Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 26 (3.6.1921)
- Date
- 1921-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IüöW liberale Zeitung Die badisch-liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und »ostet durch die Post oder durch die SeschästSsteire bezogen, vierteljSdrlich Mk. 4.- Sinzelnummer 40 Pf. Zavlungen aufpoftschrlkromo Breslau 433S7,2adlfchllberale Geltung, Kafsenverwaltuna, S.Bairer, Breslau» mrm 11 ni nrn ■ 1«11 um it« ttw h» rrrrrj | RedaMon und Geschäftsstelle: g Breslau 3 g Reue Sraupenstraße 7, i. g liiiimiirniinmmiiiiiniiimmiiB Annadmrfchluß für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlstlelwno: Montag bis Freitag 12—1 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annavmeschiust für Anzeigen: Dienstag Mid Dle 3',, cm breite Mllllmeterzelle rostet 60 Pf., Famlllenanrelgen sovf. BeiWtederdolungErmäßigung «.Tarif Nr. 26 fiHaHHBBBfiBBBBfiaMHHaBBI Philipp Bloch. Einem Veteranen des liberalen Judentums bringen wir zur Vollendung des achtzigsten Lebensjahres verehrungsvollen Glückwunsch dar. Philipp Bloch, geboren am 30. Mai 1841, ist ein Kind des deutschen Ostens und hat bis ans eine kurze Amtszeit als Schuldirektor in München sein ganzes Leben im deutschen Osten zugebracht. Seine Studienjahre hat er in Breslau verlebt. Von 1871 bis 1920, also fast ein halbes Jahrhundert, hat er als Rabbiner der Brüdergemeinde in Posen gewirkt. Hier fand er gute, liberale Traditionen, religiöses Verständnis und religiöses Wissen, gepaart mit moderner Bildung und modernem Sinn. Diese Traditionen zu hüten und zu pflegen, war Bloch hervorragend befähigt. In seiner Breslauer Studienzeit hatte er noch Geiger aus der Höhe seines Schaffens kennen gelernt. Er selbst ist durch seine tiefe Gelehrsamkeit, seine umfassende allgemeine Bildung, seinen lebhaften, sprühenden Geist und seine tief innerliche Religiosität die Persönlichkeit, die auf so hervorragendem Posten Großes leisten konnte. Die innere Kraft der Gemeinde und ihre Bedeutung nach außen ist in der Aera Bloch stark gewachsen. Während seiner Amtswirksamkeit ist die Posener Brüdergemeinde von der Synagogengemeinde übernommen, ihr Gotteshaus Gemeindesynagoge, Professor Bloch Gemeinderabbiner geworden. Unter den führenden liberalen jüdischen Theologen wird Blochs Name seit Jahrzehnten genannt. Seit der gemeinsamen Studienzeit verknüpfte ihn Freundschaft und Gesinnungsgemeinschaft mit Bogelstein-Stettin, mit dem er vor etwa 20 Jahren die Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands begründete. Seit Vogelsteins Tode hat er ein Jahrzehnt lang den Vorsitz geführt und ist jetzt bei seinem Rücktritt von diesem Amt zum Ehrenvorsitzenden ernannt worden. Der Rabbinerprüfungskommission der Vereinigung gehörte er seit ihrem Bestehen, seit zchn Jahren als Vorsitzender an. Die letzten Jahre seit dem Zusammenbruch haben ihm Schweres gebracht. Durch die politischen Verhältnisse sah er den Bestand seiner Gemeinde und sein Lebenswerk aufs schwerste bedroht. Er selbst hat lange in der geliebten Heimat ausgeharrt, bis ihn die unhaltbaren Zustände im Herbst 1920 nötigten, in den Ruhestand zu treten und nach Berlin überzusiedeln. Dem hochverdienten Manne, der die jüdische Wissenschaft durch zahlreiche geschichtliche und religionsphilosophische Arbeiten bereichert hat, wünschen wir einen ruhigen Lebensabend in geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit und in ungetrübtem Familienglück. 