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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-09-09 · 40 (9.9.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
40 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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W|) jipi» ItWfllljli.fjpp den. In Berlin wird eine Sammlung von Haus zu Haus veranstaltet, und es sind bis jetzt auch schon größere Beträge eingegangen. Das Dezernat lag vom 1. April bis zum 1. August in den Händen des Redakteurs Herrn C. Z. Klötzel, welcher die Arbeit soweit förderte, daß sie nunmehr unter Leitung des Hauptbureaus weiter geführt werden kann. T Der Karlsbader Zionistenkongress. Karlsbad, Anfang September. Im großen Saal des Schützenyauses wurde der 12. Kongrey der Zionisten eröffnet. Uever 5000 Anhänger des Zionismus aus aller Weit yaben sich eingebunden, von denen etwa 2060 als Delegierte am Kongreß reilneymen. Der Präsident der zionistischen Organisation Proseffor Dr. C tza i m Weidmann und der Vorsitzende des Exekutivkomitees N a ch u n S o k p.l o w eröffneten den Kongreß in yedraischer Sprache. Prof. Dr. Weiß'mann yöb hervor, daß die Balfoursche Deklaration die zionistische Frage noch nicht löse, aber die Möglichkeit, einer Lösung biete. Der Orient sei noch in ständiger Unruhe, der Friedensvertrag mit der Türkei noch nicht ratifiziert, das Mandat noch nicht bestätigt. Die britische Regierung habe ihr Wort gegeben, in voller Erkenntnis ihrer Verantwortung die Frage einer jüdischen Heimstätte ihrer Lösung entgegenzusühren. Die Zionisten seien Überzeugt, daß die englische Regierung i!hr Wort halten werde. Der Kongreß werde den Plan der Erweiterung der Kolonisationsar beiten zu erwägen haben. Zum Präsidenten des Kongresses wurde auf Vorschlag von Prof. Warburg-Berlin Sololow - London, einer der Hauptsührer des Zionismus, gewählt, dem man großes Geschick in diplomatischen Verhandlungen nachrühmt. Vizepräsident wurde Motzkin. Prof. Dr. W e i ß m a n n streifte in seiner Eröffnungsrede auch das Verhältnis der Juden und Araber in Palästina. Er beklagte die feindliche Haltung eines Teiles der arabischen Bvvölterung gegen die jüdische Kolonisation, für die kein Anlaß vorhanden sei. „Wir wollen kein Jota der uns durch die Balsoursche Deklaration gesicherten Rechte preisgeben (Stürmischer Beifall), wir wollen aber auch die Rechte unserer Nachbarn nicht antasten. Juden und Araber können nebeneinander leben und gemeinsam für das Gedeihen des Landes arbeiten." Präsident Sokolow führt aus, daß die Zivilisationsarbeit in Palästina eine Ehren aiusgabe für das Judentum sei. Für das Zivilisationswerk werden die Juden alle ihre Kräfte einsetzen. Mit großem Jubel wurde sodann vom Kongreß eine Absprache des englischen Gesandten in Prag, Sir George Clark, ausgenommen. Er nberbrachte die ' Grüße der britischen Negierung und erklärte weiter, unter Anführung der Balsourschen Deklaration: „Di: Zionisten stehen vor Problemen, die riesige Staatskunst erfordern, aber sie haben Führer wie Meißmann und Sotolow, die für die Lösung dieser Probleme vollauf befähigt sind. Geduld und redliche Bemühungen aus der Grundlage der Deklaration müssen zu einer vielversprechenden Zukunft führen." Prof. Dr. Weißmann dankte für diese Botschaft Den englischen Negierung und hob die darin, liegende Ermutigung hervor, deren die Zionisten für ihre schweren Aufgaben bedürfen. Er gab der Zuversicht Ausdruck, daß es mit Hilfe dieser Ermutigung und durch