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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-09-02 · 39 (2.9.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
39 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' 1. Allgeineine WohlfahrtSpflege. \ a) An der Volks-Sammlung „Deu 1 scheKinder - Hilfe", die zum'großen Teil in den letzten Monaten in Berlin sowohl, wie im Reiche vorgenommen wurde, hat sich die Zentralwohlfahrtsstelle sehr aktiv beteiligt. Sie hat wiederholt die Gemeinden zur regen Mitwirkung aufgefordert und in der jüdischen Presse auf die Bedeutung der Sammlung hingewiesen. Im Reichsarbeitsausschuß war sie genügend vertreten und hat sämtlichen Sitzungen, die der Aufstellung von Richtlinien sowohl, wie vor allem der Verteilung von Mitteln galten, beigewohnt. Sie hat ferner zu wiederholten Malen alle zuständigen jüdischen Stellen darauf aufmerksam gemacht, daß sie in die Ortsausschüsse und Landesausschüsse, welche für die Verteilung der gesammelten Gelder eingesetzt waren, Vertreter entsenden sollen. Es ist düs auch überall geschehen und es sind die jüdischen Wohlsahrtseinrichtungen in entsprechender Weise berücksichtigt worden. Das Resultat der Verteilung im Lande draußen liegt noch nicht vor. Es wurde uns aber von vielen Orten in übereinstimmender Weise mitgeteilt, daß eine gerechte Verteilung stattgefunden hat. d) Ebenso wie in der deutschen Kinderhilse sind wir auch im Zentralausschuß für die Ausland- Hilfe durch Vorstandsmitglieder vertreten, die regelmäßig allen Sitzungen beiwohnen und dafür sorgen, daß von den immer noch reichlich strömenden Liebesgaben die jüdischen Einrichtungen bedacht werden. Es haben in den letzten Monaten die nachstehend aufgeführten Institutionen aus unsere Veranlassung Liebesgaben erhalten: * Säuglingsheim des Fürsorge-Vereins für hilflose jüdische Kinder, Niederschönhausen. Israelitische Taubstummen-Anstalt, Berlin-Weißensee. Fried rich-Lursen-HosPiz, Bad Dürrheim (Schwarzwald). Israelitische Kinderheilstätte, Bad Kreuznach. Israelitisches Kinderheim, Bad Sassendors (Westfalen). Jüdisches Genesungsheim, Bad Elmen. Berliner Verein für Ferienkolonien. Israelitische Kinderhellstätte, Bad Kissingen. Israelitische Kinderheilanstalt, Bad Nauheim. Jüdisches Kurhospital für Kranke, Bad Kolberg. Israelitisches Ährerinnenheim, Berlin-Lichterfelde. Israelitisc^r Kindergarten, Leipzig. Israelitisches Waisenhaus „Wilhelmspfloge", Eßlingen. Auch von den Auslandskuhen (amerikanischen Kühen) sind einige jüdischen Wohlsahrtseinrichtungen zur Verfügung gestellt worden, so dem Landjugendheim der Jüdischen Siedlungsgenossenschaft G. m. b. H., Berlin, Halbe i. Mark. Heim des JüdiscÄn Frauenbundes in Neu-Isenburg. 11. Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in Pankow. Auf besondere Vemnlassurtz des „Zentralausschusses für die Auslandshilfe" haben wir festzustellen gesucht, ob und in welchem Ausmaße im Reiche m den Wohlfahrtsausschüssen die jüdischen Körperschaften vertreten sind. Unsere Umfrage hat auch ein günstiges Ergebnis gezeitigt. In der Mehrzahl der bestehenden Wohlfahrtsausschüsse werden durch goergnete Persönlichkeiten die Interessen der jüdischen Bevölterung wahrgenommen. Die Zusammenarbeit gestaltet sich erfreulich und