Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-08 · 31 (8.7.1921) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
31 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613635--0155-2617342
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

höfliche Erwiderung des Ausländers, er sei kein Jude, erfolgte die Antwort: „Mir werden Sie -ns nicht weitznrachen, Sie stinken ja drei Meilen weit nach Knodlauch." Auf die Aufforderung des Ausländers, mit zur Polizeiwache zu kommen, erwiderte Berger mit Drohungen und einem Stotz vor die Brust, worauf er sich schleunigst auf sein Rad schwang. Erst anr 16. Juni gelang es dem Ausländer durch einen glücklichen Zufall, die Person des antisemitischen Rmvdys festzustellen. Er hat alsbald Klage gegen ihn angestrengt. Tliie -er Presse. Ueber die „Heranbildung tüchtiger jüdischer Handwerker" heißt es in der Zeitschrift „Handwerk und Gewerbe": Es ist eine erfreuliche Tatsache, dass seil einiger Zet der Zudrang zu den handwerklichen Berufen unter den Inden Deutschlands im dauernden Wachsen begriffen ist. Während vor dem Kriege in vielen Kreisen deutscher Juden nur derjenige als wahrhaft „standesgemäß empfunden wurde, der Arzt oder Rechtsanwalt, zumindestens aber Kaufmann war, hat sich endlich immer mehr die Ansicht durchgesetzt, daß die eigentlich produktiven Gewerbe, wie Landwirtschaft und Handwerk, zugleich auch diejenigen seien, die in Wirklichkeit ein besseres, dauerndes Einkommen garantieren. Derjenige, der auf seinem eigenen Boden sitzt, oder unter allen wirtschaftlichen Verhältnissen unentbehrliche Werkzeuge und Geräte herzustellen gelernt hat, wird immer in weit größerem Maße unabhängiger von den Tchwanknngen des Marktes sein, als der Händler und Kaufmann. Es besteht bei den Juden ein ganz besonderes Interesse, die Ausbildung zu tüchtigen gelernten Handwerkern zu fördern. Wenn wir heute vor dem Tanerproblem der jüdischen Wanderung auch durch Deutschland stehen, so ist ein gut Teil Schuld daran, daß die soz-alen Verhältnisse im Osten eine wirkliche Ausbildung jüdischer Menschen zu tüchtigen Handwerkern nicht g.statiet haben, sodaß es ihnen überall, sei es in Deutschland, sei es im Ausland, unmöglich wird, auf die Dauer festen Fuß zu fassen und etwas zu leisten. Für die Juden dürfte es die beste Waffe gegen den Antisemitismus sein, wenn sie die Ausbildung der jungen Leute zu guten Handwerkern fördern. Schon die Tatsache, daß man in Deutschland zum ersten Mal auf das Vorhandensein zahlreicher jüdischer Handwerker Hinweisen konnte, hat genügt. um den Antisemiten eine bisher wirksame Waffe aus der Hand zu schlagen. Es liegt aber auch im Interesse der deutschen Juden, die lleberführung der sich im Augenblick in Deutschland befindlichen Ost- Juden in das Handwerk zu fördern. Zu beachten ist dabei, daß die Neueinwanderung von Elementen aus dem Osten nach Deutschland so gut wie ganz aufgehört hat, sodaß es sich nur um die hier Befindlichen handelt. Nur dadurch, das; man diese jungen Leute wirklich etwas lernen läßt, werden sie instand gesetzt, für eine Aus- oder Rückwanderung wirklich in Betracht zu tomnieu. Die wenigsten von ihnen wollen in Deutschland bleiben, es besteht also kein Grund für deutsch-jüdische Handwerker irgendwelche Konkurrenz zu befürchten, dagegen ist es klar, daß eine Auswanderung nur für diejenigen in Betracht kommt, die wirklich etwas erlernt haben und Aussicht haben,;. B. in Amerika oder Palästina etwas zu leisten. So finden schon heute gelernte Kräfte weite Auswanherungsmöglichkeiteii, während ungelernte nirgendwo Unterkommen können. Das eigenste Interesse des gesammten deutschen Judentums liegt also darin, die Handwerker-Ausbildungsmöglichkeiten mir allen erforderlichen Kräften^zu stützen, ganz gleich, ob es sich um Ost- oder Westjuden handelt. Selbstverständlich ist, das; die Ausbildung in jedem