Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 40 (9.9.1921)
- Date
- 1921-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I f i i»im ,ii» i n jng>. w . .1 Reichskanzler Dr. Virth über Rathenau. Berlik. In einer vielbeachteten Rede führte der Reichskanzler am vorigen Sonntag in einer Zentrumsversammlung u. a. aus: „Ich habe bei der Zusammensetzung meines Kabinetts nicht nach der Parteistellung gefragt. Ich habe mir die tüchtigsten Leute geholt, wo ich sie nur finden tonnte. So habe ich mir einen Mann herangeholt, der mit seinen Ideen und Anschauungen seiner Zeit weit vorausgeeilt ist. Er hat ein ungeheures Einkommen im Stich gelassen, er hat' am Tage des Eintritts in die Regierung seine vielen gut bezahlten Aussichtsratsstellen niedergelegt, um dem deutschen Volke und der deutschen Republik zu dienen. Gegen diesen Mann ist jetzt eine elende Hetze im Gange. Mein Kollege Walter Rathenau hat dem deutschen Baterlande und dem deutschen Volk bisher schon mehr genützt, als die ganze Stadion-Gesellschaft zusammen. Und einen solchen Mann bezeichnet man als „verfluchte Judensau". (Zuruf: Rathenau ist gar kein Jude!) Der Reichskanzler griff diesen Zuruf auf und erklärte: „Jawohl, Rathenau ist ein Jude. Er ist seinem Glauben und seinem Gott treu geblieben. Und wir als Katholiken müssen vor einem solchen Mann erst recht den Hut ziehen." Berlin. In der Beleidigungsklage, die der bekannte Knüppel-Kunze gegen den verantwortlichen Redakteur des „Berliner Tageblatts", Erich Dombrowski, angestrengt hat, steht neuer Verhandlungstermin am 10. September 1921, vormittags 11 Uhr, vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte, Alt-Moabit 11, an. Herr Kunze fühlt sich durch einen Artikel des „Berliner Tageblatts", „Der Held von Gardelegen", beleidigt, in dem mitgeteilt wurde, daß Kunze, einer der wildesten Heimkrieger am Schreibtisch und Rednerpult, während des ganzen Krieges die Front niemals gesehen, sondern in Gardelegen als Dolmetscher und Propagandaredner in einer Villa gelebt, sich als Selbstversorger beköstigt, gehamstert und Vieh gezogen hat. Ein Witzbold stellte damals ein Schild mit der Aufschrift „Ziegenkunze" auf das Land, das Herr Kunze gepachtet hatte. Wie erinnerlich, verfiel die erste Verhandlung der Vertagung, weil der Beklagte für sämtliche Behauptungen des Artikels den Wahrheit^eweis angetreten hat. Alle diese Zeugen, insbesondere eine Reihe von Einwohnern Gardelegens, werden in dem neuen Termin vernommen werden. In Gardelegen selbst äußerte man, wie mitgeteilt wird, nach dem Erscheinen des Artikels: „Das ist Kunze, wie er leibt und lebt." München. Im Zeichen des flammenden Hakenkreuzes. Der Fremdenstrom, der sich im heurigen Sommer über Bayern ergießt, hat auch die Gestade des Staffelsees stark bevölkert. Zahlreich Familien aus Norddeutschland haben sich in Murnau und Umgebung niedergelassen, um dort Erholung zu suchen. Schiedlich und friedlich lebten sie nebeneinander — Christen und Juden! Sie aßen und tranken zusammen, badeten, ruderten oder promenierten gemeinsam an den Seeufern. Kein Mißton störte das idyllische Dasein, bis eines Tages im Kurhaus Staffelsee zu Murnau ein Freiherr v. Knobloch aus Kassel mit Frau Gemahlin abstieg. Am anderen Morgen war bereits 'das ganze Hotel mit Zetteln judenhetzerischcn Inhalts verklebt. Am Abend war ein Seefest geplant, das aber wegen des einsetzenden Regens nicht abgehalten wurde. So saßen die Gäste in einer großen Halle