Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 25 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Schmuck Platz zum Ausruhen, fordern ein Bauplatz voll Schutt und Bruchstücken zerfallener Pracht, auf dem durch unserer Hände Arbeit wieder erstehen soll, was jeder wahre Deutsche, jeder „Nationaldeutsche" ersehnt, mag er politisch rechts oder links stehen, mag er gläubig oder freidenkend, mag er Jude oder Nichtjude sein: Deutschland! Zentralverein unverband nationalüeutscher Juden. Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr Eugen Freund veröffentlicht als Vertrauensmann des Verbandes nationaldeutscher Juden für Breslau in Nr. 24 dieser Zeitung vom 20. Mai 1921 eine Erklärung, auf die ich in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Breslauer Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht völlig schweigen kann. Herr Freund erklärt: 1. „Es ist unrichtig, daß der Verband nationaldeutscher Juden auch solche Personen als Mitglieder ausnimmt, die nicht dem Judentum angehören." Im Anschluß an diese Feststellung gibt Herr Freund die Satzungsbestimmung wörtlich wieder, aus der das Gegenteil folgt. Er verschweigt dabei, daß diese Fassung erst eine am 26. April d. I. beschlossene Abänderung des früheren Wortlauts ist und daß dieser bis dahin gelautet hat: „Aufnahmefähig sind Männer und Frauen ...., die nicht Mitglieder einer nichtjüdischen Religionsgemeinschaft sind." Dieser Wortlaut gestattete die Aufnahme von aus dem Judentum ausgetretenen Personen, und es wäre vielleicht angezeigt gewesen, wenn Herr Freund mit einem Worte darauf hingedeutet hätte, daß der Verband sich inzwischen anders besonnen habe und daß seiner Meinung nach die Besorgnisse derer, die an der ursprünglichen Fassung Anstoß nahmen, nunmehr in diesem Punkte beseitigt seien. 2. „Es ist unrichtig, daß der Verband seine Mitglieder einer bestimmten politischen Richtung zuführen will." Auch hier eine ähnliche Verschleierung des wahren Sachverhalts. Herr Dr. Naumann, der Vater des Verbandes nationaldeutscher Juden, erklärt selbst noch in einer jüngst erschienenen, gegen den Syndikus des C.-B. Dr. Hollaender gerichteten „Denkschrift": „Im Laufe des Gesprächs (mit Dr. Caro) entwickelte ich ihm meine Idee, einen Verband nationaldeutscher Juden zu schaffen, der nach meiner damaligen Absicht nur die auch in parteipolitischer Beziehung mit mir übereinstimmenden Juden umfassen sollte." Daß diese Idee nicht von heut auf morgen, sondern, wenn überhaupt, so nur durch allmähliche Klärung, herbeigeführt wohl nicht ohne den Druck von außen, aufgegeben worden ist, erscheint ohne weiteres klar. Wenn also unsere Glaubensgenossen, und dann insbesondere der C.-V. selbst, die Besorgnis aussprachen, daß der Verband nationaldeutscher Juden eine bestimmte Parteirichtung begünstige, so dürfte das kaum so „unrichtig" gewesen sein, wie sein Breslauer Vertrauensmann uns glauben machen will. 3. „Es ist unrichtig, daß der Verband den Centralverein als Gegner betrachte und ihn zu bekämpfen beabsichtige." Herrn Freund ist sicher die Broschüre Naumanns bekannt, in der er um seinen Verband wirbt und im Gegensatz zu den Zivnisten auf der einen und den nationaldeutschen Juden aus der anderen Seite unzweideutig den C.