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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-09-23 · 42 (23.9.1921) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
42 (23.9.1921)
Date
1921-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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den Umstandes als ausreichend halt, um die Erhebung einer Anklage aibzulvhnen. Unter der Monarchie wäre ein Staatsanwalt, der ein solches Verfahren eingeschlagen hätte, die längste Zeit im Amte getvesen — und das von Rechts wegen —, denn über derartige Möglichkeiten nnd Zweifel 'hat das Gericht zu entscheiden. In der Tat hat das hiesige Landgericht ein Jahr später in einem ähnlich gelegenen Falle entschiede;!, das; die Anmestie keine Anwendung finde. Das Reichsgericht war allerdings anderer Ansicht. Immerhin zeigt schon diese Meinungsverschiedenheit deutlich, daß es Wohl der Mühe wert gewesen wäre, den hier vorliegenden Fall weiter zu verfolgen. Drei Schülerinnen einer höheren Töchterschule, welche die Bänke des Südpariks mit den Hetzzettcln des Deutschen Schrrtz- und Trutzbnndes beklebten, werden außer Verfolgung gesetzt mit der Begründung, „sie hätten offenbar das Bewußtsein einer strafbaren Handlung nicht gehabt". Die Mädchen standen in; Alter von 14 bis 10 Jahren, hatten bei ihrer Entdeckung Reißaus genommen und sich geweigert, die Personen anzugeben, von denen sie die Zettel bezogen hatten. Ein jüdischer junger Manu wird nachts von fünf Angehörigen des Deutschen Schutz- und Trutzbnndes, darunter dessen Vorsitzenden, auf der Hohenzollernstraße angcfallen und derart mit Stöcken auf den Kopf geschlagen, daß er mehrere Wunden davonträgt und die Stöcke dabei zerbrechen. Der Staatsanwalt lehnt die öffentliche Klage ab, „Iveil ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung nicht bestehe". Der Mißhandelte erhält ein polizeiliches Strafmandat, weil „er gemeinsam mit anderen nächtlich ruhestörendeu Lärm verübt habe". Auf Beschwerde werden auf Anweisungen der Generalstaatsantvaltschaft die Ermittelungen wieder ausgenommen. Man vergleiche damit das energische Vorgehen im Falle des Staatsanwalts R., der im Bade von einem Kurgast auf den: Kurplatz wegen Tragen des Hcckentrenzes zur Rede gestellt wurde. Die öffentliche Klage wurde prompt erhoben. Ein deutsch-völkischer Hauslehrer führt seine Jungsturmschar spazieren und befiehlt ihr angesichts des jüdischen Friedhofes, i>m mal auszuspucken, was auch geschieht. Bei seiner Vernehmung gibt er selbst an, das Ausspucken habe „dem Judentum" gelten sollen. Der Staatsanwalt lehnt die Anklage ab, erst auf Beschwerde wird er angewiesen, wegen Beschimpfung einer Religionsgesellschaft und Verübung groben Unfugs einzuschreiten. In einem Prozeß einer christlichen Partei gegen eine jüdische wirken ein deutsch-völkischer und ein jüdischer Sachverständiger mit. Der erste wirst dem zweiten nach rechtskräftiger Beendigung des Prozesses in einer Zeitung vor, er habe wissentlich sein Gutachten zu Gunsten der jüdischen Partei gefärbt und sei als „.Hebräer" gemäß den Vorschriften'des Schulchan Aruch hierzu verpflichtet gewesen. Der Staatsanwalt stellt das Verfahren ein, der Beschuldigte habe „in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt, in der Form des Ausdrucks sei keine Beleidigung zu finden". Erst auf Beschwerde wird Anweisung zur Anklageerhebung erteilt. Der Vorsitzende einer Ortsgruppe des Deutschen Schutz- und Trutzbundes verbreitete vor einer Versammlnng von 3000 Personen das Gerücht, der Zentralverein habe Mörder gegen die Judengegner gedungen. Für diese ungeheuerliche Anschuldigung erhält er eine Geldstrafe von 500 Mark. Man vergleiche danrit das Urteil wegen Beleidigung eines Prinzen Reuß, dem fälschlicherweise ein Schlemmerleben in der Etappe vorgeworfen wurde: es lautete auf sechs Monate G