0a! — es mußte fein! Bon Rabbiner Dr. Jacob- Dortmund. In einem längeren Artikel in Nr. 21 der „Jüdischliberalen Zeitung" vom 22. April wendet sich Herr Erich Spitz gegen den Beschluß, den der Haupworstand des Zentralvereins in Sachen des zionistischen Wiederaufbau- Projektes für Palästina und der Agitation für den Keren ha-jessod am 10. April gefaßt hat und klagt: mußte das sein? Darauf gestatten wir uns zu antworten: I a! D a s m u ß t e sein! Für eine von ihm gewiinschte gegenteilge Haltung führt Herr Sp. im wesentlichen zwei Gründe an: 1. die Besiedelung Palästinas ist ein löbliches, der Förderung würdiges Werk; 2. ein befürwortender Beschluß hätte uns die Zionisten zu Freunden ruw Kampfgenossen gemacht. Hierin machen sich zwei fundamentale Jrrtümer über das Wesen und die Aufgaben >des Zentralvereins geltend, und da es gegenüber verwirrenden Tendenzen längst nötig war, einmal unzweideutige Klarheit zu. schaffen, so kann er es nur begrüßen, wenn der gegenwärtge Stand der Palästinafrage ihm hierzu eine besonders geeignete Gelegenheit bietet. WW-lAraler itipMn zu Miau. Montag» den 6. Juni 1921, abends 8 Uhr: Geselliges Beisammensein im Südpark. Programm für die Sommertätigkeit siehe letzte Seite (Inserat). Breslau, den 3. Zuni 1921 Es ist ein völliger Irrtum, wenn vorausgesetzt wird, daß der Zentralverein ein Verein von Juden schlechthin sei, sodaß er zu jeder jüdischen Frage auf der Welt Stellring zu nehmen und jedes jüdische Interesse zu fördern hätte. Sondern er ist wie sein Name besagt: ein Verein d e n t - scher Staa 1 sbnrge r jüd if chen G tauben s. Er hat also lediglich die Ausgabe, die Interessen solcher Deutschen zu vertreten, die zugleich Juden sind, indenr er sie schützt und verteidigt, wenn sie in dieser Eigenschaft bedroht werden, also: Behauptung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden in Deutschland und Bekämpfung des Antisemitismus. Eine außerdentsche jüdische Angelegenheit mag noch so löblich, für die Juden als solche noch so dringend sein — den Zentralverein geht sie nichts an. Sie 511 fördern ist Sache des einzelnen Juden, insofern er von seiner (deutschen) Nationalität absieht, oder der internationalen jüdischen Organisationen, bei denen sie vorgebracht werden mag. Daß der Wiederaufbau Palästinas, einer heute englischen Kolonie, nicht 51t den Aufgaben eines Vereins deutscher Staatsbürger gehört, wird wohl nicht bestritten werden können, und es ist schwer zu verstehen, wie man ihm aus seiner ablehnenden Haltung den geringsten Vorwurf machen kann, da schon eine platonische Sympathieerklärung statutenwidrig gewesen wäre. Umgekehrt wäre eine noch unbedingtere Absage, die auf die Materie selbst gar nicht einzugehen hatte, noch dienlicher gewesen. Daß aber der Zentralverein überhaupt Stellung genommen hat, geschah nicht nur, weil er vielfach dazu aufgefordert worden war, sondern war höchst nötig, um dem zweiten Irrtum zu begegnen, daß der Zentralverein ein politisches Gebilde mit politischen Methoden und Manieren sei. Politik ist das Streben zu herrschen, und wenn man entgegengesetzte Parteien und Bestrebungen nicht, sei es durch Gewalt oder Ueberrednng oder List, überwinden kann, so schließt man mit ihnen Kompromisse, indem