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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-29 · 34 (29.7.1921) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
34 (29.7.1921)
Date
1921-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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belehrt hätten, daß er sich der Todesstrafe schuldig mache, und dessenungeachtet mutz er die Tat vollzogen haben. Die Zeugen müssen die Tat von Anfang bis zu Ende gesehen haben und dürfen sich nicht in den kleinsten Umständen widersprechen (Sanh. 5, 3). Das Zeugenverhör war äußerst peinlich und scharf. Man ermahnte in Todesstrafsachen die Zeugen durch folgende Worte: „Vielleicht sagt ihr dies aus Vermutung oder vom Hörensagen oder wißt ihr dies aus dem stunde anderer Zeugen oder aus dem Munide einer glaubwürdigen Person, oder wißt ihr denn nicht, daß wir auch später durch Ausforschung und Untersuchung prüfen werden? So wisset, daß es sich bei Todesstrassachen nicht so verhält wie bei Geldsachen; bei Geldsachen kann man einen Ersatz leisten und Sühne erlangen, bei Todesstrafsachen aber bleibt an einem das Blut des Verurteilten und das Blut seiner etwaigen Nachkommen bis an das Weltende hasten, denn so finden wir es auch bei Kajin, der seinen Bruder tötete, wie es heißt: „Die Blute Deines Bruders schreien (Gen. 4, 10)'°, es heißt nicht das Blut Deines Bruders, sondern: Die Blute Deines Bruders, sein Blut und 'das Blut seiner etwaigen Nachkommen. Und deshalb wurde der Mensch einzig erschaffen: um dich zu lehren, daß wenn jemand eine israelitische Seele vernichtet, es ihm die Schrift anrechnet, als hätte er eine ganze Wett vernichtet, und lvenn jemaitd eine Seele erhält, es ihn: die Schrift anrechnet, als hätte er eine ganze Welt erhalten; aber auch wegen des Friedens unter den Menschen, damit nämlich nicht der eine zum andern sage: Mein Ahn war größer als der deinige; ferner damit nicht die Häretiker sagen können, es gäbe mehrere Herrschaften im Himmel; und endlich auch, um die Größe des Heiligen, gelobt sei er, ztt verkünden; denn wenn der Mensch ruehrere Münzen in einem Prägstock formt, so gleichen sie alle einander, der König der Könige aber, der Heilige, gelobt fei er, prägt jeden Menschen in der Form des ersten Menschen, und doch gleicht niemand seinem Nächsten. Daher kann auch jeder einzelne sagen: Meinetwegen ist die Welt erschaffen worden. Vielleicht wollt ihr aber sagen, wozu fall uns diese Plage (ihr werdet die Aussage verweigern wollen), so heißt es: und er war Zeuge, hat gesehen tlnd erfahre:: und es nicht angezeigt, so hat er Schuld auf sich geladen (Levit. 5, 11). Vielleicht wollt ihr sagen: wozu sollen wir das Blut dieses Menschen auf uns laden, so heißt es: Wenn die Bösewichter untergehen, ertönt Jubel (Sprüche 11, 10). (Sanh. 3, 6, 4, 5). Nach diesen Ermahnungen prüfte man die Glaubwürdigkeit der Zeugen dilrch folgende siebeit Fragen: in welchem siebenjährigen Zeitabschnitt, in welchem Jahre, in welchem Monat, am wievielten im Atonal, an was für einem Wochentage, zu welcher Stunde und an welchem Orte ist die von euch bezeugte Handlung vor sich gegangen? (Sanh. 5,1). Selbst wenn die Zeugen sagten, gestern ist es geschehen, prüfte man sie doch mit diesen sieben Fragen, damit womöglich eine Nichtübereinstimmung zustande kommt. Sobald sich nämlich zwei Zeugen in irgend einen: Punkte widersprachen, war ihr Zeugnis ungültig, ohne daß sie des falschen Zeugnisses überführt sind (Sanh. 5, 3). R. Jochanan ben Sakkaj richtete — als ein Mord unter einem Feigenbaun: geschehen war — an die Zeugen (um sch in Widersprüche oder Unkenntnis zu verwickeln) die Frage: Hatten die Feigen dicke oder dünne Stiele? (Sanh. 5, 2.) Sollten die Zeugen auch jemand mit einen: blutigen Schwerte aus einer Ruine haben stürzen scheu und drinnen eine frischblutende Gemordete gefunden haben, so können sie ihn dennoch nicht auf diesen Mord anklagen, denn unendlich viele Möglichkeiten können obwalten, ohne daß der Verdächtigte dieses Mordes schuldig zu sein brauchte (Sanh. 37b). Wenn jemand einen Menschen erschlägt, dessen Venen, Eingeweide und dergl. schadhaft sind, so ist er nicht straf- Gedenket der Jiidiscfien Jtinderkitfe 1 fällig, (weil dieser Mensch — der Trefa ist — ohnedies nicht lange gelebt hätte). Wenn ein Trefa jemanden erschlägt, so wird er nur dann zun: Tode verurteilt, wenn die Tat in Gegenwart des Gerichtshofes begangen ist. Das hängt so zusammen: Zeugen, die infolge Alibibeweises des Angeklagten falschen Zeugnisses überführt worden, haben dieselbe Strafe zu erleiden, die sie durch ihr falsches Zeugnis dem Angklagten zuzufügen beabsichtigten (Deut. 10, 10). Hier tonnten aber die Zeugen, wenn sie überführt würden, sagen: wir halten ja bloß die Absicht, einen Menschen zu töten, der ohnedies bald gestorben wäre (Sanh. 78a). Eine Wiederaufnahme des Verfahrens gab es nur zugunsten des Angeklagten (Sanh. 4, 1). Ueberall sehen wir das Bestreben, die Todesstrafe zu vermeiden. In Mischna, Makkoth 1 10 heißt es: ein Gerichtshof, der in einem Zeitraum von sieben Jahren ein Todesurteil fällte, würde ein mörderischer genannt, nach einer Ansicht sogar, wenn dies in siebzig Jahren geschah. Wir wollen hoffen, daß diese Gesinnung ertdlich zum Siege gelangt. In der Tat werden schon heute in allen Ländern die weitaus meisten Mörder begnadigt. Die Zeit ist nicht fern, wo inan auf die Todesstrafe herabblicken wird wie wir auf Herenprozesse und Folter. Möge uns denn das neue deutsche Strafgesetzbuch von dem mittelalterlichen Ueberbleibsel der Todesstrafe befreien, auf daß die heilige Forderung des sechsten Gebots auch seitens des Staates ihre endliche Verwirklichung findet. Mmm Stellung m Äntum*). Bon Ministerialrat Dr. I ö h l i n g e r, Berlin. Gustav Schnwller hat iu einen: sehr gedankenreichen Aufsatz über den Wandel in Bismarcks Ansichten eine Aufstellung der scheinbar unvereinbaren Gegensätze, die wir im Laufe der Zeit bei Bismarck antreffen, gegeben, und diese Gegensätze sind in der Tat zahlreich. Aber nicht nur das; der Widerspruch zwischen den: Bisnrarck in der Zeit vor seinem Eintritt in den Staatsdienst u:td den: Ministerpräsidenten Bisnrarck ist oft außerordentlich kraß. Bismarck war zunäM ein Anhänger des ständischen Fendalstaates — er ist es aber gewesen, der das allgemeine, gleiche, geheime Wahlrecht in: Reiche einführte. Er war ursprünglich erzkonservativ, eine der Hauptstützen der ganz rechts stehenden Gruppe — und dennoch hat er als Kanzler eine scharfe Abrechnung mit den Konservativen gehalten. Er hat 1848 die „Kreuzzeitung" gegründet —-'über keine Zeitung des In- und Auslandes spricht er sich in seinen „Gedanken und Erinnerungen" so ablehnend aus, wie über dieselbe „Kreuzzeitung"; er spricht von den „Giftmischereien des Blattes", von den „Kreuzzeitungs-Lilgen", und er hat an: 0. Februar 1870 öffentlich gegen die „Kreuzzeitung" in: Parlament eine Rede gehalten. Bis 1850 war Bismarck ein Anhänger des Zunftwesens. Wie Schnwller sagt, sah er in der Wiederherstellung der Zunft eines der wichtigsten volkswirtschaftlichen Mittel, die falsche Nivellierung der liberalen Gesetzgebung rückgängig zu machen — aber er ist es gewesen, der weitestgehende Freiheit für *) Die Arbeit beruht zum Teil auf bisher uiweröffeutlichteu Quelle:: und Qrigiualakteu. Handel