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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-29 · 34 (29.7.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
34 (29.7.1921)
Date
1921-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IüöW liberale Zeitung Die jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Voft oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Ny. 4.— Einzelnummer 40 Vt- Zahlungen auf Voftscheckkonto Breslau 433 S 7, Lüdifchllverale Zeitung, Kafsenverwaltung, S.Baoer, Breslau I mnmi« f »iti i »n mim nmm «im ■ I Redaktion und Geschäftsstelle: g Breslaus g Reue Graupenstraße 7, i. | .iiiiiiiiiiiiinniiiiiinnniiiii Annadmrschlufür Berichte: Montan mittag Sprechstunden der Schrlstleltung: Montag bis Sreltag 12—1 vorm, in der Geschäftsstelle. Annovmeschlutz für Anzeigen: Dienstag trag Dte 3'/, cm brelte MlMmeterzetle kostet so Vf., SamMenanzeigen40Vf. DetMeberdolungErma-lgung «.Tarif Nr. 34 Breslau, den 29. Lull 1921 mBBBBSBBBBaassBmm 1. Lahrgang Ursachen des Unfriedens. Bon Lehrer H. U n i k 0 w e r. „Im engen Kreis verengert sich der Sinn, es wächst der Mensch, mit seinen größern Zwecken." Die Wahrheit dieses Schillerschen Gedankens ist der Schlüssel zu dem großen Rätsel der Ursache des Unfriedens in der Welt. Wer aus der Enge seiner Heimatstadt nicht herauskommt, wer nicht Gelegenheit hat, andere Menschen kennen zu lernen, als die seiner nächsten Umgebung, wer nur die Sitten und Gebräuche, die Sprache und die Gedankenwelt seines eigenen Landes oder seiner eigenen Religion kennt, dem fällt es schwer, die Welt anderer Menschen, eines anderen Landes, eines anderen Volkes, einer anderen Religion zu verstehen. Und wenn wir die andern nicht kennen und verstehen, mißverstehen wir sie leicht und beurteilen sie unrichtig. Das unrichtige Urteil aber führt zur ungerechten Behandlung von Menschen und Völkern und damit zu Unfrieden. Das uns als natürliches Mittel der Selbsterhaltung angeborene Mißtrauen gegen alles uns Unbekannte hindert uns wiederum daran, das Vorurteil, das wir aus Unkenntnis gegen die Menschen hegen, zu berichtigen. Aber das Gefühl des Mißtrauens steht nur in: Dienste unseres Verstandes. Was wir nicht unmittelbar durch den Verstand erkennen könnensoll uns durch das Gefühl vermittelt werden. „Was kein Verstand der Verständigen sieht, das findet in Einfalt ein kindlich Gemüt." Das Gefühl soll jedoch keinesfalls der entscheidende Richter bei der Beurteilung von Dingen und Menschen sein. Solange wir unser Gefühl urteilen lassen, können wir zu einem falschen Schluß, zu einem ungerechten Urteil kommen. Nur wo Verstand nicht zu finden ist, begnügt man sich mit Gefühlsurteilen. Richtige Beurteilung hat also Verstandestätigkeit zur Voraussetzung, und zwar ganz besonders die Verstandesbetätiguna des Vergleichens. Durch Vergleichen lernen wir in den ersten Anfängen unserer geistigen Entwickelung die Begriffe des Raumes, der Zeit usw. unterscheiden. Vergleichen ist auch die Voraussetzung für die gerechte Beurteilung unseres Nebenmenschen. Völker, Kulturen, Religionen müssen verglichen werden, wenn ein gerechtes Urteil und nicht ein Vorurteil entstehen soll. Hier nur ein kleines Beispiel, wie altdeutsche und altjüdische Ueberlieserung einander ähneln, obgleich alldeutsche Unduldsamkeit mtb Engherzigkeit die Urheberschaft alles Guten für sich allein in Anspruch nehmen, als ob der Geist abhängig wäre von der Form der Nase oder der Farbe des Haares und der Augen. Die Bibel berichtet von Josef, daß er von feinem Vater Jakob mehr als die andern Söhne geliebt und gehegt wird; der Vater nreint, er könne rhu vor jeglichem Mißgeschick bewahren, wenn er ihn nicht gar zu weit vom Vaterhause sich entfernen läßt. Aber wenn er auch äußere schädliche Einfliisse von seinem Lieblingskinde dadurch fernhalten zu können glaubt, daß er ihn möglichst nicht mit den andern Söhnen gar zu weit als Hirte auf die entlegenen Auen sendet, so kommt das Mißgeschick doch von innen: der infolge Verwöhnung und Verzärtelung großgezogene Stolz und Hochmut des Knaben tragen ihm den Haß der Brüder ein. Sie verkaufen den stolzen Bruder, der in: Traume, den er erzählt, fich fchon als Gebieter