e f ä u g rr i s. % Die „Schlesische Zeitung" pöbelt einen jüdischen Knaben an, der, als Freiwilliger ins deutsche Heer eingetreten, mit 14 Jahren beide Beine verloren hat, rmd rrennt ihn einen „sogenannten Soldaten". Der Redakteur wird freigesprochen, weil der Knabe nicht als „Soldat im herkömmlichen Sinne" zu bezeichnen sei. Man bedenke, wie ein Prinz gleichen Alters, der sich ins Feld gewagt hätte, als „jüngster Soldat" verherrlicht rmd wie Wohl eine gleichartige Beleidigung seiner Person geahndet worden wäre! Eine solche traurige, weil das einfachste 'Rechtsgefühl beschämende Blütenlese kann heute wohl jede Großstadt Deutschlands liefern. Man kann angesichts dieser Tatsachen wirklich sagen, daß die deutsche Rechtsprechung von dem Kriege und seinen Folgeerscheinungen unberührt geblieben ist. Wenn man brdenkt, mit welcher Zähigkeit und rücksichtslosen Energie vor wenigen Jahren noch jede von links kommende aufreizende Aenszerung verfolgt wurde, die sich gegen Staat, Religion, Ordnung und die damals herrschenden Klassen richtete, so muß man mit Bedauern ftststellen, daß heute in leider nicht vereinzelten Fällen mit ungleichem Maße gemessen wird Wenn man aber nach den Schuldigen fragt, so wird man sich nicht an die Rickftcr und Staatsanwälte hallen dürfen, denen man meistens die alte Erfahrung zugute halten muß, daß eben niemand aus seiner Haut heraus kann. Man wird vielmehr den Blick nach der Spitze der Justizverwaltung richten und fragen müssen, ob dort die rechten Männer am rechten Platz stehen. Diese Frage anstverfen, heißt sie Verneinen. Tenn weder der Reichsjustizminister, der auch hier der nötigen Informationen zu ermangeln scheint, noch sein preußischer Kollege nüt ihren Stäben Vortragender. Räte bringen die Energie aus, die nötig ist, nur hier Wandel zu schaffen. Daß hin und wieder ein Jude zum Senatspräsidenten oder Landgerichtsdirektor — höher gehts nimmer — ernannt wird, kann uns vorläufig keinen Ausgleich für die Verletzung unseres Rechtstes;"; hls bieten. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk." Djrsoile moniti! vom Karlsbader Zionistenkongreh. Karlsbad, im September. Palästinas religiöse Einrichtungen. Bei der Aussprache über die Aufbringung der Gelder für den P a l ä st i n a - A u fbaufonds (Keren Hajessvd) kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen, da von verschiedenen Seiten eingewendet wurde, daß die Auflage des sogenannten Alaffer (Zehntel aller Einnahmen und vorn Vermögen) eine schwere Belastung weiter Volksschichten wäre rind sich kaum durchfiihren ließe. Dr. Handtke, der Direktor des K. H., bestand aber aus der Forderung, und die Masser-Abgabe wurde nicht nur fast einstnnmig beschlossen, sondern noch durch den Zusatz verschärft, daß Zionisten, die ihrer Pflicht nicht Nachkommen, keine Aemter und Ehrenstellen in der Organisation bekleiden dürfen. Zugleich wurde noch folgende Entschließung angenommen: Ter Zionistenkongretz wendet sich an das ganze jüdische Volk mit der Aufforderunug, durch den K. H. die Grundlage für den Aufbau der jüdischen Heiurstätte in Palästina zu schaffen rmd den K. H. zu einen; allgemeinen jüdischen Fonds zr; machen. Diese Beschlüsse wurden mit rninutenlangen, stürmischen Freudenknndgebungen ausgenommen. Dr. H a l p e r n - Wien erstattete dann den Bericht der Finanzkommisfion, wobei er hervorhob, daß das Budget für das nächste Jahr so große Grimmen nnrfasse, daß es ast schon einem Staatsbudget gleichkomme. Es handle sich rm IV2 Millionen Pfund. Das regelmäßige Palästincviudget sei mit 656 000 Pfund veranschlagt, darunter für Schulen und Erziehungswesen 128 000 Pfund. Professor Dr. Löwe bemängelte, daß die Beträge für kulturelle Zwecke zu niedrig angesetzt seien. Bei der Woiterberatrmg kam eszufchwerenKonlitten grundsätzlicher Art zwischen der Rechten und Linken des Kongresses, die