Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 26 (3.6.1921)
- Date
- 1921-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ms dem Reich. fagaog t« JWgcmtfncn Rabbäucoetbaadc« tn Oenlfdiltni. Am Mittwoch, den 18. Mai, fand in Frankfurt am Main nach fünfjähriger Pause eine Hauptversammlung des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland statt. In den gastlich zur Verfügung gestellten Räumen der Frankfurt-Loge fanden sich gegen 100 Rabbiner aus ganz Deutschland zur gemeinsamen Aussprache zusammen. Schmerzlich vermißt wurden die Rabbiner aus dem oberschlesischen Jndustriebezirk, die durch die politischen Ereignisse an der Reise verhindert waren. Nobel-Frankfurt a. M., der seit Guttmanns Tod die Geschäfte führt, begrüßte die Erschienenen mit einer warmherzigen Ansprache. Er führte aus, die Tagung sei ein Bekenntnis zur Macht des Geistes gegenüber aller Schwere und Stumpfheit des Stoffes und zu den verborgenen Kräften der Erlösung, die aus dem Geistigen und aus ihm allein fließen. Sie sei ein Bekenntnis zur Einheit des Judentums gegenüber allem Zerklüftendem und Zerspaltendem, das der Kampf des Tages mit sich bringt. Danach überbrachten die Vertreter des Vorstandes der israelitischen Gemeinde und der beiden Frankfurter Logen den Versammelten die Willkommensgrühe ihrer Körperschaften. Den Auftakt zur Tagung gab sodann Baeck- Berlin mit einem Referat über „Die religiösen Strömungen der Gegenwart". Er führte aus: Die Weltgeschichte hat ihren Rythmus, ihre Zeiten des Aufstieges und des Niederganges, aber es ist schwer, eine Zeit, in der man selber lebt, zu deuten, zu wissen, ob sie in Sonnenuntergang oder im Sonnenaufgang ist. Daß in der Gegenwart sich Neues vorbereitet, darauf scheint manches hinzuweisen. Sie will nicht zurück zu einem Früheren, sondern will eine Zukunft. Sie ist eine Zeit der Bewegung, die über sich hinaus will. Und jede Zeit, die eine Zukunft sucht, ist eine Zeit der Religion. Die Kräfte der Hoffnung, die in sich als Referent und Korreferent zu der Palästinafrage äußerten. Die sich daran anschließende Debatte behandelte die gesamte Not der Judenheit und der jüdischen Einrichtungen. Es ergibt sich eine Einmütigkeit in dem Wunsche, die Palästina-Kolonisation zu fördern, zugleich aber wurden Bedenken dahin geltend gemacht, daß es nicht angehe, ein Werk zu fördern, wenn nicht die Gewähr gegeben fei, daß es in religiösem Sinn getan wird und daß ferner die Not der jüdischen Anstalten in Deutschland Sammlungen für sie selbst notwendig mache. Die Willensmeinung der Versammlung fand in folgender Entschließung Ausdruck, die einstimmig zur Annahme kam: „Der Rabbiner-Berband in Deutschland, der zum ersten Mal seit Beendigung des Weltkrieges versammelt ist, hat folgenden Beschluß gefaßt: Durch den Krieg und seine Folgeerscheinung sind vei der Schicksalswende des Vaterlandes die religiösen, kulturellen und charitativen Schöpfungen deS deutschen Judentums schwer in Mitleidenschaft gezogen, zum Teil in ihrem Bestände bedroht. Der Rabbiner-Berband halt eS für eine heilige Pflicht der deutschen Judenheit, trotz der Ungunst der Zeit, mit allen Kräften für ihre Erhaltung zu wirken. Durch die neue Gestaltung der Verhältnisse in Palästina ist die Hoff nung gegeben, daß für zahlreiche Glaubensbrüder dort eine Heimstätte geschaffen wird. Der Rabbiner-Berband erklärt eS für eine heilige Pflicht aller Juden, an diesem Werke Anteil zu nehmen und sich an der Aufbringung der Mittel tatkräftig zu beteiligen, in der Voraussetzung, daß der Aufbau im Geiste der Lehre deS Judentums erfolgt und die aufgebrachten Mittel dem Dienste parteipolitischer Zwecke entzogen werden." Beschlossen wurde die Erhöhung des Mitglied^rbeitrages auf 20 Mark. Ein