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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-09-16 · 41 (16.9.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
41 (16.9.1921)
Date
1921-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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halbe, so daß diesem eine weitere geschäftliche Zusammenarbeit mit dem Kläger nicht zngemutet werden könne. Ein Unternehmen wie das vorliegende könne aber ohne vertrauensvolles Zusammenwirken zwischen Direktton und Aufsichlsrat nicht gedeihen. Das Verhalten des Klägers stellte sich als wichtiger Grund dar, der die sofortige Entlassung rechtfertige. Göppingen i. Wrttbg. Für die Veteranen. Anläßlich der Feier des 50jährigen Bestehens des Beteranen- und Militäwereins „Kampfgenossenschaff" in Göppingen hielt das Mitglied Herr Rabbiner Dr. Tänzer, aus dessen Feder auch eine Festschrift anläßlich des Jubiläums stammt, folgende beachtenswerte Festrede: Er leitete seine gehaltvollen und fesselnden Ausführungen mit der Frage ein: Begehen wir dieses Fest in der entsprechend festlichen Stimmung? und beantwortete sie mit: Nein, denn die erschütternde Notlage unseres Volkes und Vaterlandes ließe gewiß alles eher aufkommen als eine festliche Stimmung, Gerade das Fest, das dem 50jährigen Bestehen eines Veteranenvereins gelte, wecke in besonderem Maße die Erinnerung an Zeit und Verhältnisse vor fünfzig Jahren, es fordere heraus zu einem Vergleich zwischen 1871 und 1921. „Wie aber sollten diese Erinnerungen und dieser Vergleich", so führte der Redner wörtlich aus, „uns heute eine festliche Sttmmung ermöglichen. Dieser Vergleich, der von einem vor 50 Jahren starken, siegreichen, zu hoher Blüte sich aufschwingenden Deutschland ausgeht und zu einem heute wehrlosen, zusammengebrochenen Deutschland führt? Und gar Veteranen sollten heute festlich gestimmt sein, jene Männer, deren .erhebendste Jugenderinnerung es ist, mit Einsetzung ihres Lebens an Deutschlands Ausstieg mitgewirkt zu haben, und deren schmerzlichstes Altersbewußtsein es bildet, Deutschlands Niedergang erlebt zu haben? Kann man frohe Feste feiern auf den Ruinen vergangener Macht, festlich gestinunt sein, auf den Trümmern gewesener Größe? Nein, das kann man nicht, und in dem Sinne fehlt uns auch heute die frohe, festliche Stimmung. Dennoch aber feiern wir heute ein Fest, ein Fest jedoch, das unabhängig ist von den gegebenen äußeren Verhältnissen, ein Fest, das letzten Ettdes dem Geist und der Gesinnung gilt, dem Geist und der Gesinnung, die den höchsten Lebensinhalt in den Begriffen Volk und Vaterland finden, dem Geist und der Gesinnung, die stets das Interesse der Gesamtheit über das persönliche stellen, dem Geist und der Gesinnung, die mit einem Wort im deutschen Kriegervereinswesen verkörpert sind." Im Weiteren Verlauf seiner Ausführungen ging der Redner auf die weit höhere und ethisch wertvollere Bedeutung des Veteranen- und Kriegervereins in Zukunft als in der Vergangenheit ein. Er gedachte der Männer, die sich um die Entwickelung der Kampfgenossenschaft verdient gemacht haben, so vor allem des Ehrenvorstandes Wieland, der nttt Recht „der Vater der Kampfgenossenschaft" genannt wurde. Er sprach über die Kriegsschuld und gedachte der hinter uns liegenden Kriegsjahre mit all ihren Opfern an Gut und Blut und der daraus entsprungenen Selbstsucht und schrankenlosen Gewinn- und Genußsucht, die die kranke Volksseele immer mehr erfüllten. Dann gedachte er der Gefallenen und schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Erst wenn das deutsche Volk sich selbst aufgibt, erst dann werden die Millionen seiner gefallenen Söhne wirklich gestorben sein. Eine ungeheure Dankesschuld hat das Vaterland abzutragen, eine Dankesschuld gegenüber allen seinen ehemaligen Verteidigern. Den Toten gegenüber kann es diese Schuld nicht mehr abtragen, wohl aber haben die Lebenden ein heilig Anrecht darauf. Sie und ihre Tapferkeit haben den Feind von der Heimat ferngehalten, haben Weib und Kind, Haus und Hof vor dem schwersten aller Nebel, vor dem Feinde im Lande bewahrt. Sie haben im Feindeslande so viele Jahre Unsagbares an Leiden und Gefahren ertragen, haben gelitten und geblutet für Volk und Vaterland. Volk der Heimat, vergiß das nicht, vergiß das nie und nimmer! Trotz aller sonsttger Sorgen und Lasten bleibt deine nächste Pflicht die Kriegerfürsorge, die Fürsorge, die freundliche, mit dem Herzen erfolgende Fürsorge für die Kriegsteilnehmer, für die Invaliden, für die Witwen und Waisen. Jedes VeteranenPrz wird ohnedies zeitlebens doppelt bluten unter dem Bewußtsein der nationalen Zusammenbruchs, nehmet wenigstens die äußere Not von ihnen. Jeder notleidende Veteran bedeutet eine Anklage. Darum unterstützt die alten Krieger, helfet in jeder Weise den jungen, fördert kräfttg und dauernd die Veteranen- und Kriegervereine und bleibet dessen auch nach dem verlorenen Kriege eingedenk: Der Soldatenrock war ein Ehrenrock und die ihn in höchster Pflichterfüllung getragen haben, waren Ehrenmänner. Und endlich haben die gefallenen Kameraden uns zu sagen: Wir sind für das Vaterland gestorben, ihr sollet für dasselbe leben,-sollet trotz allem und allem hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, der deutschen Kraft vertrauen und mit Mitteln des Friedens Mitarbeiten am Werke des deutschen Wiederaufstieges, sollet bekämpfen alle Selbstsucht urck erhalten und verbreiten den alten deutschen Veteranengeist, den Geist der Hingabe und Aufopferung für Volk und Vaterland. Ein Wunsch, ein Wille, ein Bekenntnis in allen treudeutschen Herzen in Gegenwart und in Zukunft, ein Bekenntnis: „Deutschland, Deutschland über alles"." Königsberg. Jüdische Jugendverfammlung. Aus Anlaß des ersten ostpreußischen Jugendtages deutscher Juden veranstaltete der Zentralverein deutsä^er Staatsbürger jüdischen Glaubens eine öffentliche Kundgebung in der Hindenburg-Oberrealschule. Dr. Stein vom Hauptvorstand des Vereins in Berlin erläuterte in seinem Referat „Wen halten wir deutschen Juden für national?" die Stellung des Juden im heutigen staatsbürgerlichen Leben. Er wandte sich gegen die zionistische Idee, aus Palästina wieder ein jüdisches Land zu machen, weil verschiedene Tatsachen, wie Feindseligkeit der dortigen arabischen Bevölkerung gegenüber den Juden und Englands Haltung in der Zionsfrage dagegen sprächen. Der Redner zog den Schluß, daß der deutsche Jude sein Anrecht auf das Deutschtum veffeebten müsse, um zu bestehen. — Warme Worte widmete ein Mitglied der jüdischen JugendbeHvegung Danzigs, Herr Berg, dem Aufleben eines neuen Geistes in den jugendlichen Kreisen seiner Glaubensbriider. Die Bewegung wäre aus dem Zwange heraus geboren, sich von andersgläubigen Jugendlichen aus der jetzt stark werdenden Bildrmg „Zurück zur Natur!" nicht ansschallen zu lassen. Sport und Wandern sollten auch für den jungen Juden ein wesentlicher Teil der Erziehung sein. Wahrhaftigkeit müßte an Stelle der üblichen Salonheuchelei treten. So würden die künftigen