Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 23 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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der Verleumdung und des Hasses zu stellen, die nicht mehr unib nicht weniger bolschewikische Fanatiker oder Verführer sind, die mit noch mehr Recht verdienen, aus dem Lande hinausgejagt zu werden, als die Roten, die in: Vorjahre des Landes verwiesen wurden." Die christlichen amerikanischen Biirger, die so tatkräftig den Kampf gegen die antisemitische Pest aufnehmen, 'haben völlig richtig erkannt, daß sie selbst ebenso, ja fast mehr als»die Juden die Angegriffenen in diesem Streit sind, da in religiöser Hinsicht die Anwürfe gegen die jüdische Religion unbedingt auch die christliche Lehre in ihren Grundfesten berühren, und in politischer Hinsicht die Versuche, einen Teil der Staatsangehörigen zu Bürgern zweiter Klasse herabzudrücken, Dolchstiche gegen die Hauptforderung der Demokratie sind. Rus -ein Reich. München. Die jüdische Frage. Die tiefgehende Entfremdung der einzelnen Schichteil untereinander lind namentlich der tiefe, zwischen Juden und Christeil nach Bekenntnis lind Abstammung bestehende Gegensatz hat die Münchener Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranlaßt, in geladenem, aber durchaus nicht einseitigem Kreise eine Aussprache herbeizuführen. Diese wurde int überfüllten oberen Saale des „Bauerngirgl" am Montag abend gehalten. Anwesend waren dabei mich Landtagspräsident Königbauer, Kultusminister a. D. Abg. von Knilling, Bürgernieister Schmid, Staatssekretär Stengel u. a. Der Hauptredner des Abends, Syndikus des Zentralvereins Dr. Wiener, gab in eiilem über einstündigen Vortrage an der Hand von reicher Literatur einen Ueberblick über deil gesanlten Fragenkomplex des Judentums, betonte zunächst, daß der Zentralverein fest auf deutschem vaterländischem Boden stehe und seine Mitglieder in der Pflege dieser Gefühle stärken wolle, lind ging dann näher auf die einzelnen, dein Judentum gemachten Vorwürfe ein. Einer der häufigsten Vorwürfe in Bayern und München sei, daß die Juden die Revolution gemacht hätten. Wenn es auch richtig fei, daß Juden führende Persönlichkeiten der Revolution in Rußland und der Räterepublik in München gewesen sind, so müsse dieser Unlstand eben historisch betrachtet werden. Der Jude an sich ist konservativ und macht keinen Umsturz, aber er hat iw Rußland die Grausamkeiten der Judenverfolgung durch das zaristische Regiment erfahrell nlüssen, um zrl dem Haß gegen dieses Regiment gekommen zrl sein. Zudem feien nicht alle Sowjetführer Juden; unter den 17 Mitgliedern des Zentralkomitees sei nur ein einziger Jude: Trotzky; verschwiegen weltde dazu, daß die Todfeinde der Bolschewisten, die Menschewisten, auch Inden sind. Die bolschewistische Herrschaft habe den Juden nicht dell geringsten Nutzen gebracht; über 100 000 Juden wurden von den Bolschewisten ulngebracht, alle ihre wirtschaftlichen und religiösen Einrichtungen zerstört. Auch in Deutschland habe das Judentum mit den Politischen jüdischen Wirrköpfen der Revolution nichts zu tun. Es sei durchaus falsch, wenn behauptet wird, die Juden seien eine einheitlick)e geschlossene Macht, die nach Weltherrschaft strebe. Man verschweige ferner, daß auch Christen Revolutionäre waren und sind und daß unter den Geiseln sich auch ein .Jude befand. Daß die Juden heute ausschließlich in den Reihen der radikalen Linksparteien sind, erkläre sich daraus, daß in den rechtsstehenden Parteien jahrelang der Grundsatz des Antisemitismus bestand; dadurch wurde das bodenständige deutsche Judentum förmlich in die Linksparteien hiueingetrieben. Richtig sei auch nicht, daß die sämtlichen SozialsteNführer Juden seien, nicht einmal David, Liebknecht, Klara Zetkin, Kautsky u. a. seien Jlchen. Was die jüdischen Regierungsmänner betrifft, so wollten diese selbst gar nicht Juden sein, ondern nur Politiker. Bezüglich