Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 31 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herz schreit nach Wahrheit nicht, Lobgesängen, for*; der Bittgebete I Hochthronenden Darum halte ir‘ - generation de^ d e n E i n z e . Nutzung der . für leise Schließ! Es besteht * Abschnitt!; c sch; ■ Mit Der aber thront in Psalniist sagt, auf Israels i.-ulmt auf den leisen Sohlen v tnme Gemüt sucht nicht den > den tief Hermederschauenden. : v wichtigste Forderung zur Reienstes: Bittgebete für l deutscher Sprache, unter Been Gebete dafür, und Platz? Gebete. i Wort über das Bekenntnis, wesentlichen aus 2 Stücken, den ch'ma und der K'duschoh. Ich Bedenken über den 2. Abschnitt cht muß hinzugefügt werden, daß überragend wichtig er ist, doch gar An: Sabbat und Feierlagsmorgen - als 5 Mal an den verschiedensten >gt! Dafür aber fehlt ein so ' . er Nächstenliebe ganz, und >; ,e sind irr die verschiedensten ut. Eine Zusammenwichtigften Religions Gedenket der Jüdischen Jiinderfkitfe f ttJUw!Vl . Stellen t wichtiges G. die übrigen Bel Gebetstücke weit ö stellung aller lehren und Gebote zu einem einheitl i ch c n Bekenntnis, selbstverständlich in bib lifchen oder traditionellen hebräischen Worten, halte ich zur Erreichung des gottesdienstlichen Endzwecks für unbedingt notweirdig. , 5. sich nur zu leicht auf die Religion und Gott selbst! — Natürlich darf der Gottesdienst auch nicht zu kurz sein! Namentlich in der Großstadt macht man nicht gern einen langen Weg wegen einer Viertelstunde Erbauung, zumal diese Zeit auch wieder zu kurz wäre, um wirklich eine Erbauung in den Herzen zu stiften. %—2 Stunden dürfte Minimum und Maximum aller Hauptgottesdienste darstellen. Das Schwierigste an einer Neugestaltung des Gottesdienstes ist der Arrfban, der Gang, die Anordnung, weil hier die Abweichungen vom Herkommen am zohlreichsten sein müssen und das fromme Gemüt am Alten hängt. Nrr Verbesserungen möchte es dulden, nicht Revolution. Gerade hier aber ist seit Iayrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden allein mit Verbesserungen gearbeitet worden und dadurch ein Wirrsal entstanden, das sich nur noch durch tiefeindringende Geschichts studien verstehen läßt. Dazrr regt die jetzige Gestalt unseres Gottesdienstes denn auch genugsam an; aber das ist ja nicht seine Aufgabe! Er soll doch unvermerkt die Teilnehmer zu einem Zustand möglichst intensiver Religiosität führen. Das kann er bloß, wenn er ein einheitliches organisches Ganzes bildet. Die einzelnen Gebete sind z^m großen Teil sinnig aufgebaut; darüber gibt es schon im Talmud geistvolle Bemerkungen; aber die Reihenfolge der Gebete und übrigen Gottesdienstteile ist nicht aus dem Zweck des Ganzen, sondern aus fremden Gesichtspunkten gewonnen. Wie wohl manchmal an alten Kirchen neue Anbauten in fremden Stilarten gemacht sind, so mutet unser Gottesdienst an. Nur daß bei jenen nichts weiter dadurch gestört wird als der ästhetische Eindruck, nichts weiter verletzt wird als das Schönheilsgefühl. Der Gottesdienst aber ist selbst eine Sache feinsten Seelenlebens. Alle Unausgeglichenheiten in ihm zerstören seine Gesamtwirkung. Wie eine falsche ärztliche Maßnahme einen Kranken dauernd ruinieren kann, so ein schlechter Aufbau die Wirkung auf das Gemüt des schwach Religiösen. Der Vorteil einer revolutionären Untersuchung, wie wir sie uns vorgenommen haben, daß sie auf den Grrmd geht und nicht anklebt und abschneidet, sondern aus der Idee des Ganzen das Einzelne arrsbaut, — hier muß dieser Vorteil am stärksten ausgenützt werden! Wie wenig die Entwicklung dieses Prinzip angewendet hat, zeige ein kleines aber drastisches Beispiel! Die Belehrung erzeugt naturgemäß tiefere Frömmigkeit. Darum folgen auf- Sidra und Haftara warmherzige Privatgebete. Als nun die deutsche Predigt eingeführt wurde, wagte man die altheilige Ordnung nicht zu stürzen, sondern stellte die Predigt statt zu den übrigen Belehrungen dorthin, wo das