Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 25 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2613366-2613604-2613629--0125-2617306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wird gebildet aus dem engeren Rat, 7 durch allgemeines Wahlen berufenen Abgeordneten, sowie einem von den Rabbinern des Landes gewählten Standesvertreter. Die laufenden Berwaltungsgeschäfte liegen in den Händen des engeren Rats, wahrend für allgemeine Anordnungen betr. des Gottesdienstes und des Religionsunterrichtes, Festsetzung der Amtsobliegenheiten und Gehälterr der Rabbiner, Borsänger und Religionslehrer, Feststellung des Haushaltungsplans u. a. mehr der weitere Rat zuständig ist. Die Kirchensteuer wird in Fonn einer Gemeinde- und Landesumlage von den Religionsgenossen erhoben. Der von der Oberkirchenbehörde ausgearbeitete neue Berfassungsentwurf schließt sich eng an die bisherigen Zustände an und bringt nur Aenderungen, die infolge der Lösung vom Staate unerläßlich sind, mit einigen wenigen Ausnahmen, wozu die Beseitigung des amtlichen Vorsitzes der Rabbiner und Vorsänger im Kirchenvorsteheramt und die Einführung des Frauenwahlrechts gehört. Die Oberleitung der kirchlichen Angelegenheiten soll künftig einer von Israeliten des Landes jeweils aus 6 Jahre gewählten Landeskirchenversammlung anvertraut sein, die aus 16 allgemeinen und 2 Rabbinerbezw. Lehrer-Abgeordneten besteht wie die verfassunggebende Versammlung Von der Landeskirchenversammlung wird die Oberkirchenbehörde gewählt mit 7 Mitgliedern, nämlich einen: Geistlichen und einem Juristen und 5 ehrenamtlichen Mitgliedern. Erste« beide werden auf 12, letztere auf 6 Jahre bestellt; wivd ein Abgeordneter der Landeskirchenversammlung in die Obertirchenbehörde gewählt, so hat er aus jener auszuscheiden. Die Verteilung der Zuständigkeit zwischen Oberkirchenbehörde und Landeskirchenversammlung entspricht im großen und ganzen derjenigen zwischen engerem und weiterem Rat der bisherigen staatlichen Oberkirchenbehörde. München. Die bayerische Staatsregierung hat beschlossen, gegen die Auswüchse des Antisemitismus in Bayern energisch vorzugehen. Das Staatsministerium hat die Polizeibehörden angewiesen, der antisemitischen Bewegung in Zukunft besondere Beachtung zu schenken und üren Auswüchsen kräftig entgegenzutreten. Es soll alles getan werden, um durch Herbeiführung kräftiger Strafen die Lust zu derartigen Aufreizungen zu unterdrücken. Lieguitz. Verein selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender zu L i e g n i tz. Am 8. d. Mts. fand hier die Gründungsversammlung eines jüdischen Handwerkewereins statt. Das einleitende Referat hielt der erste Vorsitzende des Zentralverbandes, W. Marcus, Berlin. Als Gäste waren außer einer Abordnung des Breslauer Vereins Vertreter der Liegnitzer Synagogengemeinde, Rabbiner Dr. Peritz u. a. erschienen. Der Bereinigung traten sofort 36 Handwerker bei. Aus dem Ausland. Wien. Der Pazifist und Nobelpreisträger Alfred H. Fried ist in einem hiesigen Sanatorium plötzlich ge storben. A. H. Fried wurde am 11. November 1864 in Wien geboren. Er wandte sich schon frühzeitig unter dem Einfluß der Baronin Berta v. Suttner der Friedens bewegung zu, zu deren entschiedensten Verfechtern er ge hörte. In Berlin begründete er 1891 eine Zeitschrift „Die Waffen nieder" und 1892 die „Deutsche