Verteilung der Liebesgaben wird in gerechter Weise durchgesührt. Die Auslandshitse wird nun ihrerseits dafür sorgen, daß überall dort, wo bisher die Gemeinden und jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in den Wohlfahrtsausschüssen keine Vertretung hatten, eine solche sofort erfolgt. o) Zur Ntttwiwrkung in dem vor kurzem ins Leben gerufenen „Oberschlesier-Hilfswerk", dessen Leitung in den Händen des Deutschen Roten Kreuzes, der vereinigten Verbände heimattrouer Obevschlesier, des Bundes der deutschen Grenzmarkschutzverbände liegt, sind wir gleich den anderen konfessionellen und interkonfessionellen Organisationen aufgesordert worden. Wir haben uns nach reiflicher Ueberlegung zur Mitarbeit entschlossen und in den Reichsausschutz Berlin Vertreter entsendet. ä) An den Beratungen in der „R e i ch s g e m e i n - schast von Hauptverbänden der freien Wohlfahrtspflege" nehmen wir regen Anteil. Die nachstehenden Fragen haben die Reichsgemeinschast besonders beschäftigt: Die Mandatserteilung an das Rote Kreuz, das Relchsjugendwohlfahrtsgesetz, Maßnahmen zur Erleichterung der Wirtschaftsführung privater Erziehungs- und Pflegecmstalten, ein Ausruf gegen den Luxus, die Alters- Hilfe-Sannnlung usw. Es ist durch 'diese Mitwirkung bei der Reichsarbeitsgememschast eine Gewähr dafiir geboten, daß die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden sowohl iiber die Strömungen der allgemeinen Wohlfahrtspflege dauernd orientiert wird, als auch an den allgemeinen Aktionen tätigen Anteil nimmt. 6) Der R ü ck w a n d e r e r h i l f e, die eine Reowanü ation erfahren hat, hat sich die Zentralwohlfahrtsstelle der oeutschen Juden angeschlossen und ist in der Leitung durch oen ersten Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. Baum, vertreten. Es wich auf diese Weife erreicht, daß auch den lützischen Rückwanderern deutscher Abstammung aus den Mitteln der Rückwandererhilfe im Bedarfsfälle Förderungen zuteil werden. k) Es hat in der letzten Zeit innerhalb des Roten Kreuzes eine Umorganisierung ftattgestmden in der Weise, daß an die Stelle des Zentralkomitees der deutschen Vereine vom Roten Kreuz das „Deutsche Rote Kreuz" tritt und künftighin die alleinige Vertretung aller Organisationen vom Roten Kreuz nach außen hin darstellt. Es beabsichtigt, zur Durchsührung seiner Aufgaben seinen Vorstand durch Zuwahl sachverständiger Persönlichkeiten ohne Rücksicht auf Zugchörigkeit zum Roten Kreuz zu eriveitern. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden wird in einer der nächsten Sitzungen Gelegenheit nehmen, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. g) In der von der Deutschen Zeittrale für Jugendfürsorge einbevufenen Sachverständigenkonferenz zur Vorbereitung des Reichsjugendwohlfahrts-Gel e tz e s sind wir durch unser Arbeitsausjchußmitglied Herrn Rechtsanwalt Dr. Lamm vertreten worden. In Gemeinschaft mit den Vertretern der übrigen konfessionellen Wohlfahrtsvereinigungen sind verschiedene Anregungen gegeben worden, durch die eine weilergehende Rücksichtnahme aus oas Bekenntnis der Jugendlichen gewährleistet werden soll. (Scymß foigl.) Hm öer Presse. Zur Gstjuüenfrage. Jnl „Tag" lesen wir unter dieser Ueberschrift: Lire ostMiscye Wanderung, die wir zurzen erieben, ist