Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 29 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaubensgenossen wirklich positiv geholfen. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands müssen in erster Linie dazu beitragen, das von allen Organisationen gemeinsam geleitete Werk weiterzuführen. Die Berliner jüdische Gemeinde, die bisher schon in großzügiger Weise das Hilfswerk für die Ostjuden unterstützt hat, ist besonders berufen, sich an die Spitze der jüdischen Gemeinden Deutschlands zu stellen, um in Gemeinschaft mit öeii übrigen Gemeinden die Arbeit des Arbeiterfürsorgeamts durch ihre moralische und finanzielle Unterstützung zu sichern. Die Arbeit soll, wie bisher, weiter im Zusammenhang und in enger Fühlungnahme mit allen an» Hilfswerk besonders beteiligten Organisationen, insbesondere mit dem Hilfsverein der deutschen Juden und der Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge geleistet werden. Dr. Haasc verwies auch auf die großen Leistungen des Arbeiterfürsorgeamtes. Er brachte sodann folgende Resolution ein: „Die am 6. Juni 1921 ver sammelten Borstände und Vertreter der jüdischen Organisationen Deutschlands und der jüdischen Gemeinde zu Berlin haben von den Berichten Kenntnis genommen, die ihnen über das Hilfswerk des Arbeitersürsorgeamts für die ostjüdischen Flüchtlinge erstattet sind. Sie halten den Weiterbestand einer geregelten Flüchtlingsfürsorge in Deutschland und die Weiterführung der vom Arbeitersürsorgeamt geleisteteil Hilfstätigkeit für unbedingt erforderlich. Das Interesse der deutschen Jndenheit verlangt eine Selbsthilfe der jüdischen G e - m e i n d e ii und .O r g a n i s a t i o n e n zur Bewältigung der durch das Ostjndenproblem in Deutschland entstandenen Aufgaben. Das Arbciterfürsorgeamt, das von den jüdischen Organisationen Deutschlands geschaffen worden ist, benötigt und verdient zur Durchführung seiner Aufgabe die finanzielle und moralische U >l t e r st ü tz n n g der g e s a ui t e n d e u 1 s ch e n Jndenheit, zumal die Äeitergetvährnng der zur Aufrechterhaltung des Hilfswcrks unerläßlichen a m erikanischen Subventionen eine stärkere Beteiligung der deutschen Jndenheit unbedingt zur Boraussetzung hat. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands, die von jeher die hauptsächlichsten Träger der jüdischen Wohlfahrtspflege gewesen sind, werden sich auch fernerhin unterstützt von der Mitarbeit aller Organisationen - der Fürsorge für die Ostjuden in Deutschland nicht entziehen dürfen. Die Versammlung der Vorstände und Vertreter der großen jüdischen Organisationen richtet an die Berliner jüdische Gemeinde, als die größte Deutschlands, das Ersuchen, die Führung einer Aktion zu übernehmen, deren Ziel ist, eine Verpflichtung der deutschen jüdischen Gemeinden zu bestiminten Beitrügen für das vom Arbeiterfürsorgeamt geleistete große Werk der Ostjudenhilse in Deutschland herbeizuführen. Die Vorstände und Vertreter der großen jüdischen Organisationen Deutschlands und der jüdischen Gemeinde Berlin, begrüßen es, daß die Zentralstelle für Wanderarmenfürsorge bei ihrer letzten Tagung erneut den Beschluß gefaßt hat, ihre Aufgaben in gemeinschaftlicher ireundschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Arbeiterfürsorgeamt zu lösen. Sie erwarten vcm einer solchen Zusammenarbeit eine Förderung der von beiden Organisationen geleisteten, sich eng berührenden Fürsorgetätigkeit." Nach