man, um wenigstens einen Teil der Herrschaft zu reiten, an dem widersprechenden Wesen des andern vorbeisieht. Die Folge ist aber stets eine Trübung, Schwächung und Fälschung des eigenen lWesens, und hiervor retten alle Vorbehalte und Verwahrungen nicht. Die Stärke des Zentralvereins muß in der Klarheit und Bestimmtheit seiner Ausgaben und Ziele liegen, und der Eifer und Nachdruck, mit dem er sie verfolgt, wird ihm die Sympathie der deutschen Juden erhalten, während Kompromisse ihn nur kompromittieren können. Es kann aber keine größeren Gegensätze geben als den Zentralverein 'deutscher Staatsbürger und einerseits den Antisemitismus, andererseits einen politischen nationaljüdischen Zionismus in Deutschland. Der Zentralverein muß den einen wie den andern bekämpfen. Er darf mit diesem Zionismus auch dann nicht paktieren, wenn er durch eine geschickt ersonnene Parole bei harmlosen Menschen, die nicht weiter denken, ins Unrecht gesetzt werden soll. Solche Parolen und Schlagworte sind: Wiederaufbau Palästinas — Keren Hai-jessod — Einheitsfront. Der politsche Zionismus hat eine grausame Enttäuschung erlitten, die mit der Deutschlands durch Wilson vergliche!: werden kann. Er hatte alle seine Hoffnungen uns England gesetzt und gerade England ist es, das sie endgültig zunichte macht. Es bereitet den jüdischen Kindern zwar das Vergnügen, ein bißchen Autonomie zu spielen, aber in der Sache wird Palästina eine englische Kolonie, in der sich England alles Vorbehalt. Es wird unter englischer Herrschaft im Lande zweifellos unvergleichlich besser werden als unter türkischer, aber für die zionistischen Aspirationen ist die Sache viel aussichtsloser geworden. Denn die Türkei war der kranke Mann, den man bald zu beerben hoffen konnte, aber England ist vorläufig noch ein Riese mit sehr robuster Gesundheit. Es wird selbstverständlich das Land nie wieder aus den Händen geben, und wir können nicht einsehen, inwiefern der Jude in Palästina politisch irgendwie besser fährt als in Kanada, Australien oder irgend einer anderen englischen Kolonie. In dieser Not nun erfand man, um die schlapp gewordenen Segel wieder mit frischem Wind zu füllen, jcite zugkräftigen Parolen. Es gilt das heilige Land, das Land der Väter, wieder auszubauen ( d. h. für eine englische Kolonie Geld aus den ärmsten Ländern zu ziehen, um dem reichen und mächtigen England die Kosten zu sparen), es gilt, den armen, verfolgten Brüdern eine Heimstätte zu "bereiten (obgleich diese — die Führer an der Spitze — in ihrer überwältigenden Mehrzahl gar nicht hin wollen), es gilt eine E i n h e i t s f r 0 n t der deutschen Juden zu schaffen. Wenn die Zionisten uns in unserem Kampfe gegen den Antisemitismus unterstützen wollen, soll es uns lieb sein. Sie haben darin viel gutzumachen. Bisher betrachteten die Antisemiten sie als ihre besten Bundes- 1. Ladrgang genossen, wie ja in der Tat das Jüdisch-Völkische nur ein Seitenstück des Deutsch-Völkischen ist. Aber es hieße, die Aufrichtigkeit ihrer Umkehr bezweifeln, wenn wir ihnen ihre Hilfe mit Geldern für den Keren ha-jessod abkaufen wollten. Andererseits haben sie ein sehr einfaches Mittel, unr diese Aufrichtigkeit zu beweisen: sie sollen, nachdem sie sich von der Verkehrtheit ihrer Ideen überzeugt haben, sich rückhaltlos auf den Boden des Zentralvereins stellen. Es ist einfach