eigene Anstrengungen gelingen werde, die Versprechungen der Balsourschen Deklaration in die Wirklichkeit umzusehen. Der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, Professor M a s a r ' v k, hat in einem Schreiben .an den Kongreß seine Sympathie für die zionistischen Ziele ausgesprochen, ebenso der tschechoslowakische Außenminister B e - n e s ch. Auch von verschiedenen anderen Stellen sind der Kongreßleitung Svmpathieerklärungen zuaestellt worden. Es begann sodann eine sehr ausgedehnte Besprechung über die Tätigkeit der Exekutive, in der die verschiedenen Gruppen und Fraktionen innerhalb des Zionismus zu Worte kamen und mehrere Redner in vielfach scharfer Weise ihrer Kritik Ausdruck gaben. — Martin Buber über den Zionismus. Am Freitag, dem zweiten Kongreßtage, hielt Martin Buber als gemeinsamer Sprecher der jüdischen Volksparteien „Hapoel Hazair" und „Zeine Zion" eine bedeutungsvolle Rede über Gegenwart und Zukunft des Zionismus. Für Bubers Auffassung der gegenwärtigen Lage zeugt der Inhalt der folgenden Deklaration, die er innerhalb seiner Ansprache dem Kongreß zur Beschlußfassung vorlegie: „In dieser Stunde, in der zum ersten Mal wieder nach acht Jahren der Trennung die Vertreter des selbstbewußten jüdischen Volkstums sich versammelt yaben, sei von neuem vor den Nationen des Abendlandes und denen des Morgenlandes erklärt, daß der starke Kern des jüdischen Volkes entschlossen ist, in seine alte Heimat zurückzukehren und sich hier ein neues, aus unabhängige Arbeii begründetes Leben aufzubauen, das als organisches Element einer neuen Menschheit wachsen und dauern soll. Diesen Entschluß, den Geschlechter unserer Pioniere durch ihr Leben und Sterben bekräftigt haben, vermag keine irdische Macht zu erschüttern. Jede Gewaltat, die um seinetwillen uns angetan wird, setzt der Urkunde unseres nationalen Willens ein blutiges Siegel aus. Aber dieser nationale Wille ist nicht gegen eine andere Rationalität gerichtet. Das jüdische Volk, seit zweitausend Jahren in allen Landern eine vergewaltigte Minderheit, wendet sich nun, da es wieder als Subjekt seiner Geschichte in die Weltgeschichte eintritt, mit Abscheu von de »Methoden des Herrschafts. Nationalismus ab, dessen Opfer es so lange war. Nicht um ein anderes Volk zu verdrängen oder zu beherrschen, kehren wir in das Land zurück, mit dem uns unvergängliche historische und geistige Bande verknüpfen, und dessen heute so dünn bevölkerter Bv'den, zumal bei intensiver und folgerichtiger Bewirtschaftung Raum genug für uns und die ihn gegenwärtig bewohnenden Stämme bietet. Unsere Rückkehr in das Land Israel, die sich in der Form einer stetig zunehmenden Einwanderung vollziehen muh, will kein fremdes Recht beeinträchtigen. In einem gerechten Bund mit dem arabischen Volke »vollen wir die gemeinsame Wohnstätte zu einem wirtschaftlich und kulturell blühenden Gemeinwesen machen, dessen Ausbau jedem seiner nationalen Glieder eine ungestörte autonome Entwickelung sichert. Unsere Kolonisation, die der Rettung und Erneuerung unseres Volkstums allein gewidmet ist, hat ja mcht die kapitalistische Ausbeutung eines Gebietes zum Ziel und dient nicht irgendwelchen imperialistischen Zwecken: ihr Sinn ist die schassende Arbeit freier Menschen aus gemeinschaftlicher Erde. In diesem sozialen Charakter unseres nationalen Ideals liegt die mächtige Bürgschaft für unsere Zuversicht, daß zwischen uns und dem ambischen Volke eine tiefe und dauernde Solidarität der wirklichen Interessen