einer kurzen zustimmenden Erklärung des Sanitäts rats Dr. G o l d s ch m i d t (Großloge für Deutschland) wurde die vorstehende Entschließung einstimmig von sämtlichen Vertretern der großen jüdischen Organisationen an geil v m m i’ ii. die konfessionelle Verhetzung in Bayern. Das „Berliner Tageblatt" bringt einen Artikel von Kommerzienrat Sigmund Fraeukel, denk Vizepräsidenten der Münchener Handelskammer. Dieser Aufsatz wirft einzbezeichnendes Licht auf die überaus zugespitzten Verhältnisse in Bayern. Wir entnehmen ans ihm folgende Schilderung: ...Und man kann endlich nicht bayerische Ordnungszelle im Reiche prästieren und in seinen offiziellen Kundgebungen von Reichstreue und Reichseinheitsbekenntnis in pathetischen Worten übersließen, wenn unter den Auspizien der Pressezensur der Münchener Polizeidirektion die Mitglieder der gegenwärtigen ReiAsregierung als eine jüdische Ausbeuterdynastie Abraham-Josef-Walter Rathenau und eine Rotte von Zuchthäuslern und Verbrechern und die Reichslagsmehrheit als „eine Bande parlamentarischer Zuhälter des Buttenhausener Judenstämmlings" in dem führenden Blatte der deutschvölkischen Bewegung dreimal wöchentlich stigmatisiert werden. Derartige Widersprüche und Unstimmigkeiten müssen zu gewaltsamen Entladungen und Erschütterungen der Vollspsyche und zur systematischen Untergrabung jedweder Staatsautorität führen. Schreiber dieses hat einstens in gefahrvollster Stunde, am Palmsonntag 1916, als in München die Räterepublik ansgerufen wurde, den Herren Mühsam, Wadler, Neurath und Toller in einem offenen Briefe prophezeit, daß der von ihnen eingefchlagene Weg unfehlbar in ein Meer von Blut und Tränen münden müsse. Die Entwicklung hat ihm leider recht gegeben. Er nimmt daher keinen dl «stand, heute den leite n'd e n Männern der b a y e r i s ch e n Regierung mit gleicher Offenheit voran s z n f a g e n , daß der jetzt von einem anderen Extrem ans e i n g e f ch l a g e n e , unter der stillschweigenden B i l l i g u n g d e r Münchener P o l i z e i d i r e k t i o n b e s ch r i t 1 e n e d e u t s ch v ö l k i s ch e Irrweg uns in ein neues Chaos von Zerstörung und V e r io ü st n n g unfehlbar s ü h r c u m u ß. Bezeichnend für die Verhetzung, von der in dem eben wiedergegebenen Auszug die Rede ist, erscheint ein Artikel aus dem „Miesbacher Anzeiger", der in gleicher Weise iuie der völkische Beobachter die geistigen Bedürfnisse seiner Leser aus der Gosse zu befriedigen versucht. Unter der Ueberschrift: „Ein Loch voraus" veröffentlicht dies „Elite-"Blatt einen Artikel gegen den „Berliner Saustall" — so beliebt man nämlich die Reichsregierung zu titulieren — »voraus wir das folgende wiedergeben möchten: „Wegen Gefährdung der Reichseinheit, erzählt uns Gehler, hat er den „Miesbacher Anzeiger" verboten. Das ist natürlich eine Ausrede, denn wegen Gefährdung der Reichseinheit müßten zu allererst die Gehler, Rathenau, Schiffer, Gradnaner und die anderen Regiernngs-Teiteles verboten werden. Jatvohl, wegen Gefährdung der Reichseinheit. Oder glaubt man in Berlin, daß wir Bayern unentwegt Jahre hindurch als treue Bürger zum Reiche stehen, wenn wir sehen, daß da oben mit uns Schindlnder getrieben wird, daß für ein Berliner Regierungsamt kein anderes Zeugnis verlangt wird, als das des Beschnittenseins oder der Untertänigkeit unter die Beschnittenen. Der Berliner 2 a n st a l l gefährdet die Rei ch se i n h e i 1 nicht