jüdischen Generationen ein wertvolles Mitglied der staatsbürgerlichen Gemeinschaft. Die üblichen Verleumdungen gegen das deutsche Judentum können auf diesem Wege durch Schaffung eines Judentums am wirksamsten bekämpft werden. In diesem Sinne bat der Redner Eltern und Erzieher jüdischer Kinder mitzuarbeiten. Ratibor. Auszeichnung. Den: Unteroffizier Erich T i ch a u e r, Söhn des Loderkaufmanns Tichauer, ist für Umsicht uNd Tapferkeit als Zugführer im oberschlesischen Selbstschutz dein: letzten polnischen Aufstande das Eichenlaub z u m S ch l e s i s ch e n Adler 1. Klasse verliehen worden. vom Karlsbader Zionistenkongreß. Karlsbad, im September.!Jm weiteren Verlauf der Beratungen kam es zu einem politischen Zwischenfall. Präsident S o k o * l o w brachte ein Begrühungstelegramm des englischen Verloaltungskommissars in Palasttna, Sir Herbert Samuel, zur Verlesung, in dem dieser dem Kongreß, seine Sympathie ausdrückt sind gleichzeitig versichert, daß feine Bemühungen unaufhörlich aus die Errichtung einer jüdi. chen Heimstätte gerichtet seien. Die Mehrheit. des Kongresses nahm dickes Telegramm mit stürmischen Kundgebungen und Bravorufen aus Sir Samuel auf. D a - gegen protestierten die sozialistischen Fraktionen, deren Sprecher erklätten, Sir Samuel hübe nicht genügend Schritte für die Erfüllung der jüdischen Forderungen getan und sei nicht mit der notwendigen Energie gegen die arabischen Pogromhetzer vor-gagangen. S o k o l o w wandte sich gegen die Angriffe auf Sir Herbert Samuel und die Bolfomsche Deklaration. Er warf den Kritikern Mangel an Verantwottlichkeitsgefühl vor. Das jüdische Volk sei nunmehr ein anerkannter internationaler Faktor geworden, und durch die Balfoursche Deklaration hätten die Großmächte es übernommen, den Juden eine nationale Heimstätte zu errichten. Dr. Weizmann, Präsident der zionistischen Organisation, versicherte, daß es ein Jrttum sei, wenn man annehme, sie hätten die Erfolge dadurch erzielt, daß sie sich gewissermaßen zu einem Träger der englischen imperialistischen Politik in Kleinasien gemacht hätten. Er erkläre unumwunden, daß er allerdings, wenn es der Sache gedient haben würde, auch das getan hätte. Es sei aber nicht der Fall. Das jüdische- Palästina habe für England keinen strategischen Wert. ■* Es wird dann eine Entschließung v o r geschlagen, in der der Exekutive und dem Aktionskomitee das Vertrauen ausgesprochen und Entlastung für die bisherige politische Tätigkeit erteilt wird, unter Hinweis aus den großen Erfolg, der mit der Annahme der Balsourschen Deklaration erreicht sei. Für die Misrachi gibt Hermann Struck -Berlin eine Erklärung zu den Richtlinien des Kongresses ab, die die Verletzung der heiligen Gesetze in Palästina bedauert, aber mit Rücksicht auf die politischen Erfolge der Entschließung die Zustimmung erteilt. In der heutigen Sitzung wurde mit der Erörterung der Palästina-Frage begonnen. Dr. R u p p i n sprach über die wirtschaftlichen Aufgaben in Palästina. Er schilderte die Schwierigkeiten der Ansiedlung großer Mafien, die nur schttttweise erfolgen kann. Die Wittschaftsverhältnisse liegen sehr ungünstig. Redner schildett dann die Erfolge der landwirtschaftlichen Kolonisation, die sich nach wie vor der tatkräftigsten Förderung durch Rothschild in Paris erfreut. Auch in den Städten sei es gelungen, Blöden zu erwerben, auf dem rund 12 000 Häuser erbaut werden können. Eine A r b e i t e r b a n k sei errichtet, und es sei zu hoffen, daß in Kürze ein Plan für den Ausbau