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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-08-12 · 36 (12.8.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
36 (12.8.1921)
Date
1921-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fessor Türk, der als Referent zu der Frage Stellung nimmt, stellt fest, daß die Beseitigung der Kasualgebühren auf dem Programm aller Parteien der Repräsentantenversammlung steht. Die Frage wurde zuerst vor etwa 12 Jahren in einer zionistischen Wühlerversammlung angeschnitten und ist seitdem nicht zur Ruhe gekommen. Es wurde behauptet, daß die Rabbiner in erster Lime für die Reichen da sind, eine Auffassung, die der Redner bestreitet. Auch andere Gründe jpredjcu für die Reform des Kasuolwesens. Es ist eine ungeheuere Ungerechtigkeit, daß ein Teil der Rabbiner durch die Kasualgebühren zu Wohlstand kommt, während bei den anderen kein Ausgleich durch die Besoldung erfolgt. Die überlasteten Rabbiner müjjeit von den Kasualien befreit und ihre Kräfte für wichtigere Aufgaben frei gemacht werden, für wirkliche Seelsorge, Ue nicht lediglich in Trauungs- und Beerdigungsreden besteht. Das Arbeitsfeld der Rabbiner sind das soziale Gebiet und der Religionsunterricht an höheren Schulen. Den letzten Anstoß zur Verhandlung dieser Frage gab du Brief des Rabbiners Dr. Baeck. Die Arbeiten wurden durch den Krieg unterbrochen. Aus einer gemischten Kommission ist als Ergebnis langer Beratungen der Vorschlag hervorgegangea, alle geldlichen Beziehungen zwischen den Rabbinern und den Gemeindemitgliedern fortfallen zu lassen; die Gemeindemitglieder sollen für die Tätigkeit des Rabbiners einen bestimmten Betrag in die Gemeindekasse zahlen, von dem zwei Drittel dem Rabbiner, ein Drittel der Gemeinde zufallen. Für diejenigen Rabbiner, die wenig Kasualgebühren haben, wird ein Garantiefonds gebildet. Eine wirkliche Seelsorge kann in der Tat nur ausgeübt iverden, wenn alle geldlichen Beziehungen aushören. Die Rabbiner haben ju der Neuregelung ihre Zustimmung gegeben. Es ist deshalb zu hoffen, daß der ideale Zweck, die Rabbiner für höhere Aufgaben frei zu machen, erreicht werden wird. — Rechtsanwalt Stern (lib.) gibt seiner Befriedigmig über die Vorlage Ausdruck, die das Empfiiiden des Rabbiners, das durch ein freies Honorar verletzt iverden kanii, schont uub dadurch den idealen Zusammenhang zwischeil Rabbiner ilnd Gemeinde hebt. — Herr Kirsten; vorn Gemeindevorstand gibt der Hofsirmrg Ausdruck, daß die Vorlage in der Versammlung ebenso einstimmig angeiromiiieir wird wie in der gemischten Kommission. Er dankt den Genieinderabbinern, daß sie dieser Regelung durch Verzicht auf ein verbrieftes Recht zugestimmt haben. Es bleibt nach der Neuregelung jedem Gemeindeucktglied mrbenommen, sich mich weiterhin an eineir Rabbiner jeiires besonderen Vertrauens zu wenden. Nach einigen iveitereii AuSführungeir aus der Versammlung wird die Vorlage einstimmig angenommeii. Jir der Februar-Sitzung der Repräsentantenversanimluilg war von zionistischer Seite anläßlich der Beschlußfassung über die Subventionierung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums beantragt ivorden, auch dem orthodoxen Rabbiirerseniiirar Berlin einen Beitrag in gleicher Höhe wie die der Hochschule gewährte Subvention zil vewilligen. Dieser Antrag ivurde aitS geschäftsmäßigen Grüiideii vertagt, weil eiir Antrag des Rabbinerseminars nicht vorlag imd die Grundlageil für eine Subventionsbemessnng fehlten. Inzwischen ist der Subventionsaiitrag des Rabbiuerfeminars mit einer ausführlichen Begründung eingegangen, aus der hervorzuyeben ist, daß von den ini Seminar ausgebildeten Rabbinern iit Berlin 26, davon vier bei der Jüdischen