-B. als die „Zwischenschicht" hinstellt, die haltlos hin- und herschwanke und deshalb bekämpft Heimkehr. Novelle von Bidsche H o h n s a l z - Zehlendorf. Es gibt gliicklicherweise nicht viel Menschen, die eine so unglückliche Jugend durchlitten hatten, wie er. Sein Vater war ein jähzorniger, maßlos tyrannischer und ausschweifender Mann gewesen, der sich zu Grunde gerichtet hatte, eine trübe Ausnahme von den vielen, in einem festen Familien-Ethos dahinlebenden Juden; seine Mutter, eine kleine, zergränrte, schwächliche und kranke Frau, hatte ihren Gatten nie geliebt, war ihm in keinerlei Weise die richtige Lebensgefährtin gewesen. Als er empfangen wurde, empfing er alle Qualen und Kämpfe, die seine Mutter durchgemacht hatte, mit, und die Trauer seiner Kiirdheit wurde bald in seiner Seele zum Grnndton seines ganzen Seins, zu einer eintönigen, trüben Melodie. Es war, als ob seinem Antlitz auch die Leiden ausgeprägt seien, die die Juden während vieler Jahrhunderte durchlebt hatten. Das einzige Kind, das noch nach ihm geboren wurde, war geistig und körperlich zurückgeblieben, blieb imbezill und vegetierte dahin —, eine schauerliche Anklage gegen seine Erzeuger. Er war ganz ohne Liebe aufgewachsen, niemand hatte ihm irgendwelche Zärtlichkeitei: entgegengebracht, niemand hatte je an ihm gehangen. Von der Mutter hatte er den Hang zur Einsamkeit geerbt, die übergroße Empfindsanrkeit, das fortwährende Sprechen mit sich selbst. — Das Weib war ihm ein verschlossenes Geheimnis geblieben. Eine unstäte Sehnsucht brannte in ihm, und gierig leckten mitunter rätselhafte, schwelende Flammen nach dem Unbekannten, nach dem Tiefsten, was ein junger werden müsse. In der „Nachschrift" zu seiner bereits erwähnten „Denkschrift" erklärt Naumann wörtlich unter III: „Die Ostjudenfrage ist rmr ein deutsches Problem. Für wen sie bei der heutigen Lage des deutschen Vaterlandes auch noch ein jüdisches Problem ist, der mag ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sein, ein Deutscher in unserem Sinne ist er nicht." Der C.-V. erachtet die Ostjudenfrage allerdings nicht bloß als ein deutsches, sondern auch als jüdisches Problem- Also spricht Naumann ihm die Anerkennung als Deutscher „in seinem Sinne" ab. Ich überlasse es getrost dem Urteil des objektiv Denkenden, ob dies eine Bekämpfung des C.-V. in sich schließt oder nicht. Ich meinerseits erinnere nur an die Worte Gabriel Riepers über denjenigen, der ihm sein Deutschtum absprechen wolle. Mir erscheint es im höchsten Grade bedauerlich, daß wir genötigt sind, im Kreise unserer Glaubensgemeinschaft gegeneinander öffentlich Stellung zu nehmen, in einer Zeit, in der der Blinde die Gefahren erkennen müßte, die unsere Gemeinschaft bedrohen. Justizrat Felix Hirschberg-Breslau. Aus üem Reich. Frankfurt a. Nt. Von der Bereinigung für das liberale Judentum Deutschlands. Am Pfingstmontag fand hier eine von allen Ortsgruppen überaus zahlreich besuchte erweiterte Vorstanüssitzung der Liberalen Vereinigung statt. 21 liberale Rabbiner nahmen an dieser Tagung teil. Ein näherer Bericht über die Aussprache folgt. Am folgenden Tage schloß sich daran eine Tagung der Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands. Berlin. Zentralverein und Verband nationaldeutscher Juden. Die Entschließung, die der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens betr. seine Stellungnahme zu dem Verband natwnaldeutscher Juden, der Gründung des Rechtsanwalts Dr. Naumann, in der Sitzung des Hauptvorstandes vom 10. April d. I. angenommen hat, lautet in ihrem genauen Wortlaut wie folgt: Der Zentralverein warnt die deutschen Juden vor 'dem Beitritt zu der Naumann'schen Gründung. Sie ist gefährlich und geeignet, Verwirrung nach innen und außen zu stiften; sie ist überflüssig, weil das deutsche Ideal seit jeher unzweideuttg rm Zentvalverein vertreten worden ist. Berlin. Das Wahlrecht der Ausländer. Der Preußische M i n i st e r des Innern hat es in einer Verfügung an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz abgelehnt, gegenwärtig Anträgen Hon Synagogengemeinden auf Genehmigung von Satzungsänderungen über das Gemeindewahlrecht von Ausländern gegenüber der Rechtslage des Judengesetzes von 1847 stattzugeben. Er fügt aber hinzu: „Das Wahlrecht der Synagogengemeinden neuzeitlich umzugestaltcn, wird jedoch Gegenstand eines Gesetzes sein, das in Borbereitung