Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 41 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZiidUchMkrale Zeitung Die,^Nibisch-liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 4.— Einzelnummer 40 Vf. Zahlungen aufvoftfcheikronto Breslau 4S387,Züdlschllberale Zeitung, Kafsenverwoltung, G.Baver, Breslau I in ixxii 1111 ui h i i i m n l ximnm i mag Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Reue Sraupenstraße 7,1. Iiiiiiiiliiiiimirrmrimiiimmmi Amiahmrfchlu» für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Gchrlstleitung: Montag bls Freitag 12—1 vorm, in der Geschäftsstelle. Annahmefchlust für Anzeigen: Dienstag früh Die 3V.cm breite MMlmeterzetle kostet 60 Vf., Samillenanreigen^öVf. BelWlederdolung Ermäßigung lt.Tarif Nr. 41 Breslau, den 16. September 1921 1. Jahrgang Jugend heraus! Judentum ist uns Religion, und innerhalb dieses die liberale Religion. Und darum: Liberale Jugend heraus! Nicht bloß die Jugend dem Alter nach, sondern die Jugend der Gesinnung nach, dem Herzen und der Begeisterung nach. Schart euch zusammen, doch redet mcht bloß. Arbeitet, lernt und laßt euch belehren. Leset in alten und neuen Schriften über Religion und über Geschichte. Leset vor allem die Quellen selbst — und als Quelle der Quellen unsere Bibel. Nur der, welcher wirklich Kenntnisse hat, -hat auch ein Recht, liberal zu sein. Der Irrtum muß endlich einmal verschwinden, daß liberal sein heißt: nichts wissen. Der Vorwurf muß ausgerottet werden, daß liberal sein, lau sein heißt, untätig und nur negierend. Und auch vor der Anklage hütet euch: liberal sein bedeutet unjüdisch sein. Auch nicht einer darf uns übertreffen im Effer für unser Judentum. Wir dürfen nicht jenen Judentrotz, wir dürfen nicht jenen Judenstolz, wir dürfen nicht jenes jüdische Fühlen, das ganz bewußte jüdische Fühlen, nur immer den anderen überlassen. Wir müssen voranstehen in dieser Beziehung. Wir müssen den andern ein Beispiel geben. Dann haben wir auch das volle Recht, uns zum Libe- ' ralismus zu bekennen. Nur kein Verstecken und nur kein Schämen und nur kein „Hinken nach beiden Seiten". Wir denken nicht daran, etwa die anzu greifen, die anderen Sinnes sind als wir selbst. Wir denken nicht daran, jemand zu stören. Aber wir wollen artch selbst nicht gestört fein. Schon deshalb nicht, weil wir nichts Neues wollen. Liberale Gedanken sind grad so altjüdifch, wie es die andern Gedanken find. Aber auch da, wo wir Neues wollen, in der äußeren Gestaltung unserer Religion, haben wir ein Recht, davon zu -sprechen, und haben wir ein Recht, danach zu leben, wenn man fort heiligen Ernst erkennt, der hinter all unseren Forderungen steht. Jugend heraus! Heraus zur Arbeit! Heraus in Begeisterung! Heraus in lodernder, jüdischer Glut! David Honigmann. Von Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg. Durch Mauer und Tor waren einst die preußischen Juden von der Außenwelt getrennt. Ein Torwächter stand innen: die jüdische Strenggläubigkeit; ein Torwächter stand draußen: die Lehre vom christlichen Staat. In einer Mauer von Gesetzen, von beiden Seiten geschichtet, war das Tor fest verankert. Das Judengesetz von 1812 machte den Versuch, das Tor zu öffnen, die Mauer abzutragen. Die Reaktion der folgenden Jahrzehnte schloß das ^or wieder und festigte die Mauer von außen durch neue Gesetze. Erst die Revolution von 1848 ließ die Juden in breiteren Scharen hinausströmen, den Wächter innen und außen bei 'Seite drängend. Feiglinge, die dem Torwächter draußen den Taufschein als Eintrittskarte vorzeigten, hatten in wachsender Zahl schon vorher den Weg gefunden; doch gering war die Zahl der mutigen Männer, die ihren Glaubensgenossen den Weg zu bahnen suchten im Kampf gegen den jüdischen und christlichen Torwächter. IW-libllslll lipiMn zu Neslsii. Montag, den IS. September 1921, abends 8 Uhr: Geselliges Beisammensein im Saale der Gesellschaft „Eintracht" Tauentzienstratze 12 '(Eingang nur Anger). Voranzeige für Montag, den 26. September, abends 8 Uhr: Zm Saale der Gesellschaft „Eintracht", Tauentzienftr.12 (Eingang nur Anger) Eröffnung des Wintersemesters. Dortrag des Herrn Gemeinderabbiners vr. Vogelstein. Freunde und Anhänger unserer Bewegung als Gäste willkommen. Eines Breslauer Vorkämpfers dieser Art soll in seinem 100. Geburtsjahr hier gedacht werden: Dr. David