Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 41 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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deren „Gutes Boje heißen", aus dem Wege zu räumen, bald auf die grobe Art der leiblichen Tötung — «wie sie es mit den Propheten Sokrates, Jesus getan, wie ehedem die flammenden Scheiterhaufen, Inquisitionen es gelehrt — bald wieder auf andere, feinere Weise einer langsamen Vernichtung, es fei durch Lahmlegung der Erwerbsquellen im Kampfe ums Dasein, es sei durch geistige Unterdrückung (Behinderung einer in Wort und Tat freien Entwickelung der Geisteskräfte). Denn auch die letzteren Unterdrückungsformen auf wirtschaftlichem oder geistigem Gebiet kommen im Endzweck der erstgenannten, den: Morde, nahe. Da könnte man es noch eher begreifen, wenn solche Wahrheitsverfolger es wenigstens frei und ehrlich eingeständen, daß sie die Wahrheit hassen und lieber bei ihren altheidnischen Lebensanschauungen verharren wollen, wie es jenes Volk tat, das, als es der Thora zugeführt wetzden sollte, erklärte, daß mit der Annahme der „Lehre" auch gleichzeitig eine Verwerfung des Krieges verbunden sei, was sie indes nicht wollten. Jur allgemeinen jedoch werden die Wahrheitserdroßler ihre schlechten Taten noch als gute ausgeben, sie werden ihr „Böses Gut heißen" und ihren Mitmenschen vorspiogeln, daß ihre Taten als gerechte, ja gottgewollte, nur dem Wöhle der Allgemeinheit zugute kämen. Und fordert nicht, wie ehedem so auch heute noch, dieses bekannte Prinzip: es sei besser, daß ein Mensch sterbe, als daß das ganze Volk verderbe seine Opfer? (Ermordung Jaures, Erzberger.) Wie aus der Wahrheitsunterdrückung Unheil fließt, so wird aus dem Stre'ben zur Wahrheit hin Heil, wird erst hieraus die Liebe und der vielgepriesene Völkerbund erstehen können. Ist es nicht aber (höre ich einwenden) in ach! so manchen Lebenslagen schwierig, mit Bekennermut die Wahrheit heraus zu sagen? Und insbesondere für den, der aus Gründen der Furcht und Begierde gefesselt ist an sein enges Selbst! Durch Erziehung und Jnteressenverquicküng sind wir eben schon früh ins Lügengewebe hineinverstrickt. Bereits von Kindesbeinen an hört man in der Schule oder sonst im Leben, der Krieg sei notwendig, erzeuge Mut, Tapferkeit — über den höchsten Mut des Sich-selbst-Besiegens aber wird wohlweislich geschwiegen. Und mit welchen Lügen arbeitet und haben im Weltkriege Diplomatie und Presse gearbeitet! — Erscheint es nun in manchen Lebenslagen tatsächlich heikel und schwierig, unbedingt wahrhaft Rede und Antwort zu stehen oder wahr zu handeln, sei es, daß es uns an der inneren Kraft gebricht, sei es, daß wir Es zwingenden Gründen den Partner mit der Wahrheit verschonen müssen, so sollte man sich dann wenigstens in solchen Ausnahmefällen der Unvollkommenheit seines Tuns bewußt sein und den schroffen Gegensatz zwischen Theorie und Praxis nach bestem Wollen und Können zu mildern und allmählich auszugleichen bestrebt sein, nicht aber noch obendrein aus „satter süß und aus süß sauer machen". Bestimmungen über öle Einwanderung nach Kanada. Personen, die nach Canada einwandern wollen, müssen einen Paß ihres Heimatlandes haben und eine Geldsumme im Werte von 250 Dollars kanadischer Währung bei sich führen, außer den Mitteln für - die Bahnfahrt bis zum Reiseziel. Sie müssen die Reise direkt von ihrem Heimatslande antreten und in ununterbrochener Fahrt mit dort gekauften oder in Canada bezahlten Schiffskarten (Propaids) aussühren; sie müssen körperlich und geistig vollkommen gesund, inomlisch einwandfrei sein, irgend eine Sprache zu lesen verstehen, die genaue Adresse