ist." Berlin. Preisausschreiben der S. Mayb a u m - S t i f t u n g. Der Vorsitzende der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, Professor Dr. Bloch, teilt folgendes Preisausschreiben der S. Maybaum-Stiftung mit. Verlangt wird eine „Historische Darstellung und kritische Wiirdigung der bisher namentlich in deutschen Synagogen gemachten Versuche, die traditionelle Einrichtung der Thora- und Propheten-Vorlesung wirksamer und eindringlicher zu gestalten. Laut § 3 der Satzungen „sollen nur wissenschaftliche, d. h. durch die Quellen des Religionsgesetzes oder durch Vorgänge aus der Religionsgeschichte begründete Arbeiten einen Preis erhalten. An den Preis¬ Mensch erfahren kann, nach der verschlossenen Pforte, hinter der nach seiner Meinung das Glück liegen nmßte. Wenn er an Mai-Abenden die Mädchen in weißen Kleidern am Arme ihres Geliebten dahintcuweln sah, kam 1 er sich wie ein Bettler am Wege vor. Er war dem Leben nicht gewachsen. Die Krebsschalen der Seele fehlten ihn:. Rettungslos war sein Wesen der Intensität eines übergroßen Fuhlens und Sehnens preisgegeben, und er war davon miide und verkümmert geworden. Als Student hatte er eine junge Chemikerin kennen gelernt, die nrit einem entfernten Verwandten von ihm, der Felix hieß, so gut wie verlobt war. Als er dieses junge Mädchen zum ersten Male sah, durchfuhr es ihn, wie ein Blitz; er tvar so erschüttert, wie noch nie in seinem Leben, und er wußte hellseherisch, daß er sie nie werde vergessen können. Wo er war, aus allen Reisen, bei jeder Tätigkeit, stand das Bild dieses Mädchens vor seinem geistigen Auge, ihn quälend und ihn noch mehr verträumt und versonnen machend. Sehnsucht! . . . Sehnsucht! . . . Die Existenz dieses schwächlichen, kaum daseinsberechtigten Menschen war ein Gefäß für die Welt, die in diesem Worte liegt. — Ach! es gibt so große, wundervolle und inhaltsreiche Worte, wie dieses, das aber vom überhäusigen Gebrauch der Sprache abgenutzt und gewöhnlich geworden ist, wie eine alte Münze! Sie war ein zierliches, mädchenhaftes, wunderliebliches Geschöpf, mit einem sanften und trotzden: etwas kecken Kindergesicht, das von einem schweren Kranz dunkel« brauner Haare umrahmt war; — eine seltsame, feine, unvergeßliche Schönheit in ihrer Art. . . . arbeiten können sich nur Personen beteiligen, welche als Rabbiner fungieren oder die Rabbinatsprüfung zwar bestanden, aber noch kein Amt als Rabbiner übernommen haben. Die Arbeiten müssen in deutscher Sprache abgefaßt sein". Nach § 4 „bleiben die gekrönten Preisarbeiten Eigentum des Verfassers, der zu ihrer Veröffentlichung verpflichtet ist." Für dieses Mal ist der Preis auf 700 Mark besttmmt worden. Die Arbeiten müflen bis zum 18. November 1922 bei Herrn Dr. Cäsar S e l i g m a n n, Rabbiner zu Frankfurt a. Al., Fried richstraße 29, eingereicht sein. Jede Arbeit muß durch ein Motto oder ein Wortzeichen ihren Verfasser kennzeichnen und in einem beigefügten geschlossenen Kuvert das Kennzeichen und den Namen des Verfassers enthalten. Erwünscht, aber nicht unbedingt erforderlich, ist eine Zusammenstellung und Schilderung der Modalitäten, nach welck)en die Thora-Borlesung in den wichtigeren (Gemeinden Deutschlands vollzogen wird. Allenstein. Generalversammlung des Verbandes oft preußischer Synagogengemeinden. Am 5. Mai fand hier unter reger Beteiligung aus allen ostpreußischen Gemeinden und dem neuerdings zu Ostpreußen gekommenen westpreutzischeu Gebiet die Generalversammlung des Verbandes ostpreußischer Synagogengerneinden statt. Im Mittelpunkt der Verhandlungen standen die Beratungen über llnterrichtsfragen, eingeleitet durch Vorträge von Rabbiner Dr. Lewin- Königsberg: „Schule und Haus" und Rabbiner Dr. A p t - Allenstein: „Aus und Ausbau des jüdischen Religionsunterrichts in Ostpreußen". Zum Vorsitzenden wurde mit großer