Fall nach den geforderten Bedingungen unter Ablegung der notwendigen Prüfungen vor sich geht. Vreslau. Zum Oberschlesier-Hilfstag. Nach langen Wochen bangen, verzweiflungsvollen Harrens ist Oberschlesien von den Aufständischen befreit. Unendliche Not gilt es nunmehr zu lindern, um die Wunden zu heilen, die die Ereignisse der letzten Monate dem so schwergeprüften Lande geschlagen haben. Diesem Zweck dient am Sonntag der Oberschlesier-Hilfstag, an dem sich nach besten Kräften zu beteiligen jedes Einzelnen unter uns Ehrenpflicht ist. Wie in allen Gotteshäusern, so wird am Sonnabend auch in Iden Gemeindesynagogen des Obeoschlüsier-Hilfö- Werks im Gottesdienst gedacht werden. Wir gühen nicht fehl -in 'der Erwartung, datz nufere jüdischen Glaübensbrilder mit in erster Linie für unser Oberschlesien tätige Hilfe und Opfer bringen Iverden. Sie werden sich dvvon auch nicht dadurch aühalten lassen, datz es manche Abteilungen des oberlschlesischen 'Selbstschutzes an äußerst ^beklagenswerter judenseiMicker Gesinnung und Betätigung in einem Gebiete, das gerade jüdischer Arbeitskraft soviel verdankt, nicht -haben fehlen lassen. Der Führer des Selbstschutzes, General Hoefer, der sich jederzeit als ein von Borurteilen freier, gerecht denkender Mann erwiesen hat, hat wiederholt gegen die Zwietracht säende antisemitische -Verhetzung, u. a. auch in cnom Tagesbefehl, Stellung genommen. Es ist zu erwarten, datz er den beiden Oppelner Herren, die vor wenigen Tagen zwecks einer Besprechung des Verhaltens des Selbstschutzes bei ihn: vorstellig wurden, Zusicherungen gegeben hat, die eine entschiedene Bekämpfung der antiseinitiscl)en Tendenzen auch in der Tat zur Folge haben werden. Drum opfere jeder anr Sonntag, den; Oberschlesier - Hilfstag, nach besten Kräften! Zum Gedächtnis Hermann Klägers. Gestorben am 5. Juli 1920. Am 15. August 1810 wurde Rabbiner Dr. Hermann I Klüger in Warschau als Sohn eines Kultus'beamten geboren. Seine Jugend war reich an Entbehrungen. Nur nrtt notdürftiger Schulbildung ausgestattet, wurde er für den Kauftnaunsbernf bestimmt. Aber mit aller Macht zog es ihn zu. der; Wissenschaften. So verließ er bald das Ge-, schüft, in dem er seine Artsbildung erhalten sollte, verschaffte sich mit eisernem Fleiß, besonders im Studium der deutschen Sprache, die nötige BoMldung, um dann das Breslauer Rabbiuerseminar zu beziehen. Er verließ es mit dem Rabbinerdiplom und amtierte ur-it bestem Erfolge als Rabbiner in Warschau und Lodz. Da sein Vater die deutsche Staa 1 sangelhörigleit besessen hatte, wurde er ans Polen ausgewiesen und ließ sich 1895 irr Breslau nieder. Hier lvar er ein Bierteljahrhrrndert als Religionslehrer an einer eigenen Schule, sowie in Gymnasien und in der Taubstummenanstalt tätig. Mit Feuereifer ergab er sich der Unterweisung seiner Schüler, die er mit wahrer Begeisterung für das Judentum zu erfüllen verstand. Daneben lvar er im stillen ein Helfer der Armen. Bekannt wurde sein Name durch die Erzeugnisse seiner schriftstellerischen Tätigkeit, die in weiten, auch christlichen, Gelehrtenkreisen Anerkennung fand. Genannt 'seien: „Genesis und Komposition der Halachasamml-ung Edujoth", „Die Juden in der babylonischen Gefangenschaft", „Die religiöse Erziehung unserer Kinder und der Anteil des Weibes an derselben", „Zion und Akropolis", „Die Welt des Taubstummen", „Friedrich Delitzsch, der Apostel der nenbabylonischen Religion". Besonders dos letzte Werk ist hcnte — leider — wiederrecht aktuell geworden. In ihm unterzieht sich der Verfasser mit bestem Erfolge der Ausgabe, „die Ignoranz dieses neuen Apostels ans Licht zu ziehen mit) die Bibel von den; babylonischen Schutt zu reiniget!, mit dem dieser Gelehrte sie beworfen hat". F. Die Hilfe durch Arbeit und die Gesellschaft „Ort". Mit einer erstaunlichen Energie und einem Optimismus, der im gefunden Lebenskern der