Friedens gesellschast". Die Zeitschrist „Friedenstvarte" begründete er 1899 ebenfalls in Berlin. Auf allen Weltfriedens kongressen seit 1894 war er als Berichterstatter tätig, ebenso als Mitarbeiter aller wichtigeren international pazifistischen Verbände und Vereinigungen. Diese seine Tätigkeit wurde durch Verleihung des Nobelpreises an erkannt. Während des Weltkrieges sah er sich gezwungen. leinen Wiener 36obniiv aur^uaeben und keine Bestrebungen allen (Skwjttwi es mit der Engend nicht aufnehmen fernen ^wiener Wm-tgrtz auMgvoen unio ^elne ^e,rreoungen u tönnm vvrgaven, Weit die letzten imer moderne Kampsvon der Schweiz aus zu verfolgen. Später kehrte er nach Wien zurück. Achen. Zu dem von uns kürzlich gemeldeten Ritualmordmärchen in Saloniki erklärte der griechische Ministerpräsident Gunaris in Beantwortung einer Interpellation J im PaAament sich dahin^ daß dieser Zwifchensall ohne Bedeutung gewesen und durch schnelles Eingreifen der Polizei beigelegt worden sei. Die Fabel, die den Zwischenfall veranlaßt habe, sei eine verabscheuungswürdige Verleumdung gegen eine Gemeinschaft, die wie die Juden so viele Verdienste um die Kultur besitze. Die Verleumdung, oaß die Juden christlichen Kindern Blut entziehen, errege in dem Gewissen jsdes anständigen Menschen Empörung. „Wir kennen", sagte der Ätinifterpräsident, „die Israeliten als loyale und arbeitssame Bürger." Ihr sanfter, friedlicher lind ruhiger Charakter widerspreche der ihnen zugemuteten Grausamkeit vollstäMg. Wenn einige durch Vorurteile verblendete Leute gegen die Juden eine Haltung einnähmen, die jener der großen Mehrheit ihrer griechichen Mitbürger entgegengesetzt wäre, so würden sie es rnn oer staatlichen Macht und lder vollen Strenge der Gerechtigkeit zu tun haben. ..nttel verfugt, mit denen die nutzt mnzageyeu i*‘> ^even, jo i<uut man das zur Vtoi gelten laßen. »me,o üvti ,aven sutz Die geringen uuo potMicye.l Fnyttt der' veüljcyen ^UDenyen von lenen Jünglingen uvenuMetn laßen? teoiJ jic Herren Jusnz-, Samtesuns Kommerzrenrue Der Juend gegenüber evenfo ohnmächtig, wie je»»e weitentruaren ^raobis >jwei,elios haven dre zeitweiligen Ausfälle zunguDifcher Nanonaliften die deutsche i^uDctueit me^r lett als alte rasieMntifemiiifcyen Verlagerungen. Ader l-aoe.v jie ogizielien Vertreter Rs Deutschen Judentums Der Sache amil genutzt, als sie Den Zionismus einfach von ihren Rockschößen abschütteln? Was soll Denn Die mchtMt,cye wett von Dieser zweifelhaften Vecteidigung halten? Die Rührigkeit Der zionistischen Vereinstatigrett, Die überlaute Reklame ihrer Presse verleiten gerade Den Außenstehenden zu oer Meinung, daß das Gros der deutschen JUven im zm listischen Lager sich befände. Wenn nun Die Vertreter Des deutschen Jlwentums Die Verantwortung Damit von sich oalzen wollen, daß sie jede Gemeinschaft mit dem Zionisnus in Abrede steilen, so ergibt sich sür den nichtjüDi,chen Beobachter als — allerdings unrichtige — Konsequenz aus oem Überlauten jungzionistischen nationalistischen Gebaren, daß nur eine Minorität der deutschen Judenheit in Deutsch- .and ihr Vaterland sieht. Ich denke dabei vornehmlich cm die letzte Resolution des Zenrralvereins, in Der Die zionßti- ,che Judenheit in ihrer Gesamtheit, Der nattonalsüDtschen ^oilitik, also Der mangelhasten Deutschen Gesinnung vezich- .lgt wird. Wer aber in Die