ein Teil der großen Mticyen Wanoerungen, die in gewissen ^jeitavitanden wm-renio der ganzen uns bekannten Menjcy- ^eitsgeicyicyts sipttgeiuNden. haoen. Sie bewegt sich in der ^>aupl,ache aus eurer Lime, deren einer Endpunkt in den ,ogenannren Randjiaaten des ehemaligen rrglNcyen Meiches uno deren anderer in dm Bereinigten Staaten von Roroamerica liegt. Aus die Gründe etnzngeiM, Weiche diele Wanderung der Gegenwatt veranlaßt haben und weiche sir m diele Richtung gedrängt haben, ist hier nicht der Orr. <£» genügt die Lagache sestzustelien, daß der Hauptstrom jüdischer Wanderer sich heute von Osteuropa nach Nord» amerira evgteßt und da st Deutschland daher mit Naturnotwenotgkeit zu einem der Hauptdurchgangslander dieses Stromes geworden ist. Auf die Konsequenzen, die sich für Deutschlaitd aus dieser Tatsache ergeben, soll weiter unten eingegangen werden. Hier sei nur daraus hingewiesen, datz wir es bei der jüdischen Durchwanderung durch Deutschland (und um eine Dutchwandemng handelt es sich) mit einem Ereignis zu tun haben, das durch irgendwelche Maßnahmen des Verordnungsweges und durch kleine und große Ansrageu im Reichstag ebensowenig aus der Welt..geichasit werdest kann, wie einst die Völkerwanderung durch den Vau des Limes. Aber es gibt Mittel und Wege, diese Durchwanderung so. zu regulieren, datz sie für den schwer kämpftnoen deutschen Wtrtscyaftstürper keine Gefahr darstellt und daß, die Möglichkeit von Reibungen aus ein nicht mehr fühlbares Minimum herabgedrüctt wird. Voraussetzung hierfür ist die Erfassung des Ostjudenproblems, soweit es für Deutschland in Erscheinung tritt, als eines wirt,chafts- und sozialpolitischen Problems, als eines Problems, das nur aus dem Wege einer verständigen u,vd ruhigen Bearoettung durch» hierzu berufene Instanzen und nicht durch Gewaltmatznaymen, Aufbauschungen und Verhetzungen zu lösen ist. In der ösfewlichen Meinung Deutschlands ist gerade in dieser Beziehung eine grundlegende Wandlung vonnöten. Der immer wieder ge hone Ruf nach der Ausweisung oder zum mindesten nach der Internierung alle; Fremdftämmigen, worunter man wohl in der Hauptsache Oststtden versteht, kann nur von solche,» Leuten auSgehen, die die Situation verkennen und in einem Elementareretgnis, wie es die Wanderung eines ganzen Vol. kes darstellt, eine Angelegenheit der Polizei sehen. Das idemiche ^uomrum ist stch der gropeu Aufgabe, ote ihln aus o«-v oben rnrz anttCu>cuietm ^uucuiott erwachst, ovil uno ganz bemupt gowovovn. Res nau, oer ^txuuuiiiuiUitig geiauuen we,»mnnehen WrrlfchastStorpers «uw; ou >tntß»cienjui|ie uns chve rzvigen d^e dorr anfagrge Mr- ,u,e Bvovueru»«g in roew^gung gener und ihren ^ug nach „ent Lve,ten r-vuann, Ware es tu Deuqu,m<w zwe»,e»ws zu elnev Kara,rrop^e gekommen, wenn die berasemn Verwunde des bMlichen ^zudemums umer ZUlcum»te»qa>iung uuer ihrer Kruste ^nstuunonen geschallen hurl^n, ore in engirer ^jusanuwenarben nur den Vehur^n sta, der schweren -na,gaive der Regulierung der' Dmcywande»ung gewagten (,eignn. Gewche Anlage zu solchen ^n,umlconen waren imuii wahrend der letzten Knegsiahre vor^anoen. waren, uanmls nunweromg geroovoen, ms in der Erlullung oes ^liwenourgprvgrmimts eine beträchtliche Anzahr von ostjudt- ,chen 'Rrweirern reus irerwilirg, reris