Religionsgesetz eine Lücke ansetzt. Die Folge war, daß der Eindruck entstand, als sei beim NiZeüederaeÜ die sichtbare Anwesenheit der Torarolle von besonders gnadenspendender Wirkung, daß die Predigt von ihrem Text, den sie beprechen soll, getrennt wird, und daß ihre Wirkung von den schönen Gesängen des Mussas ausgelöscht wird. Eine andere schlimme Folge des Mangels an Einheitlichkeit sind die vielen Wiederholungen. Sie werden fallen müssen! Zweimal eine Tefillah, dreimal eine Keduschah, vier- bis sechsmal das Kaddisch — das kann kein moderner Mensch vertragen! Jeden Wisserrden, der gleichzeitig etwas nachdenkt und empfindet, muß es empören, wenn das erhabene Kaddisch als Zwischenaktsmusik rmd Pausengebet, als ein langes Komma zwischen den Gebetteilen sozusagen, oder wenn es gar als Seelengebet wie ein Paternoster dreimal, nur mit Unterbrechung durch einen Psalm am Schluß des Gottesdienstes mißbraucht wird. Selbst die zweimalige Tefillah muß fallen. Eine Mussaf-Tesillah hat ohnedies nur dann einen Sinn, wenn sie für die Wiedereinführung der Opfer betet (obgleich auch dann schon mrr die mittlere B'rochoh!) Wenn man aber, wie es in liberalen Gebetbüchern heute wohl ausnahmslos geschieht — statt dessen betet: Gott möge unser Gebet so annehmen wie früher die Opfer — dann wird der ganze Aufwand überflüssig, — eine bloße historische Reminiszenz in der Form eines Gebetes, wozu ein Gebet zu schade ist, — ein notdürftig mit unserer Anschauung in Einklang gebrachter Atavismus von unethisch schwacher Nachgiebigkeit gegen das innerlich beseitigte Religionsgesetz — inkonsequent, weil einerseits eine Veränderung des alten Textes vorgenommen wird und andererseits doch das alte gesetzlich vorgeschriebene Gebet äußerlich beibehalten wird, — und schließlich doch unwahrhaftig, weil niemand glaubt, daß früher die Opfer Gott wohlgefälliger gewesen seien als heute unsere Gebete! (Nebenbei: ein typisches Beispiel der „Reform" des 19. Jahrhunderts!) Durch die Fortlassung der Wiederholungerr wird viel Zeit gewonnen. Nicht deswegen wird sie gefordert. Aber die Verkürzung des G o t t e s d i e n st e s ist an sich eine Notwendigkeit. Nicht um der Leute willen, die mit Gott so schnell und billig wie möglich fertig werden möchten! Sondern wiederum zur besseren Erreichung des Endzwecks! Die Tiefe der Wirkung ist nicht von der Länge des Gottesdienstes abhängig. Vergessen wir nie: Es hat eine Zeit gegeben, rvo noch keine Piutim den Festtagsgottesdienst bis Mittag verlängert haben, und die Menschen waren damals nicht weniger fromm als heute! Das war die Zeit des Talmud! Der moderne Mensch aber hat weniger Ausdauer als der mittelalterliche, der Europäer weniger als der Orientale. Gottesdienst ist oder soll wenigstens sein eine stark seelische Anspannung; tritt'da eine Ermüdung oder geistige Ueber anstrengung ein, so geht die Wirkung verloren. Lieber etwas wemger als zuviel! Als Maßstab darf auch nicht der starbrervige, ja (wie überall bei Massenerziehung) nicht einmal der normale Mensch genommen werden; der Gottesdienst gilt ja auch den schwachnervigen Gemeindemitgliedern; ja diesen, den Trauernden, Abgearbeiteten, Versorgten, Kränklichen vielleicht am meisten! Bei unserem als möglichst ideal angenommenen Gottesdienst mit seinem einheitlichen Aufbau und gradlinigen Verlauf dürfen wir es auch nicht jedem überlassen, wann er eintreten und fortgehen will; diese Ghetto-Ungezogen heiten müssen ja doch endlich einmal verschwinden. Niemand aber kann ohne Unterbrechung stundenlang mit geistiger Sammlung einem Gottesdienste folgen! Ein Festgottesdienst von 3—4 Stunden macht die Herzen nicht willig zu Gott, sondern unwillig; — und der Aerger über die menschliche Gottesdienstordnung überträgt 6. Und mnt zum eigentlichen Gang des Gottesdienstes! Zunächst ist es klar: wenn der Gottesdienst als Zweck die höchstmögliche Religiosität der Teilnehmer hat, so muß diese der Enderfolg sein und alles übrige