des Vaters und der Brüder sieht, als Sklaven. Das vor äußerem Glück närrisch gewordene Kind wird trotz aller Bemühungen des übervorsichtigen Vaters unter das Sklavenjoch gebeugt. Das Schicksal des Menschen geht seinen Gang und kann von außen mit Absicht durchaus nicht beeinflußt werden. Lernjahre muß er, wie jeder Mensch, durchmachen, sonst bleibt er kindisch und über- WW-Iitmsler JupöoeHin?u vmlsil. Sonntag, den 31. guli 1921: MWtW-Mjllll! llch Mmigk Wsyn bis 6enni89i)orf, Hlarfd): üitbcnau, MI, ®Mgt. Treffpunkt vor dem Hauptportal am Hauptbahnhof l15. Abfahrt des Zuges 1»». Montag, den 1. August 1921, abends 8 Uhr: AliMW WsMMOiii fm SliSpsrk. mittig, fürs praktische Lebet: unbrauchbar. Und Josef lernt bescheiden werden, den Versuchttngen widerstehen und die Folgen der Willkür am eigenen Leibe spüren, die einmal seine Handlungsweise bestimmt hätten, wenn er nicht in die rauhe Schule des Lebens gekonrmen wäre. Geistiges Können, symbolisiert durch die Kunst des Traumdeutens, läßt ihn schließlich nach wechselvollem Geschick zu einem brauchbaren Gliede einer Volksgemeinschaft werden; er erreicht die höchste erreichbare Stufe menschlichen Strebens und gelangt so auf dem Wege trüber Lebenserfahrungen zu äußerer und innerer Zufriedenheit, die man das Glück zu nennen Pflegt. Ist diese Lebensgeschichte ans dem Boden des Orients, in detn Bereiche ägyptischer Traumdeuterei und kanaanitischen Nomadenlebens erwachsen, so zeigt die auf dem Grunde deutschen Ritter- und Abenteurerlebens (bei weitem später) entstandene Parsifalfage dieselbe Lebensbetrachtung, denselben Grundgedanken. Herzeleide hatte ihren Gatten, König Gamuret, im Ritterkampfe verloren. Deshalb zieht sie sich mit ihrem Knaben Parsifal in die Waldeinsamkeit zttrück, um zu verhindern, daß er je zu Ritterkämpfen verleitet würde. Abgeschieden von dem lebendigen Treiben der Welt, erfährt er von der Welt nur manches aus den theoretischen Erklärungen feiner Mutter. 1 Zumal) (bie Erklärung und Schilderung von Gott läßt in ihnr eine so seltsame Vorstellung dieses Begriffs aufkommen, daß er, als ihm eines Tages doch ein Ritter zu Gesicht kommt, diesen für einen Gott hält. Was also die Mutter immer befürchtet hatte, auf dessen Verhinderung ihr ganzes Denken und Trachten gerichtet war, das traf dennoch ein. Mit dem Anblick der Ritter regt sich in Parsifal alsbald der Drang nach Rittertaten; er begibt sich auf den Abenteurerweg, von dem ihn die Mutter nicht zurückznhalten vermag. Die Weltfremdheit, diese Frucht seiner einsamen Erziehung, .erweist sich in feinem Kampfe mit den zahlreichen Hindernissen auf dem Wege zum Glück als fühlbarer Mangel; aber Akut und Selbstvertrauen, die Kunst der Entbehrung rrnd der Selbstbeherrschung überwinden diesen Mangel, so daß er schließlich den „heiligen Graal" erreicht, an dem nach der Ueberlieferutrg das Glück hängt. Der Vergleich zeigt: die Menschen streben hier wie dort zum Lichte hin. Nur wer den Unfrieden will, m:r wer vom Schwerte lebt, wird immer das Unterscheidende feststellen wollen, das selbstverständlich immer zt: seinen Gunsten ausfallen muß. Der Versöhnung kann nur das Bestreben dienen, auch bei dem andern die Vorzüge zu suchen, Iberen Besitz man sich selber erfreuet: zt: können glaubt. Judentum unü Todesstrafe. Bon Dr. Walter Brinitzer -Chemnitz. (Schluß.) Wir halten also zwar den Vergeltungsgedanken aufrecht, indem wir die Strafe als Sühne des gestörten Rechtsfriedens fordern, lassen aber die Talion t:nd damit die Todesstrafe fallen, die nur aus dem ttzesichtspnnkt der Talion zu rechtfertiget: wäre. Damit vertiefen wir den Vergeltuttgsgedanken, indem wir ihn mit den Forderungen der Sittlichkeit in Einklang bringen. Wir dürfen nur ein solches Recht haben und dulden, das in seinem Gegenstand der Sittlichkeit nicht widerspricht, sie vielmehr zu fördern geeignet ist. Aus der Idee der Strafe heraus erhält aber der Henkersknecht keinen Freibrief, sich dem sechsten Gebot zu entziehen. Der Staat hat als Hüter des Rechts erst recht die Pflicht, das Menschenleben unbedingt zu achten. — Die Todesstrafe widerspricht auch dem Wesen der Strafe. Die Strafe soll den Täter treffen, ihn nicht vernichten. Das Gebot