eirrer Person in Canada besitzen, zu der sie sich begeben wollen. Es ist dabei zu bemerken, daß die canadischen Einwanderungsvorschriften durch administrative Bestimnmngen jederzeit geändert werden können. Bon den angeführten Bestimmungen sind folgende Ausnahmen vorgesehen: 1. Von den Geldvorschriften (Besitz von 250 Dollars) find befreit Eltern, die zu ihren Kindern fahren, Kinder unter 18 Jahren, die zu ihren Eltern reisen, Frauen, die ihre Männer auffuchen, Landarbeiter und Dienstboten mit gesicherter Arbeit, die dies durch Dokumente Nachweisen können. Sie alle müssen jedoch die Mittel zur Bahnfahrt bis zum Reiseziel besitzen. 2. Ein Hochschüler kann nach Canada zugelassen werden, um seine Studien an einem canadischen College oder an einer canadischen Universität sortzusetzen, ohne den obigen Bestimmungen unterworfen zu sein. Jedoch muß der Betreffende nachweifen können, daß er wirklich Student ist und in einem canadischen College oder an der Universität immatrikuliert werden soll. 3. Touristen, Reisende, Mitglieder dramatischer, künstlerischer und athletischer Gesellschaften können zeitweilig in Canada zugelassen werden, ohne daß die obigen Bestimmungen Anwendung finden. Folgende Kategorien von Einwanderern können aus keinen Fall in Canada zugelassen werden: Schwachsinnige, Idioten oder Personen, die früher geisteskrank waren: Tuberkulöse, an Trachom- oder an Kopfausschlag Leidende oder mit Infektionskrankheiten Behaftete; Taube, Blinde, Verbrecher. Ferner Emigranten, die von einer Wohlfahrtsorganisation Geld enrpfangen haben, um sie zur Landung in Canada in Stand zu setzen oder deren Fahrt nach Canada von einer Wohlfahrtsorganisation bezahlt worden ist. Personen, die gewaltsamen Umsturz von Gesetz und Obrigkeit vertreten, Mitglieder anarchistischer oder gleichartiger Organisationen; Angehörige von Staaten, die in dem letzten Kriege gegen Canada gekämpft haben. Sodann Personen über 15 Jahre, die keine Sprache oder keinen Dialekt lesen können. Ausnahmen von letzterer Vorschrift sind jedoch für folgende Kategorien zugelassen: Vater, Mutter oder Großeltern über 55 Jahre, die sich zu einem Kinde oder Enkel begeben wollen, die sich rechtmäßig in Canada aufhallen, Frauen, die zu ihrem Manne reisen, eine unverheiratete oder verwitwete Tochter, die zu ihrem Vater reist. Diese Personen können einwandern, auch wenn sie Analphabeten sind. Sie müssen jedoch den übrigen Vorschriften des Einwanderungsgesetzes entsprechen. Von besonderer Tragweite für die jüdischen Einwanderer nach Canada i st die B e st i m m u n g, d a ß d i e F a h r t d i r e k t v o m H eimatlandeausineinerun unter brochenen Reise nach Canada erfolgen muß. Diese Vorschrift bezicht sich auf alle Passagiere, einerlei mit welcher Gesellschaft sie nach Canada fahren, oder in welchem Hafen sie sich einschiffen. Die Canada-Passagiere sollten sich demgemäß von dem Vertreter der Schiffahrtsgesellschaft im Einschiffungshafen im Falle des Umtausches von Schiffskartenanweisungen gegen Schiffskarte bescheinigen lassen, daß eine ununterbrochene Reise vom Heimaisland aus vorliegt. Zu bemerken ist noch, daß in ganz besonderen Fällen eine Einreisebewilligung von Col. I. Obed Smith, Superintendent of Emigration for Canada, 1 Regent Street, London, erteilt werden kann. Ms üem Reich. Berlin. Seitens derJüdischenGemeindezu Berlin werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen und Seminaristinnen Gelegenheit geboten ist, sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Religionsunterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Kurse dauern drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Wschlußprüfung statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen stehen aus dem Julius Bleichröderschen Legat einige Stipendien zur Verfügung. Das Wintersemester beginnt am Donnerstag, den 13. Oktober d. I. Meldungen nimmt der Leiter der Kurse, Herr Rektor Dr. Spanier, in der Mädchenschule, Kaiserstraße 29/30, entgegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. Berlin. Bau einer neuen Synagoge. Zahlreiche Familien aus Halensee und Gruncwald haben sich unter Führung von Professor Dr. jnr. Goldberg zusammengeschlossen, um eine neue Synagoge modernsten Stils zwischen Halensee und Grunewald zu erbauen. Dies entspricht einem dringenden Bedürfnis der beteiligten Kreise. Um aber auch schon für die im Oktober d. I. bevorstehenden hohen jüdischen Feiertage den in Frage kommenden Familien einen würdigen Gottesdienst zu bieten, sollen provisorisch im großen Festsaale des Lunaparks religiöse Feiern unter Mitwirkung hervorragender Chorkräfte mit Orgelbegleitung veranstaltet werden, wozu Eintrittskarten an der Hanptkasse des Lunaparks erhältlich sind. München. Unangenehme Folgen antisemitischer Aeutzerungen. Der Geschäftsführer einer hiesigen G. m. b. H. wurde kürzlich ohne Kündigung entlassen, weil er Mtglieder des Aufsichtsrates durch antisemitische Aeußerungen, die er vor dem Personal gebraucht, beleidigt haben soll. Die Sache beschäftigte hierauf das Handelsgericht. Der Geschäftsführer bestritt, daß ein wichtiger Grund vorlag, der zur außerordentlichen Kündigung des Anstellungs- Vertrages berechtige, und erhob Klage auf Fortzahlung feines Gehaltes; gleichzeitig beantragte und erwirkte er eine einstweilige Verfügung, wonach ihm ein Gehaltsteilbetmg von 2000 Mark zugesprochen, ein mehrverlangter Betrag von 3000 Mart aber abgewiesen wurde. Die beklagte 'Ge-, sellschaft erhob gegen diese einstweilige Verfügung Widerspruch und stellte Widerklage aus gerichtliche Feststellung, daß die außerordentliche Kündigung zu Recht bestehe. In der Verhandlung gab der Käger zu, daß er vielleicht einige abfällige Aeußerrkngen über das eine oder andere Aufsichtsratsmitglied gebraucht habe, derartige Aeußerungen könnten aber nicht dazu ausreichen, eine außerordentliche Kündigung zu rechffertigen. — Nach Vernehmung einer Angestellten, die im wesentlichen die von der beklagten Gesellschaft behauptete und vom Kläger bestrittene Beleidigung der Auffichtsräte bestätigte, erließ das Gericht Urteil auf Aufhebung der einstweiligen Verfügung, ferner wurde der Kläger in der Hauptsache aibgewiesen und festgestellt, daß die außerordentliche Kündigung zu Recht besteht. In den Urteilsgründen ist aufgeführt, daß der Kläger sich einer schweren Beleidigung des Aufsichtsrates schuldig gemacht Spinoza unü unsere Feit. Von Dr. Jakob Fromer. Eigenartig wie sein Denken war die Forderung, die Spinoza an die Sprache gestellt bat. Er betrachtete jedes SchrMtück als verfehlt, wenn dessen Gedanken sich nicht vom Papier abznheben, scharfgespitzten Pseilen gleich mit beschwingter Kraft ins Bewußtsein einzudringen vennochten. Als Muster einer solchen Ausdruüsweise schwebten ihm die biblischen Bücher, besonders die mosaischen Schriften vor. Die winzigen Kapitel der Schöpfungsgeschichte oder der Offenbarung am Sinai überwägen ganze Folianten. Diese auf die knappste Form zusammengedrängten Gedanken benötigten wohl des Kommentars, aber sie wurden streng von ihm geschieden. Bis zum Beginn der christlichen Zeit scheute man sich, den Kommentar niederzuschreiben aus Furcht, er könne in den Text hineingeraten. Wegen dieser ängstlich 'bewährten Reinheit wurden die biblischen Schriften heilig