Gemeinde, angestetlt sind. Der Etat des Seminars, der vor dem Kriege noch 45 000 Mk. betrug, ist auf etlva 280 000 Mark angewachsen; hu verflossene i Jahre betrugen die Eimmhiiieii 125 000 Akk., deiieii 223 000 Mark Ausgaben gegenüberstanden. Der Genidndevorstand beantragte einen Jahresbeitrag voli 20 000 Mark für die Anstalt. — Die Repräsentantenversammlnng beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit dieser Vorlage. Der Referent, Sanitätsrat Dr. Steinthal (Lib.), empfahl die Annahme der Vorlage aus Gerechtigkeitsgrmiden. Als erster Diskussionsredner wendet sich Professor Dr. Türk (Lib.) gegen eine bei der früheren Beratung geäußerte Ausführung des Repräsentanten Dr. Abrayam Löb (I. Vpt.), der erklärt habe, daß er außerstande sei, für die Subvention der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu stimmen. Nach dieseil Ausführungen ist Professor Dr. Türk als religiöser Antipode des Herrn Dr. Löb nicht tu der Lage, für die Subvention des orthodoxen Rabbiirerseminars zu stimmen. .Er bestreitet demRabbinerseminar iiicht die Existenzberechtigung; als Liberaler ist er der Meinung, daß beide Richtungen ihre volle Berechtigung haben. Er klagt aber das Rabbinerseminar wegen des Geistes der Unduldsamkeit an, die es in seinen Schülern großzieht. Das Rabbinerseminar und die Adaß-Jisroel-Gemeinde haben wiederholt verhängnisvoll in die Entwickelung der Berliner Großgemeinde eingegriffen: so in der Frage der Anstellung eines Schulinspektors für die Gemeinde, dann im Jahre 1912 bei dem geplanten Ausbau der Gemeindeverwaltung durch die in Aussicht genommene Erhöhung der Zahl der Mitglieder des Vorstandes und der Reprüsentautenversammlung und neuerdings bei der Schaffung der Gesamtorganisation der Juden Deutschlands, deren Entwicklung durch die Stellungnahme der Orthodoxie auf das höchste gefährdet ist. Aus allen diesen Erwägungen kommt der Redner zu der Notwendigkeit, sich persönlich gegen die Annahme der Vorlage auszusprechen. Rechtsanwalt Stern (Lib.) kommt zu denselben Ergebmssen wie der Vorredner imd erklärt, daß er sich der Stimme enthalten wird. Das Rabbinerseminar pflegt den Geist der Unduldsamkeit und Verneinung jeder anderen Ansicht, es negiert die Berechtigung liberaler Entwicklung im Judentum und hat niemals Parität gegenüber den liberalen Ansprüchen walten lassen. Dr Neumann (Kons.): Die Wahrung der Parität ist nicht Sache der Anstalten, sondern Aufgabe der Gemeindebehörden. Im Sinne dieser Parität sollte der seinerzeit gestellte Subventionsantrag auch wirken. Nachdem die Konservativen ohne Bedenken für die Subventionierung der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gestimmt haben, erwarten sie, daß die Liberalen auch für die konservative Anstalt eintreten. Professor Dr. Loewe (I. Vpt.) erklärt, daß die Gemeinde die Verpflichtung hat, für beide Anstalten zu sorgen, denn jedes dieser Institute stellt eine Notwendigkeit für das Judentum dar. Dr. Abrayam Löb (I. Vpt.) bittet, prinzipielle Fragen, ivie die Stellung zum liberalen und orthodoxen Judentum, nicht durch Abstimmung zu entscheiden. Wert oder Unwert beider Richtungen entscheidet die Geschichte. Sanitätsrat Dr. Steinthal (Lib.) toenbet sich ebenfalls gegen Stimmenthaltungen. Es handelt sich um die Pflege der Wissenschaft, gleichviel von wem sie betrieben wird. Die Berliner Gemeinde, die säst die Hälfte aller deutschen Juden umfaßt, ist verpflichtet, beide Richtungen zu unterstützen. Nach einer Berichtigung des Repräsentantei'. Professor Dr. Türk ivird die Beratung geschlosseii. Bei der Abstimmung wird der Vorstandsantrag auf Bewilligung von 20 000 Mark für das Rabbinerseminar mit 10 gegen 2 Stimmen mit 2 Stininieiithaltiingen