der Nächstenliebe gilt auch für den Verbrecher. Auch der Sünder bleibt Gottes Kind, wenn auch verdorbenes Kind (Jef. 1,4, Dout. 14,1). So wie auch die zertrümmerten Tafeln in der Lade liegen, so liegen Gott alle Menschen gleich am Herzen (Menachot 99a). Nicht die Sünder, sondern die Sünde soll von der Erde vertilgt werden (Pf. 104,35). Dem Gottlosen, der fich bessert, wird seine frühere Sündhaftigkeit nicht nachgetragen, „aller feiner Missetaten, die er verübt hat, soll ihm nicht gedacht werden; durch die Frömmigkeit, die er übt, soll er am Leben bleiben (Jech. 18, 22). Habe ich penn Wohlgefallen am Tode des Gottlosen?, pricht der Herr; will ich nicht vielmehr, daß er sich von seinem Wandel bekehre und am Leben bleibe? (Jech. 18, 23). Kriminalpsychologisch steht der Mörder durchaus nicht auf der tiefsten Stufe der Entmenfchtheit. Schneidet man dem Verbrecher die sittliche Läuterung ab, so steht die Vergeltungsidee in Gefahr, in den Rachegedanken umzuschlagen. Durch die Strafe soll der Verbrecher zur sittlichen Selbstverantwortung hingeführt werden. Dafür ist aber seine Selbsterhaltung unerläßliche Voraussetzung. — Wenn einen sonst alle Gründe wider die Todesstrafe nicht überzeugen sollten, so müßte allein die Taffache, daß nie ein Justizirrtum ausgeschlossen ist, und also ein Unschuldiger hingerichtet werden kann (und schon Unschuldige hingerichtet worden find) jeden einsichtigen Menschen vor der Todesstrafe abschreckend) Es gibt keine zusammengesetztere Erscheinung als ein menschliches Gemüt. Das ganze Universum ist nicht komplizierter, denn jeder Mensch ist das Universum selber in einer besonderen Spiegelung. Es ist also schlechterdings unmöglich, daß irgend jemand außer Gott alle oder auch nur die wesentlichsten Voraussetzungen der Entwickelung eines menschlichen Gemütes vollkommen überschaue und ergründe. Und würden die Menschen noch viel klüger als sie jetzt schon sind, es läßt sich doch annehmen, daß ihnen auf diesem Gebiete manches rätselhaft bleiben dürfte. Solange hier aber ein Rest ist, zu dem man nicht zur völligen Gewißheit gelangt ist, solange muß — auch vorausgesetzt, daß der Angeklagte der wirkliche Täter ist — immerhin mit der Möglichkeit eines nur noch nicht entdeckten Zustandes der Unzurechnungsfähigkeit gerechnet werden, der die Verantwortlichkeit des Täters ausschließt. Gewiß müssen auch hier jeweils gewisse Normen zu Grunde gelegt werden und maßgebend sein, aber wo es sich un: Tod oder Leben handelt, dürfen keinerlei Bedenken zurückgestellt werden. *) **) Wer eine Seele am Leben erhält, erhält eine ganze Welt. (Sanh. 37a.) IV. Die Stellung des Judentums. Die Todesstrafe wurde von den Pharisäern so verklausuliert, daß sie trotz den Bestimmungen der Bibel fast als ausgehoben gelten konnte. Der Talmud schuf eine große Anzahl von Garantien und Erfordernissen, die alle den Zweck haben, die Todesstrafe unmöglich zt: machen. Während im Zivilprozeß drei Richter genügten, erforderte der leichteste Kriminalprozeß 23 Richter und der größte Gerichtshof 71 Richter (Sanh. 1, 4,1). Ehe ein Urteil gesprochen wurde, mußte die Schuld des Angeklagten zweifellos bewiesen sein. Geständnisse können den Verbrecher nicht zum Tode noch zu sonst einer Strafe bringen, weil darin einesteils schon eine Besserung und Reue zu erkennen ist, anderseits weil sich vielleicht jemand aus Lebensüberdruß «der um einen andern am Leben zu erhalten, als Mörder anklagen könnte (Sanh. 4, 5). Zwei glaubwürdige Zeugen müssen den Mörder anklagen, daß sie ihn vor der Tat verwarnt und darüber *) Darüber, daß Justizmorde vorgekommen sind und noch heute Vorkommen können, vgl. Sello: „Die Jrrtümer der Strafjustiz und ihre Ursachen", Band 1. 1911. **)Bgl. auch S. Kantorowicz, Deutsche Revue 1912, 37. Jahrg., Band 4, Seite 250. lüüifdHitalor Wn-verein zu Berlin. Sonntag, den 31. Fuli 1921: Bormittagsspaziergang nach dem Grunewald. Treffpunkt 915 Zoologischer Garten, Stadtbahnstetg. Abfahrt M. Rückkehr gegen 2 Uhr. Sonntag, den 7. August 1921: Taaesausflug Fürstenwalde-Berkenbrück. Treffpunkt 7« Alexanderplatz, Stadtbahnsteig mit Fahrkarte nach Fürstenwalde (Abfahrt M).

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