zwangsweise der oear- ,chen uriegsinoustne zugeiuhu wuroen. Dreze Tatsache geriet in Dentichrano sehr oato in Vergesfem-est. Man jrirre uver unmer wreoer daran erinnern, daß tm vetrachtricher Prozentsatz der heule in DenrichtaM ansässigen OsiMven sru, UNS Leuten relru'tlevt, die wahrelw des nrreges seht gegen lr-ren Wuren nach Deur,chtano gebracht wurden. Rach Beenorgung des Krieges wurde eur Teil Liefet Leute auz Gruno der Demobunrachungsveroronungen aus «einen AkveitSstatlen hinausgewre,en. Um ste, dre weoer nach Polen zurucb ronmen, noch rn Deutschland veschustrgl wecven wurilen, vor dem <VchlimnlsNn zu bewahren uno sw denr zwange des Vertellts, Siehlenö und Schiebens zu ent- ^oen, wurde tm rZruhjayr ivid unter Zu,amnrenschlutz ves <jentvalvererns deutscher Staatsbürger Morschen iSlauoens, wer Ljronr>nichen Vererntgung für DeutschlaM, der Großwgerr, der jüdischen Gemernoe zu Berlin und anderer Organtsattonen das Arberrersursorgeaml der Mischen L)rgantanonen Deutschlands gegründet, dem die rnuigaoe zu,rer, ore Leute mrt allem Rorwerldlgen zu versehen, ihnen Kleloung, Verpslegung um Untertunst zu vescyassen. Soweit crue Aroeitsveschassung mit den jeweiligen Ve,iimmullgr.n oer Demobiimachungsverordnungen vererNE ist, geichre^t ge ourch das in engeur Konnex rnit dem genanmen Amt arbeitende Jüoische Arbeitsamt. Die beiden genannten Institutionen haben im Lauf^ ihres Vesteyens gezeigt, datz auch schwierigste Aufgaben uncer den erscywerewvsten Umjtändm im Jmeresse sowohl ihrer Schutzioesohlenen wie auch im allgemeinen deutschen Jnure»e gelost werden konnten. ^Zhre Taii-gteit hat vor allem erwiesen, datz wir es in Deutschland mit einem oMdtscyen Element zu tun haben, das eine ganz anoere Struktur aufweist, als man un allgemeinen annlmmt. Alan muß hier scheiden zwischen den Leuten, die, wie eben bereits erwähnt, wahrend des Krieges nach Deutschland gebracht wurden und sehr gegen ihren Willen hier bleiben mußten, uno denjenigen, die in der Zeit nach dem Kriege Deut.chland als Durchgangsland passierten. Für die erfteren galt der Grundsatz, datz eine Beschäftigung von einigen Zehntausend arbeitswilligen und arveitSsahigen Leuten sur emen trotz allem so gewalttgen Wirtschastskorper wie den deutschen eine viel geringere Gefasyr darstellt als ihr beschäftigungsloses Vagavundieren, das ste aus dem primitivsten Selvsteryaltungsdrange heraus zu allerlei unerlaubten Dingen zwingen mutzte. Es kam hinzu, daß der Bedarf des deui- Ichen Rtaottes an Arbeitern durch inländische Kräfte trotz der anderweitig herrschenden Arbeitslosigkeit nicht an alle»» Stellen gedeckt werden konnte. Als Jllustmtion hierfür sei eine Rotrz aus dem „Arbeitsnachweis in Deutschland" vom 5. August 1921 angeführt, in der es heißt: »Von den durch oas Brandenvurglscye Landesarbeitsamt für die Landwirtschaft der Provinz Brandenburg genehmigten rund 32 700 ausländischen Wanderarbeitern dürsten schätzungsweise etwa 22 000 in die Provinz gekommen sein. Es ist anzunehmen, oatz durch diesen nicht unerheblichen Ausfall viele Betrieve in gewisse .Schwierigkeiten bet der Durchsührung der Feldarbeiten kommen werden." Die deutsche dfsentliche Meinung »leigt nun zweifellos zu der Annahme, datz der Ostjude für alle Berufe der Schwerardeii, insbesondere