Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 42 (23.9.1921)
- Date
- 1921-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lästina cifttcit Kirchenstaat zu machen. (Unruhe rechts.) Jede Beschränkung der Gewiffensfreiheft iverde an denr geschlossenen Widerstand der Arbeiter Palästinas scheitern. Die jüdische Arbeiterschaft werde ihre Unabhängigkeit gegen Intoleranz bis zum äußersten verteidigen. (Stürmischer Beifall links.) Unter Stimmenthaltung der Linkm wird der Vermittelnngsvorschlag von Professor C h a j e s - Wien angenommen. Hermann Struck- Berlin erwartet, daß die Leitung nNnmchr ernstlich versuchen wird, entsprechend der Stimmung in der Mehrheit des Judentums ein wahrhaft jüdisches Leben in Palästina zu erwecken. Tann werde es gelingen, die Ideale der streng orthodoxen Juden zu wahren. Die Gewissensfreiheit wolle niemand damit beeinträchtigen. (Zustimmung rechts, Lachen links.) Gegen einen Antrag der Leitung, 5000 Pfund zu bewilligen, um durch eine Äudienkommission anerkannter Fachleute Vorschläge über neue Ko l o n is a t i o n s - in e t h o d e n in Palästina ausarbeiten zu lassen, wenden sich die Kolonisten selbst. Sie halten die Aufgabe für überflüssig. Die praktische Arbeit im Lande weide von selbst die beste Arbeitsmethode ergeben. Dr. R u s k i n, der Leiter des Palästinaamtes, erklärte, daß man vor großen Aufgaben stehe. Man müsse der Welt sagen können, daß man sich auf die Ansicht hervorragender Fachleute stütze. Der Antrag wird gegen wenige Stimmen angenommen. Zur E r n w a n d e r u n g s f r a g e wurde folgender Beschluß gefaßt: Der zwölfte Zionistenkongreß fordert die freie und uneingeschränkte Einwanderung der Juden nach Palästina als die wichtigste Vorbedingung für die Errichtung des jüdischen nationalen Heimes. Äe Regelung der Einwanderung soll durch die zionistische Organisation unter Einvernehmen mit der palästinensischen Regierung erfolgen. Zur Durchführung der Einwanderung wird eine Emigrationszentrale eingerichtet. Zu einer prinzipiellen Entscheidung über die Verwendung des Keren H a j e s s o d (Palästina-Aufbaufonds) kam es bei einem Anträge, den der Wortführer der Opposition, Julius Simon- London, der bis vor kurzem selbst der Exekutive angehörte, gemeinsam mit Hermann S t r n ck - Berlin, G o l d b e r g - Amerika und anderen eingebracht hat und der dahin geht, daß die Inhaber der Zertifikate des Keren Hajessod keinen Anspruch auf Erträgnisse aus gewinnbringercker Anlage haben, da der Keren Hajessod ausschließliches Eigentum des jüdischen Volkes sei. Der Antrag fand nur 11 Stimmen, und mit übevwiegender Mehrheit wurde ein von Dr. H a n d t k e - Berlin namens der Verwaltung des Keren Hajessod gestellter Mgenantrag angenommen, wonach die Zertifikaiinhaber des Keren Hajessod bis zu 30 v. H. ihrer Zeichnung nach Ablauf von fünf Jahi^n, wenn sich Erträgnisse ergeben, eine Dividende zugesichert erhalten. Die Schluß-Sitzung begann gegen 1 Uhr morgens. Nach langwierigen Vorverhandlungen konnten die Vorschläge für die neue zionistische Weltexekutive dem Plenum des Kongresses unterbreitet werden.' Unter Beifallskundgebungen wurden Professor Dr. Weizmann - Londvn und Nachum S o k o l o w - Paris zu Vorsitzenden der Exekutive wiedergewählt. Die deutschen Zionisten sind durch Richard Lichtheim und Professor P i ck vertreten. Außer diesen gehören der Exekntive an der litauische 'Minister S o l o w e i t s ch i k und Leo M o tz k i n - Paris, » Wladimir Iabotinski - London, sowie die Palästinenser Dr. Eder, Dr. Rnppin und U ss i s ch k in. eebm-lkriMWWN einer alten stnn. II. Fortsetzung. - Gewiß können diese Zustände für die Dauer keine Lebensfähigkeit haben, das tagt sich jeder vernünftig denkende Mensch; aber