genannt. Hingegen sab Spinoza alle Schriften als minderwertig an, in denen die Grundgedanken mit der Erklärung zusannnenslossen. Das galt für ihn besonders von den philosophischen Werken, deren .Hauptzweck die Gedanken- Vermittelung ist. Was, fragte er sich, bleibt, abgesehen von dem künMrischen Reiz, im Gedächtnis haften, wenn man sämtliche Schriften eines Plato, Aristoteles oder eines sonstigen berühmten Philosophen gelesen hat? Einige Gedankensplitter, die man sicherer und bequemer aus irgend einem Nachschlagewerk erhalten kann. Er hielt es für verwerflich, die Gedanken in einem breiten Wortbrei zu ertränken und dem Leser zuzumuten, einen erheblichen Teil seiner Lebensdauer auf ihre Herausftschung zu verwenden, um sie am Ende doch nicht behalten zu können, weil ihnen die eindringliche Fopm fehlt, die der Leser ihnen aus eigener Kraft nicht zu verleihen vermag. Die Herstellung eines einzigen beflügelten Satzes kann mehr Zeit und A?ühe. Geduld und Kunst erfordern, als die Schaffung eines ganzen Werkes. Aber mit der Knappheit des Ausdrucks allein war es für ihn nicht getan. Nicht überreden, sondern überzeugen wollte er. An den Verstand und nicht ans Gemüt waren seine Gedanken gerichtet. Es genügte deshalb nicht, daß die Worte sich ihnen möglichst eng anschmiegien, sie mußten vor allem klar und überzeugend sein. Er haßte die verblüffenden Wendungen, die faltenreichen Hüllen, den alitzernden Schmuck, den Pomp und Tand, hinter dem die Geistesarmut sich zu verbergen pflegt. Der Vergleich zwischen Moses und den anderen Propheten drängte sich ihm auf. Je weniger diese zu sagen hatten, desto pomphafter waren ihre Reden, desto aufgeregter. ibr Benehmen. Moses aber warf sich nicht aufs Angesicht, geriet nicht in Verzückung, schlug keinen Lärm und redete nicht in Zungen. Schlicht und ruhig sprach er mit seinem Gott „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet". Mit knappen, ungeschminkten Worten teilte er dem Volke die Gedanken mit, denen ihr sachlicher Gehalt Kraft und Schwung verlieh. Diesem Vorbild nachzuleben und darüber hinaus von dem autoritativen Glauben zu der autonomen Erkenntnis, von der nationalen Beschränktheit zur Menschheitsoerbrüderung zu gelangen, war Spinozas höchstes Streben. Schon als Jüngling lernte dieser Amsterdamer Jude die geistige Not seiner Stammesgenossen kennen. Aps ihrer Gemeinschaft ausgestoßen, schloß' er sich einem christlichen Kreise an. Aber auch hier begegnete er den gleichen Errungen und Wirrungen, denen er entronnen war. Der Zerfall der Kirche hatte die Leidenschaften aufs Tiefste erregt. 30 Jahre lang zerfleischten sich die Völker. Immer größere Verheerungen richtete der unduldsame Glaube an. Wie einst Moses, als er seine Brüder leiden sah, rief Spinoza der ganzen unter dem Joch der Leidenschaften seufzenden Menschheit zu: ,Jch werde euch von der Sklaverei der Begierden erlösen und zur göttlichen Freiheit führen!" Aus einem über alle Zwecke und Begriffe erhabenen Ursprung, den er Substanz nannte, sab Spinoza die Leidenschaften als Modi, als unwesentliche Dinge, ausstrablen. Zwischen ihnen irrte die menschliche Seele von Rot zu Not, von Qual zu Qual umher. In ihrer Verzweiflung stürzte sie sich auf diese Peiniger und suchte sie zu^vernichten. Aber je heftiger sie bekämpft wulrden, desto mehr wuchs ihre Kraft. Um eine Leidenschaft zu vernichten, mußte eine stärkere aufgebracht werden. Aus dieser dumpfen Wirrnis suchte Spinoza die menschliche Seele zu dem gemeinsamen Ursprung aller Leidenschaften hinaufzuführen. So lange sie in der Tiefe weilte, war sie ihnen rettungslos preisgegeben, je näher sie dem Ursprung kam, desto