Vorbereitung dazu. Die höchste Religiosität aber spricht im Gebet; dies ist die eigentliche innerliche Verbindung mit Gott, innerlicher noch als das Bekenntms; denn dieses soll zwar aus dem Herzen kommen, läßt aber den Bekenner gleichsam Gott gegenüber stehen. Das eigentliche Gebet gehört aber an das Ende. (So stellen auch die alten „Stammgebete" das Sch'ma vor die T'fillah!) Ferner ist es klar, daß die Belehrung die Vorbereitung der religiösen Stimmung bezweckt; eine Belehrung, die aus den: Fenster spricht, die imr für das Leben draußen Direktiven gäbe, wäre im Gottesdienst unorganisch, sie gehörte ins Lehrhaus. Selbstverständlich wird jede Belehrung auch die Tat außerhalb des Gotteshauses beeinflussen wollen; aber diejenige, die im Gotteshause gegeben wird, muß sich darauf beschränken, eben durch )as Mittel des Gottesdienstes zu wirken. Sie gehört aber vor das eigentliche Gebet. Auch wir Rabbiner dürfen uns durch die Umeligiosität des Publikums nicht verleiten lassen, mit diesem die Predigt als die Hauptsache anzusehen, sondern müssen uns bescheiden dienend dem Gesamtzweck organisch einfügen. Schließlich ist es klar, wieder aus der Gesamttendenz des Gottesdienstes, daß erstens kein Gottes dien st ohne die Anregung der Belehrung genügend seinen Zweck erfüllt, und daß alle verschiedenen Arten der Belehrung zu einer Einheit zusammengefaßt werden müssen, — wobei für Abend- und Morgengottesdienst noch genug Variationen möglich bleiben. Die Reihenfolge Tora, Haftara, Predigt wird bleiben, desgleichen die üblichen Bräuche beim Aufrufen usw.; nur der Maftir an gewöhnlichen Sabbaten ist wohl abzuschaffen. Dagegen ist zu überlegen, ob die Haftara nicht richtiger nach dem Einheben der Tora zu lesen sei, besonders wenn die Predigt sich an jene anschließt. Selbstverständlich fallen die Bittgebete nach der Haftara fort; höchstens käme ein kurzer Segensspruch für die Aufgerufenen in Betracht, der aber besser gleichfalls zu den Gebeten im dritten Teil gezogen wird. In kleineren Gemeinden, wo nicht so oft gepredigt werden kann, müssen besonders am Abend Vorlesungen genügen. Auch' dafür Sammlungen aus älteren und neueren Schriftstellern herzustellen, wäre eine höchst wünschenswerte Aufgabe unserer religiösen Führer. Schwieriger ist es, die Gesichtspunkte für die Stellung des Bekenntnisses zu finden, ob es an den Anfang des Gottesdienstes gehört, wie in den ältesten Zeiten, oder hinter die Belehrung. Ich neige zum letzteren, indem ich annehme, daß man mit einem Minimum vöst Frömmigkeit zum Gottesdienst kommt, gleichsam in Alltagsftimmung, wo man nicht zum Bekennertum aufgelege ist, sondern dazu erst angeregt werden will. Ich gem aber zu, man kann auch geltend machen, daß wer ubzt Gottesdienst überhaupt geht, doch schon etwas religiös affiziert ist. Ein mehr ästhetischer Gesichtsprmkt ist, daß das Bekenntms, Sch'ma und K'duschoh, ein hymnischer Höhepunkt ist, der am Anfang nicht der Stimmung entspricht, sondern vorbereitet sein will. Auch demgegenüber kann man sagen: Das Bekenntnis schafft die gemeinschaftliche Basis, auf der die Gemeinde sich zusammenfindet, um so würdig vorbereitet die Belehrung schlliger anzunehmen. Die Gebete des dritten Teils wiließen sich ebenso gut an dieses wie jenes an. — Vielleicht wird hier die Praxis des Uebergangs, die Heimkehr. Von V lösche H o h n s a l z - Zehlendorf. 6. Fortsetzung. - Wie Fieberwellen zitterten revolutionäre Zuckungen durch das arme, besiegte, zerschlagene Land. Nach einigen Wochen war er wieder in der Stadt, in der er gelebt hatte, als noch Frieden war. — Seine Wunde am Fuß hatte sich verschlimmert. Lange, lange lag er im Krankenhaus. Endlich war er so weit, daß er auf einen Stock gestützt wieder herumhinken konnte. — Und als der Sommer kam, wurde er aus dem Lazarett entlassen und war wieder frei, — wie vor fünf Jahren. Einem Somnambulen gleich ging er durch die Straßen der Stadt. Alles war wieder neu und Erlebnis, überall aber klagten alte Erinnerungen, daß ein müder, fast gebrochener Mensch in die Heimat zurückgekehrt sei.