Antrag Goldschmidt-Offenbach, der Rabbiner- Berband wolle sich mit den jüdischen Organisationen Deutschlands und den außerdeutschen jüdischen Organisationen in Verbindung setzen, um gemeinsam für die Friedensidee und einer Zeit wirken, werden daran erkennbar, wie sie die Ber gangenheit schildert. In der Geschichte, die sie schreibt, stellt jede Zeit sich selber dar. So können wir die religiösen Richtungen und die religiöse Sehnsucht unserer Zeit in ihren Werken der Religionsgeschichte erfassen. Zwei Typen findet unsere moderne Religionsgeschichte im Leben der Religion: den mystischen und den prophetischen. Der eine ist der, der nur nach dem Heile der Seele und ihrer Erlösung verlangt, der andere der, der für Gott wirken, Gott zur Geltung bringen will. Der eine der religiös-egoistische, der andere der religiösethische Typus. Auch die beiden bestimmenden Richtungen der Gegenwart stehen darin vor uns. Die eine ist die, welche das Erlebnis der Religion sucht, das Irrationale und das Kultisch-Aestethische, diese Richtung, die vor allem in Deutschland ihren Weg gefunden hat. Die andere ist die sozial-radikale, die von der Schweiz ausgeht, die die Welt gestalten und erneuern will. Das Judentum steht als Religion einer kleinen Minorität in der Gefahr, daß es sich in der Abwehr den herrschenden Richtungen anzupassen versucht, in der Gefahr der religiösen Mimicry. So wollte das Judentum in der Zeit, wo der Ruf „Zurück zu Kant" besonders auch im deutschen Protestantismus laut wurde, selbst auch kantianisch sein und es stand davor, daß es sich als bloßer religiöser Moralismus erschien. Und ebenso ist heute die Gefahr, daß es sich zu sehr der bloßen Mystik annähern will. Wie sehr wir auch dieser Gefahr bewußt sein müssen, so kann uns der Blick auf die beiden religiösen Richtungen unserer Zeit doch den Blick für uns selber schärfen. Am anderen lernt man sich selber kennen. Unsere Zeit hat uns gelehrt, das Umgestaltende und das Irrationale unserer Religion deutlicher zu sehen. Beides ist nicht immer genug erkannt worden. Unsere Propheten sind nicht bloß Ethiker gewesen und ihre messianischen Verkündigungen nicht bloßes sentimales Zukunftsbild; sie waren Männer des Neubruches, Revolutionierende und sie waren Männer des Zu- Ende-Denkens. Und sie sind auch nicht bloß Männer der gebietenden Klarheit gewesen, sondern Menschen, die das Geheimnis ergriff und überwältigte. Dieses letztere besonders muß gegenüber der Rationalisierung des Judentums betont werden. Das Judentum hat Beides: sein Rationales und sein Irrationales, es hat sein Gebot und sein Geheimnis, seinen Weg und seine Tiefe, es hat sein Ethisches und sein Mystisches. Und das Eigentümliche des Judentums ist gerade die Spannung zwischen den Beiden, die Einheit, die aus dem Gegensatz hervorkommt. In dieser Paradoxie lebt das Judentum. Hier ist Gott der transzendente und doch der immanente, der Gott der Ferne und doch der Gott der Nähe, der erhabene Gott und doch der, dessen Odem in uns ist, hier ist die Gottesidee und doch der persönliche Gott. Hier ist der Mensch geschaffen und soll doch ein Schöpfer sein. Er gehört zur Welt und ist doch über der Welt. Hier ist sein Leben göttlich durch seine Bedeutung und doch gottlos ohne sein Tun. Es ist alles und ist doch an sich nichts. In dieser Paradoxie, in der Wahrheit, die über dem Gegensatz ist, liegt das Eigene des Judentums. Das Eigene des Judentums gilt es zu finden. Damit gelangen wir zu uns selbst. Die Versammlung lauschte ergriffen den tiefen und fesselnden Ausführungen des Redners und dankte ihm mit rauschendem Beifall. Es folgte ein Referat von Seligmann- Frankfurt a. M. über „Aufgabe und Stellung des Rabbiners in der Gemeinde" und von Arnold