Mehrheit Stadtrat E i ch e l b a u m - Insterburg wiedergewählt. Cassel. Der Verband der neutralen jiidischen Jugendvereine Deutschlands, der hier Pfingsten eine Führertagung abhielt, faßte eine Palästina-Resolution, wonach Palästina der parteimäßigen Behandlung entriickt Wecken müsse. In Palästtna müsse den aus ihren Heimatländern entwurzelten Glaubensgenoflen eine m:f der Religion der Väter ausgebante jüdische Heimstätte erstehen, aus der belebende religiöse und geistige Impulse dem Judentum und der ganzen Welt Zuströmen sollen. Stuttgart. DieneueisraelitischeKrrchenverfassung in Württemberg. Am Montag, den 23. d. Dtts., trat die israelitische Landeskirchenversammlnng zusammen, der es obliegt, die durch die Trennung von Staat und Kirche bedingte neue Kirchenverfassung für die israelitisch Religionsgemeinschaft in Württemberg zu beraten und zu beschließen. Dre Landeskirchenversammlung besteht ans 16 im Wege allgemeiner Wahlen von den Israeliten des Landes und 2 weiteren je von den Rabbinern bezw. Lehrern und Vorsängern gewählten Abgeordneten. Die bisherige Verfassung der israelitischen Landeskirche in Württemberg ist in großen Zügen folgende: Jeder Jsraelite gehört der israelitischen Kirchengemeinde seines Wohnortes an, wenn dort eine solche nicht besteht, einer benachbarten Gemeinde. Die Gemeinden sind in acht Rabbinatsbezirke eingeteilt; sie werden ihrerseits geleitet von den Kirchenvorsteherämtern, deren Vorsitzende kraft Amtes die Rabbiner und an Orten, wo keine solche wohnen, die Vorsänger sind. An der Spitze der Religionsgemeinschaft steht die israelitische Oberkirchenbehörde, ein dem Kultusnrinisterium direkt unterstelltes Landeskollegium, mit einen: eigenen Sekretariat. Sie gliedert sich in den engeren und weiteren Rat. Den engeren Rat bilden ein Regierungsbeamter als Vorsitzender (zur Zeit Präsident Dr. v. Bälz), ein Theologe, ein znm Richteramt befähigtes Mitglied, sowie vier ehrenamtliche Oberkirchenvorsteher. Die erstgenannten Funktionäre werden aus Lebenszeit, die Oberkirchenvorsteher auf die Dauer von 6 Jahren von der Regierung (früher vom König) ernannt. Der weitere Rat Von ihrer zarten Gestalt stach ihr Wesen jedoch in merkwürdiger Weise ab; — die Natur hatte einen holdseligen Scherz gemacht, dem aber auch eine etwas bittere und grausame Ironie nicht fehlte: denn in dem außerordentlich schönen, elsenhaften Wesen verbarg sich ein sehr selbstbewußter, eigenwilliger, herrischer, zankjüchtiger Charakter, — dabei ganz und gar unsentimental, klar, kühl und zielbcwußt, dem seine verträumte, linkische und ungeschickte Art komisch erscheinen mußte. Sie hatte natürlich sehr bald bemerkt, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte, und mit einer halb belustigten, halb überlegenen Gleichgültig feit schaute sie auf ihn herab. Zu irgendwelchem äußeren Ereignis kam es nicht, denn er war scheu uNd vermied cs, über das, was ihn am meisten erfüllte, zu sprechen. Er wußte, daß sie ihm für imnwr unzugänglich sei, denn abgesehen davon, daß sie einen andern liebte, — so weit ihre karge und spröde Natur eines Gefühles fähig war, — und daß sie einem andern fest versprochen war, paßte sie ja auch so wenig als nur irgend möglich zu ihm, enchsand für ihn tveder irgendwelche Zuneigung, noch hatte sie für seine ungewöhnliche, nicht imponierende Art Verständnis. Wie oft sagte er sich: Die größte Strafe, die meine törichten Wünsche treffen könnte, wäre die Erfüllung! Wie häufig stellte er sich die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht vor!' Aber dies alles half ihm wenig. Er konnte seine Gedanken von ihr nicht losreißen. Gerade ihr festes, energisches Wesen machte aus rhu, den haltlosen Träumer, einen tiefen Eindruck. Und ihre aparte, schlichte Schönheit blieb ihm unvergeßlich. . . . (Fortsetzung folgt.)