— Breite Wellen von Sonnenschein fluteten durch die Häuserzeilen; die Baumreihen der Wege waren wehende, leuchtend-grüne Fahnenbänder, in den Höfen spielten wie früher die Leierkästen und sangen die Kinder,... vieles war so wie einst, und doch war alles anders.- Wie vor Jahren stand er wieder vor dem Hause, in dem sie einst gewohnt hatte und blickte mit m die Ferne gerichteten Augen zu den Fenstern ihres ehemaligen Zirm mers empor. — Es war chm, als sähe er sich selbst, — als eMicke er teilnahmslos einer: fremden, ihm unbekannten Menschen sinnend in der stillen Straße stehen und verfließenden Phantasiegebilden nachträumen. Dann erfaßte chn plötzlich wieder die große, würgende Schwermut, tseine vertrauteste Bekannte seit seiner frühen Knaben zeit; — aber die sanfte, warme Sommersonnc, das leise summende, eintönige Geräusch der geschäftiger: Stadt, das Gezwitsclier der Spatzen und jetzt das altvertraute, kar:m vernehmbare Glockenspiel von: entfernten Magdalenenikirchturnr her beruhigter: chn bald und ließe:: ihr: wieder in jener: halbwacher:, schlunrrnerähnliehen Zustand hinübergleitcn, in den: er so oft lebte. — Stundenlang stand er vor den: Hanse. Schließlich erschien dort oben eir:e alte Frar: ur:d begann die Scheiben der Fenster zu putzen. Da ging er fort. Darm fuhr er zun: Stadtwalde und trank dort wieder den Zanber des Sicherinnerns. Hierher hatte:: sie einmal vor sechs Jahren, — sein entfernter Verwandter Felix, jenes Mädchen und er, — einen Ausflug gemacht. Meder ging er dieselben Wege, hörte auf das Klopfen eines Spechtes und lauschte dem feinen, knisternden ^>eränsch der sich im Winde bewegeichen Kieferkronen. Ohne Eile ging er weiter. In jenem Gasthaus an 'der Chausseekreuzung hatten sie am Ausflugstagc beisammen gesessen. Er kannte hier jeden Weg und Äeg. — Ueberall waren frenide Gesichter, unbekannte Menschen, die verwundert und neugierig den «gebeugten, lahmenden Menscher: nmsterten. Alle Schätze der Erde hätte man ihn: schenken können, — was waren sie gegen der: zaubervolten Glanz jenes Sommertages, da er dereinst mit den beiden hier im Grase beisammen gesessen hatte, während er sich immerfort heimlich an dom Anblick des schönen, zierlichen Mädchens wei- «dete und wie berauscht war von großer Sehnsucht und seliger Trauer. — Wie viele Erinnerungen hatten ihn heute gelockt! — Er hätte sie gerne hingegeben für das Gedächtnis an jene einzige Sttnrde i>m Sommer vor sechs Jahren. Und er wußte, was ihn: auch das Schicksal vielleicht noch an verspäteten: Abglanz schenken könnte, — jene Tage des tiefster: und wehesten Glückes konnten in dieser leuchtenden Schönheit nie wiäderkehren. — Das Höchste, was er erlebt hatte, der tiefste Inhalt seiner Jugend waren für immer dahin. — Eine Zeitlang saß er an einen Baum gelohnt und blickte in den blauen Himn:el, an dem gwße, seltsam geformte Wolken gleich stolzen, weißen Schwänen langsam dahinzogen; ,r:ud er folgte ihnen, wie sie Vorübersogelter: und sich allmählich an: Horizont -auflösten — wie' Menschenschicksale, — wie Träume,... als seien sie nie gewesen. Dann wanderte er zur Stadt zurück. Wieder 'hauste er in frei* Nähe seiner alten Wohnung. Von seinem Fenster sah er auf den Fluß hinab. Auf seiner:: Tisch stand -das Bild jenes Mädchens; es war von Flammen 'geschwärzt, ihre Züge waren kaum noch zu erkennen. — Täglich umkränzte er wieder «den verrußten Rahmen mit Blumen, starrte stundenlang vor sich hin und versuchte, ihrer Gestalt in seiner Erinnerung blichen - «des Leben oinznhauchen. Fast war es ihm eine Erleichterung, als er fühlte, daß ein im Kriege zum ersten Mal bei ihm aufgetretenes Herzleiden Fortschritte machte, und da ihm bald 'darauf -die Gewißheit wurdä, daß er nicht mchr lange zu leben hatte, klang ihm diese Eröffnung wie die Verkündigung baldiger Erlösung. ' (Fortsetzung folgt.)