zeitweilig zur Unterbrechung der Sitzung führten, und zwar infolge eines Vorstoßes der orthodoxen Richtung. Namens der Misrachi stellte nämlich der Berliner Radierer S t r u ck die Forderung, daß in Palästina nur diejenigen Institute durch die zionistischen Fonds unterstützt werden dürfen, die die rituellen und religiösenEinrichtungender jüdischen Religion strengs erfüllen. Dagegen demonstrierte die äußerste Linke in heftigster Forur. Es ertönten laute Protestrnfe, u. a.: „Ist das Gewissensfreiheit? In der von Struck beantragten namentlichen Abstimmung wurde mit 156 gegen 155 Stimmen bei zahlreichen Enthaltungen beschlossen, über den Antrag der Misrachi zur Tagesordnung überzugehen. Die Mitglieder der Exekutive stimmten gegen den Neberqang zur Tagesordnung. Struck erklärte hierauf, daß die Misra ch i unter diesen Umständen genötigt seien, gegen das Budget zu stimmen, und drohte, wenn der Beschluß aufrecht erhalten bleibe, daß die Misrachi nicht in der Lage wären, sich weiter an der Sammeltätigkeit der zionistischen Organisationen zu beteiligen. (Große Bewegung und Unruhe.) Diese Erklärung und die dadurch hervorgerufenen Entrüstungskundgebungen der äußersten Linken riefen den Professor Weizmann auf den Plan, der dringend zur Ruhe mtd Verständigung mahnte. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden 'der Exekutive stellte er den Antrag: Gemäß dem von Dr. Herzl aufgestellten Grundsatz, daß der Zionisnms nichts unternehmen dürfe, was gegen die religiösen Gefühle verstoße, wird die Exekutive beauftragt, Mittel für die rasche Durchführnnug dieses Grundsatzes in Palästina in die Wege zu leiten, ohne jedoch in die individuelle Freiheit 'des einzelnen einzugreifen. Auf Vorschlag des Vorfitzenden wird die Sitzung vertagt, damit die Fraktion zu diesem Anträge Stellung nehmen können. Daraus wurde unter großer Erregung die Sitzung unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung legt Professor C h a j e s - Wien einen K 0 n; p r 0 m i ß v 0 r s ch l a g vor, in den; es heißt: „In den von den zionistischen Organisationen gegründeten, erhaltenen und subventionierten Institutionen in Palästina darf nichts geschehen, was gegen die jüdische Tradition verstößt. Die Leitung der zionistischen Organisationen hat die Durchführung dieser Tradition zu sichern." (Lebhafte Zustimmung.) Professor W e i z m a n n legt beiden Seiten nahe, diesen Weg der Verständigung zu beschreiten. Er erklärt auf das feierlichste, daß die Leitung unter keinen Umständen zulassen werde, daß irgend jemand in seiner persönlichen Freiheit beeinträchtigt werde. Auf S ch w e i g e r s Antrag wird aber die Abstimmung vertagt. Darauf wird die Sitzung aufgehoben. In der Auseinandersetzung zwischen der orthodoxen Misrachi-Gruppe und der Linken des Kongresses gab nach der Wiederaufnahme der Verhandlungen Lockert- Wien namens der drei Arbeitergruppen des Kongresses eine scharf formulierte Erklärung gegen den Antrag der Misrachi und gegen den Vermittelnngsvorschlag ab. Die Arbeiter erblickten in den; Vorstoß der Misrachi den Versuch, den Zi 0 n i s mu s zu k! e rik a l i s i e r e n und aus Pa- Mische Bauern in Rußland. Von Pawel B a r ch a n. Eine große Scl-ar Russen, die bei Ausbruch des Krieges über Dänemark noch Die Heimat zu erreichen lwffen, wird in Rostock ausgesangen und in ein Konzentrationslager gesteckt. Hier hocken sie mm, zu einer Herde zusammengepfercht, und es bemächtigt sich ihrer' auch der Heldengeist: vas persöMiche Ergehen, Kost, Matratzen, die zu erlangende Freiheit und die Heimkehr sind Hauptprobleme. Ta naht sich aus der Landstraße eine Staubwolke, darin Figuren, militärisch im Gebaren doch zart in Der Silhouette: Schüler unter Anführung ihres Lehrers. Tiefer postiert seine Zöglinge vor dem Stacheldraht und beginnt einen Vortrag, dazwischen immer wieder aus