zionistischen Kreise etngeweiht .st, weiß, Daß mindestens 95 Prozent Der zionistisch ge,amen Juden in Der Palastinasrage lediglich ein soziales Beruhen und daß das Odium Der jüdischuationalen Schwärmerei in Wahrheit nur aus enge studentische Kreise zurüctfalli. Läre es da nicht viel ratsamer, wenn die berufenen Führer oer Deuifchen Judenheit sich an die Spitze diefer Bewegung gestellt und die nmgen Schreier aus dem Saal gewie,eu dütten? Run ist der Zionismus keine Zukunftsmusik mrlr, ,ondern eine greifbare Wirklichkeit. Und die Führer Israels? rind die Myriaden ibrer Gefolgschaft? Wollen sie auch .ernerhin abseitsstehen? Nein! Ihnen hat o'.e Binzan Haarez-Föderation neue Pforten geosinet! Die „Frankfurter Zeitung" schreibt unter der Ueberschrift „Die Leiden der ukrainischen Juden": Ju den österreichischen Zertungen findet sich ein Auf- .us an die osterreictiiime Judenschast zur tzUselemung für die ourch die furchtbaren Jnoenpogrome in der Ukraine schwer mißhandelten Juden jener Gebiete. Ter Aufruf ist von einer Rnzayl seyr angefevener jüvifcher Vereinigungen, an deren Spitze die Wiener Israelitische Kulmsgemcinve steht, sowie zahlreichen Privarpetsonen unterzeichnet. Was der Aufruf an Tatsachen anf iu)ri, erfüllt fei bst nach dem Furchtbaren, was Die Menschbelt während eines vierjährigen Krieges und oer Erschütterungen, die sich in Ost- und Mitteleuropa daran knüpften, crie'vt nat, mit Grauen und Entsetzen. Es heißt da: Den zwolfmatigcn Wechsel der Macht in der Ukraine mußten die Jiioen mit entsetzlichen Pogromen büßen. Rach einer Statistik, die der indischen WeitYUfskonfcrcn; zu Karlsbad (Sommer 1920) vorlag. wurden innerhalb 14 Monaten nicht weniger als 568 Orrfchasten der Ukraine von Den bis nun blutigsten Judciunassalers Der Weltgeschichte betroffen. Rach Den Pogromen im Frühjahr und Sommer 1919 zählte man 138 000 jüdische Leichen. Tie Zahl Der Kranken, Verstümmelten, Mihbanoelten, in den großen Wäldern Herumirrenden ist nicht zu überblicken. Die wahnwitzigsten Greuel wurden an Männer und Frauen, an Greisen und Kindern Aus -er Presse. Im „Israelitischen Familienblatt" schreibt Dr I a m p e r - Schwedt a. O. über die kürzlich neu gegrün oete zionistische Separationsvereinigung „Binjan Haarez' folgendes: Die „Binjan Haarez" sich nennende neue zionistische FÜderatiM, umer deren Aufruf die klangvollsten Rameli deutscher Zionisiensüyrer stehen, macht auf den ersten imu einen etwas mysteriösen Eindruck. Tenn da sein Programn ..ul dem gememzw mutschen sich fast dem, fo rft ihr Daseins zweck nicht ohne weueres einzuseyen. Rur der Eingeweiyt .nerlt sofort, um was es sich hier handelt. Es ist eim :iwas weniger deutliche, dafür aber um so rücksichtslosere Absage an den jüdischen Rationalismus, den die jüngerer sichrer als den Endzweck des Zionismus bezeichnen. Wenn ich als langjähriger Zio-ust seit einer Reihe von Jahren mich, trotz eifriger zionistischer Werbetätigkeit, in die 4-erepyerie zurüaziebcn mußte, weil mir der nationale Chan otnismus den Anftntyatt im zionistischen Lager unmegti». gemacht hat, so wird man es wohl begreifen, daß mir dief neue Bewegung, an deren Spitze die verdienstvollsten unter oen Führern des deutschen Zionismus sich gestellt haben,;r großer Freude gereicht und daß cs mir nun, nachdem ich ,eit Jahren soviel gegen den zügellosen Natiotlalismus