und Gewerbe, für die Aktien und Börsen in Deutschland einführte. Bis 1870 ist Bismarck Freihändler gewesen — 1870 hat er die Schutzzollpolitik des Deutschen Reiches eingeleitet. Sozialpolitisch stand Bismarck zunächst auf dem Standpunkt, daß der Staat produktive Genossenschaften gründen solle — später ist er aktiver Sozialpolitiker geworden. Diese Widersprüche in: Leben Bismarcks ließen sich außerordentlich vermehren. Aber was besagen sie? Doch sicherlich nicht, daß Bismarck ein schwankender Charakter gewesen ist, der seinen Mantel nach dein Winde gehängt, der seine Politik jeweils der Zweckmäßigkeit unterordnete. Ein derartiger „Opportunitätspolitiker" ist Bismarck nicht gewesen.' Wenn zwischen dem Bismarck von 1848 und dem Bismarck von 1870 ein so großer Unterschied ist, wenn der Bismarck nach 1800 ein ganz anderer ist als der „erste Diener Wilhelm 1.", so liegt das daran, daß inzwischen eine Weltentwickelung vor sich gegangen ist. Zwischen den: Bismarck von 1848 und den: von 1800 lagen 42 Jahre, und was hatte sich inzwischen ereignet! Drei Kriege sind geführt worben, ein einheitliches Reich würbe geschaffen. Wirtschaftlich, kulturell und sozial sah es in Deutschland ganz anders aus. Sollte da Bismarck dieser Entwickelung gegenüber unempfindlich bleiben? Ebenso wie der alte Goethe einen ganz anderen Standpunkt zu den Dingen einninrmt, als der jugendliche Frankfurter Goethe, so auch bei Bismarck. Auch für ihn gilt das Wort: „Nur wer sich wandelt, bleibt mir verwandt." Gerade darin haben wir die Größe Bismarcks zu sehen, daß er nicht ein verstockter Reaktionär, daß er nicht ein Parteimann mit.. Scheu klappen, so:rdern ein Mensch nnt offenen Augen, mit hellen: Verstand, mit raschen: Erfassen des NotwerÄigen gewesen ist. Ausgezeichnet durch eine seltene Beobachtungsgabe und gestützt durch ein ungewöhnlches Wissen, hat Bismarck den Blut gehabt, sich von Umgebung und Ueberlieferung loszusagen, wenn er das Falsche ihrer Wege erkannt hatte, und sicherlich ist ihn: nichts so schwer gefallen wie der Bruch mit den Konservativen, der ihn verfeindete nnt seinen persönlichen Freunden, den: Kreise, in den: er seine geliebte Gattin kennen lernte. In seiner bitteren Stimmung über das, was seine Fraktionskollegen ihn: angetan, spiegelt sich wider, daß der Bruch nnt den Konservativen auch in: In nern seiner Seele einen Riß bewirkte; aber Bistnarü war zu groß, als daß er Zugeständnisse tnachte, um eine Krise zu veriueideu. Und so sagt denn Schnwller mit Recht: „Wäre er der feudale Junker und reaktionäre Deichhaupt mann von 1848 geblieben, so hätte er so wenig wie die Senfft-Pilsach, Gerlach, Kleisl-Retzmv und Wagner das Zeug zu eine::: Ministerpräsidenten gehabt." Gerade dadurch ist ja Bismarck ausgezeichnet, daß er die Hingebung seiner Landodelleute turmhoch überragt, und nicht nur das, auch zugleich seine ganze eigene Familie. Man liebt es, Bismarck als den „Erzreaktionär", als den Junker, als den Edelmann, den Agrarier zu bezeichnen. Aber nichts.ist verkehrter als dies. Bismarck ist nicht so sehr Junker ge wesen/wie man gemeinhin annimmt; denn die Hälfte seines Blutes ist gar nicht adlig, sondern liberal-bürgerlich. Seine Mutter war die Tochter eines bekannten liberalen Beamten, Anastasius Mencken, der einer alten Gelehrtenulw Beamtenfamilie entstammte, und der gerade wegen seiner liberalen Gesinnung in konservativen Kreisen „be rüchtigt" war. In der Vermischung von städtisch-bürgerlichen: und ländlich-adligem Blute komntt die Vereinigung der beiden Eigenschaften zustande: der Riesenkraft und Energie, die das väterliche Erbteil Bismarcks ist, und der von der Mutter geerbten