von Wasserwerken und die Ausnützung der Wasserkräfte in Angriff genommen.wird. Die Schaffung landwirtschaftlicher Betriebe sei das denkbar schwerste Problem. Die Lehr farmen müßten, auch wenn sie Zuschüsse erfordern, weitergesühtt werden. Es handele sich um städtische Kolonisten, denen Gelegenheit gegeben werden müsse, sich in landwirtschaftlichen Arbeiten ausbilden. Von landwirtschaftlichen ersten Autoritäten wolle man Kolonisationspläne für Palasttna ausarbeiten lassen. Es wird dann über die im Ausschuß nochmals durch, beratene Vertrauensentschlietzung für die Exekutive abgesttmmt. Die überwältigende Mehrheit des Kongresses spricht sich daraus unter stürmischen Kundgebungen für Dr. Weizmann und Sokolow dafür aus. Der Kongreß« sang stehend die hebräische Nationalhymne. Im Laufe der ausgedehnten Besprechungen der Palästinafrage machte Eppstein- Palästina, einer der ältesten Mischen Kolonisten, bemerkenswette Mitteilungen über die Erfahrungen mit den Arbeitersiedlungen. Der SAdlungs- Plan von Professor Franz Oppenheimer habe in Palästina keine Aussicht, wenn er schon in Deutschland mit dem dottigen besseren und kultivierteren Material mißlungen sei. Von der Kolonie Merchawiar ist außer dem Boden und den Häusern nichts übttggeiblieben. Es ist keine Produktion möglich, wenn der Mensch nicht weiß, daß der Boden sein Eigentum ist, und daß ihm der Lohn seiner Arbeit nicht vorenthalten wird. Kommunistische Gruppen können bei uns nickt existieren (erregter Widerspruch der Ar- WW-lkklWewWli elmr alten Ksu. 10. Fortsetzung. - Die Frau, der diese Zeilen gelten sollen, ist nicht an die Oeffentlichkeit getreten, und von dem Freundeskreise, der sie einst in Berlin umgab, weilen nur noch wenige unter den Lebenden. Aber bei diesen wird die Trauerkunde von ihrem Heimgänge das Gefühl hervorgerufen haben, ihr Leben sei durch solchen Verlust ärmer geworden. Eine Frau von erleuchtetem Geiste, scharfem Verstände, unermüdlicher Tatkraft, unerschöpflicher Herzensgüte, der das Goethe'sche Ideal „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" zur Richtschnur ihres Lebens wurde, eine treue aufopfernde, verständnisvolle Gattin, Mutter, Tochter, Schwester und Freundin, die sich im Glück wie im Unglück glänzend bewährte, von hoher, kräftiger Gestalt, mit energischen, bedeutenden Gesichtszügen, ohne schön zu fein, ausdrucksvollen Augen und einer Fülle dunklen Haares, so steht sie vor meinem geistigen Auge, in der puritanisch einfachen Kleidung, eine eigenartig interessante Erscheinung, die man selbst nicht übersehen konnte, auch wenn sie nicht sprach. Und wenn sie mit ihrem sonoren, tiefen, klangvollen Organ sprach, wie belebten und verschonten sich ihre Züge, wie leuchteten ihre dunklen Augen; nicht nur wie sie sprach, sondern was sie sprach, war schön und bedeutend! Mit gleich großer Meisterschaft ihre Muttersprache in Wort und Schrift, wie Englisch, Französisch und Italienisch beherrschend von lebhaftestem Interesse für Wissenschaft, Literatur und Kunst, insbesondere für Philosophie und Astronomie, eine vorzügliche Klavierspielerin, konnte man sie zu den bedeutendsten Frauen der Zeit zählen, und wer nun gar ihre wunderbaren formvollendeten Briefe, in denen sie meisterhaft, fast greifbar die Natur zu schildern wußte, auch die überhaupt ihr warmes Herz, ihren reichen Geist, ihr tiefes Wissen widerspiegeln, las, der wunderte sich, daß sie nicht schriftstellerisch sich betätigte. Frauen von ähnlicher Stärke der Begabung haben sich wohl der