Lazarus-Frankfurt a. M. über „Wirtschaftliche Fragen des Rabbinerstandes". Seligmann untersuchte in historischer Darstellung das Entstehen des neuzeitlichen Rabbinerstandes, wie er sich seit dem ersten Drittel des XIX. Jahrhunderts allmählich aus dem alten Rabbinertum entwickelte und vor große neue Aufgaben gestellt sah. Aus dem Richter in Zivilsachen und dem Jeschiwah-Lehrer wurde unter dem Einfluß staatlicher Gesetzgebung der geistliche Seelsorger, Lehrer und Prediger seiner Gemeinde. Den neuen Aufgaben entsprach und entspricht vor allem in Preußen die S t e l l u n g des Rabbiners in keiner Weise. Den Kampf um die g e s e tz l i ch e oder in der Gemeindeverfassung verankerte Stellung des Rabbiners betrachtet der Rabbiner- Verband als ein Gebot moralischer Selbstachtung und als eine Notwendigkeit im Interesse des jüdischen Gemeindelebens. Es ist zu fordern: Der Rabbi neri st als beratendes Mitglied zu allen Sitzungen des GemeindevorstandesundderGemeindevertretunghinöuzuziehen. Lazarus hatte in einem Rundschreiben an sämtliche Mitglieder des Rabbiner-Verbandes Auskunft über ihre Einkommensverhältnisse erbeten und gibt nunmehr das Ergebnis der auf Grund zahlreicher Antworten aus ge arbeiteten Statistik in großen Zügen bekannt. Es stellt sich dabei heraus, daß unglaublicher Weise noch immer eine Anzahl von Gemeinden den gegenwärtigen Teuerungsverhältnissen in keiner Art Rechnung getragen hat. Einzelne zahlen geradezu einen Hungersold. Hingegen haben wenigstens 38 Gemeinden ein Verständnis für die Erfordernisse der Zeit insofern bewiesen, als sie für die Gehaltszahlung an ihre Rabbiner die neue staatliche Besoldungs reform zu Grunde gelegt haben. Aber auch hier ist es leider nur wenig mehr als ein Drittel der Gemeindeverwaltungen, die die volle Einweisung in die gehörige Gehaltsgruppe vorgenommen haben. Nach Behandlung einiger Einzelheiten stellt der Berichterstatter den Antrag, daß der Vorstand des Rabbiner Verbandes unverzüglich und nachdrücklichst bei den Gemeinden seiner Mitglieder deren Einreihung in die gehörige Gehaltsgruppe der staatlichen Besoldungsordnung zu fordern und die Durchführung dieses Verlangens mit allen geeigneten Mitteln zu betreiben habe. In entsprechender Weise soll auch für die im Ruhestand befindlichen Kollegen, wie für die Hinterbliebenen der verstorbenen Mitglieder eingetreten werden. An beide Referate schloß sich eine gemeinsame Aussprache, in deren Verlauf dem Lazarus'schen Antrag zugestimmt -wurde und ferner beschlossen wurde, die Forderung zu erheben, daß der Rabbiner Mitglied des Vorstandes sein müsse. Die Versammlung hörte sodann Rosenthal-Köln und Goldmann-Leipzig an, die einen wahrhaften Völkerbund zu wirken, wurde dem hessischen Rabbiner-Berband zur Bearbeitung überwiesen. Zum ersten Vorsitzenden wurde Nobel-Frankfurt a. M. gewählt. Gegen halb 11 Uhr nachts schloß die Sitzung. Mit besonderem Dank ist die reiche Gastfreundschaft der Frankfurter Gemeinde und des ökonomischen Komitees der Frankfurt-Loge zu rühmen. tnitglletorottfamnilüng bet Dctclnigung r« liberalen Rabbiner DcntftfyM«, am n. Mal M, zu {rantfurt a. Hl. Am Dienstag, den 17. Mai, tagte in der Frankfurt-Loge zu Frankfurt a. M. die Vereinigung der l i b e r a l e n Rabbiner Deutschlands. Von den 85 Mitgliedern, welche die Vereinigung zur Zeit zählt, nahmen folgende 46 Rabbiner, unter welchen einige Gäste waren, teil (nach der Reihenfolge der Eintragung in die Anwesenheitsliste): S e l i g m a n n - Frankfurt a. M., V o g e l st e i n - Breslau, S t e i n t h a l - Münster W., G o l d m a n n - Leipzig, Appel- Bingen, B a e ck - Berlin, D i e n e m a n n - Offenbach a. M., Behrens- Göttingen, Fuchs- Chemnitz, S a l o m o n - Bayreuth, Tänzer- Göppingen, Kronheim- Dortmund, Jacob- Dortmund, Walter- Cassel, P o r g e s - Würzburg, Samuel- Essen, Sonderling - Hamburg, B l u m e n t h a l - Berlin, Schreiber- Potsdam, K a e l t e r - Danzig, L e v i Crefeld, E i n st e i n - Landau Pfalz, Neumark - Duisburg, Norden- Elberfeld, W i e n e r - Stettin, B a e r w a l d München, Kronheim- Bielefeld, Salzberger - Frank furt a. M., David-Bochum, Sander-Gießen, Eck st e i n - Bamberg, Alfred L e v y - Nordhausen, Auer b a ch - Elbing, Halpersohn - Offenburg, Straßburger- Ulm, T i r s ch t i g e l - Bernburg, Arnold Lazarus- Frankfurt a. M., G o l d s ch m i d t - Osfenbach, Baron- Kaiserslautern, L o r g e - Mainz, Italiener- Darmstadt, K a h l b e r g - Halle a. S., F r e u d e n t h a l - Nürnberg, Wilde- Magdeburg, Sänger- Breslau, Kober- Köln. In Vertretung des Vorsitzenden Bloch- Posen, der sich wegen seines hohen Alters entschuldigt hatte, eröffnet Seligmann - Frankfurt die Sitzung. Auf seinen Vorschlag werden B o g e l st e i n zum stellvertretenden Leiter der Versammlung, G o l d m a n n zum Schriftführer, Appel und S t e i n t h a l zu Protokollführern, Salzberger und Kron- Heim-Bielefeld zu Kassenrevisoren berufen. Zur Vorbereitung der Vorstandswahl wird eine Kommission, bestehend aus den Kollegen Dienemann, Jacob und Norden eingesetzt. Hierauf begrüßt Justizrat Dr. Blau im Namen der israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M., Sanitätsrat Dr. E t t l i n g e r im Namen des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben, Dr. Erwin S e l i g m a n n im Namen des jüdisch-liberalen Jugendvereins und Dr. Eduard Strauß im Namen der Frankfurt- und der Hermann Cohen-Loge die Versammlung. Der Leiter der Versammlung dankt allen Rednern in herzlichen Worten und erstattet sodann den Geschäftsbericht Für die Zeit von 1912 bis 1921. Er gedenkt der verstorbenen Mitglieder, insbesondere der Kollegen M a y b a u m , G u t t - mann, Appel und R ü l f, zu deren Ehren sich die Anwesenden erheben. Er dankt den Feldrabbinern für ihre opfervolle, segensreiche Tätigkeit während des Krieges und schlägt vor, den bisherigen Vorsitzenden zu Ehren seines 80. Geburts tages, den er Ende dieses Monats begehe, zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen. Dies geschieht unter lebhafter Zustimmung der Versammlung. Ein Telegramm mit der Mitteilung dieser Wahl wird an Bloch nach Berlin gesandt. In ausführlicher Darstellung beleuchtet der Leiter der Versammlung dann die Motive, Schicksale» und Aussichten der Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum. Es folgen hierauf die Vorträge und Referate. Diene mann - Offenbach hält einen tiefgründigen und gedankenreichen Vortrag über „Die Bedeutung de Irrationalen für das liberale Judentum Er umschrieb zunächst den Begriff des Irrationalen als desjenigen in unserer Seele, was sich selbst als gegeben hinnimmt was sich jenseits aller Ueberlegung als vorhanden betrachtet und sich unabhängig von Wahl als bestimmend empfindet, und versuchte zu zeigen, wie es ein Charakteristikum unserer Zeit ist, dieses Irrationale als entscheidend anzusehen, zu den letzten Fragen Stellung zu nehmen nicht auf Grund vernunftgemäßer Ueberlegung und wissenschaftlicher Durcharbeitung, sondern aus Triebhaftem und Unerklärbarem. Er skizziert sodann die frühere Methode als beherrscht von dem Gedanken, daß die vernunftgemäße Erklärung und wissenschaftliche Durchdringung allein maßgebend sei. Diese Methode habe sich als einseitig erwiesen, es gelte nun, ohne au vernunftgemäße und wissenschaftlich gegründete Regelung zu verzichten, das Irrationale stärker zu beachten und darum die innere Gläubigkeit, das Erarbeiten eines seelischen Verhältnisses zu Gott und Welt und zur jüdischen