wir, die wir nichts anderes tun, als daß nur dann und ivann einen der größeren Bären ans dem Regiernngsvorfchlag in die Auslage stellen. Der R e i ch s w i r t h , nicht der S ch n a p s l e r Ebert, sondern der Reichskanzler Wirth, Hot sich vorgestern mit einem französischen Zeitungsschreiber unterhalten, und deutsche Zeitungsschreiber übermitteln diese hundertzeilige Unterhaltung dem deutschen Volke." Wir beschränken uns auf diese Probe der Geistes Verfassung, in der sich gewisse bayerische Kreise befinden. Das ist die Saat, aus der dann Attentate wie das gegen den Abgeordneten Goreis kürzlich verübte bervorgehen. Berti«. Aus dem Reichstag. Der demotr. Abgeordnete H a m m , der zugleich bayrischer Handels-, minister ist, richtete iin Berlans einer Rede an die Deutschnationalen folgende Frage: „Was haben Sie getan, um den Radanantisemitismus, der mit die schlimmste und furchtbarste Grundlage der blöden und böswilligen Hetze gegen das Reich und die Reichsregierung ist, auszurotten, den Radauanti semitismus, der ehrfurchtslos jedem dümmsten Lausbub die letzte Antwort auf tiefste Menschheitsfragen in die Hand gibt, der sich das Recht gibt, einen ganzen Stamm zu mißachten, unterschiedslos, der mit uns Leid und Freud, das Schicksal von Jahrhunderten getragen hat und das gemeinschaftliche Blutopfer? Ohne Achtung vor dem, was die deutsche Wirtschaft und die deutsche Wissenschaft auch Männern aus seinen Reihen verdankt." Bernburg a. S. Einer von der hiesigen Or'tsgnrppe des Zentralvereins veranstailteten Anssprache über die Fndenfrage waren etnxr <>0 angesehene Bürger unserer Stadt aus allen Parteilagern gefolgt. Hauptredner war Syndikus Dr. Wiener-Berlin. An der Diskussion beteiligten sich ein Deutschvölkischer, der sich lviderrecht!ich Antritt zur Versammlung Erschafft hatte und durch seine grund- und zusammenhanglosen antisemitiischen Redensarten abstoßend wirkte; ein dentschnativnaler Studienrat, der den übergroßen Einfluß der Juden gemindert zu sehen wünscht; ein Parteisekretär der ^Deutschen Boltsparter, 'der die Indensrage vom Rassenstandpunkt gelöst sehen wollte. Diesen drei antisemitischen Rednenr wurde ganz besonders von demokratischer und soziall-demokratischer Seite eingehend und wirkungsvoll erwidert. Arnstadt. Rassenhaß über das Grab hinaus. Die antisemitische Verhetzung der Jugend seitens Organisationen vom Schlage des „Schutz und Trutzbundes" führt zu einer Verwilderung, die immer schmachvoller für unser Volk wird. So hat sich ein noch nicht hinter den Ohren trockener Jüngling als „Gruppenwart" des genannten Bundes an den Gemeinderat von Arnstadt gewandt mit einem Protest gegen die Abgabe von Friedhofsterrain an die jüdische Gemeinde. Das von antisemitischem Unsinn strotzende Schreiben schließt: „Wir erwarten von den deutschen Mitgliedern des Gemeinderats, als Vertreter der deutschen Einwohnerschaft Arnstadts, daß sie handeln, wie es ihnen ihr deutsches Blut und ihr Gewissen einem Feinde (!) gegenüber gebietet, daß sie so handeln, daß die Gefühle der deutschen Einwohnerschaft durch die jüdische Minderheit in keiner Weise verletzt werden. Wir zweifeln nicht, daß die deutschen Mitglieder des Gemeinderates den allein möglichen Weg einschlagen werden und verhindern, daß die Angehörigen der Rasse, die unserm deutschen Volke Vernichtung geschworen (!) hat, mit unfern Toten gemein, d. h. in nächster Nähe ihre Ruhestätte finden. Es gibt