Honigmann. Er wurde am 15. August 1821 in Kempen geboren. In einer Stadt, die fast nur Juden zu Bewohnern hatte, in der das Talmildstudium alles geistige Leben ersetzte, in der starrer Glaubensoifer noch unangefochten den Herrscherstab schwang. Der Torwächter innen waltete sorgfältig seines Amtes. Niemand sollte hinein, den er nicht kannte. Denn böse Kunde war auch nach Kenrpen gedrungen: In Berlin und Breslau gäbe es Juden, die hochdeutsch reden, die nicht mehr „lernen", sondern „christliche" Bücher lesen und gar schreiben, die leben wollten wie die „anderen". Ein Buch klopfte ans Tor: Mißtrauisch schaute es der Wächter an; aber es kam in hebräischem Gewand, darum ließ er es durch. Zu spät merkte'er: es war der Pentateuch von Moses Mendelssohn in hochdeutscher Uebersetzung mit 'hebräischen Buchstaben. Schon fand sich ein mutiger „Melammed", der den kleinen David Honigmann und andere Kinder nach diesem Buche unterrichtete. So lernten sie hochdeutsch, so erwachte die Sehnsucht nach dem geistigen Leben draußen. Der 13jährige Knabe ging nicht in die Talmudschule von Rabbi Samuel Landau, sondern zog durch das Tor Kempens nach Breslau. Der Glaubens- Wächter schüttelte bedenklich das Haupt, aber er fand nicht mehr den Mut, den Knaben zurückzuhalten. In Breslau nahm den jungen Honigmann die „Königliche Wilhelmsschule" auf, die von einem Schüler Mendelssohns „zur Unterweisung der dasiqen Judengemeinde" errichtet war. Zwei Jahre später ging er auf das Gymnasium über. 1841 öffneten sich ihm die Pforten der Universität. Der Wächter draußen war schon ein Stück zurückgewichen, er versverrte nicht mehr den Eingang zu 'den Schulen; er hatte seinen Platz jetzt am Ausgang der Universität und versperrte den Weg zum Beruf: Juden durften wsder Richter noch Rechtsanwälte werden. Da beschloß Honigmann, die Rechte zu studieren, um den Wächter mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: „Ich war, in Preußen wenigstens, einer der ersten Juden, die sich dem Studium der Rechtswissenschaft widmeten. Die Advokatur war den Juden versperrt. Also nicht Aussicht auf Anstellung im Staatsdienst, sondern Eintritt in die spärlich besetzten Reihen der kampfgeübten, im Recht geschulten Streiter für die Sache der Gleichstellung der Glaubensgenossen war bei mir das Motiv für die Wahl jenes Fachstudiums." Zwei Jahre hatte er schon in Breslau der philosophischen Fakultät angehört und in dieser Zeit den Grundstock zu seinem großen literarischen Können und Wissen gelegt, als er sich entschloß, nach Berlin zu gehen, um dort Jura zu studieren. Eine Anstellung als Mitarbeiter an der Berliner jüdischen Monatsschrift „Zur Judenfrage" ermöglichte dem 22jährigen Studenten den Wechsel der Universität. Studium des Rechts und Kampf um das Recht gingen so nebeneinander. Ein Geheimer Ober-Finanzrat Wohlfahrt hatte mit einer Broschüre gegen die „Judenemanzipation" die Rolle des Torwächters für den christlichen Staat übernommen. Honigmann griff ihn unter dem Beifall der liberalen Presse mit einer kleinen Arbeit: „Herr Geheimer Wohlfahrt und die Juden" an. — Als Doktor der Rechte kehrte er von. Heidelberg nach Breslau zurück. Schon warf das Jahr 1848 seinen Schatten voraus, aber die Jliden hofften noch immer vergeblich auf staatliche Gleichstellung. Ein neues Judengesetz sollte dem ersten vereinigten Landtage in Berlin am 11. April 1847 vorgelegt werden. Dieses neue Judengesetz schloß die Juden von allen obrigkeitlichen Aemtern, dem Offizierkorps, dem aktiven und passiven Wahlrechte zu den Landständen, von fast allen Lehrämtern aus. Die jüdische Intelligenz sollte so zur Vorzeigung des Taufscheines verlockt werden. Die preußische Judenheit wurde in zahllose Einzelgemcinden aufgelöst. Dieses Gesetz, das noch jetzt in unseren Gemeinden lebt, bezeugt jeder jüdischen Gemeinde die volle Geringschätzung des Staates; mit keinem Wort erwähnt es den Vertreter der jüdischen Religion, den Rabbiner. Die jüdische Religion durfte doch nicht der christlichen, der Rabbiner nicht dem Geistlichen gleichgestellt werden. In einer glänzend geschriebenen Streitschrift: „Das gute Recht der Preußen jüdischen Bekenntnisses" nahm Honigmann zu dem Gesetzentwurf Stellung: „Es ist nicht möglich, daß das Ganze nach einem System fortschreitender Entfaltung sich bewege, wenn ein Einzelnes innerhalb der