auch der Latidavbeit, absolut ungeeignet sei. Diese Ansicht ist ebenso falsch »vie verbreitet. Die Tätigkeit der Mischen Institutionen hat erwiesen, daß ostjüdtsche Arbeiter aus deutschen Güter,t gerne zu Landarbeiten aller Art herangezogen werden; die vorliegenden Zeugnisse zeigen zur Genüge, daß sie auch in dieser Tätigkeit ein ruhiges^ nüchternes und fleißiges Element darstcllen, mit dem die besten Erfahrungen gemacht worden sind. Aehnltch liegt es in andern Schwerarbeitsberufen wie zum Beispiel im Bergbau. Man weih heute in Deutschland kau»n, daß in den Bezirken des rheintsch-w eftsälischen Jnvustriegebietes Tausende von ostjüd,scheu Arveitern iei»ö unter Tage, teils in den Faoriten und Werkstätten der Schwerindustrie beschäftigt sind. Auch vierüb« liegen Doiumente vor, die das ostzüdtsche Arvetterelenrent im denkbar günstigsten Licht erscheinen lassen. Hat die Tätigkert der jüdischen Institutioltcn cs aus diese Weise eNeicht, diejenigen OstMen, deren Ausivanderung aus Deutschland aus Monate hinaus aus den oben kurz angcheuteten Grimden behindett ist, dem deutschen Wirt- „Es gibt Menschen mit Ellbogen und solche ohne Ellenbogen. Das Besondere des Falles ^ldols Schreiber war: er hatte nicht nur keine, sondern sogar negative Ellbogen, Ellbogen gegen sich selbst." — Aus diese kurze Formel bringt Brod den Eharakter Schreibers! — Was soll ich hier von Schreiber viel erzählen, von dem bettelarmen, jüdischen Jungen, dem Sohne eines Prager Tapezierers, der durch eisernen Fleiß sich seinen Wog bahnte, und der bei Lebzeiten keine Erfolge hatte, weil er verabscheute, Tamtam zu schlagen, Reklame zu machen und sich in Posiwr zu setzen! Brod hat das alles in seiner feinen, klugen Art dargestellt; bitter und schmerzlich berichtet er, wie dieser wundervolle Künstler des Broterwerbs wogen x-mal in Berlin die blödsinnnigslen Operetten dirigieren mußte, und wie die Verständnislosigkeit, Oberslächlrchkeit und Seelenloscgkeit der „Ntitwelt" den überbescheivenen und übersensrblen Ntenschen so zermürbten, bis er zu dem Entschluß kam, ans dem Leben zu scheiden. — Es ist nur ein sehr zweifelhafter Trost, lvenn wir jetzt die Gewißheit haben, daß Schreibers Rtusik bald berühmt sein wird; — immer wird der Gedanke quälend bleiben, daß in dem Leben dieses Frühvollendelen so gar kein Glück gewesen ist! — Wenn aber sein Werk auch nur etwas Waffe gegen die Flachheit und Kulturlosigkert unserer Zeit wird, dann hat Schreiber nicht umsonst gelebt! Dr. L. D. jMHrnnp einer alten $rnu. 9. Fortsetzung. - Die Schatten der Dämmerung deS Hellen Oktobertages sanken bereits herab, als ich das Heim meiner Verwandten*), oas mich ungemein behaglich umfing, betrat. Nur weniger Tage des Einordnens der Sachen, der Einfügung in die Hausordnung bedurfte es; ehe ein bestimmter Arbeitsplan entworfen wurde, war mir ein hoher, seltener Genuß zugedacht. Schon am 31. Oktober. Im Viktoriatheater fand die letzte Vorstellung oer Stagione der Italienischen Operngesellschast unter dem Impresario Merelli statt, das letzte Auftreten der über alle Maßen mit Fug und Recht gefeierten jugendlichen Diva, Adelina Pani. Man gab je einen Akt aus „Der Barbier von Sevilla", „Don Juan" und „Die Nachtwandlerin", waren doch die^Rosine, Elvira und Amina die