in Arnstadt doch genug passendere Stellen, wo sich die Anlage eines jüdischen Friedhofes ermöglichen ließe. Wir tvenden uns aufs atterentschiedenste dagegen, daß ans obigen Gründen ein Teil des neuen Friedhofes, als Ruhestätte unserer deutschen Toten, als Judenfriedhof Verwendung findet." Der Gemeinderat in seiner Gesamtheit gab aus die Unverfrorenheit die richtige Antwort, indem er den von der Synagogengemeinde gestellten Antrag einstimmig genehmigte in der politisch und menschlich richtigen Erkenntnis, daß der Jude ebenso zu den Pflichten als Staatsbürger herangezogen wird, wie der Christ, und daß es einfache Menschenpflicht ist, für Begräbnisstätten zu sorgen, ob der Verstorbene mm Heide, Jude oder frommgläubiger Kaholik oder Protestant ist. München. Theaterstandal. Zum Beweise wahrscheinlich für die amtliche Beteuerung, daß München unter dem Regime Kahr-Poehner ein Hort der Ordmmg und staatlichen Autorität geworden ist, veranstalteten deutschvölkische Jünglinge einen neuen antisemitischen Skandal. Das Opfer ihres Attentates war diesmal der tote Heinrich Heine, der in einem vom Gärtnerplatztheater gespielten Operettenschmarren seine jungen Leiden nach Mendelssohnschen Melodien zu singen hat. Während der Loreleydichter unter einer Linde ein deutsches Lied sang, wurde die Bühne planmäßig von allen Seiten und von den Rängen aus mit Stinkbomben und Knallerbsen bombardiert unter gleichzeitigem ohrenbetäubendem Geheul. Im Zuschauerraum entstand eine lebensgefährliche Panik. Die Radaubrüder wurden schließlich von den empörten Theaterbesuchern und Theaterarbeitern iveidlich verprügelt und die Gänge wurden durch die herbeigeholte Wachmannschaft gesäubert. Mit halbstündiger Verspätung konnte die Vorstellung dann vor einem Parkett, das sich ans hereingeftrömten Straßenpnbliknm znsammensetzte, zu Ende geführt werden. 50. Geburtstag Robert Hirschfelös. Am 21. Juni feierte einer der Besten aus den Reihen der Vorkämpfer für das liberale Judentum, Lehrer Robert HirschfAd-Berlin, den 50. Geburtstag. Wie er bisher stets mit unermüdlicher jugendlicher Kraft und Begeisterung für unsere Idee sich einsetzte, so möge es ihm auch ferner vergönnt sein, in körperlicher Gesundheit und geistiger Frische zum Segen des Ganzen zu wirken! Aus -er Presse. Hutei Her Ueberschrift „Rasse und Judentum" schreibt PrivaMozein Dr. Eduard E r k e s in der „Freiheit" folgendes: Der ivinschafttiche Ruin Europas, den der Welikrieg inil sich gebracht hm. die Unterernährung und Arbeitsunfähigkeit weitester Bolkskrcise aller Münder, zeigt sich, wie es in solchen Zeiten stets zu gehen pflegt, aus geistigem (Mnet im Ausiauchen scheinwissenschaftlicher Probleme, mit dcrr sich die zu ernsthaftem Denken unfähig gewordenen Gehirne, insbesondere die ihrem Untergärig zueilenden Klassen, in unserer Zeit namentlich das Bürgertum, mit Vorliebe zu befassen pflegen. Ein solches scheinwifjenschaft lichcs Problem ist das R a s i e n p r o b I e m, d. 1). die Annahme, daß es g c g e b e u e. n n v e r ä n d e r l i ch e, aus natürlichen Faktoren »ich: zu erklärende Eigentümlichkeiten der M e n i ch c n r a j j c n gäbe, die sie dauernd in edle und unedle, höhere und minderwertige scheiden und zugleich den „edlen" Rasse» das Recht aus Unterdrückung und Ausbeutung der „unedlen" verleihen. Ihren aktuellsten Ausdruckfinden diese Lehren, heute im Antisemitismus, in der Behauptung, daß Juden MW-krlMrvW« Mer