dicht am See. Vom Steg her buchtete Plötzlich ein heller Schein. Alles eilte zu den Fenstern. Ein mächtiges Hakenkreuz flammte auf. Dies sollte Wohl das Zeichen sein für die wüsten Szenen, die sich nun abspielten. Unter Führung des Herrn v. Knobloch stürmten mehrere Hakenkreuzbrüder gegen die Halle los, wobei sie aus Leibeskräften brüllten: „Juden raus! Schlagt alle Juden tot!" Frauen weinten, Kinder heulten. Ein Münchener Maler stand auf und ging vor die Türe. Gleich lief v. Knobloch mit seiner Horde hinter ihm her. Als der Maler wieder in der Halle erschien, blutete er heftig. Die Hakenkreuzler aber tanzten wie besessen um die entstandene Blutlache herum und gröhlten: „Bravo! Judenblut!" Endlich rief eine Stimme: „Was habt Ihr denn da gemacht, das ist ja gar kein Jude!" Der Wirt suchte seine Gäste so gut wie möglich zu schützen, war aber gegenüber der tollen Bande schier machtlos. Rohe Beschimpfungen hagelte es nur so. Am nächsten Tage wurde Herr v. Knobloch nebst Gemahlin von dem Wirte an die Luft gesetzt. Die „Gemahlin" ist ein bekanntes Kasseler Dämchen, das sich der deutschvölkische Edeling für die Sommerzeit beigelegt hat. Infolge dieser antisemitischen Heldentaten ist ein Teil der Gäste sofort abgereist. Die weitere Folge wird sein, daß sich die tapferen Helden wegen Beleidigung und Körperverletzung — der blutig geschlagene Maler mußte einige Tage das Bett hüten — vor Gericht zu verantworten haben wird. Gegen Herrn v. Knobloch ist außerdem Anzeige wegen Falschmeldung erstattet. Daß die edlen Hakenkreuzler von der Rothschen Justiz allzu scharf angefaßt werden, steht nach den bisherigen Erfahrungen wohl nicht zu erwarten. Viel eher ist anzunehmen, daß ihnen die Regierung Kahr für ihre „wirksame Förderung des Fremdenverkehrs" die öffentliche Anerkennung ausspricht. Schlesien. Rybnik O.-S. Herr Rabbiner Dr. N e l l h a u s ist von den Gemeindebehörden der Synagogengemeinde Stettin zum stellvertretenden Rabbiner und Religionslehrer gewählt worden. Altheide (Schlesien). 300 Mark Belohnung. Am 1. August d. I. rief folgender Anschlag an der amtlichen schwarzen Tafel der Wandelhalle des Bades Altheide lebhafte Bewegung in den Kreisen der Kurgäste hervor: „In letzter Zeit wird eine antisemitische Agitation besonders durch Ankleben von Zetteln antisemitischen Inhalts in unserem Bade ausgeübt, gegen die wir hiermit energisch auftreten. Für die Feststellung von Personen, die Wände mit Inschriften verunzieren und Zettel ankleben, zahlen wir eine Belohnung in Höhe von 300 Mark. Unser Badeort ist eine Erholungsstätte für jedermann, gleichgültig welcher Konfession er angehört. Bad Altheide, 31. Juli 1921. Badeverwaltung Altheide. Berlitt, — Obigen Ausführungen schließt sich an: Aerzteverein Altheide. San.-Rat Dr. Baucke." Breslau. Repräsentantensitzung. Am Sonntag, den 11. September, vormittags 10 Uhr, findet im Sitzungssaal Wallstraße 9, II., eine öffentliche Sitzung der Repräsentanten-Versammlung statt. Von der Verwaltung der Synagogengemeinde. Herr Gustav GI a ser, seit 27 Jahren Sekretär der Breslauer Synagogengemeindc, ist zum Bureaudirektor ernannt worden. Prater-Nachrichten. Lobetheater. Kriemhilds Rache. Es war eine der besten Ausführungen, die Breslau seit vielen Jahren überhaupt gesehen hat. Der dritte Teil der HebbelsÄen Nibelungentrilogie erfordert ein ganz besonders großes Maß an dramatischer Gestaltungskraft und tiefem Eingehen auf die Wünsche des Dichters. Man darf sagen, daß