Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 35 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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eid, Betrügereien u. a. Der Angeklagte, der selbst anwesend war und unter Aufbietung von viel Lungenkrast seine Schmcchungen müH Verleumdungen gegen Juden und Judentum ungehindert vom Stapel lassen konnte, wiederholt von den Juden als den Gaunern, Betrügern und dgl. sprach, mutzte die chm zur Last gelegten und durch die Zeugenaussagen erhärteten Aeutzerungen, durch die er Gott gelästert und die jüdische Religion beschimpft hohen sollte (Vergehen gegen § 166 B. St. B.) zugeben. Allerdings suchte er sie dadurch abzuschwächen, daß er gesagt haben wollte: die Juden hätten den Gott ... zu einem Geschäfternacher herabgewürdigt. Bezeichnend war,, datz er durch jenen Vortrag dem Überwuchern des Judentums in Cassel, das unter der Regie des Zentralvereins eine prominente Stellung eingenommen habe, entgegentreten wollte. Das alte Testament, so sprach der wütige Judenfresser dann weiter, sei ein Produkt des jiidischen Geschäfts mannes, der Wucherer und Betrüger zu allen Zeiten gewesen sei. Die alttestamentlichen Schriften nannte Dinier ein „sortlausendes Tagebuch jüdischer Betrügereien", die unter dem Schutze dieses entstellten Gottes vollzogen wurden. In den Propheten, die Dinier zu Nichljuden macht, ihre Namen sollen es auch „bestätigen", kommt der flammende Protest gegen die Betriigereien zum Ausdruck Durch das Kolnwre-Gebet erhalle der ungebildete Jude die Dtöglichkeit, es mit der Heiligkeit des Eides nicht zu ernst zu nehmen. Darin liege das „Doppelgesicht jüdischer Moral". Als Zeugen wurden Bankier Blnmenthal, die Redakteure Gadomstr und Dispeker gehört. Letzterer hob hervor, datz cs ihm ausgefallen sei, wie Dinier die Geschichte von Jakob und Esau verhöhnt und lächerlich gemacht habe, indem er einen Rassengegensatz konstruierte zwischen dem „Arier Esau" mit dem blonden, roten Haar und Jakob, dem Repräsentanten 'des Judentums. Als Sachverstän diger führte Pfarrer Stein, Cassel, ans, datz in den ältesten Zeiten der Gottesbegriff ein niedrigstehercher sei, bis die Menschheit, die Mische Menschheit, in immer klarere Begriffe hineingewachsen sei. Mt anthropomorphistifchen Vorstellungen feien anfangs fetischistische verbunden; nach den Propheten erkenne man aber die lebendige feinere Religion Israels, verkörpert im Priestertum. Ans dem Tiefstand habe sich das jüdische Volk emporgearbettel; die Propheten hätten Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit gefordert. Die Wissenschaft lächle darüber, als feien die Propheten Arier oder Nicbtjuden gewesen. Sie lache auch darüber, als sei Jesus kein Jude gewesen. In dem Urteil neuerer Forscher sieht Pfarrer Stein eine neue Konstruktion, die durch nichts haltbar sei. Der Staatsanwalt Dr. Schmitz betonte, daß nach einer Entscheidung des Reichsgerichts auch der Begriff des jüdischen Gottes unter den durch Paragraph 166 geschützten Gottesbegriff falle. Die Frage, ob der Angeklagte Gott gelästert und Aergernis erregt habe, sei mit Ja zu beantworten. Auch im zweiten Punkt der Anklage liege ein Schuldig vor, wenn auch nicht im vollen Umfange. Das Kolnidre-Gebet habe Dinier kritisch auslogen wollen. Es fei aber keine Frage, daß die alttestamentlichen Schriften die Grundlagen der Mischen und damit auch der christlichen Religion seien. Der Angeklagte, so resümiert der Staatsanwalt, -habe sich der Gotteslästerung und der Beschimpfung Mischer Schriften schuldig gemacht. Als wissenschaftlich gebildeter Mann und gewandter Sprecher hätte er sich des verletzenden