Juden wurzelt, wird feit zwei Jahren der Wiederaufbau des völlig zerstörten Wirtschaftslebens unter den Juden des früheren Russischen Reichs, insbesondere Litauens und Weißrußlands, vor bereitet, hauptsächlich durch die (Kesellschast „Ort", welche ihre Zweigorgauisationen und Komitees in allen betreffen den Städten hat. Die Aufgaben der Gesellschaft „Ort" in Deutschland, welche in Berlin als eingetragener Verein registriert ist, bestehen in der Bereitstellung von Kräften für den wirtschaftlichen Ausbau in den Ostländern, in der Berufsausbildung unter Verwendung der hier gemachteil Erfahrungen zugunsten der Juden des früheren Russischen Reiches, im Einkauf aller WerkMaschinen für Landwirte und Handwerker, in der Beschaffung von finanziellen Mitteln mit Rücksicht darauf, daß die amerikanischen Gesell Anknüpfung an die bisherigen Zustände, den Ausschlag geben dürfen. Dann aber ist es deutlich, daß der von uns postulierte Gottesdienst die größte Aehnlichkeit hat mit dem in vielen Gemeinden schon üblichen sogenannten Hauptgottesdienft, der mit dem Ausheben bezw. Halle! beginnt. Das Bekenntnis würde dann dem Anfang der Tefillah entsprechen einschließlich der (zu erweiternden) K'duschoh. Dagegen scheint es mir unausweichlich, daß die Gebete für die Gemeinschaft Israels denen der Einzelpersönlichkeit voranzugehen haben (trotz der umgekehrten Reihenfolge in der Alltags-Tefillah). Die Gebete für die Gemeinschaft sind naturgemäß weniger innig, die Steigerung bis zur Höhe der Innigkeit verlangt also die persönlichen Gebete am Ende. Und andererseits hat die Gemeinschaft wegen ihrer Bedeutung das Recht auf die erste Berücksichtigung. Gleichzeitig schließen sie sich ungezwungen an das Bekenntnis an. Auch von hier aus empfiehlt sich also die Stellung des Bekenntnisses hinter der Belehrung. Dies sind die großen Linien im Aufriß eines jüdischen Gottesdienstes der Zukunft. Die Einzelheiten.werden nach Gelegenheit, Stadt, Gemeindegröße und anderen Umständen verschieden sein. Am Anfang nnd Ende und vielleicht auch an anderen Stellen werden Zutaten, Gesänge u. a. dazukommen. Die Teile werden bald mehr bald weniger dominieren und entsprechend gekürzt oder verlängert werden. An der großen Linienführung aber wird, soweit ich sehe, sich kaum etwas ändern lassen. 1)116 -em Reich. Preisausschreiben der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. In den „Mitteilungen" der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jngendvereine Deutschlands erläßt der Arbeitsausschuß dieser- Organisation folgendes Preisausschreiben: Thema: Religiöses Gesetz und religiöse Gesinnung im Judentum. Preisrichter: Gemeinderabbiner Dr. Goldmann, Leipzig; Rabbiner Dr. Kellernrann, Berlin; Rechtsanwalt und Notar Stein, Berlin; Erich Bayer, Breslau; Bruno Woyda, Berlin. Preise: 1. Preis 600 Mark, 2. Preis 200 Mark, 3. Preis lOOMark. (Der Arbeitsausschuß behält sich vor, nach Vorschlag des Preisrichter-Kollegiums weitere Preise zu verteilen.) Zum Wettbewerb zugelassen sind alle Mitglieder der Verbands- Vereine bis zum vollendeten dreißigsten Lebensjahr. Außer Wettbetverb sind Arbeiten von jedermann willkommen. Eigentums- -und Beröffentliichnngsrecht sämtlicher übersandten Arbeiten stehen der „Avbeitsgemeindschaft jüdischliberaler Jngendvereine Deutschlands" zu. Die Arbeiten sind mit einem Kennwort versähen ohne Namensangabe bis znm 1. 10. 