die Lösung dieser schwierigen Ausgabe der erstklassigen Inszenierung von Paul Na> rnay fast restlos gelungen ist. Sieht man von Kleinigkeiten ab, so begreift man, daß das Publikum nach Schluß der Vorstellung wie fanatisiert war. Es ist ein bedauerliches Zeichen unseres kulturellen Tiefstandes, daß eine so erstklassige Aufführung eines urdeutschen, wertvollen Dramas einem kaum zu einem Viertel gefüllten Hause gogenüberstand. Da dürfen sich die Breslauer nicht wundern, wenn die Direktion, um sich über Wasser halten zu rönnen, eines Tages nach bewährtem Vorbilde zu den modernen Zugstücken greift. Eine Stadt wie Breslau muß ein gutes Schauspiel unterhalten können; kann es das nicht, so ist es seiner nicht wert. — Die Kriemhilb von Frau Maria Fein war eine imposante Schöpfung. In den Szenen mit Etzel war sie ebenso unheimlich, wie trotzdem verständlich; wir dürfen froh sein, daß eine solche Künstlerin uns von ihrer Gottesgabe gibt. Der Etzel des Herrn Julius Arnfeld war in Maske, wie in Spiel in gleicher Weise ebenfalls eine Prachtleistung. Er war ein durchaus würdiger Partner dieser Kriemhild. Bemerkenswerte Verbesserungen wies gegenüber dem ersten Nibelunaenabend Karl Z i st i g als Hagen Tronie aus. Dieses Mal gelang ihm eine tadellose Charakteristik des finsteren Gesellen, seine Maske und seine Aussprache befriediaten vollauf. Herr Ziftig hat sich als gewissenhafter Künstler nicht an seinen Erfolgen des ersten Abends genügen lassen, sondern weiter an sich gearbeitet, und der Erfolg ist da. Gottfried Falken Hausens König Günther hätte ein schärferes Anpacken recht wohl vertragen können, ebenso. Oskar Höckers Dietrich von Bern. Die übrigen Darsteller paßten fttft feinfühlig in das Ganze ein. Wir können auf diese Ausführung stolz sein. W. Sch. Thaliatheater. Die Bummelstudenten. Groß« Posse mit Gesang und Tanz von Bernauer und Schanker. Musik von Brettsckneider und Zevpler. Was die bekannte Doppelsinn« Btettsckneider und Zeppler uns da als Musck bietet, ist eine Mischungverschiedenster Kompositionen. Mer sie ist so humorvoll anaesetzt, daß sie den Hörern immer wieder vortrefflich mundet. Die flotte Spielleitung von Alex Marich hatte mit gerinaen Mitteln für eine hübsche Inszenierung und ein gutes Zusammenspiel gesorgt. R 0. bert Meyn als Pfannenschmidt war eine erstklassige Tvve! Herr Mevn ist eine wertvolle Erwerbung für unsere Bühnen, ein flotter Schauspieler, der über eine gute Routine. gute Technik und ein klares, liebenswürdiges Oraan verfügt. G u st a v R 0 1 b e als Matsch war ihm ein ebenbürtiger Partner. Hertha Nordbeim als Liese schuf eine nette Berliner Köchin, die nur ab und zu etwas mehr Charakterisierung vertragen hätte. Friedrich Honna »md Alfred Habel waren ein famoses Spießerpaar als Pinkert und Langbein. Gertrud Mein; als Agnes fand sich mit ihrer nickt gerade sehr dankbaren Rolle so gut wie möglich ab. Auch hier waren die Chargen außerordentlich gut besetzt. Walter Betz führte den Taktsiock leicht und liebenswürdig: das aut eingespielte Orchester war mit Feuereifer bei der Sacke. Herr Beb möae aber darauf ackten, daß die Einsätze und Tempi der Sologesänge mit denen des Orchesters übereinstimmen und nickt so sehr differieren. daß, jeder seine eigenen Weae acht. Das leider nickt sehr aut belebte Haus war beifallsfreudig und rief auch den fick bescheiden zurückhaltenden Direktor Barnav immer wieder vor die Rampe. W. Sch. In den Ufa-Lichtspielen kommt in diesen und den folgenden Taaen „Die Geliebte Roswolskvs" nach dem im ..Berliner Taaeblatt" erschienenen gleichlautenden Roman von Georg Fröschel zur Ausführung. 