Gemeinschaft stärker zu betonen. Sa lzberger - Frankfurt spricht in eindringlicher und fesselnder Weise über das Thema: „Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum?" Aus gehend von der religiösen Notlage, in der unsere liberale Jugend sich befindet, versucht der Redner Mittel und Wege zu zeigen, wie diese Jugend für das Judentum wieder gewonnen werden kann. Es gilt, der Jugend die Religion nicht als etwas Fertiges darzubieten, sondern mit der Jugend gemeinsam die Religion aufzubauen. Mit dem Elternhaus ist der Anfang zu machen, Schulhaus und Gotteshaus stellen sodann die wichtigsten Stätten religiöser Belehrung und Betätigung dar. Auch das „Gemeinde Haus" soll der Jugend frühzeitig vertraut werden; und schließ lich soll der Erzieher auch die in der modernen Jugendbewegung, liegenden sittlichen und religiösen Werte verständnisvoll fördern helfen. Eine Veranschaulichung, Verlebendigung und Berjugendlichung der Religion wird auch die Herzen unserer Kinder wieder gewinnen, nicht für ein Parteiprogramm, sondern für eine positiv jüdische^Lebensauffassung und Weltanschauung. V o g e l sbe i N - Breslau referierte über „Unser Verhältnis zu der Vereinigung für das liberale Judentum und zu den jüdisch-liberalen Jugendvereinen"' Er faßt sein Referat zusammen in die später von der Versammlung angenommenen Thesen: 1. Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands stellt ausdrücklich ihre volle Selbständigkeit gegenüber der Vereinigung für das liberale. Judentum in Deutschland fest. — 2. Die liberalen Rabbiner stellen gleichzeitig fest: a) die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens mit den liberalen Laien, b) die Notwendigkeit der Organisation der liberalen Elemente in den einzelnen Gemeinden und in ganz Deutschland. — 3. Die Aufgabe der liberalen Rabbiner in dieser Zusammenarbeit ist die Vertretung, Betonung und Vertiefung der positiv religiösen Momente im Judentum. — 4. Zur Förderung des religiösen Lebens im liberalen Sinne sollen die liberalen Rabbiner, wo es angängig ist, liberale Jugendvereine begründen. — 5. Wo dies nicht angängig ist, soll der liberale Rabbiner Arbeitsgruppen bilden, in denen die Jugend in liberalem Sinn jüdischreligiös erzogen wird. Freudenthal - Nürnberg und G o l d m a n n - Leipzig referieren über die aktuellen Fragen unserer Stellung zu Antisemitismus, O st juden frage, Zionismus, Aufbau Palästinas, jüdische Schule. Bestimmte Thesen zu diesen Fragen wurden von der Versammlung nicht angenommen. Dagegen wurde die Resolution des dritten Referenten K a h l b e r g - Halle über unsere Stellung zur Organisation der deutschen Juden einstimmig angenommen, welche lautet: Der liberale Rabbinerverband spricht sein lebhaftes Bedauern aus, daß das neue Organisationsgesetz den religiösen Charakter unserer Gemeinschaft so wenig betont und gewahrt hat. Denn es hat den Einfluß der natürlichen Führer des religiösen Judentums, der Rabbiner und Lehrer, fast gänzlich zurückgedrängt. Die Vereinigung der liberalen Rabbiner verlangt deshalb von der Vereinigung für das liberale Judentum: 1. daß auf die Listen der Liberalen in den einzelnen Wahlverbänden liberale Rabbiner an aussichtsreiche Stellen gesetzt werden, 2. daß die den Gemeindekörperschaften angehörenden Mitglieder der Vereinigung sür das liberale Judentum dafür eintreten, daß die Rabbiner zu allen Sitzungen der Gemeindekörperschaften mit beratender Stimme zugezogen werden. lieber alle diese Fragen wie auch über die Vorträge fand eine bis zum späten Abend währende Aussprache statt, an der sich die meisten Kollegen beteiligten. Zum ersten Vorsitzenden wird anstelle von B l o ch einstimmig S e l i g m a n n - Frankfurt, zu Mitgliedern des Vorstands B l