der Ostjudenfrage führte der Redner aus, daß während der Kriegszeit etwa 8000 bis 10 000 Ostjuden von der Regierung eingeführt wurden als Ersatz für kriegsdiensttaugliche Bergarbeiter, und diese eien eben jetzt noch da. Im übrigen würde man diese Ostriden noch einmal sehr gut gebrauchen können als die Vermittler des nach dem Osten hin sich entwickelnden deutschen Handels; England macht alle Anstrengungen, die Ostjuden ür die Zwecke seines Handels zu gewinnen. Der Redner bemerkte dann bei der Erörterung der Rassenfrage, daß Deutschtum und Germanentunr durchaus nicht identisch seien in bezug auf Rasse. Es sei absolut nicht nachgewiesen, daß die arische Abstammung für das Wirken am Deutschtum notwendig sei. Zahlreiche große Deutsche, die als „deutsch" in Beschlag genommen werden, waren und sind jüdischer Abstammung. Zu dem Vorwurf der Drückebergerei der Juden im Kriege wies der Referent nach, daß über 11000 Juden im Felde gefallen sind. Schließlich wandte der Referent sich mit besonderer innerer Bewegung gegen den schmerzlichsten aller Vorwürfe, daß die Juden nicht national seien; das sei durchaus falsch. Die Aussprache war sachlich und ruhig, fiel aber gegen das in Fornr und Sachdarstellung vortreffliche Referat stark ab. Lediglich zwei Redner, Herr Meyer-Absberg und Landtagspräsident Königbauer, wurden mit ihren eindringlichen, zur Versöhnung mahnenden Worten dem Zweck des Abends gerecht, indem sie die ethische und moralische Seite der Frage hervorhoben, einerseits mehr Zurückhaltung gewisser das Volk aufreizender jüdischer Kreise wünschten, und anderseits den großen Gedanken der untrennbaren Volksgenreinschaft als das Vordringlichste in unseren Tagen der gemeinsamen Not betonten. In seinem Schlußwort betonte Dr. Wiener noch, daß das vaterländische Judentum mit der zionistischen Richtung nichts zu tun habe, und daß es nicht angehe, hie Jude, hie Christ zu rnfen, daß vielmehr von beiden Kulturen eine Brücke zu einander hinüber führe. Hamburg. In der letzten Sitzung des Repräsentautenkollegiums der Deutsch-Israelitischen Gemeinde rief der Antrag des Vorstandes auf Beitritt der Gemeinde zum Deutsch-Israelitischen Gemeindebund ans Grund seiner durch die Gesamtorganisation geschaffenen Verfassung lebhafte Auseinandersetzungen hervor. Oberlehrer Schloß begründete den Widerstand der Orthodoxen gegen den Beitritt auf Grund der abgeänderten Verfassung. Es trenne sie eine ganze Weltanschauung von den meisten Mitgliedern des Gemeindebundes. Rektor Feiner und Dr. Fränkel wandten sich gegen eine Vertagrmg. Herr Gemeindevorsteher Dr. Samson erklärte im Namen des Gemeindevorstandes, daß dieser sich nicht an -den Arbeiten einer gemischten Kommission beteiligen würde, da die Angelegenheit bereits seit zwei Jahren die Gemeindebehörden beschäftigte und vollständig spnlchreif sei. Nach stundenlanger Aussprache, in der Herr Dr. Kalmus als Delegierter der Hamburger Gemeinde bei den Berliner Gründungsverhandlungen nochmals darauf hinwies, daß man allen Wiinschen der Orthodoxeil entgegengekommen sei, wurde der Antrag auf Vertagung mit großer Mehrheit abgelehnt. Es wurde angenommen, daß das Repräsentantenkollegium sich mit dem Beitritt der Gemeinde zum Gemeindebund einverstanden erklärt unter der Voraussetzung, daß der Gemeindevorstand auf dem ersten Bundestage den Antrag auf Ausnahme eines Passus in die Statuten stellt, wonach die Bundesorgane nichts unternehmen dürfen, was gegen die Vorschriften des überlieferten gesetzestreuen Jlldentums verstößt. Heidelberg. U e b e r die weltgeschichtliche Bedeutung des i s r a e l i t i s ch e n Prophetism u s sprach auf Einladung der Israelitischen Gemeindebibliothek Universitätsprofessor Dr. Niebergall. Er führte etwa aus: Wir niüssen in Jahrhunderten denken, wenn wir das Weltgeschehen begreifen, es innerlich erfassen wollen. Unsere ganze geistige und seelische Kultur führt auf zwei Linien zurück, die