sich offenbaren wird, die alle von den Verwirrungen des Augenblicks erzeugter Gegensätze überwinden muß. Aus dem Bewußtsein dieser Verbundenheit ivird sich in den Angehörigen beider Völker eine im öffentlichen und persönlichen Leben betätigte Gesinnung gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Wohlwollens ausbilden. Dann erst wird wahrhaft sich in geschichtlicher Größe die brüderliche Begegnung der zwei Völker vollziehen." - Der Sabbat blieb sitzungsfret. Die Generaldebatte über die Tätigkeit der nach London verlegten Exekutive seit dem letzten Kongreß vor acht Jahren, die sich an den einleitenden Bericht von L i ch t h c i m - Berlin anschloß und zu der 71 Redner eingeschrieben sind, nahm auch die Sonntagsfttzung voll in Anspruch. Die Gegensätze bestehen in der Hauptsache in der Prager Christentum Dichuitfe der auf Grund in Palästina zu Julius Simon die nötig sei, wenn nicht rnngen und Spaltungen, R e m o des Friodensdertrages von San betreibenden K o l o n i s a t i o n. - Haag mahnt zur Geschlossenheit, ttonde in Anbetracht der Parteigruppie-1 strich, wie sie sich auf dem Kongreß zeigen, der Wiederaufbau Palästinas zu einem neuen Turmbau von B abel werden soll. Von London aus könne die Palästina-Arbeit nicht gemacht werden. Diesen Wünschen eines erheblichen Teiles des Kongresses ivill man auch insofern Rechnung tragen, daß neben der allgemeinen Exekutive in London eine besondere Palästina-Exekutive errichtet werden soll. Weiter wurde von der Opposition behauptet, daß die Berichte über Palästina schönsärberisch seien. Auch das Verhältnis zu den Arabern bedürfe der Klärung. Es müsse eine friedliche Verständigung erzielt werden. Eine besondere Oppositionsgruppc bilden die Misr a ch i, deren Wortführer Prof. Pick und der bekannte Radierer Struck- Berlin sind. Diese Richtung will Palästina auf streng alttestamentakischer Grundlage ausballen. Katzenclson- Jerusalem wies mit Entrüstung die Unterstellung zurück, daß die Osterpogrome von jüdischen Bolschewisten angezettelt seien. Namens zahlreicher Arbeitergruppen beantragt Doktor M a r i t n Buber- Berlin eine Entschließung, in der es it. a. heißt: Der starke Kern des jüdischen Volkes ist entschlossen, in seine alte Heimat zurückzu kehren und ln ihr ein neues, auf unabhängige Arbeit begründetes Leben aufzubauen. Das jüdische Volk, seit 2000 Jahren in allen Ländern eine vergewaltigte Minderheit, kehrt nicht, mn ein anderes Volk zu bedrängen oder zu beherrschen, in bas Land zurück, mit dem cs unvergrßliche Bande verknüpfen. Auf Einladung des marxistisch-sozialistischen Weltbundes . P o a l e Z i p,n , der 'die bildet, fand auch eine allgemeine zionistische beiterkonferenz statt mit der Tagesordnung: „Für Das arbeitende Palästina". Es nahmen daran 110 stimmberechtigte Delegierte des Kongresses teil. R u b a s ch o w - Wien meinte, daß der Zionismus in erster Linie eine Sache des arbeitenden jüdischen Volkes sei, so daß auch die marxistischen Zionisten sich an dem Kongreß beteiligen müßten. In Palästina müsse ein von der Ausbeutung freies Gemeinwesen entstehen. Die Lage in Palästina verlange eine .zielbewußte landwirtschaftliche Kolonisationspolitik. Ein Vorschlag von Ellinger- Jernsalem, dem Leiter von zehn gemeinwMschastlichen Beirichen palästinensischer Kolonien des jüdischen Nationalsouvs aus Errichtung einer Arbeiterfarm in Palästina, auf der jüdische Mädchen zu Bäuerinnen erzogen werden sollen, findet allgemeine Billigung. Lewkowilsch- Palästina