vorläufig ist wieder eine Schranke aufgetürmt worden zwischen Jude und Christ, das Dogma wird wieder bestimmend sein. Da sott man ein Kind frei erziehen! Da soll ein Kind in der Schule hören, daß die Juden nichts taugen, daß man sie aus dem Lande Hinaustreiben müßte, und dabei weiß dasselbe, daß der liebe Vater ein Jude ist; ist doch der gute Vater für ihn das edelste Beispiel, dem er nacheifern will, dem er sich bemüht, ähnlich zu werden. Das find traurige Zustände, und der freie Mann soll, wenn es in seiner Macht steht, denselben den Rücken kehren, und sich bessere schaffen. So denken wir. Mein Mann hat sich durch viele Jahre anstrengender Tätigkeit und rastlosen Fleißes so viel Vermögen erworben, daß wir von den Zinsen überall ein bescheidenes angenehmes Leben führen können, und da die nördliche Schweiz dem Deutschen nur durchaus sympathisch sein kann, so wollen wir versuchen, uns in Zürich heimisch zu machen. Du kannst Dir denken, daß es uns nicht leicht fällt, aus alten lieben Gewohnheiten zu scheiden, alle Freunde zu »nissen, aus allen innigen Verbindungen hinauszugehen; lvir haben viel, viel Liebe in Berlin genossen; ich weiß, baß dieselbe uns begleiten, aber doch sehr fehlen wird, und das bewegt uns wohl das Herz!" Schon damals bat mich der verewigte Dr. Feßler, später Rabbiner in Halle, diesen Brief zu veröffentlichen, ich lehnte es jedoch ab, da es micht im Sinne meiner Freundin gewesen wäre. Es war kaum anderthalb Jahre später, als durch den Antisemitisinus ineine hochsinnige Freundin schweres Unglück treffen sollte. Anfang März 1883 meldeten Berliner Zeitungen, daß ei»» edler, schöner, hoffnungsvoller, christlicher Jüngling in einem Streite, der sich in einem Lokale zwischen christlichen Studenten und Juden entspann, für die letzteren Partei nahm und diesen Edelmut mit dem Tode büßen mußte. Ein amerikanisches Duell wurde zwischen ihm und dem Rädelsführer verabredet; er zog das Los und hielt Wort! Wenige Tage später schrieb mir meine Freundin, jener ttesslichc Jüngling, der sein junges Leben in treuer Hingabe für seine unterdrückten Mitmenschen geopfert yatte, sei ihr Neffe gewesen, den sie Jahre lauä in Berlin in ihrem Hause erzogen hatte, den sie und ihr Mann wie einen Sohn geliebt, und nun auch ebenso heiß betrauerten. Sie war telegraphisch nach Berlin berusenGworden. und nach einer todestraurigen Fahrt von dreißig Stunden Hierauf hielt der Kongreßpräsident, Nachum S o k o - low, die Schlußrede. Er wies daraus hin, daß das jüdische Nationalheiinr kein Traum mehr sei, da man den Ausbau bereits begonnen habe. Er schloß, indem er der Regierung des Landes und der Stadt Karlsbad besonders für die Gastfreundschaft dankte. Es war 3 Uhr morgens, als der Kongreß unter dem (Äesange der jüdischen Nationalhymne an seinanderging. Jim dem Reich. Berlin. Jubiläum. James Simon, der verdienstvolle Vorsitzende des Hilfsvereins der deutschen Juden, wurde anr 17. September siebzig Jahre alt. Seit über dreißig Jahren steht James Simon im Mittelpunkt der jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen. Er betätigte sich zuerst im Vorstand des jüdischen Kurhospitals zu Kolberg, das seiner Initiative den prächtigen Neubau verdankt. Auch im Verein für jüdische Ferienkolonien hat James Simon eine rege Tätigkeit entfaltet. Im Jahre 1901 begründete er gemeinsam mit Dr. Paul Nathan den Hilfsverein der deutschen Juden zur Unterstützung der ausländischen Juden, der in Osteuropa, besonders aber im Orient, ein segensreiches Liebeswerk entfaltete. Außerdem sitzt James Simon im Berwaltungsrat der Jewish Colonizatiou Association und zahlreicher lokaler jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin. James Simon ist als feinsinniger Sammler hervorragender