bald ohne Fühlung, bald parallel miteinander liefen oder sich gar kreuzten. Die eine Linie kommt aus dem Jsraelitentum, die andere aus dem Griechentuul. Denr letzteren verdanken wir die Philosophie die die Probleme des Erkennens und Seins zu lösen sich bemühte; es schuf eine Religion, die cunf spekulativem Wege zrr dem Urseienden führte und von Mythos und Mysterium dnrchtränkt war. Ganz anders gestaltete sich die Welt der großen israelitischen Propheten, eines Amos und Hosea, eines Jesaja und Jerenria. Sie haben ihrem Volk nach dessen nationälenr Untergang eine Weltgeltung von unvergänglicher Darier geschaffen. Die Stellung dieser Großen zu Gott entsprang nicht der Angst, sondern der Ehrfurcht vor dem heiligen Gott. Sie erkannten ihn nicht mittels kühler metaphysischer Erwägrmgen wie die Griechen, sie fühlten und erlebten Gott mjt warmer Hingabe, mit innerer Sehnsucht nach denr Sittlich-Vollkommenen. Wo sie Mystik hineinwoben, war sie keuscher Art, rlnd wo sie Mythen übernahnien, da wurden sie umgestaltet von dem geistigen und sittlichen Gehalt dieser Weltreligion, deren Lebensinhalte eben das Ethisä)e, Soziale und Menschliche darstellen. Die Achtung vor dem Nächsten als dem Menscheir schlechthin bildet den Höhepunkt dieser GedankeMvelt, wie sie auch im entstehenden Christentum, ihren Ausdruck fand. Während dann in der mittelalterlichen Kirche nach Auffassung des Redners das griechische Moment wieder überwiegt, führte der große Reformator Luther das Christentum wieder zur biblisch-prophetischen Geisleswelt zurück. Ihm ist Religion Glaube, und Glaube ist Vertrauen zu Gott als dem heiligen Willen. Der Geist Luthers atmet wieder Kultur- und Welffreudigkeit, er 'fyat aufgeräumt mit deu Mysterien, und das ist der Geist des israelitischen Prophetismus. Als die letzten Kreuzungspunkte der zwei Linien bezeichnete der Vortragende Schiller, Goethe und Kant. Er schloß mit der Aufforderung, daß wir uns alle besinnen möchten auf die Quellen, aus denen Leben und Ewigkeitswerte fließen, daß wir keine Gräben reißen, vielmchr Brücken bauen sollen. Die von tiefer Ueberzeugungstreue und wissenschaftlichem Geist getragenen Ausführungen lösten bei der überaus zahlreichen Zuhörerschaft, die mit sichtbarer andächtiger Aufmerksamkeit dem Redner Ohr und Herz lieh, starken Beifall aus. Chemnitz. Im hiesigen jüdischen Jugendverein sprach letzthin Dr. Walter Brinnitzer über „Pazifismus und Judentum" unter lebhaftestem Beifall der zahlreichen Anwesenden. München. Zu schweren antisemitischen Ausschreitungen kam es kürzlich gelegentlich einer Veranstaltung der wissenschaftlichen Vereinigung Gnosis. Die Gesellschaft wollte im Rahmen eines Vortragszyklus über Weltanschauungsfragen, nachdem bereits Vorträge von Vertretern anderer Konfession vorausgegangen waren, Rabbiner Dr. Bärwald sprechen lassen. Zn Beginn seiner Ausführungen wurde der Redner durch eine Schar jugendlicher Skandalmacher, die zum Teil gewaltsam in den Saal eingedrungen waren, unterbrochen. Es kam zu eine in großen Tumult, bei dem die deutschvölkischen Eindringlinge den Vorstandstisch und das Rednerpult umwarfen und wahllos aus das Publikum mit Stöcken und Stühlen einschlugen. Ter Vortragende konnte nur mit Mühe gegen die Wut der Ruhestörer geschützt werden. Der Vorsitzende und mehrere andere Teilnehmer der Versammlung wurden schwer mißhandelt und zum Teil erheblich verletzt. Der Polizei, die alarmiert worden war, gelang es, einige der Ruhestörer zu verhaften. Kus dem Kuslanü. Wien. DerArierparagraphimösterreichis ch e n T o u r i st e n k l u b. (Rach Tumultszenen angenommen.) Im Festsaal des Rathauses fand die außerordentliche Generalversammlung des Oesterreichischen Touristenklubs statt, die darüber zu entscheiden hatte, ob fernerhin als Mitglieder nur Personen arischer Abstammung ausgenommen werden sollen. Die von etwa 4000 Mitgliedern (der Klub zählt 11 000 Mitglieder) besuchte Versammlung