und Ka planowitsch treten für die Errichtung von Groß- Siedlungen als Ergänzung der Kleinsiedlungen ein und zwar aus Grundlage der Selbstversorgung und der Beteiligung von Angestellten. Es ist in der Kommune Jisreel die Schaffung einer Genossenschaft von 460 Personen geplant. n einer Sond«Versammlung sprach ter Max B r o d über „Judentum, Heidentum". Im Laufe der Aussprache Wer die Siedlung in Palästina wurde zur Frage des Verhältnisses von Arabern und Juden in Palästina auch die Notwendigkeit eines jüdischen Selbstschutzes gegen Araberangrtsfe auf die Kolonie gestreift. Das Mitglied der Exekutive in London Jabotinsky trat für die Bildung einer jüdischen Organisation ein. Von der deutschen Delegation vertraten Rechtsanwalt Kollentscher- Berlin und Dr. B l u m e n s e l d die beiden Hauptrichtungen in der deutschen zionistischen Bewegung. Beide Redner wollen aus verschiedenen Wegen eine Zusammenfassung und Festhaltung aller Mischen Kräfte im Zionismus. Dr. Blumenfeld meinte, daß die nächsten beiden Jahre über das Schicksal deS Zionismus entscheiden würden. Die nationale Konzentration sei eine Lebensfrage für den Zionismus. Eine Verständigung mit den Arabern müsse unbedingt erzielt werden. Dr. R u p p i n - Palästina, der Leiter des Palästina- Komitees, setzte sich mit den Kritikern der bisherigen Tätigkeit des Palästina-Komitees scharf auseinander und wies die Angriffe als unsachlich und ohne Kenntnis, der wahren Verhältnisse ausgestellt, scharf zurück. Er beschäftigte sich mit der ausgestellten Regel, daß die Ansiedler einen Teil ihrer Erfordernisse aus eigenen Mstteln anschaffen müssen. Wenn die Erfordernisse aber so groß wären, so gerate man mit dieser Theorie in einen falschen Doktrinarismus. Bei den jetzigen Teuerungsverhältnissen und bei der Konkurrenz mit den nichtjüdischen Arbeitern könne er die Verantwortung nicht übernehmen, dieser Theorie zu Liebe auf die landwirtschaftliche Kolonisation zu verzichten. Eher trete er von seinem Amte zurück. Er habe bisher mit den geringsten Geldmitteln arbeiten müssen. Trotzdem seien günstigen Erfolge erzielt, wie die verschiedenen jüdischen Kolonien beweisen. Bei dem Abschluß des Land- I ankaufes in Palästina habe er seine Kompetenzen überi schreiten müssen, was von der Opposition, namentlich von bolländischen Zionisten ihm zum Vorwurf gemacht werde. Die Verhältnisse geboten aber ein schnelles Zugreifen, ohne erst die Genehmigung der Kommission des Nationalsonds einzuholen. Nachdem die Aussprache noch stundenlang weitergeaanaen war, nahm schließlich Prof. Weißmann das Wort, um in mehrstündiger Rede mit der Opposition abzurechnen. Er verteidigte die Tätigkeit der Exekutive, wobei er insbesondere wieder den großen Erfolg des Zionismus unterdcr in der Aufnahme der Balsourschen Deklaration in den Friedensvertrag von San Remo liege. Diese günstige Gelegenheit auszunützen, sollte die Schicksalsfrage des Zionismus und des nationalen Judentums sein. (Schluß des Berichte? folgt.) Forderungen der Araber in Palästina. Die „Morning Post" bringt eine Unterredung mit Mr. Shi'bley Jamal, dem Sekretär der arabisch-palästinensischen Delegation, in welcher die arabischen Forderungen ansfi'chrlich wiüdergegeben sind. Danach bestehen die Forderungen ausführlich in folgendem: 1. Daß eine nationale Regierung in Palästina geschaffen werden soll, die einem Parlament verantwortlich sein soll, das von Leuten gewählt wird, die vor dem Kriege in Palästina wohnten — Christen, Moslemen und Juden. 