ge schrieben habe, in diesem Momente auch Bedürfnis ist. mich jit dt«er neuen Erscheinung zu äußern. Der unbändige jüdische Nationalismus, wie er seit >iner Reihe von Jahren in den jungzionistischen Kreisen .eine Orgien feiert, kann ganz rückhaltlos als der zionistische Selbstmord aus Uebermut bezeichnet werden. Denkt man einen Augenblick ernstlich über Wesen und Ziele des Zio. .Nsmns nach, sq kann man es nicht bestreiten, daß es, mit verübt. So durften während des mehrtägigen Judenjchlach- Auisnavme einiger kommekzienrätlichen Taufkandidaten, kaum. iens in Prppiurow die Leichen nicht vestatlet werden und einen Juden gegeben hätte, der nicht die Fahne Zions hoch zehalten hätte, wäre der nationalistische Ehauvinismuch nicht störend dazwischengefähren. Man muß sich das Bild der ersten Baseler Kongresse mit den großen Scharen osteuropäischer Rabbis und westeuropäischer Notabeln vor Augen ühren, um den unwiderstehlichen Zauber dieses überwältigenden Gedankens einigermaßen zu ergründen. Es dauerte nicht lange und der Uebermui der Jugend verwandelte die altjüdische Erlösungsidee in einen Misch-völkischen Partikuiarismus, der, die positive Arbeit in den Hintergrund drängend, sich darin gesällt, in der einseitigen Betonung des Mischen Fremdkörpers den Antisemitismus noch zu übertrumpfen. Dies sahen die Großen Israels, liefen schleunigst pavon und verliehen so das ganze zionistische Lager, m dem »tun die radikal nationalistische Jugend bis zum heutigen Tag die uneingeschränkte Herrschaft iüne hat und jene Alten, nicht ganz mit Unrecht, vollständig ignoriert. Gegen wen ist nun der Vorwurf zu erheben? Gegen die Jugend, die die Alten hinausgeworsen Hai? Oder gegen )ie letzteren, die sich haben hinausdrängen lassen? Nun, t. oer ganzen Welt verurteilt und beschuldigt man den Hintusgeworfenen, und in der Politik erst recht! Jugendliche Begeisterung äußert sich stets ftünnisch. Bei allen politischen Bewegungen bat die studentische Schwärmerei über die stränge geschlagen. Aber durften sich da die berufenen Lolksführer von diesen Hitzköpfen in die Flucht schlagen lassen? Wenn schon die osteuropäischen Chassidim-Rabbis die martervoile Niedermetzeiung wurde um 6 Uhr abends durch das Konzert einer Musikkapelle beendet. Anläßlich der berüchtigten Aprilpogrome wurden 40 jüdische Städtchen vollkommen ansgcschlachtet und die Bedauernswerten, welche, aus Dampfern zu entkommen suchten, ertränlt. Väter haben große Summen gezahlt, damit ihre Söhne nicht zu Tode gefoltert, sondern bloß — erschoßen werden, und haben der Erschießung beiwohnen müssen. Eltern wurden gezwungen, ihre Kinder lebendig zu begraben, und Mütter, das Blut geschlachteter Säuglinge zu trinken. Aber während man anläßlich der Karlsbader Welthilfs^Kferen; haßte, daß das Maß der Leiden aus dem blutgetränkten Boden der Ukraine erschöpft sei, wurde das Moroen und Foltern noch bis in die allerjüngste Zeit fortgesetzt. So haben im verflossenen Herbst die entmenschten Horden des Generals Balachowicz im ukrainischen Grcnzgebicie 150 jüdische Ortschaften heimgesucht. Zerstörte jüdische Siedlungen, unzählige Gräber zu Tode gefolterter Inden jeden Alters, herumirrende hungernde Witwen und Waisen, venerisch kranke geschändete Mädchen und Frauen im Aller von 12 bis 50 Jahren, in Elend quartieren verkommende Uvberlel^ense, geschändei'e, zerfetzte