angenommen. Berlin. Billige Verpflegung für jüdische Kultusbeamte in Kurorten. Die Zentrale für j ü d i s ch e Wohlfahrtspflege in F r a n k f ii r t a. M. imterbreitete der Zent r a l w o h l f a h r t s st e l l e der d e u t f ch e u Juden, B e r l i u , vor kurzem folgende Anregung: Infolge der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse siiid ein großer Teil des Mittelstandes, insbesondere jüdische Kultusbeamte, Lehrer, Kantoren, nicht mehr in der Lage, in Krankheitsfällen irgend ein Bad oder einen Kurort anfzusuchen, da die Preise für Wohnung und Verpflegung für diese Kreise in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen. Es sollte nun versucht werden, mit den bereits bestehenden Kuranstalten in den Bädern zu vereinbaren, einen Mittagstisch zum Selbstkostenpreis einznrichten. Die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Inden setzte sich mit dem Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser i n Hamburg in Verbindung, der eine Umfrage bei den ihm angeschlvssenen Speisehäusern veranstaltete. Das Ergebnis war ein günstiges. Es haben sich bis jetzt Hotels und Speisehäufer in nachstehenden Kurorten bereit erklärt, jüdischen Kultusbeamten zum Selbstkostenbezw. zu einem ermäßigten Preise Verpflegung zu gewähren: Baden-Bccken, Bad Brückenau, Bad Kreuznach, Bad Mergentheim, Bad Nauheim, Bad Nemsdorf, Bad Orb, Bad Reichenhall, Segeberg, Bad Tölz, Wiesbaden, Mildbad, Bad Wildungen. Wegen weiterer Mitteilungen wolle man sich an den Verein zur Förderung ritueller Speiseh ä u f e r E. B., H a in b ii r g, Koni g st r a ß e 21/ 2 3, wenden. Kassel. Ein jüdischer Renegat als Entlastungszeuge für Dr. Dinter. Im Anschluß an unseren Bericht über den Gotteslästenlugsprozeß des sattsam bekannten Dr. Dinter beleuchtet ein gelegentlicher Mitarbeiter mit treffenden Worten die eigenartige Rolle, die ein Redakteur, ein getaufter Jude, in dem Verfahren vor der Kasseler Strafkammer gespielt hat. Am 11. Juli d. I. — so schreibt unser Gewährsmann — fand vor der Kasseler Strafkanuner die Verhandlung gegen Dr. Dinter wegen Gotteslästerung statt; er hatte in einer vorjährigen Versammlung von dem jüdischen Gott als einem über den Wolken thronenden Geschäftsmann gesprochen und die alttestamentlichen Schrifterr — insbesondere die Propheten — als Tagebücher jüdischer Schiebereien und Betrügereien bezeichnet und behauptet, das Kol-Nidre-Gebet erlaube beu Juden jeglichen Meineid rurd Betrug. In der Verhandlung vor der Strafkammer ivurde auch der Redakteur Dispeker, der seinerzeit vom Pressetisch ans den Ansführungen Dinters gefolgt war, als Zeuge vernommen. Er bestätigte, daß jene Aenßernngen gefallen seien; auf die Frage des Vorsitzenden, ob er persönlich daran Anstoß genommen, ob er die Aenßernngen als gotteslästernd empfunden habe, wußte dieser Mann, der noch vor sechs Jahren Jude war, lediglich zu antworten, er habe eine Blasphemie darin nicht erblickt mch könne nur zugebcn,daß stark religiös gerichtete Personen das Empfinden gehabt haben müßten, Dinters Worte seien gotteslästernd; er sei zu wenig positiv religiös veranlagt, um über solche Redetvendungen empört zu fein. Kenntnis des Kol-Nrdre-Gebets leugnete D. und betonte energisch sein evangelisches Glaubensbekenntnis. Jeder, der an der Verhandlung tcilnahm, hatte das Empfinden, daß D. vor allem bemüht war, ja nichts von seiner jüdiscl)en Vergangenheit laut iverden zu lassen. — Doch vergebens! — Tief beschämt mußte er auf Dinters Frage bekennen, daß feine Vorfahren (!) semitischer Rasse feien. So tritt ein jüdischer Renegat auf, der bei aller negativen religiösen Orientierung es doch für nötig erachtet hat, sich zum evangelischen Glauben