Wissenschaft zugewendet oder der Literatur; nach dem Maßstabe, den sie an geistige Schöpfung legte, konnte sie hieran -nicht denken. Ihr Genügen fand sie überreich in dem sie durch ihr lebhaftes Temperament und ihre Daseinsfreudigkeit das Leben und das Haus ihres Mannes erfüllte, dies Haus besonders in der ersten Hälfte ihrer glücklichen Ehe, in Berlin, zum Mittelpunkt. ihres Freundeskreises machte, der zu ihr in Liebe, Verehrung und Bewunderung aufblickte, durch sie Anregung und Belehrung empfing, und besonders war die Musik in ihren Räumen heimisch. Sie setzte ihren größten Ruhm darin, alle großen und kleinen Pflichten der Frau treulich und gewissenhaft zu erfüllen; eine treffliche, musterhafte Hausfrau, die vorzüglich zu kochen und zu backen verstand, die ihre Kleider selbst nähte, war sie ihrem bedeutend älteren, oft leidenden Gatten in verschiedenen schweren Krankheitsfällen die liebreichste, opferwilligste Pflegerin, sodaß er mir wiederholt schrieb: „Ihr, meiner braven deutschen Hausfrau meiner opferfähigen und opferwilligen Frau habe ich es zu danken, daß ich noch lebe." Sie hatte ein offenes Auge, ein offenes Herz und eine stets hilfsbereite, offene Hand für die leidende und darbende Menschheit; bei großer persönlicher Anspruchslosigkeit und Bedürfnislosigkeit hat sie, namentlich in jenen glücklichen Jahren in Berlin unendlich viel Gutes getan, ohne Unterschied der Konfession; sie wollte nicht nur helfen, sie konnte es auch; die größte Einwirkung, die von ihr ausging, war, in anderen die Kraft zu wecken. Und wer war diese außergewöhnliche Frau? Es war zu Anfang der sechziger Jahre, als eine Heirat in dem großen Berlin viel von sich reden machte. Ein armes Fräulein von altem Adel, welches einige Jahre als Erzieherin gewirkt hatte, reichte einem bedeutend älteren, klugen, gemütvollen Manne, einem Juden, bekanntem Agenten der Manufakturbranche, die Hand zum Lebensbunde. Es war reinste Herzensneigung, die das Paar zusammengeführt hatte, das tapfere Mädchen hatte lange kämpfen müssen, ehe sie den Widerstand des Vaters, eines pensionierten Rittmeisters aus den Befreiungskriegen, und der Brüder, höherer Offiziere und Beamten, besiegte; die Verhältnisse konnten sie nickt blenden, der Mann teilte gewissenhaft sein Einkommen mit seinen beiden unverheiratet gebliebenen alten Schwestern, für die zu sorgen seit dem frühen Tode der Eltern seine Lebensaufgabe war. Schmerzlich hat der alte ehrwürdige Rittmeister später bedauert, der geliebten Tochter, die ihm dereinst mit dem „jüdischen" Schwiegersöhne den denkbar freundlichsten Lebensabend in ihrem Hause bereitete, Jahre ihres Glückes verkürzt zu haben. Und gar einfack und bescheiden hatten sich die Gatten ihren jungen Hausstand eingerichtet; sie lernte die Juden in ihm und durch ihn kennen, schätzen und lieben, und fand unter den Glaubensgenossen ihres Mannes wahre, treue Freundschaft, ehrliche Bewunderung, wie sie dieselbe vermöge ihrer ausgezeichneten Eigenschaften so sehr verdiente. Ich war ein fünfzehnjähriges Mädchen, als im Herbst 1863 diese wunderbare Frau in meinen Gesichtskreis trat; sie trauerte damals um ihr anderthalbjähriges Söhnchen, ihr erstes Kind, das auf dem jüdischen Friedhof in Berlin seine Ruhestätte kurz zuvor gefunden hatte. Fleiß und Sparsamkeit hatten schon damals den Wohlstand des Gatten begründet: sie fand in reger häuslicher, geschäftlicher und geistiger Tätigkeit Trost für ihren Mutterschmerz. Es gibt eine Liebe auf den ersten Blick, und auch eine