Fülle von Geist. Bismarck ist Mischling in: wahren Sinne des Wortes, und gerade die Vereinigung bringt jene verschwenderische Ausstattung an Geistesgaben mit sich. (Das hak Karl Scheffier sehr schön in seinen: Bismarckbuche geschildert, der sonst leider das Bild Bismarcks so sehr entstellt hat.) Nur wen:: man diese Psychologischen Voraussetzungen sich vor Augen hält, dann wird :nan das Wesen Bismarcks und seine Wandlungen erfassen. Und die gleichen Wandlungen, die wir auf politischem und sozialem Gebiet sehen, hat Bismarck auch durchgemacht iu seiner Stellung den: Fus meinem Tagebuch. Bon Ludwig Davidsohn. I. « Koheleth. Ach Eitelkeit der Eitelkeiten, zwecklos Mühen Ein kurzes, dornenreiches Leben lang Voll ew'ger Qual des Seins! — Und alles eitel! — O weiser König, auch in deiner Seele Klang jene alte Frage: „Gott, wozu?," — Die in der Brust der Einsamen Jahrtausende schon klagt And nicht zur Ruhe kommt wie nächt'ges Meeresrauschen . . . „Warum dies alles? Gott, wozu?" — -Gib dich darein, schreit' fort im Staube And werd' zu Staub! — Der Erde Rätseltiefe Bleibt dir verschlossen! — Rufst du bange Frage hin zu den abendrotumglänzten Bergen: „Was ist der Sinn von diesem trüben Leben?," So antwortet das Echo klar und leise: „Leben!" . . . Omnes una manet nox ... Bon Menfch zu Mensch führt nicht Weg noch Spur, Es gibt kein Linander-Berstehen, Ein sehnsüchtig Arme-Ausstrecken ist nur And Einander-Vorübergehen. Der Nacht deines Ichs glänzt kein tröstender Schein, Kein Mund kann vom andern erzählen, In Einsamkeit träumen ewig allein Selbst die sich bestimmten Seelen. Oft glaubt die Sehnsucht Brücken gespannt Von einer Welt zu der andern; — Ach! über das Meer von Land zu Land Konnte noch niemand wandern! Ewig in dich gebannt mußt du allein Sehnend und tastend irren, Du kannst dich nie aus dem Kerker befrei:: Niemals das Wirrnis entwirren. Dunkel umfängt dich, der Nebel steigt, Läßt alle Sterne verschwinden . . . Bete! — Doch Gott ist am Werke und schweigt, Läßt dich nur suchen, nie finden. Q An Doralice Glory mit einem Exemplar meiner „Geschichte der Berliner Juden." Du trübe Erinn'rung an altes Leid, Du lebst noch, du bist nicht versunken! — Auch ich habe seitdem aus dem Becher der Zeit Nur fiebernde Sehnsucht getrunken . . . So traumhaft aus gramvollen Jahren klingt Dies Singen, dies flüsternde Wehen, — And was in dem traurigen Liede schwingt, Das kann ich nur zu gut verstehen! -Ein Nachhall tönt in mir wie düstrer Klang Von Glocken, die Toten läuten,- Ach» Du könntest mir diesen quälenden Sang Aus tröstender Seele deuten! . . . Doralice Glorp. i. Ruhvoll saß' ich mit dir am Waldesrand And las dir vor, ... ich sah manchmal auf, Blickte rasch in das strahlende Blau deiner Augen And auf das letzte Sonnenlicht in deinem goldenen haar. — Seltsam hell war heute dein blasses Antlitz. . . . Dann standst du auf» . . . vor smaragdnem Fichtengrün Stand deine schlanke Gestalt, — rnhig und still und weiß Schrittest du durch den Atem des Sommertags. — Anverwandt sah ich dein liebes Bild, und mir war Als wuchs'es mir auf zu den ewigen Bildern der Sterne. . .!l. hast du schon einmal ein Glas von Kristall Langsam mit feuchtem Finger umringt? — Hörtest du da den träumenden hall» Der wie in silbernen Wellen schwingt? Sieh nur, mein Herz ist solch' leuchtende Schale» Mit deinem Wesen ist es erfüllt, And auf dem Grunde des zitternden Glases Blühet und schimmert dein liebliches Bild. Bring du behutsam mit leichter Hand Den zarten Kristall zum Klingen und Schwingen, Und es wird dir der tönende Rand Leise ein wundersam Liebeslied singen. . . .

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