Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-08 · 31 (8.7.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
31 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613635--0153-2617340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die,^2üblfch-llberale Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich m 4 - Slnzelnummer 40 Vf. Ladlungen aufVoftscheckfonto Breslau 43387, Lüdlfch- Uberale Leitung, Kaffenverwaltung, L. Bager, Breslau l Rim Tim 2xm TT Redaktion und Geschäftsstelle: Breslau 3 Neue Graupenstraße 7, l. iTiTmiiTnummiiiiitniiiiiiiimty Annadmefchlust für Berits r mocitag mittag Sprechstunden der g. Montag bl< Srettag 12—1 vorm -. *x-r rfchüflSstelle. Annadmefchlufür An»rl» Die 31/. cm breite MiMmeterzelle ft < .<* an»eloen40pf. DelMederbolungi . >> Nr. 3i Breslau, den 8. Lull 1921 1. Jahrgang mt fftir bitten unsere Abonnenten höfischst um Überweisung -er Vezugsgebühr für das Z. Quartal 1921 auf Postscheckkonto Vreslau 1 Nr. 45 387, G. Bayer, Kajsenverwaltung -er jü-isch-liberalenAeitung IffRffl Mtrünnigkeit. Bon Rabbiner Dr. Norden- Elberfeld. Das Bolk Israel hatte sich — jo erzählt die morgige Sidra — wieder einmal schwer velisüridigt, und zurStrafe hatte Gott eine verheerende Leuche auftreten lassen. Mit rasender Geschwindigkeit griff die Plage um sich, und es hatte den Anschein, als 'füllte das ganze Bolk hilNveggerafft werden. Da erschien dem Volke ein Retter in der Person des Hohenpriesters Aaron. Mit der Räucherpfanne in der Hand trat er unter das Bolk und stellte sich zwischen die Toten und die L elendigen; da «wurde der Seuä)e Einhalt getan. „E r st eilte s xd) zwis ch e n d i e T 0 t e :: n nd die lebendigen", kühn, mutig, unerschrocken, ohne an die Gefahr zu denken, «in die er sich begab. Galt es doch, einem ganzen Volke in der Not beizuspringen; galt es doch, den Würgeengel zu besiegen, der in die Reihen der Gemeinde eiugobrochen war. Ta vergaß ein Aaron seine eigene Person, da feierte die Nächstenliebe einen glänzenden Triumph über die Eigenliebe. Gibt es auch heute noch so selbstlose Menschen, die ihr eigenes Ich vergessen, «weirn es gilt, andern zn helfen und sie der Gefahr zn entreißen? Wir brauä-en ja mir an die Aerzte 31t denken, die an jedes «Krankenbett eilen, auch wenn die Krankheit noch so übertragbar «ist. Da vergessen sie, daß daheim Weib uni) Kinder für ihre Gesundheit bangen und zittern. Und nun gar erst bei verheerenden Leuchend tvelche Ansopserimgsfähigkeit und Aufopferungssrendigkeit logen sie da an den Tag! Da stellen sie sich, gleich dem Hohenpriester Aaron, zwischen die Tvten und die lebendigen, um der Plage Enthalt zn tun. Oder wenn wir an die Männer und Frauen denken, die in den verflossenen Kriegsjahren zwischen den Tchlachtreihen einherwandelten, u«m die Vertonndeten aus dem Schlachtfelde heran sz nt ragen und ihre Schmerzen zu. lindern, ohne 511 bedenken, daß jeden Augenblick sie s e l b st von einem Geschoß niedergestreckt werden konnten, da müssen wir sagen: So sehr die -Kulturvölker sich «schämen «müssen, daß der Krieg noch immer nicht als das Woerste Verbrechen erkannt worden ist, so sehr dürfen wir anderseits uns freuen, daß es Menlschen gibt, die gerade in so furchtbaren Zeiten, wie wir sie jetzt erleben mußten, die Fahne der Menschenliebe hochgehalten, die mit Gefahr ihres eigenen Lebens sich zwischen Tote und Lebendige gestellt und nnt freudigem Herzen und unerschrockenen: Mute unvergleichliche Samariterdienste verrichtet haben. Nun kennen wir aber noch andere Seuchen, Seuck)en, durch welche Mar nicht die Körper, wohl aber «die Seelen hingerafft werden. Eine derartige Seuche herrscht z. B. in unserm deutschen Judentum seit unserm Eintritt in das moderne Leben: es ist die Seuche der Abtrünnigkeit. Jahr für Jahr fällt eine ganze Anzahl von uns ab. Daß nicht Uoberzougung die Abtrünnigen in das fremde Lager treibt, ist ein offenes Geheimms; man weiß es hüben und drüben. Eine große Reihe von Fällen findet ihre Erklärung in MW-liberM JugtnMn su Mlsii. Dienstag, den 12 Juli 1921, abends 8 Uhr: AnilitWs Wssninieliselll ln Witnlg, hsnpWsnrnnt. Die ordentlichen Mitglieder werden nochmals darauf hingewiesen, daß die Ouartalsbeiträge fällig sind. Ab 2V. Juli