Charakters seiner Aeußerungen bewußt bleiben müssen, wie auch bei der Bemessung der Strafe zu berücksichtigen sei, daß es sich um ein überlegtes Vorbringen gehandelt habe Der Staatsanwalt beantragt für jeden einzelnen Fall eine Strafe von zwei Monaten Gefängnis, bezw. eine Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis. Nach halbstündiger Beratung fällte das Gericht ein freisprechendes Urteil,, Werl Dinter nicht über die Grenzen sachlicher Kritik hinausgegangen fei. In dem Ausdruck „Tagebücher jüdischer Betrügereien" sei die Anwendung eines subjektiven Begriffes auf die jüdische Lehre, nicht aber auf die Religionsgemeinschaft als solche zu erblicken. ' Berlin. Auswandenmgswesen. Infolge der Schließung des deutschen Konsulats in Warschau hat der Emigvantensttvm in der letzten Zett eine bedeutende Schwächung erfahren. Der Ausbau des Emigralionsapparates der Zentvalbureaus hat inzwischen weitere Fortschritte gemacht. So wurde in Osnabrück, dem wichtigsten Eisenbahnknotenpunkt in der Nähe der holländischen Grenze, ein Schutzkomitee ins Leben gerufen, das auch den vom Jugendverein' gegründeten Bahnhofsdienst übernommen hat. Die Begründerin und bewährte Letterin des dortigen Bahnhofsdienstes, Frau Sara Frank, hat den Vorsitz des Schntzkomitees übernommen. Der inzwischen dem Hilfsverern der Deutschen Juden angegliederte Ausschuß für den jüdischen Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof wird seine Tätigkeit noch auf andere Bahnhöfe Groß-Berlins ausdehnen. Berlin. Nach kurzen schweren Leiden verschied in Bad Kissingen am 4. v. Ältts. der Berliner Justizrat Dr. Sally Kronfeld im 68. Lebensjahre. Die Ber liner Judenschaft vertierten dem Heimgegangenen eines ihrer angesehensten und treuesten Mitglieder, einen Mann, der, ohne nach außen glänzen zu wollen, seine mtt reichem Wissen verbundene Tatkraft in den Dienst seines Glaubens wie der Nächstenliebe stellte. Er war ein liberaler Jude im edelsten Sinne des Wortes und zählte auch zu den Begründern des Liberalen Vereins fiir die Angelegenheiten der Berliner Jüdischen Gemeinde. München. Wahlrecht der Frauen. Der im Frühjahr gegründete „Verband israelitischer Gemeinden Bayerns" gewährt, wie wir schon berichteten, den Frauen sowohl das akttve wie das passive Wahlrecht. Bei den vorgenommenen Wahlen wurden fünf Frauen als Delegierte zur Tagung gewählt. München. Ein Spektakel st ück größeren Stils hatten sich wohl 75 Prozent derer erwartet, die den riesigen, im Tone des ,^Mk. Beobachters" und „Miesbacher Anzeigers" gehaltenen knallroten Maueranschlägen rM zu Abertausenden verteilten Handzetteln der Mttonalsozalen Partei Folge leistend, Mittwoch, abends, in den Zirkus Krone gekommen waren. Es mögen sich immerhin an 2500 Zuhörer eingefunden haben. Herr Hitler 'bchandelte das Thema „Vaterland oder Kolonie?" in der ihm eigenen Weise, wobei er zum Schluß kam, datz wir Hörige von ausgerechnet etwa 300 Mischen Großkapitalisten der ganzen Welt seien, um deren Gunst die Reichsregierung buhle. Er ging sogar soweit, diese des Einverständnisses mit den Feinden zu bezichten, bei denen sie sich Entwaffnungsbefehle u. dgl. bestelle. (!!) Grölende Zwischenrufe gegen den Reichskanzler: „Hentt's ihn aus!" „Schuft!" u. dgl. bewiesen, auf welch fruchtbaren Boden diese Hetzereien bei einem Teil der Zuhörer fielen. Besonders schlecht kam natürlich Minister Rathenau weg, den er den deutschen Trotzki nannte und mit Schmähungen und Verdächtigungen überhäufte. Httlers Getreue waren darob entzückt. Tadel übte der Redner aber auch an dem Polizeipräsident, Herrn — Pöhner, dem er zum Borwurf machte, aus Rücksicht aus die Juden die