allen;rsu. -1. Fortsetzung. - Lisja war gleichermaßen eine Pflanzstätte reichen jüdischen Wissens, wie hoher deutscher Bildung; daß letztere schon damals längst auch bei den Juden Eingang gefrmden hatte, bekundet, daß mein Großvater väterlicherseits, der als Witwer zwanzig Jahre ein still beschauliches Leben, dem Studium der heiligen Lehre, jedoch auch deutscher Gelehrsamkeit gewidmet, hinbrachte, ein Konversationslexikon von O. L. B. Wolfs aus dem Jahre 1834 besaß. Damals ragten die ersten Begriffe von „orthodox" und „liberal" durch die Großväter in meine Kinderstube. Der Großvater mütterlicherseits las >md schrieb nur jüdisch, hielt eine in großem Format in Lyk Ostpreußen erscheinende, mit hebräischen Lettern gedruckte Zeitung, „Hamaggid", während der Großvater väterlicherseits gern deutsche Schriften las, sehr schöne Briese mit deutschen Bnchstabeil schrieb und die „Allgemeine Zeitung des Judentums" hielt. Bon jener Zen datiert meine Bekanntschaft mit dieser, die mir dereinst doppelt teuer werden sollte. Daß dieser Großvater darum nicht minder fromm und strcngglänbig war, wenn nur in anderer Art, leuchtete mir schon damals ein. Bei Herrn Lehrer Rackwitz erhielt ich einige Jahre hebräischen Unterricht: „nur mehr üben", erklärte er oft der Mutter; später führte Herr Lehrer Poper, der Leiter einer jüdischen Knabenschule, mich gemeinsani mit einigen Freundinnen, die zumeist schon lange die Erde deckt, in anregenden Religionsstunden auch in die jüdische ltzeschichte und Literatur ein; er verstand in meisterhafter Weise, unsere jungen Herzen für das Judentum zu begeistern. Damals, ich war zehn Jahre alt, war das „Jnstimt zur Förderung der israelitischen Ltteratur" ins Leben gerufen worden und nie irr Vater bezog alsbald die Schriften, die dieses herausgab. Meine Lesewut empfing hiennit neue Nahrung; in einer Zeit, in der ich eigentlich nur an die Schule und Jugendschriften hätte denken sollen und müssen, verschlang ich mst wahrem Heißhunger die Rovellenbände „Saron" von Philippson. schwärmte für die unglückliä-e Mariamnc und die schöne Tochter Jehuda Halevys. lieh die wrmdcrvollen Bücher meinen Freundinnen, die diese gleich mir „himmlisch" und „entzückend" fanden. Nicht genug hiermil, iu jener ocit nud auch noch etwas später ging :ch niemals einen Ronran von Luise Mühlbach, der Gräfin Jda .Hahn-Hahn, Jda von Düringsfeld und Fanny Lewald für die Mutter oder die Tanten zu dem alten Freunde der Familie, dem Buchhändler Hanse», lauschen, ohne mindestens einige Dutzend Seiten gelesen zu haben: damals machte ich auch den kühnen Versuch, die Novelle „Hispauia und Jerusalem" zu dramatisieren. Meine Mutter war unglücklich über diese Neigungen, als Gegengewicht hielt sie doppelt streng darauf, daß ich niemals an Wochentagen meine Freundinnen besuchen durfte, ohne die Handarbeit mitznnehmen, das Buch war jedoch stets unter drr Schürze verborgen! Wenn ich Sonnabend nachmittags mit meirien Geschwisterir und oft »och einigen Freundinnen den Großvater vciteriicherst'ts besuchte, so war unser höchstes Entzücken die Bilder, die zu den „drei großen Büchern", dem „Konversationslexikon" gehörten, besehen zu dürfen; die Porträts Dantes, des Abbe de l'Epce, Friedrich des Großen, Napoleon l., Franklins, die Abbildung der Bendomesäule vermeine ich noch heute vor mir zu sehen. Die Mutter hielt den „Bazar", eine in der Mitte der fünfziger Jahre begründete Frauenzertung, die