die Pflicht jedes deutschen Juden, Mitglied desselben zu werden. Er ist d e r n e u t r a l st e V e r e i n, den wir haben können. Denn er allein verficht, was jedem deutschen Juden ohne Unterschied der politischen, sozialen und religiösen Stellung gleichermaßen an: Herzen zu liegen hat: unsere Ehre, unser Recht und unsere Existenz in unserem Vaterlande. Darum hat er auch, worüber wieder andere sich aufregen, recht getan, als er den „neutralen", d. h. halbzionistischen Jngendvereinen seine Unterstützung versagte. D e n n f ü r d e n d e u 1 s ch e n I u d e n k a n n d i e N e u 1 r a l i t ä t e r st innerhalb d e s Bekenntnisses z u m d e u t s ch e n Volke, also auf dem Boden des Zentralvereins beginnen. Das Unbegreiflichste aber wäre es, wenn sich sogar das liberale Judentum von den Zionisten für den Wiederaufbau Palästinas einfangen ließe. Gegen einen Wiederaufbau Palästinas Hai an und für sich niemand etwas einzuwenden, aber er ist nicht Sache des Zentralvereins noch gegenwärtig des mit anderen Sorgen belasteten deutschen Judentums. Will aber dieses seine Opferwilligkeit in schwerer Zeit beweisen, so schlagen wir einen anderen Keren ha-jessod vor: die Bildung eines Hundert-Millionen-Fonds zur Erhaltung notleidender jüdischer Institutionen und Gemeinden und ihrer Religionsdiener in Deutschland. Palästina ist nicht auf die deutschen Juden, aber die deutschen Juden sind nur auf sich selbst angewiesen. dennoch! Ein Schlußwort Bon Rechtsanwalt Erich Spih-Breslau. I. Der Vorstoß, den ich an dieser Stelle gegen die Anti- Palästina-Resolution des Hauptvorstandes des Zentralvereins unternommen habe, hat einen kleinen Sturm von Gegenangriffen zur Folge gehabt. Herr Wilhelm, Max Bogelstein, Fritz Stoll lind Herr Dr. Jacob haben meinen: Ja in bezug auf unsere Mitwirkung an der Palästinaarbeit ihr mehr oder Utinder schroffes Nein entgegengesetzt. Aber nachdem nun auch dieses Ungewitter verchbt ist, will ich noch einmal ruhig und leidenschaftslos, wie es sich für eine Auseinaiwersetzung unter Freunden geziemt, mein nnäbgeschwächtes J a wiederholen. Fast habe ich es schon nicht mehr nötig, dieses einstweilige Schlußwort zu schreiben. Denn die rasch schreitende Entwickelung hat bereits 511 gunsten der von mir (und von viel, viel Besseren) vertretenen Auffassung entschieden. Zwei Organisationen von absoluter Parteilosigkeit und ungeheurer innerer Autorität haben nämlich ihr Wort zu gunsten der Mitarbeit a l l e r I u d e 11 am Palästina- Aufbau in die Wagschale gelegt. Hier sind ihre Entschließungen: I. „Das General-Komitee des U. O. B. B., Großloge für Deutschland, hat in der Sitzung vom 12. Mai beschlossen: mit der zionistischen Organisation und anderen an Palästina interessierten jüdischen Organisationen zusammenzuarbeiten, um Palästina als bevorzugtes Emigrationsland auszugestalten. Der Orden erklärt den Aufbau Palästinas in diesem Sinne als ein großes allgemeinjüdisches Hilfswerk, fordert aber eine paritätische Zusammensetzung der Leitung des Ausbauwerkes und Garan- IM'Mtr luQtnöoertin ju Berlin. Sonntag, den 5. Juni 1921: vmltW'HuWs nadj IDaniMotoftam. Treffpunkt 9 Uhr: Stadtbahnsteig des Bahnhofs Zoolog. Garten mit Billett nach Wannsee. (Abfahrt 9«) Treffahrt mit dem Potsdamer Ili. Dienstag, den 7. Juni 1921: UWimWsUhr, ftfyloßlDannfte b. Wßof (Bahnhof Nikolassee).