werden die Beiträge durch Postnachnahme eingezogen. Zu allen Peranstaltungen sind Fremde und Anhänger unserer Bewegung alS Gäste willkommen. iber Sucht, äußere Ehren zu erlangen. Immerhin bleiben noch Fälle genug übrig, bei denen diese Erklärung nicht zutrisft, Fülle, von denen wir «genau wissen, daß äußere Vorteile «den Beweggrund nicht können abgegeben haben. Was veranlaßt jene Leute, sich unserer Gemeinschaft zu entziehen? Nichts anderes als eine grundverkchrte Auffassung vom Jlldentum, als sei es unserer Zeit nicht mähr migenressen. Je gebildeter der Niensch, u«m so weniger müßte er nach jener Anschauung dom jüdischen Glauben ergeben sein. Bildung und Judentum hält man für Gegensätze. Sollen wir der Verheeretiden Seuche mit verschränkten Armen znsohen? Wir müssen das unsrige tun, um die falsche Auffassung vom Judentum zu zerstreuen. Wie aber kann das mit Erfolg geschehen? Aaron, der Hohepriester, hat uns den Weg gezeigt. Er stellte sich Mischen die Toten und die Lebendigen, und der Seuche wurde Einhalt getan. Auch wir müssen uns Mischen die Toten und die Lebendigen stellen, a u ch w«i r m ü!s s e n uns st e l l e n zwischen die bereits entschwundene Vergangenheit und die lebensv 0 lle Ge «gen - wart, um die wirklichen oder scheinbaren Gegensätze auszugleichen, wir müssen eine feste Brücke schlagen Mischen Einst und Jetzt. Wir müssen aus der einen Seite das Recht der Gegenwart wahren; auf der andern Seite wiederum müssen wir zeigen, daß die Gegenwart, so sie nicht großen Schaden leiden «will, ihren Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht ausgeben darf. Bon denen freilich, die 'heute schon mitten im Leben stehen, ist nicht allzu viel zu evwarten, wenn einmal ihre Liebe zum Judentum so gut wie erloschen ist. Unsere ganze Hoffnung ist aus die Jung e n d gerichtet: die darf unter keinen Umständen in einer falschen Nttzinung vom Jiidentum auf- «wachsen; die darf unter kernen Umständen glauiben, das Judentum sei eine Mumie; die mich zu der Erkenntnis gebracht werden, daß unser Glaube ein lebensvolles Gebilde ist, das!den Wettbewerb mit jedem andern «Glauben auszunehmeu vermag. Darum ist es vor allem die «heiligste Pflicht der L e h r e r unseres Glaubens, sich Mischen die Toten und die Lebendigen, Mffä)eu die Vergangenheit und die Gegenwart zu stellen. Diese heilige Pflicht wird der Lchrer der Religion um so besser erfüllen können, je ge naner er sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart kennt, je inniger er einerseits mit dem «Werdegang der ge schichtlichen Ueberliefernug vertraut ist und je «genauere Kenntnis er anderseits von den Geistesströmungen der Gegenwart «hat. Diese:: Sta>:idpnnkt haben wir unserm Jridentnm gegenüber überall einznnchmen, dein: Gottesdienst, beim Unterricht, bei «allen religiösen Angolgenheiten. Keine Starrheit, kein Fanatismus, nicht nach rechts und nicht nach links. Der Hohepriester Aaron sei unser Vorbild, der sich Mischen die Toten und die Lebendigen gestellt hat Gin leichter Standpunkt ist das nicht; gilt es doch, weder der Vergangenheit zu nähe zr: treten, noch das «Recht der Gegenwart zn schmälern. Aber wir müssen versuchen, unsere Pflicht zr: hm. Und ivenn wir nur «alle ans Werk gehen mit Lust und Liebe, mit Eifer und Begeisterung: 'dann wivd unser Werk hoffentlich von Erfolg gekrönt sein, „der Seuche wird Einhalt getan werden", «der Abtrünnigen werden imnrer «weniger sein, und unser Judentum wird einer neuen Blütezeit entgegerrgehen. Richtpunkte zur Umgestaltung unseres Gottesdienstes. Bon Rabbiner vr. H. Fuchs- Ehemnitz. III. Auch in bezug auf die Gebete finde ich noch längst nicht alle die Forderungen erfüllt, die sich aus dem Zweck des Gottesdienstes auf liberaler Grundanschauung ergeben. Zwar der älteste Grundsatz aller Reform, daß wir im Angesicht des heiligen Gottes nichts sagen, was unserem Innern widerspricht, hat sich wemgstens im Prinzip durchgesetzt: Vom Opferdienst und Totenerweckung ist nicht mehr dix. Rede. An der konsequenten Durchführung dieses Wahrhaftigkeitsprinzips mangelt es aber noch bedenklich. . Die Ergebnisse der Bibelkritik, die doch die Grundlage alles Liberalismus, werden z. B. in manchen modernen Gebetbüchern unverantwortlich