bekehren zu. lassen. Während ein anderer Zeuge, in dessen Adern kaum semitisches Blut kreist, ein Dissident, sich dahin äußerte, er sei als Mensch empört gewesen über die gotteslästernde Rede Dr. Dinters, konnte sich ein ehemaliger Jude und nunmehriger evangelischer Christ nicht dazu bekennen, daß sein menschliches Empfinden irgendwie betroffen worden fei. Und ein solcher Mann ist in gewisser jüdischer Gesellschaft — nur in solcher — ein gern gesehener Gast. Es ist beschämend, Lebens-lkllllnkklingeli einer alten zrsu. H, Fortsetzung. - Dr. Josef Schaler war der Hausarzt der Großeltern und meiner Eltern, mit dessen jüngster Tochter, Wandc», Gattin des verewigten Tr. Hermann Warschauer, Oberlehrer am Breslauer Johannes-Gymnasium, war ich später besrvundet*), zuweiten wurde der Kinderarzt Tr. Eduard Buttermilch zugezogen. Spater wurde Tr. Heinrich Schervel der Hausarzt unterer Familie im weitesten Kreise, in dem »vir alle ungeachtet seiner scheinbar .rauhen Außenseite den imien Freund und Seelenarzt verehrten. Er genoß das höchste uneingeschränkteste Vertraue,r bei dein polnischen Adel der Stadt und Umgegend und wo immer jemand erkrankte, o'b in Paris oder in Nom, in Wien oder in Krakau, ivurde er gn das Krankenlager verusen; hingegen hat er es niemals zum prellßtscheu Sanitätsrat gebracht! Bei ihm sah ich damals — 1862 — auch zum ersten Rials eine Dame rauchen, die Pawlowicer Gräfin Mielszynski, die schönste, vornehmste, eleganteste Polin weit im Umkreise; Tr. Schertet ist als Hagestolz gestorben. Zu Ostern 1863 verliest ich erst vierzehneinhalb Jahre alt die Schule mit einem glänzenden Zeugnis, ausgezeichnet durch etne kleine Photographie der von mir so sehr verehrten Vorsteherin Fräulein Killer mit der Widmung: „Meiner Mistigen Regina zum Zeichen n,einer Zufriedenheit und Liebe."**) Kurz zuvor hatte' mich die polnische Insurrektion im Vorfrnhlinge 1863 sehr beschäftigt. Ich bewunderte die tollkühne, todesmutige Henriette Postowojiow, die dem General Langiewicz als AdMant aus seinen Streiszügen folgte. Polen war auch diesmal verloren! Wiederholt war ich in den Ferienzeiten für längere oder kürzere Zeit in Rawitsch gewesen und weidlich verwöhnt worden; -der Onkel besaß eine reiche Bibliothek und ich las hauptsächlich Schiller und Heine, auch halte ich dort eine ganze Schar von Freundinnen. Im Jahre 1857 hatte eine verheerende Fenersbrunst die Nachbarstadt Bosanowo, *1 Sie hat ihren Mann nicht lange überlebt. **) In mein „Poesiebuch" hatte sie das schöne Gedicht von Julius Sturm: , „Es ist ein tiefer Segen Der aus dem Wort Dir spricht, Erfülle allerwegen Getreulich Deine Pflicht" geschrieben. heimgesucht und mähren Mische Familien halten, ihrer Habe vcraubt und obdachlos geworden, in Rawisich sich eine neue Heimat gegründet. Ter greise, ehrwürdige Rabbiner Reb Meyer Landsverg und seine freundliche Gattin hatten im Hause meines Onkels WMnung gefunden. Ich bewahre dem mir stets gütig gesinnten alten Paare noch heute die liebevollste Erinnerung. Mein Großvater väterlicherseits reiste zu den Peßachtagen zu seiner Tochter in Breslau und ich durste ihn begleiten. Es waren herrliche Frühlingstage. Meine Verivandten waren mit idem „Seminar" eng verbunden, sie gingen in die kleine Synagoge dorthin und ich hörte am ersten Feiertage zum ersten Male eine deutsche Predigt, die ein junger Rabbinatskandidat, Tr. Wallerstein, hielt. Ich empfing einen unauslöschlichen Eindruck; daß er von „inhaltsreichen Stunden" sprach, ist mir noch heute gegenwärtig; für mich war es auch eine „inhaltsreiche Stunde!" Hierauf machten wir Besuche bei den jüdischen Geistesgrößen, den Leuchten der Wissenschaft, dem verehrungswürdigen Direktor