten Tage lesen wir von H a n n a h. Me viele bittere Tränen hat sie Jahr für Jahr geweint, so lange sie kinderlos war! Sie konnte nicht froh sein mit den Fröhlichen. Wenn die anderen Feste feierten, mußte f i e sich zurückziehen und im stillen weinen. Jetzt aber hat Gott ihren Herzenswunsch erfüllt, jetzt hat er ihr inbrünstiges Gebet erhört, jetzt umarmt sie einen Sohn; und vergessen ist alles Leid und alle Bitternis der früheren Jahre, ihre Augen leuchten vor Freude, und ihr Herz jubelt in übergroßem Mutterglück. In der Haftarah des zweiten Tages wiederum erscheint uns Rahel, unsere Stammutter. Auch sie hat einst das Schicksal der Hannah gehabt, auch ihr war Jahre lang das Mutterglück versagt gewesen, und sie hat unendlich schwer darunter gelitten. Als sie dann ihrem ersten Sohn das Leben geschenkt, da hat sie voll Glück und Jubel gerufen: „Gott hat meine Schmach hinweggenommen." Seitdem sind Jahrhunderte dahingogangen; aus Rahels beiden Söhnen, Joses und Benjamin, sind die drei Volksstämme Ephraim, Manasse und Benjamin hervorgegangen. Aber zwei von ihnen sind aus ihrer Heimat vertrieben, und den Stamm Benjamin wird demnächst das gleiche Schicksal ereilen. Da zaubert uns nun der Prophet Jeremia Rahel vor Augen, Rahel, die Mutter der vertriebenen Stämme, wie sie bitterlich weint und keinen Trost annehmen will, denn ihre Kinder sind in die Verbannung gegangen. Gott aber ruft ihr zu: „Weine nicht länger und laß Deine Augen keine Tränen mehr vergießen. Denn es gibt noch eine Hoffnung für deine Zukunft, spricht der Ewige; d i e Kinder werden wieder heimkehren in ihr G e b i e t." Es ist ein erschütterndes Bild, das der Prophet Jeremia uns da vor Augen führt, das Bild der bitterlich weinenden Rahel, die ihre Kinder in der Verbannung weiß, und die nun den aöttlick>en Troll empfängt, daß ihre Kinder wieder heimkehren werden. Wir wollen einen Augenblick bei diesem Bilde der unglücklichen Mutter verweilen. Wir wollen uns einmal vorstellen, Rahel, die Stammutter, träte heute in unseren Kreis und gewahrte den Zustand der heutigen deutschen Judenheit: würde sie nicht weinen Tag und Nacht über unsere trostlose Verfassung? Würde sie sich wohl bereit finden, von irgend einer Seite Trost anzunehmen? Heute ist unser Zustand ja tausendfach schlimmer, als zur Zeit des Jeremia. Damals waren unsere Vorfahren durch die Gewalt des Feindes aus ihrem Gebiet, ihrem räumlichen Gebiet, entfernt worden, und Rahel konnte ihre Tränen trocknen m der trostreichen Hoffnung, ihre Kinder wüÄen früher oder später in ihr Gebiet zurückkehren. Heute aber ist unsere Lage so, daß wir a u s f r e i e n S t ü ck e n, von niemandem vergewaltigt, unser Gebiet, unser g e i st i g e s Gebiet, verlassen haben. Heute ist unsere Lage so, daß uns nichts mehr daran liegt, unsere Eigenart zu wahren und unsere Aufgabe zu erfüllen. Jüdische Eigenart war e S von jeher,Gottzu suchen,den hoch st enund h e i l i g st e n Dingen n a ch z u s 0 r s ch e n. I ü d i - sche Ausgabe war es von Anbeginn, Gott zu erkennen und ihn zu lieben und das ganze Leben einzustellen auf das Sittliche, dasJdeale. Was ist uns geblieben von dieser jüdischen Eigenart, von dieser jüdischen Aufgabe? Was haben wir von Jüdischem denn noch an uns? W i r suchen nicht mehr Gott; wir suchen nur äußere Güter. Wirerkennen nicht mehr Gott; wir erkennen nur unseren Vorteil. WirliebennichtmehrGott;wirliebennur unseren Genu ß. Nicht, als ob die jüdischen Führer ihre Pflicht nicht täten; sie tun sie nach bestem Wissen und Können. Aber wir folgen ihnen nicht. Als einst das Volk Israel während seiner Knechtschaft dem Mose nicht folgte, da konnte die Thora als Entschuldigung anführen: „Sie hörten nicht auf Mose vor Kürze des Atems und vor schwerer Arbeit." Diese. Entschuldigung trifft für' die heutige Zeit doch