geringgeschätzt. Wir glauben «nicht an das 6-Tage-Werk, und der Ge danke, daß Gott am 7. Tage geruht hat, dürfte höchstens in einem Gesangsstück als Zitat Vorkommen, wo man manches auch sonst aussprechen darf, was man „nicht 0 meint"; aber im eigentlichen Gebet, wie im Wajjechulla der Tefillah. empfinde ich den Gedanken als durchaus unstatthaft. Der an sich unverständliche ünd überflüssige Satz Boruch k’wöd . ... in der K’duschoh hätte von dem Tage an aus der Liturgie verschwinden müssen, wo Luzzatto gezeigt hat, daß das Wort boruch eine Textverderbnis statt b'rum ist. Ebensowenig können wir sagen,, daß Gott dem Mose am Sinai dies oder das befohlen hat. Aber auch die religionsphilosophische Entwicklung muß berücksichtigt werden. Der Gedanke, daß wir um unserer Sünden willen aus Palästina vertrieben sind, müßte längst andern, uns näher liegenden Betrachtungsweisen Platz gemacht haben. Und ob der Gedanke der Gerechtigkeit Gottes gerade durch den 2. Lch'ma-Abschnitt die uns am meisten zusagende Formulierung gefunden hat, darf mindestens einmal wieder zur Diskussion gestellt werden. Allen diesen und ähnlichen Stellen gegenüber muß immer wieder betont werden, daßi ndenGemeindegebeten nichtsstehen darf, was nicht alleGottesdienstbesucheralsWahrheit anerkennen. Noch viel wichtiger aber scheint mir ein anderer Punkt, die Vernachlässigung der Privatgebete. In der talmudischen Zeit ließ jeder einzelne dem Gemeindegebet die Bitten folgen, welche er persönlich an Gott auf dem Herzen hatte, jeder ganz frei und verschieden nach Lage, Zeit und Persönlichkeit. Daraus haben sich z. T. feste Privatgebete entwickelt, die später zu Perlen des Gebetbuches geworden sind, z. B. die J’hi rozön* Gebete am frühen Morgen und bei der Neumond- Einsegnung, Elohaj n’zör etc. Heute sind diese Gebete unter einem Wust anspruchsvoller Gesänge versteckt. Sieht man vom Versöhnungstag ab, so sind am Sabbat und Festtagen außer Haßchkiweiiu, R’zeh bimmicliosseiiu und Bibbönö überhaupt keine Bitten vorhanden. Diese sind vielmehr eine Sache des Alltags, wo in und nach der Tefillah etwa ein Dutzend stehen, von denen etwa die Hälfte den einzelnen betreffen. Da nun unsere sogenannten Liberalen am Alltag meist überhaupt nicht beten, so kommt das Bittgebet sehr zu kurz. Nur ein karger Ersatz ist das deutsche Gebet nach der Hastara. — Man mag aber über die Wirkung des Gebets im allgemeinen denken wie man will, — die Innigkeit kommt in den Gottesdienst erst durch die persönlichen Bitten. Fehlen sie, so läßt er kalt! Das ist bei dem unsrigen nur allzusehr der Fall. Ein Nichtjude fragte mich einmal staunend: „Ich begreife nicht, wie dieser Gottesdienst erbaut!", und ich konnte ihm nur wenig erwidern. Man hat gesagt: „die Gemeinde muß selbsttätig sein", und hat das durch Gemeindegesang — nicht erreicht! Natürlich: für bloße Lob- und Dank-Gebete haben die wenigsten Sinn. Not lehrt beten. Seine inneren und äußeren Bedürfnisse will das Herz vor Gott tragen, und in der Zwiesprache mit ihm sucht es Kraft und Hoffnung. Das ist der Hauptsinn und Zweck alles Gottesdienstes; da das bei uns kaum möglich ist, so ist es kein Wunder, daß er so vielen überflüssig und die Zeit dafür unnütz vertan erscheint, und daß für so viele die Predigt das Hauptinteresse ausmacht. Wer weiß, ob dieser Mangel an privaten Bittgebeten nicht der Hauptgrund für das Leerstehen unserer Gotteshäuser ist! Das Wichtigste kommt ja zu kurz in ihnen! Hier wie überall rächt es sich, wenn man sich mit Ersatz statt des Echten begnügt; Ahönheit, Musik und andrer Pomp, selbst das bischen pietätvolle Stimmung beim^Anhören des Hebräischen, zieht aus die Dauer nicht, nur echte Religiosität! Das MW-llberM Jugtnöoereln r« Miln. Sonntag, den 10. Fuli 1921: Vormittags-Ausflug nach Treptow Treffpunkt 0io Uhr: Stadtbahnsteig des Bahnhofes Alexanderplatz mit Billet nach Treptow (Abfahrt 9*>) Sonntag, den 17. Fuli 1921: Tagesausflug nach Vernau — Liepnihsee — Briefe — Vorgsdorf. Treffpunkt 7« Stettiner Dorortbahnhof, draußen unter der Uhr. (Abfahrt 8i°) Wegen zu erwartenden starken Andrangs an den Schaltem ist pünktliches Srscheinen notwendig. :»: Rückkehr zwischen 7 und 8 Uhr. :»r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.