Dr. Zacharias Frankel, Dr. Heinrich Grätz, der mir durch seine „Geschichte der Juden, die das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" herausgab, schon bekannt und vertraut war, und Tr. Manuel Joel, Greifbar deutlich sehe ich dieses Dreigestiru, zu dem ich in scheuer Ehrfurcht aufblickte, noch heute, nach fast 60 Jahren» vor mir, ihnen zrtr Seite ihre Gattinnen. — Von zener Zeit datiert mein beMlMtes Interesse für das jüdischtheologische Seminar in Breslau, seine berühmten Lehrer und seine jeweiligen Hörer, das bis zur Stunde unentwegt lebendig in mir geblieben ist! Auch hier Gräber, wohin mein Blick sich richtet! Jmmortellenkränze unentwegt treuen ehrenden Gedenkens. Mit einer gleichaltevigen Hausgenossin meiner Verwandten, der einzigen Tochter eines liebenswürdigen Paares, schloß ich damals Freundschaft fürs Leben. Fünfzig Jahre haben wir in guten und treuen Tagen treu zu einander gehalten, bis sie vor drei Jahren in die Ewigkeit hiniwerging. Man spotte nicht über „Mädchensreundschasten,'." Heimgekehrt, erfüllte sich endlich die Sehnsucht meines Herzens; ich erhielt Klavierunterricht, leider zu spät. Leidenschaftlich MrHk liebend, waren meine gütigen Eltern bis dahin nicht geneigt gewesen, mir den Wunsch, Klavierstunden zu nehmen, bewilligen zu wollen. Ich blieb natürlich ausübend nur Stümpertn, die Liebe zur Musik, später auch Verständnis, da ich stets nur das Beste hörte, ivuchs mit den Jahren. Ich ging in die Nähstunde, erhielt die Vergünstigung noch währerÄ der Sommermonate die Stunden in deutscher, fmnzöstscher und englischer Literatur noch in der Schule besuchen zu dürfen, was ich mit Feuereifer erfaßte, mit den Freundinnen in Rawitsch und Breslau land ich in Briefwechsel und ureine Lesewut trieb die ippigsten Blüten. Meine Tante aus Berlin war im Spätsommer mit ihren beiden kleinen Knaben zum Besuch der Großeltem gekommen und machte nieinen Eltern den Vorschlag, mich für einige Monate zu meiner weiteren Ausbildung ihr anzuvertrauen, der freudig rrnd gern angenonrmen wurde, umsome>hr, als meine Mutter, da ich „weder Fisch noch Fleisch" war, in jener Zeit nicht so recht wußte, was sie mit mir anfangen sollte. Mein sünfzehuhähriges Herz jubelte, Berlin und die Tante und der Onkel, die so außergewöhnliche Persönlichkeiten waren, in ihrem Hause leben, lernen lesen! Ich befand mich Wochenlang, während zu metnev Reise gerüstet wurde, wie in einem Rausche. In jenem Sommer fuhren wir öfters nach Storchnest, der kleinen Nachbarstadt, die einen See besaß und die kalten Büder erfrischten Groß und Klein. Auch eine Hochzeit machte ich damals mit. Eine Freundin, die auch schon längst die kühle Erde deckt, führte mit mir „Alte und neue Zeit" aus. Gespräch und Kleidiung in ihren Gegensätzen — ich trug ganz „Rokkoko", ein braunsetzdencs Kleid der Großmutter, einen antediluvtanischen Langschal und Riesenpompadour, einen turmhohen Hut mit reichen: Blumenschmnl auf gepuderten Locken-, Filet Handschuh und alle FamilieNbrillanten, während meine Freundin nach der allerneuesten Mode gekleidet war — wirkten sehr eindrucksvoll und wir fanden viel Beifall. Am 27. Oktober 1863 dampften wir von Lissa ab und mit der Einfahrt des Zuges in Berlin begann eine neue Lebensepoche für mich. (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. Frau Regina Neisser ersucht uns zu bemerken, das; die Gattin Reb Fabisch Heldensteins nicht der Familie Falk, sondern der Familie Landsberg entstammte, dessen Schwester Amalie Hcldenstein jedoch die Gattin Reb Meyer Falks in Breslan und Großmutter von Herrn Eugen Perle wurde. (Zn Nr. 34 der „Lebenserinncrungen einer alten Frau".)

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