einzelne Russen mit dem Spazierstock weisend. Er tat dies mit einer Selbstverständlichkeit und gelassener Sachlichkeit, als siebe er vor einem Käfig in einem zoologischen Garten nnD demonstriere Assen. Die Asten vadrintten aber waren anfangs etwas betroffen und verständnislos, bis ihnen aufging, daß der Schulmeister an der Hand einzelner Russeneremplare die Rassen des völkerreichen ntfsischen Landes exemplifizierte. Und bald waren die Assen höchst ergötzt. Zmrächst fanden sie es so köstlich deutsch, wie so ein Lehrer mitten im ersten Kriegsimnult sich sammelt, daraus bedacht, sein und seiner Anbesohlenen Wissen yu bereichern. Wie dressiert man so in Teutschland ist, wie jeder mtf seinem Posten steht, wie man dazu erzogen wird, jede Gelegenheit zu ergreifen, etwas zu profitieren. Kurz, was . die Russen an Teutschland innner frappiert bat. Darein mischte sich aber ein Gefühl des Auuisierlichen, durch einen Schuß Schadenfreude pikant gemacht, sie hatten den Deutschen nämlich quasi hcreingelegt. All Die demonstriertelt Tscherkessen und Armenier näutlich, die Ossiten und Lesgier, Polen uind Leiten, Kuktschen, Kanuschadalen und Samojeden, Ehunchusen und Tataren, und ,wic die 120 Stämme, Nationen und Rassen des weiland* russischen Reiches noch sonst heißen, waren 'hauptsächlich nichts anderes als Juden. Und doch hatte dieses wißbegierige Schulmeister lein gar nicht so unrecht. Gewiß, diese Internierten waren znn;eist Juden. Doch das SemitentUm der russischen Juden ist ein problematisches Ding. Andersrassige Setten, Gemeinden und einzelne, die zum Judentmn übergctreten sind, die Blutmischuugen, die, sagen wir, von der Zeit Bogdan Ehmelnitzkis bis aus die Gegenwart ihnen allerlei russische Rassenelemente eingeimpft haben, haben die russischen Juden zu einem tatsächlichen Bestandteil des Russentums gernacht, und man darf getrost sagen, daß» der größte Teil des russischjüdischen Blutes nicht semitischen Ursprungs ist. Durch diesen. Umstand erklärt es sich auch zun; Teil, daß in ihrem Temperament, Charakter mrd Wesen die russischen Juden mit den deutschen Juden absolut nichts Gemeinsames haben. Und wenn jetzt von manchen Winkeln hcvausgeschrien wird, daß, in Rußland unter der kommunistischen Herrschaft hauptsächlich oder gar ausschließlich Inden am Werke sind, was durch jede Statistik widerlegt ist (außerdem: gerade die von den Juden bewohnten Striche sind von dem kommunistischen Spsten; unberührt geblieben-, selbst wenn es wahr wäre, daß gegenwärtig Rußland von jüdischen Führern regle« wäre, so könnten diese folgendes antworten: „Immerhin fließt noch in unseren Adern mehr slawischen Blutes als in den Adern zenes Häusleins, das die letzten zweihundert Jahre hindurch Rußland regierte. Sie alle zusammengenommen." Aus dieser Rassenmischung heraus erklärt sich vielleicht der Drang der russischen Juden zur Landwirtschaft, ein Drang, den die zaristische Regiennrg dadurch zu paralysieren suchte, indem sie die Juden ans den Dörfern drängte und in die Städte des Ansievlungsravons pferchte, um sic. ihnen die Beamtenkarriere verschließend, den; Handel, hauptsächlich dem Kleinhandel zuznsühren. So erklä« es sich, daß nur 6 Prozent der russischen Juden den; Baue«;stand angehörten. ES handelte sich hauptsächlich um Kolonien in den Gouvernements Cherson, Bessavabien und Grodno. Ihre Landwirtschaft galt als mustergültig, und neben den deutschen Kolonisten waren die jüdischen in ganz Rußland die einigen Ackerbautreibenden, die sich die modernen Methoden aneigneten, die z. B. künstliche Dünger, Maschinen verwandten, während der russische Bauer mit großer Zähigkeit ans seine uralte Weise den Boden bestellte. Etliche Zahlen aus Der Statistik der Vorkriegszeit: Rußland besaß 5 630 000 Juden. Von diesen trieben 1 900 000 Handel, und fast ebenso groß war die Zahl der Handwerker und