2. Daß das Prinzip der Schaffung eines nationalen Heims für die Juden aufgegeben werden soll, da es sich nicht mit der Sicherung der Rechte der Araber vereinbaren läßt. 3. Die Sperrung jeglicher jüdischer Immigration nach Palästina bis zur Bildung einer nationalen Regierung. 4. Daß sämtliche Gesetze, die seit der Besetzung durch England erlassen worden sind, ausgehoben werden, und keine neuen Gesetze gegeben werden bis zur Bildung der nationalen Regierung. Die „Morning Post" WM's'M'dlr ""SÄ i?Ätanoci>i öa& ®>urdf“ in seiner Antwort versprochen . Ar - bat, alles zu tun, was m ferner Macht liegt, um den Forderungen der Araber entgegenzukommen. Er betonte, daß er nicht einsehe, warum die Prinzipien des Vertrages von 1915 und die Versprechungen der Negierung an die Juden nicht in Einklang zu bringen wären. Die Delegation wird nächste Woche noch eine Unterredung mit Churchill haben. Kus üem Reich. 250 Jahre Berliner Jüdische Gemeinde. Am Sonnabend, den 10. September, findet im Rahmen des üblichen Gottesdienstes in der Alten Synagoge eine Feier anläßlich des 250jährigen Bestehens der Berliner Jüdischen Gemeinde statt. Die Festrede hält Rabbiner Dr. P e t u ch o w s k i. es;a auch,, der in Jothams berühmter Fabel dem Weinstock' in den Mund gelegt ist: „Mein Most, der Götter und Menschen fröhlich macht"' (Nicht. 9, 13). Aber auch noch sonst ist von den Geschichtsschreibern (2. Sam. 13, 28; 16, 2; Esth. 1, 10), von den Rednern (Jer. 16, 7; Sach. 10,7) und von den Dichtern (Ps. 104, 15) und Denkern sPred. 10, 19; Sir. 31, 32 f.; 40, 20) der Wein als eine köstliche Gabe bezeichnet, wie man besonders aus den schönen Worten, „daß der Wein erfreue des Menschen Herz" ersteht. Eben dasselbe Urteil prägt sich hervorragend deutlich in folgender merkwürdigen Gesetzesbestimmung aus: Wenn jemand einen neuen Weinberg gepflanzt hatte, sollte er während der nächsten Zeit von der Kriegspslicht befreit sein, um die neue Anpflanzung gut pflegen zu können ^5. Mos. 20, 6; 1. Mvkk. 3, 56). Ein beredtes Echo von der Hochschätzung des Weinbaues ist endlich der laute Jammer über die Vernichtung der Weinernte, wie er im althebräischen Schrifttum mehrmals (5. Mos. 28, 30, 39; Joel 1, 10 ff. usw.) in ergreifendster Weise zum Ausdruck gekommen ist. Diese Stellung der allhebräischen Literatur zum Wein kann aber nicht dadurch ausgehoben werden, daß andererseits auch aus die stark erregende und dann lähmende Folge eines übertriebenen Weingenusses hingewiesen ist. Wenn von Noah erzählt wird, daß ihn der arglos genostene Traubensaft — wahrscheinlich junger Most — zu einem „Weinerschlagenen" machte, wie es mehrmals so sehr be zeichnend im althebräischen Schrifttum heißt, oder wenn sonst dort auf die Gefährlichkeit des ungemäßigten Weintrinkens hingewiesen wird (Hos. 7, 15; Jes. 5, 11; Spr. 23, 30 ff.; Pred. 10, 16 s.), so hat dies nichts mit dem Standpunkt des Abstinenzlers zu tun, der seine Freiheit nicht anders schützen zu können meint, als wenn er sich zum Gesanaenen eines abstrakten Prinzips macht und eine köstliche, Kerper und Geist erquickende Gabe der Natur einsam in die Apo thekerschachtel der Gifte verbannen will. Nein, die althebräische Literatur ist auch in diesem Punkte ihrer richtigen, weltoffcuen Stellung zur allgemeinen Menschenkultur treu geblichen. Ihr durchklingendes positives Urteil stimmt ganz mit dem römischen Spruch „Mißbrauch hebt nicht den Gebrauch auf zusammen. Darauf sich aber zu besinnen, ist in unseren