wahrlich nicht zu. Diejenigen Juden, welche heutzutage den Führern die Gefolgschaft verweigern, entstammen vorzugsweise solchen Kreisen, denen es eher zu gut geht als zu schlecht, den Kreisen, die keine Veranlassung haben, über Kürze des Atems und über schwere Arbeit zu klagen. Wie betätigen diese Kreise ihr Judentum? Worin erweisen sie sich als Juden? Fürwahr, träte Rahel in unsere Mitte, sie müßte weinen, bitterlich weinen, denn sie würde ihre Kinder nicht wiedererkennen. Die jüdische Eigenart schwindet immer mehr. Die jüdische Aufgabe, Gott zu suchen, ihn zu erkennen, ihn zu lieben und der Menschheit ein leuchtends Vorbild zu geben, für Reinheit der Gesinnung und Lauterkeit des Lebenswandels, diese von den S"" «n Führern, allfr Zeitzm geforderte Ausgabe wird von W M ÄVtz.ÄM sten als lästig bei Seite geschoben.' So geht es mit uns immer weiter bergab,/und drohend steht vor unseren Augen ein rühmloser Untergang. Gibt es denn nun kein Mittel, uns vor solch rühmlosem Untergang zu bewahren? Da hilft nur eines: Unsere Häuser müssen wieder jüdisch werden; unsere Kinder müssen wieder eine jüdische Erziehung erhalten. Das meine ich natürlich nicht im Sinne einer bestimmten Parteirichtung, sondern in einem Sinne, in w e l ch e m a l l e Richtungen und Schattierungen des Judentums notwendigerweis e ü b e r e i n st i m m e n m ü s s e n. Unsere Häuser haben aufgehört, jüdisch zu sein. Wo findet man ein jüdisches Buch? Wo begegnen wir einem jüdischen Brauch? Wo hört man ein jüdisches Gespräch? Wo feiert man den jüdischen Sabbat? Können aus Häusern, in denen das Judentum nicht geachtet und nicht gepflegt wird, jüdische Kinder hervorgehen? Oder glaubt man vielleicht, was das Haus verabsäumt, das könnte die Schule wieder gut machen? Und das noch in der allzu knappen Zeit, die die Schule dem Unterricht in der Religion zur Verfügung stellt? Aber stände auch die doppelte und dreifache Zeit zur Verfügung: können Lehrer Erfolge erzielen, wenn die Ellern nicht Hand in Hand mit ihnen arbeiten? In zahlreichen Fällen arbeitet das Haus geradezu g e g e n die Schule; die Schule baut auf, und das Haus zerstört. Der Lehrer der Religion müht sich mit ganzer Kraft, in die Herzen der ihm anvertrauten Jugend den Keim einer idealen, religiösen Lebensauffassung zu pflanzen. Allein sein Bemühen ist veraebl'ch, denn zu Hause sagt man den Kindern: „Mit religiösen Idealen kommt man im Leben nicht vorwärts. Wer das Leben meistern will, der muß Ideale, der muß Religion, MW-llbrraler Wrnövrttln ru Man. Am Montag, den 8. Oktober, findet keine Veranstaltung statt. Montag, den 10. Oktober 1921, abendS 8V4 Uhrr Im Saale der Gesellschaft,.Eintracht", Lauentzienstr.12 (Eingang nur Anger) Jüdisch-literarischer Abend unter gütiger Mitwirkung von Frau Paula Aarlam, Herren Kurt RellhanS und vr. Ludwig Davidsohn. Aendentngen Vorbehalten. Beginn spätest.«»- '/«Stunde nach anberaumter Zeit. Freünde und Anhänger unserer Bewegung alS Gäste willkommen. der muß sein Judentum als unzeitgemäße Träumerei an den Nagel hängen." So denkt und spricht man in weiten jüdischen Kreisen und bedenkt nicht, daß man mit solcher Lebensanschauung unserem Judentum das Grab gräbt. Wenn am heiligen Neujahrsfest der uralte jüdische Weckruf, der Schosarton, an unser Ohr dringen wird, so möge unser Ohr empfänglich sein, ihn zu vernehmen, und unser Herz willig, ihn richtig zu erfassen. Mahnend und warnend erinnert er uns an die Trostesworte Jeremias an Rahel: „Es gibt noch eine Hoffnung für Deine Zukunft, .spricht der Ewige, wenn die Kinder wieder heimkehren in ihr Gebiet." Die Kinder, Rahels Kinder, das sind wir alle. Wir alle müssen wieder heim kehren in unser Gebiet, heimkehren zu jüdischem Denken und Empfinden, zu jüdischer Le« bensauffassung und jüdischer Lebensf ü h r u n g. Jüdischer Geist