Glanzrollen der gottbegnadeten Sängerin. Ich sehe jenen Abend in den leuchtendsten Farben noch vor mir! Der schöne, strahlend helle Theaterraum bis aus den letzten Platz von einer eleganten, jubelnden, begeisterten Versammlung gefüllt, die Vertreter der männlichen Rollen interessierten mich weniger lebhaft, ich hatte nur Auge und Ohr für diese Adelina, die erst zwanzig Jahre zählte und durch ihre hohe Kunst ein unbeschreibliches Entzücken, einen Beifallssturm sondergleichen hervorries. Ich sehe diese zarte bleiche Nachtwandlerin so lebendig vor mir, in dem weihen Gewände, mit dem aufgelösten dunklen Haar und der brennenden Kerze in der Hand, ich sehe das feine süße Antlitz, die schönen ernsten Augen mit dem todestraurigen Ausdruck noch heute greifbar deutlich; Rosine und Elvira traten bei weitem damals in den Hintergrund, so sehr diese mir auch gefielen. Ich war einfach geblendet, hingerissen, berauscht und meine Dankbarkeit für meine Verwandten war unbegrenzt! Ungeachtet mein Aufenthalt in Berlin, der sich bei weitem länger ausdehnte, als es ursprünglich seitens meiner Eltern beabsichtigt war, ungemein reich an unvergeßlichen und unvergänglichen Eindrücken und Anregungen gewesen ist, ungeachtet meine Verwandten unablässig bedacht waren, mir in und außer ihrem Hause das Schönste und Beste zu bieten, bin ich nicht verwöhnt worden. Ich hals meiner- Tante im Haushalt — sie war eine treffliche Hausfrau, ich beaufsichtigte meine beiden kleinen Vettern, beschäftigte mich gern mit ihnen und erhielt vorerst Klavierstunde bei dem als Musikdirektor und Komponist im damaligen Berlin wohlbekannten A. W. Blumenfeld, dem Sohne unserees Lissaer Kantors Eisik Blumenfeld, der mehr nach einer schnell fördernden als gründlichen Methode unterrichtete. Obgleich ich es niemals zu einiger Fertigkeit im Klavierspiel brachte, bewahre ich ihm noch heute ein dankbares Gedenken; sehr interessant wußte er von seiner Lehrtätigkeit im Hause des Ministers von Bonim und dessen Tochter, der Gemahlin des damaligen türkischen Gesandten Aristarchi Bey zu erzählen. Ich war kaum eine Woche in Berlin, als ich die Frau kennen lernte, die in der Folge mir so unendlich viel in sechsunddreihigjähriger Freundschaft gegeben hat. Es waren jene seltenen Kräfte von Geist und Gemüt, deren harmonisches Zusammenwirken ihrem Wesen und ihrer Persönlichkeit den Stempel ausdrüüten. Niemals habe ich für eine Frau eine solche Verehrung und Bewunderung empfunden, keine hat durch Beispiel und Vorbild so günstig und nachhaltig auf mich eingewirkt, wie sie. Sie gekannt, sie zur Freundin ein Menschenalter hindurch besessen zu haben, war eine hohe Gunst des Schicksals und ist in Bezug auf Freundschaften auch der beste Gewinn meines Lebens gewesen. Als sie zu Ansang unseres Jahrhunderts aus dem Leben schied, habe ich ihr in der „Allg. Ztg. d. Jdtms." am 30. Januar 1903 ein Gedenkblatt gewidmet, das auch heute noch den geschätzten Leserkreis dieses teuren Blattes interessieren wird; ich gestatte mir daher die kleine Skizze hier folgen zu lassen *). „Ein jüdisches Herz." „Höchste- Glück der Erdenkinder Ist doch die Persönlichkeit." Goethe. *) Prenzlauerstratze. *) Etwagekürzt. (yottsrtzung folgt«)

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