Anschläge strenge zensuriert zu haben. Wie mögen diese also erst im ursprünglichen Entwurf ausgesehen haben! Offenbar waren lärmende Störungen vermutet worden, wie solche von den Nationalsozialen in gegnerischen Versammlungen verübt werden. Ein kleims Heer von'Schutzleuten hielt in der Urngobung des Zirkus Krone treue Wacht. Die Gegner hielten aber einerseits ihre Zeit für zu kostbar, um Herrn Hitlers Expektorationen anzuhöven, andererseits verwarfen sie seine Methoden der Sprengung gegnerischer Versammlungen. Und dafür, datz kein Redner «fftveten konnte, um die Versammlungsteilnehmer entsprechend aufzuklären, war durch ein reichliches Aufgebot der bekannten Hitlergarde gesorgt. Palästina. Debatte im englischen Unterhaus. Die Debatte über Churchills große Rede vom 14. Juni wurde kürzlich im" Unlerhaufe wieder ausgenommen. Zunächst erklärte Asquith, der bekannte Führer der Oppositton, er halte Churchills Auffassung, daß es möglich sein werde, Juden und Araber zu einem freundlichen Mileinanderleben in Palästina zu bringen, für recht hypothetisch. Sir I. D. Rees hat an Herbert Samuel nur das eine anszusetzen, daß er „immernoch zu sehr Zionist" sei. Mit der Einwanderungsbeschränkung ist der Abgeordnete natürlich sehr einverstanden. Eine große kritische Rede hielt Sir W. Johnsley-Hicks. Er bestreitet, daß die bisher nach Palästtna gekommenen siebentausend jüdischen Einwanderer von irgend welchem realen Werte für Palästina seien. Sie würden aus allgemeine Kosten^ aus den Steuern der Gesamtbevölkerung, ernährt. Die Mandat- Bestimmungen müßten ihrer Statur nach aufreizend aus die Araber wirken, insbesondere aber auch die anscheinend kleinen Zugeständnisse, die man dem Mischen Nalionalgefühl durch die Einführung jüdischer Zeichen auf den Briefmarken urtd jüdischer ÄraßenweMeiser gemacht habe. An sich könnten die Juden ein „jüdisch-nationales Heim" auch in England etablieren, aber so wie man ihnen hier niemals Zugeständnisse der gekennzeichneten Art machen würde, so brauche das unbeschadet der Baisour- Erklärung auch in Palästina nicht zu geschehen. Im übrigen müsse man die Terminologie der Balfour-Erklärung revidieren. Geschehe das nicht,, so solle man darauf gefaßt sein, nicht 5000 Mann, sondern ein paar Divisionen englischen Militärs nach Palästina zu entsenden. Churchill vertröstete die Abgeordneten auf nächstes Jahr. Dann werde er vielleicht bereits bessere Ergebnisse der englischen Palästina-Politik dem Hause vorlegen können. Jedenfalls stehe die Tatsache fest, daß die englische Truppenmacht in Palästina während der letzten Monate unausgesetzt vermindert wurde. Im Unterhaus wurde am Dienstag auf Anfrage mitgeteilt, daß die palästtnensische Regierung einschließlich des Eisenbahn- und Postpersonals 2571 Beamte beschäftige. Von diesen sind 1336 Christen, 719 Muselmänner und 514 Juden. * . * Verhandlungen zwischen Arabern und Juden. Die arabische Europas-Delegation, die aus Muselmanen und Christen zusammengesetzt ist und von Musia Kiazim Pascha geführt wird, hat sich in den letzten Tagen eingeschifft. In London werden zwischen der Delegatton und der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation Verhandlungen über die Schaffung eines modus vivendi zwischen Arabern und Juden in Palästtna stattfinden. Ms -er Presse. In der „Renen Berliner Zeitung" 'heißt es unter der Ueberschrift „Der Bolschewismus und die Juden in Rußland": Es wird vielfach die Ansicht verbreitet, daß die Diktatur des Bolschewismus in Rußland gleichbedeutend mit WW'lkrlMWM Mer alten Stau. 7. Fortsetzung. - Reb Jantef Hamburger war wohl derjenige unter seinen frommen Kollegen, der ein