wurde vom Präsidenten Matras mit der Aufforderung eröffnet, die guten Traditionen des Klubs zu wahren und die Redefreiheit zu achten. Tie Ermahnung fruchtete als ich dachte, resp. ich bin gar zu vergnügt, ich kann noch nicht ins Bett finden. Entweder muß ich einen Jndianertanz tanzen oder Dir schreiben. Ersteres wäre mir sympathischer, letzteres ist geräuschloser, und wir haben überall, vis-a-vis und dichtebei und auch unter mir im Kontor liebe Gäste, die nicht gestört werden dürfen. Das heißt,«dem unter mir, dem gönnte ich es. Da liegt nämlich Kurt Wachsner, der Enkelsohn der Jugendfreundin meiner Großniutter. Solche Verwandtschaften, von hundert Aeckern ein Kloß, erklärt man Dir jetzt hier auf Schritt und Tritt. Bei uns wohnen zwei Tanten mit ihrer Schneiderin, einem etwas menschenscheuen alten Fräulein, das sich durchaus nicht ins Abstimmungsgebiet getraut hat. Meine Tanten versprachen ihr Unterkunft mit ihnen zusammen und treues Geleit zur Wahlurne und in alle sonstigen Fährnisse. Auf die Art retteten sie dem Vaterlande eine Stimme und machten sich bei ihrer Schneiderin beliebt. Das Fräulein ist nämlich entzückt von dem Aufenthalt hier. Na, wer wäre denn das nicht! Also die drei Damen haben wir, dann einen Geschäftsfreund; Papas Amme, sie ist 75 Jahre-alt, und eben Kurt Wachsner. Die zwei Tanten und die Schneiderin schlafen in den zwei Betten der Eltern, Papa auf dem Salonsofa, an das wir einen Stuhl gerückt haben, sonst stoßen seine Füße in die freie Luft, Mama hat die Wohnzimmerchaiselongue und ich liege auf einem vom Quartieramt freundlichst zur Verfügung gestellten Strohsackin der Schrankkammer. Wenn ich nicht gerade auf die Erde kullere, schlafe ich himmlisch. Die blaubebänderten Mullvorhange meines weißlackierten Bettes verhüllen zart Papas dreizentnerschweren schwarzbärtigen Geschäftsfreund. Die Amme schläft bei unserem Mädchen. Mit unserer Zwangseinquartierung, die seit einem Jahre unser Fremden- und unser Herrenzimmer bewohnt, sind wir unberufen 20 Menschen, d. h. Nachts; am Tage 40, 50, 60, je nachdem wieviel Kusinen, ehemalige Nachbarn, alte Freunde uns besuchen. Immerzu klingelt es, dann stürze ich hin, und irgend jemand, den ich nicht kenne, nennt mit erwartungsstrahlendem Gesicht seinen Namen. Ich bringe, etwas ratlos, — denn die Stimme des Blutes meldet sich wirklich nicht immer gleich, wenn da irgend so ein altes Glied unserer Familie einen Namen nennt, den ich nicht verstehe — all die Jemands zu meinen Eltern, und — platsch — liegen sie sich in den Armen. Und Mama hält mit selig verzücktem Blick den Gast an beiden Händen prüfend von sich und sagt: „Aber keinen Tag älter geworden! Bei Gott, genau wie vor 30 Jahren!" Kurt Wachsner sagt, wenn vor 30 Jahren die jungen Mädchen schon so ausgesehen hätten, dann freute er sich, daß er nicht damals jung gewesen sei, sondern heute. Er ist sehr frech, der Kurt. Immer bringt er mich ins Lachen vor Respektspersonen. Aber eigentlich sind es ja jetzt alles keine, sie lachen mit über seine faulen Witze, und nehmen ihm nichts übel, auch die älteren Damen nicht. Das kommt, weil alle Leute so gute Laune haben. Du kannst Dir ja keinen Begriff machen, wie vergnügt die Menschen hier sind, als wenn ein einziges großes Fest sei und sie seien alle Geburtstagskinder. Und jeder freut sich auf sein großes, schönes Geburtstagsgeschenk. Ist denn das nun wirklich unser altes, graubestaubtes, schwarzberußtes Jndustriestädtchen?) Die Sonne und all die gute Laune haben es blank geputzt, alles glänzt, alles strahlt, alles lacht. Dagegen kann der Ruß nicht an, und nichts, was sich müht, uns und unser Schicksal schwarz zu färben. Alles kommt mir wie verwandelt, wie neugeboren vor, ich selbst mir auch. Denk mal, Mama stöhnt jetzt noch nicht mal über die hohen Preise, sie kauft ein, nicht als hätten wir Friedenspreise, nein, als kriegten wirs geschenkt. Nichts ist ihr reichlich und gut