1021 Kalender 5681 Wochentag <9 o nat Elul 29 t. (Sabbötb. AuSgang Wockenabschnitt Prophetenabschnitt Freitag Sabbath 9. 10. 6. 7. BreSlaul^ wvyv 8. Buch Hose Kap. 1618—2110 Jes 81, 12—23 52,1-12 lleparaturon sofort. Optiker Garai, AlbrecHtstraße 4* i Gottesdienst In den Gemeinde-' zu Breslau:Ute!fi»g. Freitag 9./9. Beginn abends 6.15 ü. 6.15 V. Sbd. 10./9. Frühgotttstat morgs. Wofatigsm. n Bptgottesdiemt vorm. 8.15 ü. — Neomondnibe „ 8.15 ü. 9.00 U. n t-’redurt „ — 9.45U. w ff Jogmdsoftesd. nachm. 4.oo u. — „ Öchiuli abends 7 02 U. 7.02 U. An den 11./9. Beginn morgs. 6.301) 6.45 D. Woch.- bis tagen 16. 9. „ abends 6.15 ü. 6.15 ü. Konfirmationen, Neue Synagoge, Sonnabend, d. 10. September Ludwig Buchnolz (»'ater Julius, TelcgraphenstraSe 3). Fritz Jas k ulski (Vater Benno, SadowastraUe 40). Alte Synagoge, Gerhard Lewin (Vater Heinrich, KupferschmiedestraUe 26). Alfred Heinann iVater Hermann, Telcgiaphensti. 1. Trauung in der Alt. Synagoge: Sonntag, 2l/4 Uhr: Moritz Hartstein und Helene Schwersenz. Bekanntmachung. Air dringen hierdurch zur Lenmnis unserer Gemeinde- Mitglieder, daß a) die Fleisch» und Wursthandluug von Heinrich Grünpeter. Goloene Radegasse 15, Labia« Hartman«, Neue Gianpmstr. 18, Isidor Miliischer. Höfchenstr. 22, Heinrich Lachs Nachf., Golvene Gadegasse 14, d) die Geflügelhandlung von*) Rngvste Weiftmann, Goldene Radegasse 27 a, Georg Wolfs, Llienstr 100. Jacob Lader, Rmtzmohle 53. c) die Restaurants von Eva Blüh Antonienstr 18, Willi Kornhänier. (Leisingloge) AgneSstr. 5 unt« Amfichi unsere» RadinaiS sichen. Breslau,,« Ceplembcr 1v21. Der Vorstand der Synagogen-Semeinde. *) Jedes zum Verlauf gen eilte Eiück Geflügel mutz mii eine» Stempel und einer Plombe ve,sehen sein. Oeffentliche Sitzung der Reprafentanten-Uersammlung Sonntag» den 11. Septbr. 1921, vorm. 10 Ahr im Repräsentanten-Sitzungssaal, Wallstraße 9, II. Her LoiNeNr in nmilnlnlei-nnliinlm Dr. Wohlaoer. Braucht Ihr Licht, lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllillllllllllll so ruft mich! Illllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllilllllllllllllllitllllllllllllllll Richard tiellert Eelektrische Licht« und Kraftanlagen Qräbschenerstr. 39. Freiburgerstr. 17 Telefon Ring 7903 Für mein Vquipagen»Geschäft brauche ich Per sofort eine ortskundige Kontoristin August Petroh llachf.. Benno CzernlelewshI VreSlan, Fischergaffe 16. ''3 S3ve jefeg-onie |j jfS^rtnßcuiduftr m tö 1 i|jr Hcrreitu. Domen rS! $ J13 &cui£ea Svie j^ut un3 vorte&tafi > Amftüfd Rcsmtfial i [ ■ 3 N«ue 5chu/eidnitrerstr. 5 Kaiserkrone Kabarett und Tanzpalast Sthweldn. Stadtgi. 9 Das brillante September-Programm mit Ott u. Liy Joseph Josepby Ena u. Ossy Waiden u. a. Wieder liefet hart zum Rasieren ohne Meiler Racon gebrauchsfertige HflaKU» Rasier-Creme bonkuirenzios 1 er. Tube M. 10 und Poito, bei 10 Tuben halbes Porto. 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Für. die Bekanntgabe von Familien-Nachrichten bitten wir die SA" Jüdisch-liberale Zeitung ständig zu benützen — Ermäßigte Anzeigenpreis! $ Herausgeber: Liberaler Verein der Synagogen-Gemeinde Breslau. — Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Ludwig Davidsohn in Breslau. Druck und Kommissionsverlag: Th. Schatzky, Buchdruckerei und Verlagsanstalt, G. m. b. H., Breslau III, Neue Graupenstraße 5. 17