1921 an die Adresse von Herrn Erich Bayer, Breslau I, Earlstraße 13, einzureichen; gleichzeitig ist ein geschlossenes Weißes Kuvert mitzusenden, ans dessen Außenseite das betreffende Kennwort nnd in dem der Name 'des Einsenders vermerkt fein muß. Bei dieser Gelegenheit weisen wir alle Freunde und Anhänger der jüdisch-liberalen Jugendvereinigung darauf hin, daß die Arbeitsgemeinschaft ein monatlich erscheinendes Organ zum Bezugspreise von Mark 4 — pro Vierteljahr herausgibt. Die „Mitteilungen" sind durch jedes Postamt oder durch das Verbandsbureau, Alfred Berger, Breslau 7, Höfchenstraße 6t, zu beziehen. Berlin. Wozu die Judenhetze führt. Der „Welt an; Riontag" wird geschrieben: Freitag, den 3. Juni, nachmittags iV-2 Uhr, wollte sich ein Mitglied einer ausländilschen Mission am Schalter des Wannseebahnhofs Lichterfelde-West eine Fahrkarte lösen. Er wurde von einem „Herrn", der sich später als Kaufmann Oskar Berger, Werderstraße 18, herausstellte, ohne jeden Grund mit den Worten ankrakeelt: „Was wollen Sie eigentlich hier, Sie schäbiger Jude, gehen Sie nach Galizien zurück!" Ans die MM'krlMkMW einer nlten W. 4. Fortsetzung. - Wenn ich weiter in dem Buche meiner Erinnerungen blättere, zeigt sich mir das foloende Jahr, 1859, als besonders ereignisreich. Vetter Abraham Biberfeld schenkte mir das französische Wörterbuch von Thibaut. Als ein „Jüngling mit lockigem Haar" schwebt er mir noch vor. Er hatte, früh seiner Eltern beraubt, in Lissa gelebt, in seiner Sturm- und Drangperiode manche Wandlung durchkämpft nnd viel in nreinem Ellernhause verkehrt; später war er _ nach Breslau übersiedelt, und als Stiftsrabbiner am Bethhamidrasch in Berlin ist er gestorben. Nach dem Heimgange meiner Mutter, 1899, schrieb er mir: „Mein Herz ist durch den Tod Deiner teuren Mutier tief getroffen, und mein Schmerz um ihren Verlust ist sehr groß... Was Ihr Euch gegenseitig gewesen, wird heute der beste Trost für Dich sein. Du weißt, daß ich, früh verwaist, mit sechzehn Jahren nach Lissa kam. Meine Erziehung im Hause meiner Ellern war eine rein ideale. Da ich den Kampf um das Dasein dort nicht kennen lernte, war es natürlich, daß ich mit feurigem Jucendsinn nur idealen Anschauungen huldigte und eine schwärmerische Hingebung für die Wissenschaft hegte. Ich fand jedoch wenig Verständnis bei meinen Verwandten und fühlte mich recht unbefriedigt. Nur das Hans Deiner Eltern war meine einzige Zuflucht, nur bei ihnen fand ich Verständnis, liebevolle Zuneigung und herzliches Wohlwollen. Ich fühlie mich wohl und glücklich unter braven Menschen zu sein, die mir sehr zugetan waren und das Walten Deiner Mutter entzückte mich. Tie Stürme der Zeit haben nicht vermocht, den Jugendeindrnck in mir zu verwischen, und bei jeder Gelegenheit, wie ich schon beim Tode Deines teuren Vaters empfunden und Deiner Mlltter schrieb, tritt er klar und ich möchte sagen verklärt vor mein geistiges Auge. Nun bin ich auch ein alter Mann geworden." Im Früh! in ge 1859 brach der Krieg Italiens und Frankreichs gegen Oesterreich aus und beschäftigte mich, deren Interesse für Geschichte sich schon damals bei weitem gesteigert halte, in hohem Maße. Ich erlebte nunmehr Geschichte. Die Schlachten von Magenta und Solferino wurden geschlagen, der Friede von Villa sranca beendete den Krieg; ich Hane tiefes Mitleid mit der schönen Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, für die ich schwärmte. Damals bekanr ich ein Kleid mit l.-nchtend karmesinroten Streifen, inan nannte die Farbe „Magentarot". In jenem Jahre war ich in den Pfingstferien in Rawitsch und sah dort zum ersten Male einen leibhaftigen Franzosen. Monsieur Beuken ans Sedan, ahnungslos, daß an' dessen Heimat sich dereinst ein welthistorisches Ereignis knüpfen sollte! Ter Onkel betrieb ein lebhaftes Wollgeschäft; jahraus, jahrein waren rine Anzahl Frauen in eincin großen Raum beschäftigt, Schaffelle zu scheren, die Wolle wurde kunstgerecht in Bündel geschnürt — der Wollsortierer war Jahrzehnte in seiner Stellung und sehr tüchtig — alsdann entweder daheim oder zum Breslauer Wollmarkt, der damals wie auch später und bis zur Stunde von hoher Bedeutung war, an französische Käufer abgegcbetl. Damals versuchte ich mein Französisch an jenem Herrn Beuken zum ersten Male. Ani 5. September 1859 fand die feierliche Einweihung des Salomonunb