muß wieder in unseren Häusern wehen, jüdische Sabbate und Feste müssen uns wieder hinausheben über die graue Alltäglichkeit, und die Gedankenwelt unserer jüdischen Geistesgrößen muß wieder unseren Geist erleuchten und unser Gemüt erwärmen. Und wenn wir auch weiterhin, wie bisher, nach dem Erwerb irdischen Gutes werden zu streben haben: so wird uns doch dann das irdische Gut das sein, was es allein sein darf, das M i t t e l zur Erhaltung unseres Lebens. Der Zweck unseres Lebens aber wird sein: Gott zu suchen, Gott zu erkennen, Gott zu lieben, und so ein Leben zu führen, vorbildlich und mustergültig für alle Welt, ein Leben voll innerer Zufriedenheit, ein Leben voll seelischen Glücks. Liberales Judentum. Von Mittelschullehrer H. Stern, Kattowitz. töfctttt die Lage des jüdisch-religiösen Liberalismus in Deütfchkänd dazu angetan wäre, seine Bekenner und Anhänger mit Befriedigung zu erfüllen, dann hätten wir zwischen 1915 und 1918 das hundertjährige Jubiläum der Bewegung feiern können. Denn als den Beginn der Reform darfman wohl die „freien Gottesdienste" Israel Jacobsons in Berlin und die Gründung der Tempel- -'gemeiude in Hamburg im Jahre 1818 betrachten. — Nun, wir haben nicht gefeiert; gewiß nicht nur aus Rücksicht aus den Ernst der Zeit, sondern in Wahrheit wohl darum, weil niemand daran gedacht hat, daß es etwas zu feiern gäbe. Ein Beweis dafür, wie tief uns der religiöse Liberalismus ins Blut aedrungen ist. Bei Lichte besehen gibt es nicht einmal das: religiösen Liberalismus. Es gibt in Deutschland wohl Tausende und Abertausende liberaler Juden, aber keinen jüdisch-religiösen Liberalismus als organisierte Bewegung mit Programm, d. h. mit fester Grundlage, klarem Ziel und geradem Weg. Alle Versuche, diese absolut notwendige Voraussetzung jeder dauernden und zielsicheren Bewegung zu schaffen, sind jedesmal in ihren Anfängen gescheitert. Die drei Rabbinerversammlungen in den Jahren 1844 bis 1848 haben wohl zur Klärung und Ausbreitung des religiös-liberalen Gedankens viel beigetragen, ahkr ein Programm oder gar eine Organisation haben sie nicht zuwege gebracht. In dieser Hinsicht blieben auch die neuzeitlichen Richtlinien erfolglos. Also in hundert Jahren keine eigentliche Entwickelung, keine Konsolidierung und Organisierung! Schon darum mußten wir den anderen jüdischen Richtungen gegenüber, der Orthodoxie und dem Zionismus, von vornherein ins Hintertreffen geraten. Wie ist das gekommen? - Stebt man vor einer solchen ungeklärten geschichtlichen Tatsache, dann sucht man naturgemäß nach einem ähnlichen Vorgang, dessen Verlauf besser zu überblicken ist. Ein solches „Schulbeispiel" bietet sich uns im Vrotestantismus. Tie erste Reformation unter Luther war ein durchschlagender Erfolg, die zweite der Jatbo und Traub blieb in der Entwickelung stecken wie die jüdische: und doch war daS Bedürfnis und die Sehnsucht hier wie dort in gleichem Maße vorhanden, die äußere Lage hier sogar unverhältnismäßig günstiger als dort. Und trotzdem diese Verschiedenheit im Erfolg? — Lutber siegte, weil er ein hinreißender Führer war, weil seine Zeit noch nicht den Todeskim aller Entwickelung kannte: den Jnd i fferentismus. Man muhte noch Bekennermut haben: entweder — oder! Das Entscheidende aber war, daß seine Bewegung eine Volksbewegung war, daß er die Massen hinter sich hatte. In der Zeit der protestantischen Modernisten und der jüdischen Reform war das anders geworden. Nichts drängte zu einer klaren Entscheidung, weder Feuer und Mhwert der staatlichen und kirchlichen Gewalten, noch daS eigene Gewissen. Auch die echten Führer fehlten. Bor allem.bei uns. Die Geiger, Creizenach, Holdheim waren kluge, überzeugte und von Idealen geleitete Männer, aber keine Führernaturen. Das war das eine-

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