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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-05-27 · 25 (27.5.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
25 (27.5.1921)
Date
1921-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdisch liberale Leitung Die jüdisch liberale Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 4.- Sinzelnummer 40 W. Äadlungen auf $oftf $ecf lonto Breslau 45387, Südlfchttvrrale Leitung, Kasfenverwaltung, LDager, Breslau l rrngYTiTriimiimiTiiniimiiiipmii Redaktion und Geschäftsstelle: 8 Breslau 3 g Reue Sraupenstraße 7, l. g!,,,,, ITH« 111 Hin rimiitimm »ni«i »S Annabmefchlust für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlstlelwng: Montag bis Freitag 12—l vorm, in der Geschäftsstelle. Annavmefchiust für Anzeigen: Dienstag früh Dle 3',, cm brelte MlNlmeterzelle kostet 6O Vf-, SamlUenanzelgen 4vVf. DelWledervolungGrmastlgung «.Tarif Nr. 25 Breslau, den 27. Mal 1921 1. Äahrgang NMkslüellWeHömllllSBWWllhl Von Dr. Max Nan mann -Berlin. In Nr. 1<4 des Blattes vom 4. März 1921 hatte unsererseits Herr Rechtsanwalt Spitz- Breslau in einem Artikel „Vom nationaldeutschm Juden" zu der Schrift und Bewegung des Herrn Rechtsanwalts Dr. N a u m a n n - Berlin Stellung genommen. Zur wetteren Klärung der Frage glaubten wir aus Gründen der Loyalität, in einer Erwiderung Herrn Dr. Naumann selbst auch zu Worte kommen lasten zu müssen; aus technischen Gründen geschieht dtn etwas verspätet. Unsere Stellungnahme wird durch die Veröffentlichung des nachfolgenden Aufsatzes selbstverständlich in keiner Weise berührt. Die Red. Durch die Bewegung, die an meine Schrift „Vom nationaldeuffchen Juden"*) anknüpft, und durch die Gründung des Verbandes nationaldeutscher Juden sind viele Federn in Bewegung gesetzt worden. An dieser Stelle hat vor einigen Atonalen Herr Rechtsanwalt Spitz sich mit schürfen Worten gegen unsere Bestrebungen gewaiidt. Ich hätte gewünscht, ihm schon früher antworten zu können; die Schriftleitung dieses Blattes weiß, daß die Verzögerung nicht meinen Wünschen entsprach. Aber heute, da ich eiwlich Stellung nehmen kann zu Angriffen auf eine Sache, die mix: Herzenssache ist, weiß ich nicht recht, wo ich den vielgestaltigen Stoff anpacken soll. .Herr Spitz erhebt gegen mich eine Reihe von Einzelvorwürfen. Er unterstellt mir diese und jene Auffassung Politischer und religiöser Dinge und bekämpft dann meinen vermeintlichen Standpunkt mit Argumenten, die zum Teil durchaus richtig sind. Nur trifft seine Beweisftihrung den Kern der Sache nicht, weil die von Herrn Spitz „widerlegten" Ansichten garnicht die meinigen sind, weil ich sie nie vertreten habe und im Rahmen meiner Bestrebungen auch garnicht vertreten konnte; denn diese Bestrebungen schaben mit Politik wie mit Religion nicht das geringste zu schaffen. Der § 1 unserer Verbandssatzung lautet: „Der Verband bezweckt den Zusammenschluß aller derjenigen Deuffchen jüdischen Stammes, die bei offenem Bekennen zu ihrer Abstammung sich mit deuffchem Wesen und deuffcher Kultur so unauflöslich verwachsen sichten, daß sie nicht anders als deuffch empfinden und denken können. Er bekämpft alle Aeußerungen und Betätigungen undeutschen Geistes, mögen sie von Juden oder Nichtjuden ausgehen, die das Wiedererstarken deuffcher Bolkskraft, deuffcher Rechtlichkeit und deuffchen Selbstgefühls beeinträchtigen und damit den Wiederaufstieg Deutschlands zu einer geachteten Stellung in der Welt gefährden. Er erstrebt ein verstärrdnisvolles und auf gegenseitiger Achtung