befähigter wurde sie, sie zu umfassen und zu beherrschen. Das war der Wclterlösungsplan, der SjPinoza vorgeschwebt hat. Nicht aus Grabesruhe, nicht auf ewiges Einerlei war sein Ziel gerichtet. Kämpfen sollten die Menschen, aber nicht gegen, sondern für einander gegen die Unbill der Natur. Wohl waren sie voneinander verschieden und konnten niemals eines Sinnes werden. Dennoch stammten sie alle von einem Ursprung ab. Und nicht mehr sollte man sich vermessen, die Bestrebungen und Meinungen anderer vernichten zu wollen. Der Eigennutz und die Nächstenliebe, das Menschliche und das Tierische, das Erhabene und das Gemeine: Alles strahlte vop dem Wesen des Alls aus und konnte dem Gesamtwohl dienstbar gemacht werden, wenn cs in ein gemeinsames Bett geleitet wurde. Und nicht mehr sollte man die Materie dem Geist oder den Geist der Materie unterordnen. „Gott ist ein ausgedehntes Ding, und Gott ist ein gedankliches Ding." Durch diese Gleichardnung des Geistes und der Materie war der Weg gezeigt, auf dem allein ein menschlicher Fortschritt möglich ist. Alles Denken führt zu nichts, wenn es nicht durch die Tat, die Materie verwirklicht wird. Alle Taten sind eitel Stückwerk, wenn sie nicht in einer alles umfassenden Idee münden. Von den mannigfaltigen, wesenlosen, faßbaren, bedingten, zufälligen und möglichen Zwecken zu dem unfaßbaren, unbedingten, notwendigen und wirklichen Wesen des Alls sollte man rastl.oß schreiten, an dem nie zu vollendenden aber immer vollkommener werdenden Ausbau der mensck- .lichen Gesellschaft arbeiten, um zum höchsten Ideale zu gelangen. Das warm die Grundgedanken, die Spinoza in seinem Pentateuch, in der aus fünf Büchern bestehenden „Ethik" wirkungsvoll zu gestalten suchte. Traktate aus Traktate schrieb er nieder. Immer von neuem begann er die Arbeit. Als er kurz vor seinem D»de diestzs Lebenswerk vollendet hatte, mochte sich wohl der stolze Ruf seiner Brust entrungen haben: exegi monumentum aere perennius. Ich habe ein Werk vollendet, dauernder als Erz! Noch nie ist eine solche Fülle von Gedanken aus eine so knappe Form gebracht worden. Auf den Raum eines einzigen Druckbogens könnte man die durch auffallende Schrift besonders kenntlich gemachten Axiome und Lehrsätze, die den eigentlichen Text der „Ethik" bilden, zusammensassen. Ihnen folgt der aus Definitionen, Beweisen, Erklärungen und Anmerkungen bestehende Kommentar, in dem Spinoza, „more geometrico" die Wahrheit seiner Lehre in einer klaren und bezwingenden Form demonstriert zu haben glaubte. Aber sein Vertrauen auf die Wirkung dieses Kommentars hat als eine arge Täuschung sich erwiesen. Kein Gedanke kann zum Verstände gelangen, wenn es den an seiner Pforte wachehallenden Sinnen nicht gefällt. Selbst ein Moses hat es nicht verschmäht, sie durch Wunder und Zeichen für seine Lehre zu gewinnen. Spinoza aber grng achtlos an ihnen vorüber, er bot ihnen durch seinen Kommentar keinen Reiz. Diese Mißachtung hat sich schwer gerächt. Sie ließen seine Lehre nicht zum Verstände gelangen. In einem seiner reifsten Dramen schildert Shakespeare die Tragödie des Gedankens, der zur Wirksamkeit gelangen will und es nicht vermag. Ariel ist in einen Baumstamm eingeklemmt und. kann nicht hinaus. Prvspero, die Hoffnung, fuhrt die Befreiung herbei.' Aehnlich sprechen sich Heine und Schelling über die Lebre Spinozas aus. Heine nennt sie wegen ihrer starren mathematischen Form eine gefrorene Poesie. S ch e l l i n g vergleicht sie mit der Bildsäule des Pygmalion, die durch warmen Lebenshauch beseelt werden müßte. Es hat noch kaum eine Zeit gegeben, in der dieses Erlösnngswerk notwendiger war als jetzt! B. T