Bildwerke bekannt. Sein besonderes Interesse gilt dem vorderasiatischen Orient. Gemeinsam mit dem Prinzen Heinrich zu Schönaich- Carolath begründete er die Deutsche Orient-Gesellschaft, welche das bedeutendste Ausgrabungs-Unternehmen der ganzen Welt geworden ist, und schr Verdienstliches in Mesopotamien, Palästina und Aegypten geleistet hat. Die Zahl seiner Aemter in der allgenieinen Wohlfahrtspflege ist Legion. James Simon, dem 1910 anläßlich des Jubiläums der Universität Berlin der Ehrendoktor verliehen wnrde, erfreut sich körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Berlin. Der Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten, der etwa 15 000 ehemalige jüdische Soldaten des deutschen Heeres umfaßt, die ihre Dienstleistung in der Frontzonc einwandfrei nachgewiesen haben, hat seine Wirksamkeit in verstärktem Maße auf das erzieherische Gebiet ausgedehnt. Insbesondere gilt sein Kamps jetzt den üblen Auswüchsen des Luxus, der sich immer noch in -weiten Kreisen des deutschen Volkes breitmacht. In Verfolg dieses Zieles erläßt der Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten folgenden beherzigenswerten Aufruf: „Das Elend und die Trauer, die der Krieg in Tausende und aber Tausende gesenkt hat, die Entbehrungen uwb Krankheiten, die aus eingefallenen Wangen und schwächlichen Leibern schmerzliche Sprache reden, dies alles ist leider an zu vielen Deutschen eindruckslos vorübergegangen. Schrankenloser Austvand und Putz machen sich birit. Frauen behängen sich mit glitzernden Geschmeiden, wo Tausende von Müttern um ihre im Kriege gefallenen Söhne weinen. Vermögen werden für Schmausereien und Ueppigkeiten verschleudert, wo Tausende von Kindern dahinsiechen in bitterster Not. An diesem schmählichen Tun sind auch Inden beteiligt. Während die erdrückende Mehrzahl von uns deutschen Juden die harte Zeit voll Schmerz über das Unglück des Vaterlandes in Einfachheit und Bescheidenheit durchlebt, versündigen sich jene gegen der Stunde ernstes Gebot und belasten so die deutsche Jndenheit mit ihrer Schuld. Diesem schändlichen traf sie dort ein und fand ihr geliebtes Pflegekind mit zerschmettertem Haupte! Sie gehörte z»t den starken Seelen, aöer sie bedurfte all ihrer Kraft, um die arme unglückliche Mcklter des evlen Jünglings, ihre einzige Schwester zu trösten und zu stützen, wo sie selbst so trostbedürstig war. Damals, als sie wiederum ein Telegramm nach Zürich zurückberies, um einer schiver erkrankten Schwester ihres Mannes beizustehen, schrieb sie mir: „Hast Du „Mendel Gibbor" von Bernstein gelesen, meine Liebe? Da ist Malte, ich vergleiche mich »nit ihr. Wem viel gegeben, von dem wird inan viel fordern!" Sie hatte einst, als ganz junge, glückliche Frau, kurz nach ihrem Erscheinen, jene beiden epochemachenden geistnnd ge»nütvollcn, poesiercichen Erzählungen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibhor" gelesen und sich fi\t_ die reizenden meisterhaften Schilderungen ans dem Kleinstadtleben begeistert. Zu den Füßen des alten Rabbis sitzend, der, als die Gemeinde in der Provinz Posen einen modernen akademisch gebildeten Rabbiner aufgcno»nmen, seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte und in ihrem Hause in der Heiligen Geistskraße wohnte, den sie »nit Liebe und Güte reich bedachte, ließ sie sich von „ihrem Rebbchen", wie sie stets sagte, alles, was ihr »»»»verständlich war, erklären.