beruhendes Zusammenarbeiten der deuffchen Volksgenossen jüdischer und nichffüdischer Abstammung, die sich ohne Rücksicht auf ihre persönliche Stellung zu Fragen der Parteipolitik auf dem gemeinsamen Boden des deuffchen Nationalgefüh'ls und der Liebe zum deuffchen Vaterlande zusammenfinden." Wir wollen also jüdische Deuffche — und zwar durchaus nicht alle Staatsbürger, auf die solche Bezeichnung zutrifft, sondern nur den im Empfinden völlig mit uns übereinstimmenden Teil — unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt organisatorisch zusammenschließen, und dieser Gesichtspunkt ist der des deuffchen Nationalgefühls. Schon daraus folgt, daß wir auf die Mitgliedschaft vieler von vornherein verzichten müssen, die uns als Juden durch Zusammenhänge des Bluts oder Uebereinstimmung des religiöen Empfindens nahestehen und die wir als Menschen nur rückhaltlos achten können. Wir müssen von ihrer Einbeziehung in unsere Organisation, und nur um diese handelt es sich ja, absehen, weil ihnen bei aller sonstigen *) Verlag Albert Goldschmidt, Berlin, Lützowstr. 28. MW-littiM Jupiömin zu WM. Sonntag, den 29. Mai 1921: Treffahrt nach Malisch (Leubus) mit dem Liegnitzer Ili. Treffpunkt: pünktl. %6 Uhrfrüh amhauptbahnh. (tzauptp.) Bon Mattsch bis Leubus Dampferfahrt. Zum Mittagesten u. Kaffee wird abgekocht, hierzu Eßnapf Eßbesteck und Trinkbecher mitbringen. Sangeskundige wollen Lauten mitbringen. Der Ausflug findet bei jeder Witterung statt. I. A.: Ludwig Freund. Telefon R. 8112. DienStag» den 29. Mai 1921, abends 8 Uhr: Geselliges Beisammensein in Scheitnig (Schweizerei). Sommerprogramm siehe Inserat. Uebereinstimmung das eine Erfordernis fehlt, das für unseren Zusammenschluß das maßgebende ist, die gleiche innere Einstellung zum Deutschem. Darum bleutet es eine mir schlechthin unbegreifliche Abwegigkeit, wenn Herr Spitz mir tadelnd vorhält, daß wir die Aufnahme solcher Juden nicht anstreben, die sich selbst durch ihren Anschluß an linksraditale politische Parteien in offenen und ehrlich bekannten Gegensatz zum deuffchen Nationalgefühl stellen. Daß unter diesen Angehörigen antinationaler Gruppen „innerlich blitzsaubere Menschen" sind (wie sich Herr Spitz einmal an anderer Stelle ausdrückt), weiß ich natürlich so gut wie er. Aber einen Vorwurf daraus herzuleiten, daß wir solche Anlinationalen in einen Verband nationaldeulscher Juden nicht hineinziehen wollen, hat ungefähr ebensoviel Sinn, wie einem Anwaltsverein vorzuwersen, daß er einen „innerlich blitzsauberen Menschen" nicht mffnimmt, nur weil er zufällig nicht Anwalt, sondern Geigenvirtuos ist. Genau so steht es mit dem von allen, die unsere Bestrebungen mißverstehen, zu Tode gehetzten Vorwurf, daß wir „das Judentum" nicht religiös genug faßten. Wir wissen natürlich genau so gut wie Herr Spitz und seine Freunde, daß es neben dem Stammesjudentum ein Religionsjudentum gibt, das seine Bekenner mit starken: Bunde zusammenhält und das mit der Stammes- und Geistesgeschichte der Juden eng verknüpft ist. Aber wir wissen auch, was oberflächliche Denker leicht vergessen, daß dieses Band des religiösen Zusammenhangs über die Bezirke hinwegläuft, die dem deuffchen Staatsbürgertum durch greifbare Grenzpfähle und dem deuffchen Nationalgefühl durch das Empfinden abgesteckt sind. Daß also die nationaldeuffch sichteten Juden (ohne Rücksicht auf ihr Verhältnis zur Religion) einerseits, die religiös fühlenden deutschen Juden (ohne Rücksicht «auf ihr Nationalgefühl) andereffeits und zum dritten Die religiös