Thovarollen sind die Hinierlassenschast dieses „Feldzuges". Ein riesiger Strom von Flüchtlingen, die bei Ngcht und Nebel und im Dunkel der Wälder das furchtbare Land verlassen, ergießt sich über die Grenzen. Bisher sind 25 000 Flüchtlinge nach Rumänien, ,‘)5 000 nach Polen iibergetreten, MMinoernnocQ einer alten Jrau. „Schasst euch Erinnerungen!" Franz Liszt. Großes Aufräumen! Mir ist's, als ob ich auf einem Friedhöfe, einem großen Totensetde wandelte! Die Bilder an den Wänden, Briefe und Erinnerungszeichen in Mappen und Kästen raunen und klingen „es war einmal!" aus einer schöneren und besseren Vergangenheit in diese emste, schwere Gegenwart hinein, jeder Gegenstand bat seine Geschichte, Gräber, zumeist Gräber! Und doch breitet die Hoffnung einen verklärenden Schimmer über die trübe Zeit! Die alte Generation ist dahiwzegangen, aber eine neue ist herangeblüyt; die frohen Kindcraugen der Enkel grüßen mich unko scheinen mir zuzurufen, den Heimgegangenen ein liebevolles Gedenken zu bewahren, den Lebenden Liebe zu geben. Meine Gedanken schweifen zurück in eine unter den bescheidensten Daseinslbedingungen glückliche, harmlose Kindheit und Jugend m meiner geliebten Vaterstadt Ltssa und wieder umflort sich mein Blick! Lissa, die Stadt, die sich einer alten, wertvollen Kultur erfreuen durfte — ich war noch ein kleines Mädchen, als die 300jährige Jubelfeier des Gymnasiums begangen wurde, — ich vermeine noch die Glocken der altehrwürdigen reformierten Kirche läuten zu hcnen — ist „polnisch" geworden! Wohl allen denen, die diese Wandlung nicht erlebt haben! Das letzte Glied unserer einst großen, weitverzweigten Familie in Lisia ist jüngst hochb«tagt aus dem Leben geschieden. Auch hier nur Gräber! Meine Erinnerungen reichen weit zurück, über siebzig Jahre hinaus. Ich bin in dem sturmbewezien Jahre 1848 . ^te Kind meiner Eltern am 10. Oktober — Erew Sukkoth — geboren worden; in die Honigmonde meiner Eltern war die polnische Revolution gefallen, die Sensenmänner hatten ihr Wesen in Lissa getrieben. Ich zeigte mich frühzeitig, als altkluges, vorwitziges Kind, als „mfont terrible", das alles sab, alles hörte, alles wußte und sobald es nur lesen konnte, alles las — was es nicht sollte. Ich erkannte aber auch ebenso srühzritig, daß daran die „Großen" Schuld trugen. Meine Eltern — namentlich die Mutter — waren bei aller Liebe doch ziemlich streng, jedoch ich war die älteste Enkelin beiderseitiger Großeltern, ihr, wie nicht minder einer Schar „zärtlicher Beuvandlen", Verzug, kurz, ich wurde sehr verwöhnt und durste mir alles erlauben. Ich war nicht viel über zwei Jahre alt, als mein Großvater väterlicherseits mich über den Ring — Marktplatz — führte. Eine Schar Tauben pickte die Körner auf, die wohl von drm Markttage des Vormittags übrig geblieben waren und der Großvater sagte: „Sieh mal, die Tauben sind so klein und können allein lausen und Du bist so ein großes Mädchen und läßt Dich noch imm?r führen", da antwortete ich: „Ich kann reden und die Tauben nicht." In dem folgenden Sommer 1851 — ich hatte schon ein kleines Schwesterchen — war die Großmutter väterlicherseits schwer erkrankt. Ich wurde zu ihr geführt, und ich sebe sie noch vor mir, im Bette liegend. Kurz daraus starb sie und wenn ich dann zum Großvater gebracht wurde, schrie ich furchtbar; es war, als ob