Grenzen gehemmt und an veraltete Grenzsteine gefesselt wird. Die Freiheit, das Blut des Volkskörpers, kann nicht gesund bleiben, wenn sie nicht auf und ab durch alle Glieder strömen darf; wenn hart neben ihr, in einem einzigen Gefäße, nur das Gift der Unfreiheit wuchert." — „Wozu einen alten, unheilbaren Zustand durch den Schein eines neuen Gesetzes auch dem blöden Auge offen legen? Oder wollte man es nur der Verwaltung leichter machen; wollte man die tausend zerstreuten und verlorenen Pfeile der Verachtung und Kränkung in ein Bündel sammeln? . . . „Man sollte glauben, es habe nur eine Scherl obgewaltet, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, um ihnen dadurch nicht eine, wenn auch nur indirekte Anerkennung zu gewähren; das Wort „Rabbiner" oder „Geistlicher" wird ängstlich umgangen und sonderbar untschrieben." — Honigmanns Schrift hat milgeholfen, wenigstens in einigen Punkten den Entwurf zu Gunsten der Juden zu ändern. Den Kampf, den der Jüngling, begonnen, hat der Mann durch seine ganze Lebensarbeit fortgesetzt. Ueber den Kampf gegen den Torwächter draußen, vergaß er aber nicht.den Torwächter innen. Als der jiwische Glaubenswächter sah, daß das Tor, das er verschlossen hatte, offen stand, daß die Mauer, die auch er mit tausend Gesetzen errichtet, inrnler mehr abbröckelte, da zog er sich mit seinen Anhängern in den Schmollwinkel zurück, nur gegen Einzelne noch seine Pfeile schleudernd. Die Masse aber ergoß sich jetzt ohne innere Hemmung, ohne Zusammenhang, aus den alten Toren in die neue, noch immer feindliche Welt. ' Mit dem Verstand war Honigmann Jurist, mit dem Herzen Poet. Mit Herz und' Verstand stemmte er sich der ungeordneten, ziellosen Masse entgegen. Mt dem Herzen arbeitete der Dichter und Schriftsteller. Mt einem Büchlein: „Wie ich gläubig wurde" kämpfte schon der Student für religiösen Fortschritt, für neues, religiöses Leben. Mit zahlreichen Novellen, wie „Berel Grenadier" mü> „Das Grab in Sabbioneta" suchte er die Herzen wieder für jüdisches Leben zu gewinnen. Der Jurist aber erkannte die Notwendigkeit, die auseinanderfallenden jüdischen Massen zu organisieren, dem Staat zum Trotz, der ihren Auseinanderfall wollte. Als Syndikus der Breslauer Gemeinde hat er die Rechtsgrundlage für ihre einheitliche Verwaltung geschaffen; als Mitbegründer des deutsch-israelitischen Gemeindebundes hat er bis zu seinem Tode für diesen Bund gearbeitet, der bis auf den heutigen Tag den einzigen vorhandenen Zusammenschluß preußischer Gemeinden darstellt. Am 22. Juli 1885 starb Dr. David Honigmann. Er war für uns preußische Juden ein Pfadfinder auf dem Wege ins Freie. tvahrheitsunter-rücker. Von Dr. Egon Guttmann - Breslau. „Wehe denen, die Böses Gut und Gutes Böse heißen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis, die aus sauer süß und aus süß sauer machen." Jes. 5, 20. Schon das alte Testament -bekämpft die Unterdrückung der Wahrheit, diese geistige Seuche, das neue Testament nennt sie „die Sünde gegen 'den heiligen Geist." Mit allen nur erdenklichen Mitteln trachten die Unterdrücker danach, einmal um des Vorteils willen die Wahrheit zu verdunkeln und zu knebeln, zum andern, weil sie instinktiv die aus der Wahrheit sich für ihr Leben ergebenden Folgen zu fürchten haben: die mit der Sprengung der Sklavenketten, in denen die Menschheit schmachtet, zusammenhängende Rückwirkung auf das eigene f i n st e r e Leben der Wahrhoitsverfolger, das eben durch die beleuchtend e Wahrheit sofort gerichtet wird. Aus dieser inneren Furcht und Besorgnis, ihr böses Spiel mit den Nebenmenschen doch mal kritisch beleuchtet und an den Pranger gestellt zu sehen — fliehen diese Finsterlinge die Wahrheit. Ja, nicht nur das, sie trachten überdies, all die ihnen so unbequemen Wahrheitssucher und -Kämpfer.für Religion, Ethik und Recht, indem sie Wisch-liberM lugenDoeretn su Min. Sonntag, den 25. September 1921: Tages-Ausflug Hegel-Keohnau-Virkenwerüer Treffpunkt 8M Stettiner Vorortbahnhof, draußen unter der Uhr. (Abfahrt 8^) Wegen zu erwartenden starken Andrangs an den Schaltem ist pünktliches Erscheinen notwendig. Wir bitten unsere Mitglieder um Anmeldung zu den Gruppen und weisen nochmals auf den Bortrag am Donnerstag, den 29. September, des Herrn Schriftstellers Julius Bab über das Thema: „Die Juden und die Schauspielkunst" hin. " ' .