Tagell gewiß sehr am Platze. Denn indem der Vaterlandssreund nach allen Kräften ausblickt, mit denen unser Volk von dem Tiefpunkt seines Elends wieder zur Höhe emporgehoben werden kann, denkt er freilich zuerst an den geistigen Jungbrunnen, der aus der Pflege der alten Ideale hervorquillt; aber dann darf er auch an die köstlichen Naturgaben erinnern, die den Körper erquicken und erfrischen, und unter denen die einen hervorragenden Rang einnimmt, die der allhebräische Dichter aus den göttlichen Gedanken zurücksührt, „daß der, Wein erfreue des Menschen Herz". (B. T.) Bücherbespeechung. Die Fünfzig Bücher. Band 29. Die Rahel Briefe und Tagebuchblätter. Ausgewählt und eingeleitet von Agathe Weigelt. Im Verlag Ullstein. Berlin 1921. Obgleich wir uns einer überaus reichen Literatur über die kluge Berliner Jüdin, die bedeutendste Frau, die nicht nur das Judentum, sondern Deutschland hervorgebracht hat erfreuen dürfen, wird das vor uns liegende Büchlein fraglos von allen Literaturfreunden und insbesondere von unseren Frauen und Töchtern mit höchstem Interesse ausgenommen werden. Bon und über Rahel ist alles wertvoll. Ihre hervorragenden Eigen schäften von Geist und Gemüt trugen ihr die Freundschaft und das Vertrauen der erlesensten Persönlichkeiten ihrer Zeit ein. Um die Jahrhundertwende schrieb ihr Karoline von Humboldt „Die Empfindung, alles zu verstehen, hat mir noch kein Mensch gegeben, wie Sie." Ein paar Jahre später trug Prinz Louis Ferdinand der „lieben Kleinen" in die Mansarde der Jägerstraße alles zu, was ihn die schöne, leichte Pauline Wiesel an Lust und Leid durchkosten ließ, und 1830 bekannte der alte Gentz der Greisin noch seine Leidenschaft für die schöne Wiener Tänzerin Fanny Elsten. Rahel ist durch Kampf zum Sieg gelangt. Bon allen, die sie mit Liebe und Verehrung umgeben haben, hat sie niemand so treu und wahr geliebt, so voll und ganz verstanden, so aufrichtig im Leben wie über das Grab hinaus bewundert, wie ihr Gatte, Varnhagen von Ense, der ihr nach ihrem Heimgange das schönste und ehrendste Denkmal in: „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde" gewidmet hat. Wie ein rot-goldener Faden zieht sich durch das Leben der großen Frau ihre Bewunderung für Goethe, die der Dichterfürst durch die hohe Anerkennung, die er ihrer Individualität zollte, erwidert hat. Rahel gebührt das Verdienst in Berlin das Verständnis für Goethe erweckt und befestigt zu haben. Einer der Hauptzüge von Rahels Wesen war ihre Religiosiiät. In ihrer Jugend empfand sie als ständigen Dolchstoß, als Jüdin geboren zu sein; später, da sie gleich ihren Freundinnen und Gesinnungsgenossinnen Henriette Herz und den Töchtern Moses Mendelssohnes den angestammten Glauben verließ, bekannte sie jedoch auf ihrem Sterbebette, „daß sie mit erhabenem Entzücken an ihren Ursprung denke, daß sie es um keinen Preis missen möchte, als Jüdin geboren worden zu sein!" Rahels Aussprüche wurden gleich Orakelsprüchen gesammelt und zitiert, und kaum jemals hat eine Frau soviel Briefe geschrieben, wie sie; sie übertraf selbst Voltaire. „Sie haben in Ihren Worten soviel Ausdruck als in Ihren Augen," schrieb Heinrich von Kleist kurz vor seinem Tode an diese geniale Frau, deren Lippen allzufrüh verstummten, deren Briefe und Aufzeichnungen jedoch ein unvergängliches köstliches Erbe der deutschen Frauenwelt jüdischen Plaubens geblieben sind und für alle Zeiten bleiben werden! _ Regina Neißer.

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