*) Mit leuchtenden Ailgen und hochgeröteten Wangen lauschte sie den Worten des alten Mannes, der sie liebte und verehrte »urd ihren Rainen nach aus seinem Sterbebette segnete. Als mir »neine teure Fre»»ndin 1879 die Oppenheimschen Bilder a»»s dem jüdischen Familienleben sandte, schrieb sie: „Ich sende Dir diese Blätter, die mich stets entzückt, bezaubert, die »nir sriedliche, liebe Bilder bervorriescn, die »neinem Geiste stets neue Anregung verschafften. Da sagte ich mir: wer ist woyl mehr berechtigt, die Besitzerin dieser bildlichen Erzählungen aus de»n jüdischen Familienleben zu werden, als ei»»e Tochter des Volkes, dessen Poesie aus diesen Blättern gezeichnet ist? Und so überreiche ich Dir diese Blätter, daß sie Dich oft, oft erfreuen möchten und Du bei ihrem Anblick Deiner alte»» Freundin gedenkst." Als ich i,n folgenden Jahre nreinen einzigen heißgeliebten Bruder verlor, schrieb sie: „Ich glaube, daß Du und Deine Lieben, die Ihr fcsthaltet an dem Glauben an den einigen Gott, nur durch denselben getröstet werden könnet und getröstet werdet! Es ist etwas Rührendes um diesen Glauben, der sich still in die von Gott auserlegten Prüfungen findet, ohne zu grollen, ohne zu wanken. Da ist kein Zweifel, da ist keine Unzufriedenheit, still und ruhig erträgt der Cottesgläubige alles, weil es ihm nach seiner Ueberzeugung gerecht erscheint! Ich kann Dir nur zurusen: Halte Dich ausrecht, halte Dich fest in dieser schweren Zeit, meine junge Freundin! Sieh mit Deinen hellen klaren *) Auch ich las später diese mit Entzücken. Treiben wtb der Gefahr, die es birgt, zu steuern, haben wir jüdischen Frontsoldaten, die Wir mit unserem Leben nicht nur das Vaterland, sondern auch die Ehre des Judentums beschirmt haben, ein besonderes Recht. Mr werden diese Ehre nicht von einigen Gewissenlosen bewdeln lassen. Ihr aber, die ihr mit uns fühlt, kämpft mit uns! Jeder wirke ernstlich in feinem Bereiche, daß kein deutscher Jude feinem deutschen Vaterlande und seinem Judentum Unehre mache zur hämischen Freude des boshaften Gegners. Rust jenen zu: Hinaus aus den Gaststätten der Völlerei! Fort aus dem Taumel wahnwitziger Vergnügungen! Herunter mtt dem eitlen Tand! Zurück zur Einfachheit und zum Lebensernst! Reichsbund jüdischer Frontsoldaten." München. Die Krawalle von Memmingen vor Gericht. Das Urteil in dem Prozeß wegen des Memminger Landfriodensbruches, verübt gegen dortige jüdische Kaufleute, ist Montag früh verkündet worden. Es stellt lediglich den Tatbestand schweren Hausfriedensbruches gegen Dr. Sicius und Ewald Heil und des einfachen Hausfriedensbruches gegen die beiden anderen Mitglieder des Deulschvölkschen Schutz- und Trutzbnndes fest. Die beiden Erstgenannten wurden zu einem Monat Gefängnis, die beiden anderen zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt und allen Vieren Bewährungsfrist für die gesamte Strafe bis 1. Oktober 1923 gewährt. Die übrigen Angeklagten Ivurdcn sämtlich freigesprochen. In der Verhandlung wurde von mehreren Zeugen erwähnt, daß ein dorttger Oberlandesgerichtsrat einige Zeit vorher öffentlich erklärt hatte, gegen Wucherer und Schieber ntiiffc endlich zur Selbsthilfe gegriffen werden. Magdeburg. . Herr Gustav Heynemann, der viele Jahre als Vorsitzender des Vorstandes unserer Gemeinde segensreich gewirkt und vor kurzem aus Ältersrücksichteu sein Anrt niedergelegt hat, hat dem Kaiser-Friedrich- Museunl einen großen Glasschrank mit einer wertvollen Biblothek von Büchern ans dem 17., 18. und 19. Jahrhundert im Werte von ungefähr 100 000 Mark vermacht. In der letzten Stadtverordneten-Sitzung nahm die Versammlung die Schenkung an und dankte dem allseitig verehrten Geber für seine hochherzige Gesinnung. Neustadt O.