u m e n t h a l, F r e u d e n t h a l, P o r g e s , Vogel stein wieder und Einstein, Italiener und Kahlberg neu gewählt. die Austritte aus -em Judentum. Das „Berliner Tageblatt" schreibt in einer Zusammenstellung über die Austrittsbewegung in den verschiedenen Konfessionen bezüglich des Judentums folgendes: Ueber die Zahl der Austritte aus dem Judentum sind von der jüdischen Gemeinde in Berlin bis zum Ausbruch des Krieges regelmäßig statistische Aufstellungen gemacht worden. Mancherlei Schwierigkeiten haben die weitere Fertigstellung eines einwandfreien statistischen Materials verhindert. In Berlin traten aus dem Judentum von den etwa 180000 ansässigen Juden aus: im Jahre 1910 237, im Jahre 1912 228, im Jahre 1913 180 und im Jahre 1917 etwa 160 Personen. Auch hier machte sich beim Ausbruch der Revolution die große Austrittswelle bemerkbar. Sie dauerte etwa von Anfang bis Mitte 1919. In diesem Zeitraum betrug die Zahl der Ausritte mindestens das Doppelte der Vorkriegszeit. Die Welle verebbte mit dem Ende des Jahres 1919, aber, wie von unterrichteter Seite uns mitgeteilt wird, ist noch gegenwärtig die Zahl der Austrittserklärungen um ein Drittel größer als vor dem Kriege. In ursächlichem Zusammenhang mit der Austrittsbewegung fleht die Tatsache, daß dem Studium der Theologie sich bedeutend weniger Studenten widmen als vor dem Kriege. Trotzdem jesteht kein Mangel an Geistlichen, denn aus den besetzten und abgetretenen Gebieten sind viele Geistliche abgewandert und warten auf Anstellung. — Wie an maßgebender Stelle jetont wurde, ist die Steuerpflicht bei vielen Angestellten irdischen Glaubens, die verhältnismäßig geringe Gehälter beziehen, der entscheidende Grund für ihren Austritt. (Ostpr). Die hiesige Polizeiverwaltung verin der „Lycker Zeitung" folgende Bekannt- Lyck öffentlicht machung: „Die von gewissen Kreisen betriebene Hetze gegen unsere jüdischen Mitbürger hat seit einiger Zeit eine Form angenommen, die entschieden verurteilt werden muß. Die städtischen Körperschaften haben beschlossen, gegen den Unfug mit allen vorhandenen Mitteln einzuschreiten. Wir warnen hierdurch zunächst vor der Fortsetzung des verhetzenden Treibens und bitten die Bürgerschaft, im Andenken an die große Zeit der Volksabstimmung, in der auch die israelitischen Einwohner Masurens treu zum Vaterlande standen und den glänzenden Sieg des Deutschtums mit errangen, den Burgfrieden zu wahren. Sollte das Treiben gegen die Juden trotz dieser Warnung fortgesetzt weiden, so werden wir mit empfindlichen Strafen, >besonders gegen die Zettelankleber und Ausstreuer, einschreiten. Von der Einsicht der Bürgerschaft erwarten wir indes, daß zu solchen Bestrafungen kein Anlaß mehr gegeben wird. Hamburg. Vom Kinderheim S c g e b e r g. Am 22. v. Mts. feierte das Kinderheim Segeberg, von dem vor einiger Zeit in diesem Blatte das längeren berichtet wurde, den'Tag seines 10jährigen Bestehens. Zahlreiche ausländische und heimische Wohltäter waren erschienen, um inmitten der Kinderschar und den Vorstandsmitgliedern des israelitischen humanitären Frauenvereins, des Begründers und Pflegers des Heims, das Ereignis festlich zu begehen. Unter den Anwesenden bemerkte man u. a. Baron van Beverrode, den holländischen Generalkonsul in Hamburg Flaes, Bürgermeister Stolten, Staatsminister a. D. Dr. Köster und Eisenbahndirektionspräsident Schneider-Altona. Frl. Sidonie Werner, die Leiterin des Heims, gab in ihrer Festrede nach einem kurzen Rückblick auf die' Entwicklung der Anstalt dem Dank an alle Wohltäter, Förderer und Mitarbeiter Ausdruck. Nach ihr sprachen u. a. noch Bürgermeister Stolten im Namen des Senats, Generalkonsul Flaes und Rabbiner Dr. Leimdörfer, der. das Heim vor 10 Jahren geweiht hatte.