bis zur Stunde noch besteht. Sie hielt auch sehr auf netie Kleidung für sich und ihre beiden kleinen Töchter. In jenem Sommer war sic inil dem Großvater und der Tante-Braut in Swinemünde und von dort wurden die Stoffe zur Ausstattung für letztere von Gerson aus Berlin bestellt und dabei auch allerliebsten blau-weiß gestreiften Battist zu den Hochzeitskleidern für mich und meine Schwester. Zierliche graue Knopfstiefel und hellblaue Broschen brachte uns die Mutter aus dem Badeorte mit. In ihrer Abwesenheit führte ich unter Leitung der Großmutter die Wirtschaft. O die gute Großmutter! Der Großvater war die „Persönlichkeit", sie „ganz Frau" in ihrer Tätigkeit und Tüchtigkeit, in ihrer Fürsorge für' Gatten. Kinder und Enkel, in ihrer unerschöpf lichen Güte. Entsagung und Sanftmut. Sie war eine Nichte des berühmten Bizeoberlandesrabbiner Meyer Weil in^Berlin und mit berechtigtem Stolz hat sie oft von ihrem großen Oheim gesprochen. Die gute Großmutter hat mit ihren rastlos fleißigen Fingern nicht nur die flinken Kinderfüße ihrer Enkelinnen mit Strümpfen versorgt, sondern zu deren Ausstattungen Dutzende hienwn beigesteuerr. Es war am Jom Kippur 1858. einem Hellen, sonnigen, jedoch windigen Scptcmbertagc. Meine Mutter, die noch ihre Eltem besaß, kam während der Totenfeier aus dem Tempel nach Hause, um nach ihren Kindern zu sehen; ihr Schwager begleitete sie. Sie fand es ungewöhnlich worin, öffnete das Fenster in der „blauen Stube", und helle Flammen schlugen ihr aus dem Nachbarhause, das mit Schindeln gedeckt war, entgegen; wir wohnten damals im großelterlichen Hause und im Flur standen schon die gepackten Kisten mit der Aussteuer der Tante, deren Hochzeit wenige Wochen später stattfinden sollte. Tödlich erschrocken höre ich die Mutter noch heute angswoll rufen: „Um Gotteswillen, Jakob, bringen Sie mir die Kinder in Sicherheit". Wir wurden in die Nähe zu einer alten Großtante geführt Der Wind erzeugte Flugfeuer, es fing in verschiedenen Straßen an zu brennen, es ist mir noch heute lebendig vor Augen, wie die fronnnen Männer in ihren weißen Sterbegewändern zum Teil, die Frauen in ihren Festkleidern mit .Hauben und weißen Crepe de chine-Tüchern denn Jom Kippur trugen sie sich weiß oder zuni mindesten hell, in Scharen aus den, Tempel gestürzt kamen. Glück licherweisc blieb das Feuer auf seinen Herd beschränkt, doch hatte das Schindeldach des großelterlichen Hauses, das die freiwillige Feuerwehr. der auch mein Vater angehörtc, zu schützen bemüht war, durch das tätige Eingreifen der Spritzen arg Schaden gelitten. Der Schrecken dieses Jom Kippur steckte uns allen. Groß und Klein, nock, lange in den Gliedern. Am 31. Oktober fand dann die Hochzeit der Tante statt, die jedoch auch im Zeichen des Feuers stehen sollte. Beim „Bedecken" flatterte das breite lila Band der Blondenhaube der Äroßnullter gegen eine brennende Kerze des silbernen Armleuchters und fing Feuer. Glücklicherweise kam die Großmutter mtt einer leichten Ohnmacht und wir alle mit dem Schrecken davon, und die Hochzeit nahm einen schönen Verlauf. Ich trug zu dieser ein Gedicht, als „Ouirlhändlerin" vor, das viel Beifall fand. Berlin wurde die neue Heimat der Tante. In die Synagoge kam ich in dieser Zeit und auch später nur am Roschhaschanah (Neujahrsfeste), unu „Schofarblasen" zu hören, vorher gab es kein Frühstück; die feierlichen Töne wirkten ungemein tief auf mich. «Fortsetzung folgt.)