Freundschaft kann sich durch Sympathie sofort anbahnen und aufbauen. Als die damals sechs- bis siebenundzwanzigjährige Frau mich bei der ersten Begegnung bat, sie, wo sie jetzt so oft allein sei, öfters zu besuchen, da fühlte ich, es sei ein Gewinn für mein Leben, eine Gunst des Schicksals, daß diese Frau mir ihr Interesse zuwendete. Anderthalb Jahre, in der für ein junges Mädchen so wichtigen Entwicklungszeit von fünfzehn bis fast siebzehn Jahren durfte ich mich ihrer anregenden, belehrenden, fördernden Einwirkung erfreuen, und meine Dankbarkeit für alles, was sie mir aus den reichen Schätzen ihres Geistes, ihres Gemütes, ihrer Erfahrung gab, wird nur mit meinem Leben erlöschen. Wir haben uns später nur noch sehr selten und sehr flüchtig wiedergesehen, aber ihre herrlichen Briefe wurden nicht nur für mich und mein Haus, sondern für meine zahlreichen Freunde, von denen schon viele heimgegangen sind, ein», unerschöpfliche Quelle der Erhebung und des Genusses. In dem interessanten Roman „In Bünden frei" von Rahel Meyen *), sagt der junge Oppert zu Lydia Leves in bezug auf die Heldin Pauline: „Begeistert, gerührt, besser gemacht hat mich Ihre Freundin durch ihre Briefe!" So dachten und empfanden wir alle beim Lesen dieser wunderschönen Briese: Sie, die unentwegt, unermüdlich strebte, an sich selbst zu arbeiten, sich zu höherer Vollkommenheit zu entwickeln, teilte dieses Streben ihrer „jungen Freundin" mit; alle wichtigen, die Welt, insbesondere die Welt der Frau bewegenden und interessierenden Fragen wurden in unserem Briefwechsel besprochen, und wenn derselbe auch in den letzten Jahren, die uns beiden so manche Prüfung brachten, nicht mehr so lebhaft geführt'wurde, wie einstens, wir wußten, es sei dies kein Erkalten, wir seien einander sicher! Alles an dieser seltenen Frau war eigenartig. Stets bestrebt, anderen Liebe und Freude zu geben, erhielt jede, auch die kleinste Aufmerksamkeit, höheren Wert durch die Art, wie sie erwiesen wurde! Durch Jahrzehnte hindurch hat sie nicht nur meinen Eltern, sondern auch meinen Großeltern zum jüdischen Neujahrsfeste ihren Glückwunsch gesandt und meinen Geburtstag, der auf den Rüsttag eines Festes fällt, mit einer Pünktlichkeit innegehalten, die für meine jüdischen Freundinnen wahrhaft beschämend sein konnte. In dem Kriege 1870/71 entfaltete sie eine überaus große Liebestätigkeit im Dienste edelster Menschlichkeit; sechs Verwundete nahm sie bei sich auf und pflegte sie bis zu ihrer Genesung. Als die Segnungen des Friedens das Vaterland wieder beglückten, schenkte ihr Gott noch einen Sohn, den sie liebte mit allen Fasern ihres edlen Herzens. Jahre waren vergangen, als dieser edlen Menscheus. freundin der in der Reichshauptstadt sich regende Antisemitismus verhängnisvoll werden sollte. Im Herbste 1881 sagte sie mit Mann und Kind dem deutschen Baterlande Valet. Damals schrieb sie mir: „Diese traurigen konfessionellen Streitigkeiten müssen jeden ehrlichen Juden bis in die tiefste. Seele kränken! Wer hätte geglaubt, daß wir wieder in mittelalterliche Zustände zurückgreifen. O, wer hätte geglaubt, daß in der Hauptstadt des deutschen Reiches von gebildeten Christen der Haß geschürt und in die Lande hinausgetragen würde. Wer hätte geglaubt, daß unsere hochgebildete Jugend in den Hochschulen sich zusammentut, um ihre jüdischen Kommilitonen zu beschimpfen und zu verdrängen. *) Institut zur Förderung der israelitischen Literatur. (Fottsehung folgt.)

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