woylhabenoer Mann ge» nannt werden durfte. Er hatte eine schone Tochter Matte, die sich sehr schön zu kleiden wußte und die größte „Krinoline" trug. Diese unsinnige Mode, von der schönen Kaiserin Eugenie von Frankreich in der Mitte der fünfziger Jahre erfunden, beherrschte auch in Lissa eine lange Reihe von Jahren Groß und Klein. Red Josua Heschel Kuiner, Reb Pinchas Bildhauer, Reb Elia Kalischer und deren Familien, sie alle stehen mir noch lebhaft vor Augen. Tr. Elias Kalischer *), früher Rabbiner in Bbnn, ein mir sehr Wetter junger Freund, trägt den Namen seines frommen Groß, vaters, wie überhaupt die Familie Kalischer eine Rabbinerdynastte 'bedeutet. In meiner Jugend hotte ich oft von Red Hirsch Kalischer in Thorn mit hoher Verehrung spre chen; besten Sohn, Professor Salomon Kalischer in Berlin, zählt zu den führenden Geistern des Judentums unserer Tage. Abraham Jekutiel Sachs, an dessen Stiftung später der verewigte Dr. Deutsch* *) als Rabbiner wirkte, war der Gatte einer Cousine meines Vaters, Bertha (Brendel), geb. Seegall, der das Verdienst gebührt, in Lissa den Sachsschen Wäscheverein gegründet zu haben. Der stattliche schöne Mann, die sanfte, bescheidene gütige Frau stehen leb hakt vor mir; ich verbrachte. manche gute Stunde bei dem kinderlosen Paare, das eine große Vorliebe für die Jugend hatte. Wir waren mittlerweile nach dem Ring, ins Nachbar Haus vom Geschäft überstedelt; später lauste mein Vater nach dem Tode unseres Hauswittes des Geschäftes, Justiz rat Storck, das Grundstück, das mir stets eine teure Er innerungsstätte geblieben ist. Allmählich stellte die Schule größere Anforderungen, die ich jedoch spielend überwand; ich fand für alles Zeit, besonders zum Lesen, da waren die Romane von Philipp Galen, Fanny Lewalds „Lebensgeschichle" u. v. a., die ich verschlang; zeitweise half ich ein wenig im Geschäft und überwachte die Schularbeiten meiner Geschwister, jedoch hier *) Seine Mutter war eine Tochter des frommen und gelehrten Reb Pinchas Dienstfettig' in Breslau. * *) Gestorben in Breslau Januar 1913. men, doch ließ dieser kurze Aufenthalt keinen dauernden Eindruck zurück. Hingegen fand am 18. Oktober 1861, dem bei bewies ich nicht viel Geduld. 1861 war ich wieder zwei Tage in Breslau., Verwandte hatten mich milgenom- Tage, da Das Kantgspaar Wilhelm 1. und Augusta in Königsberg gekrönt wurde, eine glänzende Illumination meiner Vaterstadt statt, ich sehe mich noch durch deren in einem Lichtmeer strahlenden Straßen mit meinen Eltern und Geschwistern pilgern. Dcts Jahr 1862 brachte in seinem Anfänge den siebzigsten Geburtstag' meines Großvaters väterlicherseits; bald daraus erkrankte meine Tante, die immer von sehr zarter Gesundheit gewesen war, und starb im März im 29. Lebensghre. Ich war krank, lag zu Bette und sah nichts von Tod und Begräbnis; in der Sterbestunde meiner Tante war die Uhr in unserem Wohnzimmer stehen geblieben. Die Trauer der Großeltern und meiner Mutter war grenzenlos! Namentlich trauerte meine Mutter so leidenschaftlich um diese Schwester, mit der sie stets am Orte in innigster Seelengemeinschaft gelebt hatte, daß der Großvater sie schr streng zurechtwies. Die frommen Großeltern halten sich in Ergebung in die ihnen von Gott auferlegte schwere Prüfung noch eher gefügt, als meine Mutter. Der Großvater hat oft den Spruch aus den Lippen gefühtt: Herr, Du bast mir Deine Gnade bisher nicht emzogen, entziehe sie mir ferner nicht!" Dieser seinem liefen religiösen Gefühl entstammende Spruch gab ihm im Hinblick aus das, was ihm geblieben, Mut und Trost in jenen schweren Tagen, vorbildlich für die Seinen, denen dieser Spruch;u einem