Industriearbeiter. Dem Verkehr diente eine Viertel Million (die Mischen Kutscher sind ein ganz besonderer Typus!), in Lohndienst befände»; sich 365 000 Personen. Alles in allem gehörte ein Drittel der jüdischen Bevölkerung dem Loh;;prpieta«al an. Wer in Rußland jüdische Arbeiter, Kutscher, Lastträger gesehen hat (am allerwenigsten das, wie man Ghettogestalten sich vorzustellen gewohnt ist), hat, fast betroffen, sich überzeugen können, über wieviel primitive Kraft, Urwüchsigkeit dieser Menschenschlag verfügt. Als nun der Krieg erblühte und Heeresleitungen und Leutnants in unerforschlichem Ratschluß Schicksale von Ländern und Menschen kommandie«en, beschloß auch so eirre russische Heeresleitrmg (wie diese Institutionen sich auslobten, das sah oft den Taten des Größenwahns und der Ratlosigkeit verdammt ähnlich), die weitzrussischen Bauern von ihrer Scholle weg ins Innere Rnhlarws zu vertreiben, und vollbrachte es auch. Der Boden in den litauischen Gouvernements blieb nun verwaist, und als die Deutschen in dieses Gebiet eingogcn, fanden sie ein brotloses Land vor. Ein Jahr lang hungette man sich durch. Dann aber rafften die Deutschen sich zu einer schöpferischen Tat aus: sie verteilten den verlassenen Boden an die zurückgebliebene jüdische Bevölkerung, gaben ihnen Korn zur Aussaak, wobei sie wohlweislich dafür sorgten, daß diese Saat auch ihrer Bestimmung zugesührt wurde. Und im Handumdrehen wurde die jüdische Bevölkerung, Handwerker, Tagelöhner, Händler, Beschäftigungslose, sie alle wurden Bauern. UND* sie machte»; ihre Sache gut. Und so blieb es auch. In den meisten Orten Weißrußlands, hauptsächlich in der;; von den Polen gegenwärtig besetzten Teile Litauens, beträgt seitdem Die Zahl der arte« bautreibenden Juden 60 bis 70 Prozent der jüdischen Gesamtbevclkerung, an manchem Ort 100 Prozent. Die gesamte Einwohnerschaft des Ortes, Männer, Greise, Frauen und Kinder, sind aus dem Felde, und sucht der Fremde, mn Auskrmst zu erhalten, den Rabbiner, so findet er auel; ihn, den alten, langbärtsgen „Row" und sein Weib, die „Räbbitzen", hinter Dem Pflug. .Hier und da, und bisweilen.öfter, kehrt Der ehemalige Besitzer, der Bauer zurück, der inzwischen in; Innern des Landes während des Krieges es zu Geld gebracht;»nd dennoch nach der angestammten Scholle sich zürücksehnt, und der Jude bezieht das angrenzende verlassene Feld. Oder auel) er bleibt als Knecht bei den; zutückgekchrten Bauer, der es sich leisten kann. Aber zu seinen; alten Ben;s kehrt der Jude nicht mehr zurück. Er hat den Acker liebgewonnen. Zu Reibungen kommt es nicht. In dem Grenzgebiet,;;n Gouvernement Kowno, sind die Zustände nicht so sympathisch. Do« gewöhnten die Juden sich nicht so leicht an die wirkliche Feldarbeit. Aber das Gouvernement Gropno und Wilna zählt zur Stunde etwa 120 000 jüdische Bauern. Der Ackerbau unter den Juden wurde von der jüdischen Gesellschaft stets mit besonderer Liebe gefördert. In der Vorkriegszeit von der I. C. A., der Jüdischen Kolonisationsgesellschast, die den Kolonisten Darlehen zur Anschaffung von landwirtschaftlichen Maschinen und Kunstdünger gewährte und ihre Agronomen dorthin entsandte, um die neuen Errungenschaften des modernen Ackerbaues dorthin zu tragen. In verstärktem und erweitertem Maße hat diese Mission nunmehr die russische Gesellschaft O. R. T. (Initialen russischer Worte) übernommen, die ursprünglich die Förderung des Handwerks unter den Juden Rußlands zur Ausgabe hatte, gegenwä«ig aber sich noch ganz besonders der Unterstützung der LandwiNschaft widmet. Sie besitzt etwa 250 Abteilungen an vielen Orten Rußlands und der Randstaaten und eine Zentrale in Berlin (Bleibtrenstr. 34» unter dem Vorsitz von Dr. Jackow Frumkin, der sich viele Verdienste um das Gedeihen dieses Beginnens erworben hak. * B. T.

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