-S. In der „Neustädler Zeiwng" erläßt Rechtsanwalt Dr. Stern, -der erste Vorsitzende der Neustädter Ortsgruppe des Verbandes 'heimattreuer Oberschlesier, folgende Kundgebung: „Anläßlich der sich namentlich an Sonntagen ereignenden antisemitischen Pöbeleien lege ich hiermit mein Amt als 1. Vorsitzender der Bezirks- und Ortsgruppe der * Heimattreuen nieder. Meine Arbeit galt der Heimat und den» Vaterlande, für welches M-ei Brüder ihr Leben gelassen 'hohen. Als Letzter wollte auch ich mich fürs Vaterland betätigen und empfange nun den gewissen Dank, worüber ich quittiere. Bezeichnend ist, daß die Gemeinheiten sich meist Sonntags ereignen. Menschen ohne religiöses Gefühl find in meinen Augen Vieh. Die Rüpel, welche gestern Abend auf der Niederstraße pöbelten, waren offenbar landfremdes, feiges Gesindel, welches unter dem Schutze des Ungokanntseins seine Frechheiten trieb. Ich bezeichne diese Lümmel als Schmutz im Selbstschutz. Anständiger Selbstschützler! Warum duldet Ihr diese Euch kompromittierende Gesellschaft? Zu dein albernen Gerede über die Judenrepublik bemerke ich, daß der Reichspräsident, Reichskanzler und Preußische Ministerpräsident ebensowenig Juden sind wie die Verräter Graf Oppersdorfs, Sobotta, Strzoda und das Gesindel, welches jetzt die Straßen und Lokale unserer Augen auf Deine trauernden Elten» und Angehörigen, gied ihnen ein Vorbild in Deiner Selbstbeherrschung, verdoppele Deine Liebe!" lieber Judentqusen hatte sie eine sehr strenge Auffassung. Sie schrieb darüber: „Ich habe den sehr nahen Verwandten meines Mannes die Tür gewiesen, denn sie waren in meinen Augen meineidige Kreaturen, denen ich ineine volle Verachtung zeigen mußte. Sie halten in der von Stöcker herausbcschworenen Judenhetze nicht den Mul, sich an die Tyora zu halten und. klammerten sich au das Kreuz! Wie habe ich geeifert und gezürnt, und nie kann ich die Schmach vergessen, die sie sich und ihrem Volke angetan haben. Denn, meine Liebe, es ist unmöglich, daß eiU gebildeter Jude aus Ueberzeugung Ehrist wird! Es ist unmöglich, daß er sich seinen großen einigen Gott als Vater, Sohn und Geist zettetlt!" So dachte und fühlte und schrieb diese seltene Frau. Im Jahre 1897 hat unser nunmehr auch schon in Gott nchender hochverehrter Rabbiner Professor Dr. Äutt> »»»an»» diese Briefe gelesen und die Rücksendung begleiteten folgende Worte: „Ich danke Ihnen, daß Sie mir einen Einblick in dieses edle, nach Wahrheit ringende, von reinster Menschenliebe beseelte Frauenherz gewährt haben. Wer so denkt und empfindet, ist wahrhaft fromm, mag die Schreibende sich selber auch nicht zu den Frommen zählen!" Wahrlich ein Ehrendiplom für die Schreiberin und Empfängerin dieser Briefe, welch letztere sich stolz und gehoben fühlt, der Freundschaft dieser wahrhaft großen Frau ein Menschenalter hindurch gewürdigt' worden zu sein. Am 16. Januar tLpOO ist sie nach kurzer schwerer Kramheit zum eiwigen Frieden eingegangen, tiefbetrauett von ihrem 81jährwen Gatten, dem sie fast vierzig Jahre ein ideales Glück bereitet, dessen Trost und Stütze. sie gewesen, ttesbetrauert von ihrem einzigen Sohne, allen denen, die sie gekannt und geliebt! Segen ihrem Andenken! Ich bin meinen Erinnerungen weit vorausgeeilt und kehre wieder zum Spätherbst 1863 zurück. Bon Vetter Abraham Biberfeld mit einer Empfehlung ausgerüstet, hattm Dr. Holzmann und Dr. Mrstan Besuch gemacht unv mit den Brüder»» meines Onkels waren sie häufig an Sonntagabenden in der Folge des Hauses Gäste; die Unterhalttlng war gewaltig lebhaft und Dr. Kastan spielte sehr schön Klavier. Dr. Holzmann, vor dessen Gelehrsamkeit ich stets tinen kleinen geheimen Schauder empfand, wnrde gewonnen. mir noch deutschen Unterricht zu erteilen; ich las bei und mit ihm den „Tasso"; meine Anssätze waren nicht sehr berühmt: Briefe schreiben, das ging mir tlott aus der Feder, aber ein gegebenes Thema konnte ich nur schwer und mangelhast hearlbeiien. Auch führte ich mit Leidenschaft ein Tagebuch. in dem ich alle Erleb- und Begegnisie, alle Eindrücke mit den lebhaftesten Farben ausführlich fchckderte (Fortsetzung folgt.)