ich den Tod fürchtete. Meine ersten Kindheitsvrinnerungen sind mehr mit den Großeltern als mu meinen Eltern verknüpft; im Hause der Großeltern mütterlicherseits brachte ich die meiste Zeit zu, die jungen Tanten beschäftigten sich viel und gern mit mir, namentlich die jüngste: während meine Eltern durch das Geschäft und die Mutter doch auch durch die Wirtschaft sebr in Anspruch genommen waren. Meine Eltern entstammten guten, frommen, alteingrsesienen Familien; beide Großväter besaßen den „Morenu^-Titel, beide, namentlich die väterlicke Seite, bildeten sich nicht zu wenig auf ihr „Jichus" ein. Mit vier Jahren konnte ich lesen und stticken; Ende 1853 wurde im groß elterlichen Hause zur Hochzeit einer Tochter gerüstet, da hörte ich von der Belagerung von Sebastopol und dem Fall der Festung sprechen. In den ersten Januartagen fand die Hochzeit meiner Tante stall, sie heiratete einen schon damals angesehenen Kaufmann in Rawitsch der es in der Folge zu hohen Ehren in Stadt und Ge meinde brachte; er erhielt sogar einen Oaden. Als am folgenden Tage der Reisewagen an der Tür stand, konnte ich mich nicht genug wundern, daß die „Großen" Weinten unv soviel Wesens von dem Abschied machten, Raivitsch war ja die Nachbarstadt und sie taten, als ginge es nach Sibirien oder Amerika, daß cs dorthin sehr weit sei, wußte ich schon. Ich erinnere mich noch ganz deutlich der „wunderschönen" Kleiderstoffe, die in Breslau zur Ausstattung sür die Tante gekauft worden waren. Da war ein „DarLge", bunte Streublümchen — man nannte diese „chin5" — auf weißem Grunde, neben einem karierten „herrlichen" Seidentoff und dem lornblumenblaum Atlas zum Brautkleide, denn war das weiß-seidene Brautkieid, war damals noch nicht so allgemein üblich. Wenige Wochen später sudr ich mit der Mutter und Großmutter zum Besuch des jungen Paares; die Reise ging mit der Post vonstatten, was mir sehr wohl gefiel. Die Heimreise sollte aus einem Planwagen gemacht werden und der Fuhrmann hieß Todtmann. Ta schrie ich furchtbar, „mit Todtmann fahre ich nicht", und die „Großen" hatten alle Mühe, mich zu beruhigen. In Rawitsch sah ich zum ersten Male Tapeten, die „gute Stube" war in dunkelblau mit großen weißen Rosenbuketts gehalten: es imponierte mir dies gewaltig. Daheim war die „gute Stube" blau getüncht und hieß die „blaue Stuibe". Meine Eltern hatten natürlich auch eine, mst einer „Servante", die des Hauses Schätze an Silber und seinem Porzellan barg, aber die „blaue Stube" der Großeltern, und die Herrlichkeiten ihrer „Servante" war sür mich der Inbegriff alles Schönen auf Erden. Die „blauen Taffen" mit den breiten Goldrändern, die mir die Großmutter noch zr: Lebzeiten schenlkte, sind ne-ben den Tellern mit den silberdurchbrochenen Rändern und den schönen Gemälden aus der Hinterlaffenschaft meiner Eltern bis zur Stunde die mir teuersten Besitztümer, durch Erinnerungen geweiht, geblieben. Im Jabre 1882 äußerte Geheimrat Stewn Carl Michel- Mainz, Vorsitzender des Deutschm Handelstages, Handelskammerpräsident und Ehrenbürger seiner Vaterstadt, Hefftsches Herrrnltausmitglied. Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten, die je unser bescheidenes Heim betreten hüben, im Hinblick auf diese „blauen Taffen": den alten jüdtschen Patrizierfamilten findet man doch noch bewundemswette «MtquMe«.- (Fortsetzung folgst)