genug für unseren Besuch. Und Papa läßt ihn sich den ganzen Tag gefallen und ist so vergnügt dabei. Das wundert mich am meisten. Und die Herren gehen nicht wie sonst in das eine Zimmer und spielen Skat, und die Damen ins andere, wo sie sich von ihrem Staat erzählen; sie skaten nicht, sie staaten nicht, sie sitzen alle zusammen, die Alten, die Jungen, die Männer die Frauen und erzählen sich von der einen, Frage, die ja nun gar keine mehr ist: daß wir nun endlich, endlich erlöst werden. Und Du tust mir auch leid, Du Armes, daß Du dort in Deinem stillen Grenzstädtchen sitzst, wo es ist wie alle Tage und wie in allen Städten, und die außergewöhnlichen, die großen Tage nicht miterleben darfst. Nicht wahr, deshalb begreifst Du auch, daß ich mich an unsere Verabredung, auf dem Rückwege noch ein paar Tage bei Euch zu sein, nicht halte. Ein andermal gern. Aber daß ich diese Tage bis zur letzten Minute auskoste, gelt das begreifst Du. Denk mal, wie himmlisch! Im Sommer soll ich Kurt Wachsners Eltern besuchen. Sie schreiben, wir wollten die so zufällig geknüpften, so angenehmen Beziehungen nicht wieder fallen lassen. Er ist aus Berlin. Natürlich, sonst wäre er ja auch nicht so frech. Kinder, 12 Uhr nachts! Aber nun ins Nest! Himmel, wie freue ich mich auf den morgigen, den großen Tag! Tausend Grüße, auch an Dein liebes Muttchen und Dein stilles Harzstädtchen. _ Deine Ilse. Aus der Feder von Geh. Rat Prof. Dr. Eduard König, Bonn, wird demnächst im Verlag von Schwetschke & Sohn, Berlin der 2. Teil der Kritik von Delitzschs „Die große Täuschung" erscheinen. Vücherbejprechungen. Die Nutznießer des Bolschewismus von Dimitri Bulaschow. Der Verfasser dieser im „P hilv-Verlag" kürzlich erschienen Bwschüre rechnet in ausgezeichneter Weise und unter Ausführung wesentlicher und statistisch sestgelcGer Tatsachen mit dem alten reaktionären Schwindelmärchen ab, daß die Juden in Sowjetrußland regierten. In kurzen Zügen den Einfluß des Bolschewismus und seine jetzige Machtstellung beleuchtend, wendet er sich scharf gegen das wahrscheinlich im Aufträge einer allrussischen Zentrale in Berlin entstandene antisemitische Machtwerk von Mlostonski „Im Blutrausch des Bolschewismus", das sich der größten Unwahrheiten und Fälschungen bedient. In den heutigen Zentren der Sowjetmacht, Moskau, Petersburg und Umgegend lebten unter dem zaristischen Regime der Ansiedlungsrayons höchstens 200« 000 Juden. In allen leitenden Sowjetorganisationen befinden sich höchstens 10 Juden, von denen die meisten dem Judentum entfremdet sind oder ihm soaar feindlich gegenüberstehen. (Trotzki.) Dagegen bilden sie einen namhaften Prozentsatz d:r den Bolschewismus bekämpfenden proletarischen Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, während die Mische Bourgeosie aus ihren Reihen viele im führenden Lager der liberalen Kadettenpartei stehende Persönlichkeiten beisteuert. Der Umstand, daßverhältnismäßig viele Juden Sowjetkommissare sind, erklärt sich aus der Tatsache, daß in Rußland, dem Lande der Analphabeten, Bauern und Arbeiter, viele jüdische Kausleute gezwungen werden, ihre sozialisierten Betriebe als „Kommissare" zu leiten, ohne daß sie deshalb zur Fahne des Bolschewismus schwören. Verantwortlich für die Sowjet- Revolution sind nicht die Juden, sondern die Ludendorff und Hofftnann, die während des Krieges den Bolschewistengeist im plombieren Eisenbahnwaggon unter Mitgowe von 50 Millionen Goldmatt aus der Schweiz nach Rußland impottierten. Der Verfasser kommt zu dem Schluß, daß der „Nutzen", den die russischen Juden aus der Sowjetherrschaft zogen, in x/t Million Pogromopfer, 400 000 Waisen, einer zerstörten wirtschaftlichen Existenz und in der Vernichtung Hundetter Mischer Gemeinden, Synagogen usw. besteht. Die Lektüre dieser in kurzen, prägnanten Umttssen alles Wesentliche der Materie sagenden Broschüre ist für die Bekämpfung des Antisemitismus wärmstens zu empfehlen. Rf.