Joseph-Wollheimschen Kranken- und Siechenhaiises m Lissa statt, eine meiner erhebendsten Erinnerluigen. Mein Großvater väterlicherseits war der jüngste bou zehn Geschwistern, damals lebten außer ihm nur noch zwei Brüder und eine Schwester; jedoch die ganze große Sippe lvar herbeigeeili »nd mit diesen bedeutete jene Feier einen wahren Familienkongreß bis in die entferntesten Glieder, der das stille Lissa eigenartig belebte. Tie Söhne einer verstorbenen Schwester meines Großvaters, Nechle, ivaren als unbemittelte Knaben ausgcwandert und hatten in Triest und Alexandrien, insbesondere durch Kohlengruben, Reichtum erworben. Salomon Wollheim weilte nicht mehr unter den Lebenden, Joseph besuchte zeitweise die Vaterstadt; nur war er in Begleitung eines Sohnes des verewigten Bruders dort erschienen, um die Stiftung, die er dessen Andersten errichtet hatte, ihrer segensvollen Bestimmung zu übergeben. Tie Stiftung ist später durch bedeutende Zuwendungen der Familie Wollheim-Schiff noch bei weitem vergrößert worden und trägt seit langen Jahren die Bezeichnung Salomon- und Joseph-Wollheimsche- und Johanna Schiffsches Kranken- und Siechenhaus; Frari Schiff war die Mutter der Gattin Julius Rodcnbergs. Mein Großvater, später mein Vater, zählten zu den Kuratoren der Stiftung; zahlreiche Legate geben die Möglichkeit, daß für ewige Zeiten einergroßen Anzahl der Familienmitglieder und anderen, die damals der Feier beiwohnten, gedacht wird, so auch meiner Großeltern väterlicherseits.''') Damals lernte ich auch Frau Tr. Henriette Röe**) aus Hamburg nnd ihre junge Tochter Meta, eine Cousine der Lüster und meines Vaters, kennen. In jener Zeit vollzog siel, in mir ein großer Umschwung, aus der mittelmäßigen Schülerin wurde eine gute; ein brennender Ehrgeiz hatte ntich erfaßt, ich wollte mich „hervortun", denn das Lernen tvurde mir sehr leicht. Mit meiner Lesewut wuchs meine Vorliebe für Geschichte und Literatur, auch Mythologie war mir sympathisch; ich las die Romane „Jakob Tirado". „Sephoris" und „Rom" und das Lebensbild der kurz zuvor 1858 Heimgegangenen großen französischett Tragödin der Rach:l, Schriften, die das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur herausgegeben hatte, daneben alle Romane, die die Mutter las, namcntlidj die historischen der Mühlbach, „Prinz Louis Ferdinand" von Fanny Lewald, was die Mutter seufzend und nunmehr schweigend, da sie nicht dagegen ankämpfeii konnte, duldete; es war dies um 1860. Damals, ich war schon eine leidenschaftliche Schillcrvereherin, denn die Schillerfeier am 10. 'November 1859 in der Aula des Gymnasiums, zu der Fräulein Killer die Schülerinnen der ersten und zweiten Klasse, zu welch letzteren ich zählte, unter ihren Fittichen -- wie die Henne eine Schar von Küchlein erschien es mir mitgenommen hatte, war von unanslöschlichem Eindruck auf mich geblieben, lasen wir „Maria Stuart" m der deutschen Stunde. Ich hatte aus dein Konversationslexikon des Großvaters die kurzen biographischen Notizen über die Hauptpersonen, ausgeschrieben und verkündete dies stolz in der Schule, denn eine gleiche Ouelle Weisheit zu schöpfen besaß keine meiner Mitschülerinnen! Fräulein Killer, die von mir so hochverehrte Lehrerin, tvar mir zwar ausrichtig gütig gesinnt, um aber meiner Ueberhebung gegen die Mstschülerinnen zu steuern, dämpfte sie diese bei jeb:r Gelegenheit. Oft sagte sie: ..Tu gibst Dir ja keine Mühe, Du mußt Gott alle Tage danken, daß Dir alles in den Kopf fliegt. Tic Letzte macht mir viel mehr Freude als Du, denn sie gibt sich redlich Mühe, etwas zu leisten." Mein Eigensinn bekümmerte meine Mutter auch zuweilen arg. «Fortsetzung folgt.) *) Joseph Wollheim besuchte uns noch 1876 in Breslau. **) Gattin des bekannten Schulmannes,, Fortschrittskämpfers und späteren Reichstagsabgeordneten. -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.