fühlenden Juden der ganzen Welt — von den Jüdffchnationalen ganz abgesehen — drei nach völlig verschiedenen Gesichtspunkten orientierte Personenkrcise darstellen, von denen sich keiner mit dem anderen deckt. Kann man einer Organisation, die aus ganz bestimmten praktischen Grmwen nur den ersten Peffonenkreis umfassen will, ernstlich zum Vorwurf machen, daß sie Personen nicht aufnimmt, die zu den: sich mit den^ ersten Kreise nicht decketen Teil des zweiten und dritten Kreises gehören? Und kann man auch nur mit dem A:ffchein von Ernstlichkeit behaupten, daß eine solche Organisation die Personen, die demnach außerhalb ihrer Mitgliedsgrenzen stehen, zu „Juden zweiter Klasse" herabwürdigen wolle? Ich meine, man kann es genau so wenig behaupten, wie man sagen kann, der Geigenvirtuose sei ein Mensch oder Staatsbürger zweiter Klasse, weil er in den A^valtsverein nicht eintreten könne. Ms Mitglied des Anwaltsvereins werde ich den Künstler achten, wenn er als Mensch n:ir achtungswürdig erscheint, ich werde mit ihm parteipolitisch zusammengehen, wenn wir die gleichen politischen Ansichten haben, unk ich werde mit ihm das gleiche Bethaus besuchen, ivenn in uns das gleiche religiöse Empfinden wohnt. Ich werde vielleicht auf dem parteipolitischen und religiösen Gebiet, möglicherweise auch auf manchen anderen Gebieten, ihm näher stehen, als irgend einen: meiner „Vereinsbrüder" vom Anwaltverein. Aber darum kann ich ihn doch nicht zur Aufnahme in diesen Verein Vorschlägen, denn ein Geigenvirtuose fft nun einmal kein Anwalt. Bleibt also zu untersuchen, was Deutsches Nationalgefühl" heißt. Und hierüber werde ich mich freilich mit Herrn Spitz nicht einigen können. Er sucht mir zu beweisen, daß mein Nationalgefühl nicht das richttge, daß es in Wahrheit Nationalismus sei, aber er redet an mir vorbei, und genau so würde ich an ihm vorbeireden müssen, wenn ich ihn zu widerlegen versuchen wollte. Denn hier handelt es sich nicht um Dinge, die überhaupt beweisbar, die mit dem Berstate auch nur zu fassen sind, es Handel sich nicht um Ideen, sondern um Gefühle, die man nur mit dem Herzen begreifen kann. „Alan hat es oder hat es nicht." Jeder Mensch sieht die Dinge der WÄt durch die Brille, die ihm die Natur aufgesetzt hat. Jede Brille ist ein wenig anders getönt; denn Abstammung und religöfes Empfinden, körperliche und geistige Veranlagung, Bildungsgrad, Stand, Beruf, Vermögensverhältnisse und manche anderen Faktoren steuern Farbennüancen bei. Aber die Grundfarbe wird doch 'bestimmt durch das, was man hat oder nicht hat, durch das Gefühl, das in der Seele des Kindes schon liegt, wenn es den ersten Schrei tut. Und diese Grundfarbe ist entscheidend dafür, in welchem Licht uns die Welt erscheint, sie rückt diesen oder jenen Teil der Erscheinungen in den Vordergrund und läßt den Rest als Nebendinge unscharf zurücktreten. Herr Spitz bekennt sich offen als „Zwischenschichtler" im Sinne meiner Einteilung, ut in diesem Punkte sind wir einig. Seine Brille ist anders gefärbt als die meine; denn zur Färbung hat bei ihm das Judentum, bei mir das Deutschtum stärker 'beigetragen. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob Judentum in diesem Sinne religiöses oder Stammes-Emp-finden bedeutet. Herr Spitz meint das erstere. Ich halte diese Ansicht für Selbsttäuschung und glaube, daß es ein stärkeres Stammesempfinden, ein nur gefühlsmäßig faßbarer Rest von Stammesstolz ist, der einer Brille die Grundfarbe gibt, ein unbewußtes Nachwirken der jahrtausendelang gezüchteten mysttschen Vortellung von der Auserwähltheit des Stammes. Aber das ünn ich natürlich nicht beweisen und es kommt auch nicht daraus an. Das wesentliche ist, daß Herr Spitz die Welt anders steht, anders sehen n:uß, als ich und meine Gefühlsgenossen. Das kann ich ihm und er sollte es mir nicht vorwerfen, denn wir 'beide haben uns unsere Brillen nicht ausgesucht. Aber danüt komme ich zu dem einzigen, was ich Herrn Spitz und den „bewußten Zwischerffchichtlern" einer Art wirtlich zum Vorwurf machen muß, daß sie so gar kein Verständnis für das Zwingende haben, das ihre und unsere Art von einander scheidet, daß sie uns durchaus davon überzeugen wollen, ihre Art sei die einzig „normale" und unsere die abnorme, ja verächtliche. Normal fft das, was mit der Art einer überwiegenden Mehrheit übereiutimmt, wie ja jede sogenannte Wahrheit nur eine Mehrjeitswahrheit ist. Herr Spitz und die Seinen nehmen diese Mehrheitslvahrheit für sich in Anspruch und die Mehrheit, die sie meinen, ist die der deuffchen Juden. Nicht einmal in diesem Sinne ist ihre Annahme richtig, denn — von den nationaldeutschen Juden ganz abgesehen — teilen die Zionisten und Jüdischnationalen einen erhebichen Bruchteil der deuffchen Juden dar. Aber vor allem erscheint es mir falsch, den Begriff der Mehrheit überhaupt auf die deuffchen Juden zu beschränken und zu vergessen, daß es in Deuffchland schließlich auch Nichffuden gibt, daß die Juden kaum ein Hundertstel der Volksgesamtheit ausmachen. Darf man die übrigen 99 Hundertstel einfach ausschalten, wenn man feststellen will, was für einen Deutschen — und das will Herr Spitz doch sein — „normal" ist? Das ist der Kernpunkt des Problems. Wir nationaldeutschen Juden, deren Brillen trotz der durch Abstammung und Religion bedingten Tönungen in der G r u n d f a r b mit der unserer nichtjiidischen Volksgenossen übereinstimmt, glauben nur einen Vorzug vor der Zwischenschicht zu haben uitb dieser Vorzug ist ein rein praktischer. Wir glauben, daß wir auf deutschen Wegen schärfer sehen, als jene, daß wir daher schneller, freier und aufrechter emherschreiten können und daß wir deshalb früher und sicherer 'den Platz erreichen werden, an den heute jeder Deuffche gehört. Den Platz, an dem Nichffuden und Juden, geeint durch die Liebe zum deuffchen Vaterlande, Hand in Hand arbeiten können an Deutschlands Wiederaufbau. Wir wissen, daß auch die Zwischenschichtler nach besten Kräften zu diesen: Ziel hinstreben. Aber sie sehen nun einmal den Weg nicht so klar vor sich, wie wir, und dämm müssen sie auf Schritt und Tritt stolpern und straucheln, darum muß ihre Marschkolonns auseinandersallen und viele von ihnen werden das Ziel niemals erreichen. Wir verachten sie deshalb nicht, aber wir wollen uns auch von ihnen nicht einreden lassen, daß Stolpern die normale Art der Fortbewegung sei. Und wir werden lächelnd die Achseln zucken, wenn die Zurückbleibenden hinter den besseren Fußgängern herschimpfen, wie Herr Spitz in seinem oben erwähnten Aussatz oder das von ihn: so warm verteidigte „Berliner Tageblatt". Wir werden auch weiterhin ruhig und sicher unseres Weges gehen, ohne um Mitläufer zu werben, die uns nur hindern könnten auf dem Eilmarsch zum Ziel. Dem Ziel, das kein Ende ist, sondern ein Anfang, kein MW-llbllM Wenüvereill;u Mn. Sonntag, den 5. Juni 1921! Vormittag s - Ausflug nach Wannsee - Potsdam. Treffpunkt 9 Uhr: Stadtbahnsteig deS Bahnhofs Zoolog. Garten mit Billett nach Wannsee. Treffahrt mit dem Potsdamer Ili.

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