Talisman geworden ist. Bis zur Stunde hat mich das erhebende und belebende Wort des Großvaters in allen Prü. ftmgen des Leidens begleitet! Bei weitem früher hat der Großvater zu mir oft gesagt: „Du mußt „Derech erez" — „Regard" vor dem Alter haben"; dies bat srühzettiq Pietät gegen alte Leute in mir gezeitigt'. — Als ich zum ersten Mple nach dem Tode meiner Tante das Trauerhaus betrat, wurde ich ohnmächtig; ich hatte sie seor gelievt. O-mmachten sind, ein Erbübel vom Großvarer, aus seine Kinder und mich gekommen. Der Großvater muhte sich leiver infolge eines nervösen Kopfleidens bei großer Geistesklarheit und verhältnismäßig unverminderter Körperfrische — er blieb bis zum Ende der stattliche ehrfurchtheischende Greis — vom Geschäft zurückziehrn. Mit der Großmutter vereint hat er noch in seinem letzten Lebensjahrzehnt vielfach Freu den in seinem Familienkreise, so auch die Geburt von Urenkeln, gesehen. Im Sommer 1862 war meine Mutter mit der Tante aus Rawitsch und meinem kleinen Bruder in Kolberg-, unter der Leitung der Großmutter sühtte ich schon mit Bewußtsein die Wirtschaft. Zum großen Leidwesen meiner Mutter, zeigte ich weder Lust noch Talent für die edle Kochkunst. Feine Handarbeiten, Aufräumen, große Akuratesse und Sauberkeit in diesen Fächern, wie in meiner Kleiioung, lagen mir; jedoch „Kochen" wollte ich durchaus nicht lernen. Hierzu kam, daß wir eine ganz dunkle Küche hatten, ich schon damals zur Kurzsichtigkeit neigte und an Kopfschmerzen litt, die mir bis zur Stunde anyasten. Man fuhr eben damals nicht sofort zum Spezialarzt nach Breslau, für jedes Krummsitzen oder Bücken bei der Arbeit gab es einen Tadel, ebenso da ich, lang aufgeschossen und sehr dünn, in fenen Backfischjahren stets nach vorn gebeugt ging. Meine Mütter wußte mir auch nicht Liebe zur Kochkunst etnzuslößen, sie verstand alles meisterhaft, stand wie der Vogt mit der Peitsche hinter mir, sie hatte nicht den.Heroismus zu sagen, verdirb etwas, ich werde nicht böse sein", o würde ich befangen, trotzig und verlor alle und jede Lust kochen zu lemen. Als ich mich 1867 verlobte, hat mich meine Mutter bet meinem Bräutigam arg „verpetzt". Ich habe niemals kochen geiernt und dieses Manko zuweilen bitter schmerzlich empfunden, nur half mir meines Mannes Güte darüber hinweg! Im Spätherbst 1862 kam ein Tanzlehrer nach Lissa und meine Schwester und ich gingen fast den ganzen Winter hindurch gemeinsam mit Freundinnen, Gymnasiasten und jungen Handlungsbeflihenen in die Tanziunde. Ob es vom pädagogischen Standpunkt richtig war, ob Schule und Tanzstunde sich verttugen, wurde nicht gar zu sehr in Erwägung gezogen. Obgleich ich eine gesuchte Tänzerin war, hat mir die Tanzstunde nicht so viel Vergnügen bereitet, wie meinen Freundinnen, die Schule und meine Bücher zog ich dieser bet weitem vor. Ich hatte vorher mehrfach in Lissa und Rawitsch die Vorstellungen, welche die wandernde Dhealergesellfchast jeden Winter dott gab, besucht. Damals waren die 'berühmten Possen: „Berlin, wie es weint und lacht", „Die Maschinenbauer von Berlin", „Der Aktienbudiker" von Kalisch, Weyrauch u. a. in Aufnahme g^kottunen — aus e öfterer sind mir bis zur Stunde noch Couplets in Erinnerung hasten geblieben —> dann sah ich schr schöne Lustspiele von Töpfer und Bendix, und auch eine Oper „Die Stumme von Portict" von Aüber; im Sommer gingen wir Sonnabends zuweilen in ein Giartenkiomzert. Allzuschr verwöhnt bin ich in jenen Jahren nicht durch Vergnügungen geworden, wie überhaupt der.bescheidene anspruchslose Sinn je mehr ich heranwuchs, mir um so tiefer eingeprägt wurde; es war eben die gute, alte Zeit! (Fortsetzung folgt.)