Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 23 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gewiß gibt es heute noch viele Zionisten, die dasselbe wollen und dasselbe erstreben, was sie vor Jahren gewollt und erstrebt halben; aber ihr Wollen und ihr Stroben befinden sich heute einer gänzlich veränderten Welt gegenüber. An Stelle 'der Politisch kraft losen Türkei hält heute das politisch kraft volle England seine Hand über Palästina. Und was zur Zeit der türkischen Herrschaft als eine entfernte Möglichkeit erscheinen konnte, ist heute, seitdem Palästina von England beherrscht wird, eine absolute Utopie. Die Macht dieser Tatsache setzt sich natürlich nicht von «heute auf morgen durch; aber sie wird sich allmählich durchsetzen, und je schneller sie sich durchsetzt, um so besser für die Gesamtheit des Judentums. Die führenden zionistischen Kreise können heute über den.vollkommenen Wandel der Verhältnisse sich nicht mehr im Zweifel befinden. Die letzten Zweifel müßte eine Rede zerstreuen, die Winston Churchill, der englische Staatssekretär fiir die Kolonien, am 28. März in Jerusalem über das Palästina-Problem gehalten hat. Ich kann an dieser Stelle auf die Rede nicht eingehen. Sie besagt, daß Palästina den Arabern, den Juden, den Christen offen stehe; daß es ein Heim für alle Nationalitäten sein solle; daß es aber keineswegs „The National Home sor the Jews" sein könne. Diese subtile Unterscheidung ist bestimmt, das Balfoursche Versprechen als heute noch zu Recht bestehend hinzustellen. Tatsächlch aber führt die Rede von Churchill aus, was entsprechend der englischen Weltpolitik stets und ständig von mir vorausgesägt worden ist, nämlich, daß Palästina zwar auch den Juden offen stehe wie alle englischen Kolonien, aber daß eine Vorzugsstellung mit ganz besonderen Praerogativen Palästina den Juden nicht gewährt und nicht gewähren wird. Damit ist der ursprüngliche zionistische Traun: ausgeträumt und, ganz gleichgültig, welche Stellung einzelne zionistische Kreise gegenüber dieser stahlharten Tatsache einnehmen: es gibt keine vernünftige Hoffnung, die in Aussicht stellen könnte, dieses englische Programm in absehbarer Zeit abzuändern. Die Erkenntnis hiervon wird inehr und mehr um sich greisen, und je klarer es wird, daß der ursprüngliche zionistische Plan einer Verwirklichung nicht entgegengeführt werden kann, um so sicherer wird die zionistische Bewegung in ihrem innersten Kern einer fundamentalen Umwandlung verfallen. Wer sich der erbitterten Streitigkeiten lebhaft erinnert, die zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten stattgefunden Hab e n, der wird aitcl) heute an dem Standpunkt festhalten, der von Herrn Max Vogelstein vertreten wird. Wer als vor a u s s ch a u e n d e r Politiker das in Betracht zieht, was nunmehr kommen muß, der hat ein Recht, schon heute zu erklären, daß der Kanrpf zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten nur noch eine Chimäre ist, weil das zionistische Programm in seiner alten Form heute auf Grund der Macht der Tatsachen als ein überwundener Standpunkt bezeichnet werden kann. Diese Auffassung wird sich allmählich durchsetzen; je schneller sie sich durchsetzt, um so nützlicher für die Gesamtheit des Judentums. Eine ganz andere Frage ist es, in welchem Umfange heute die deutschen Juden Geldmittel für die Entwickelunr Palästinas zur Verfügung stellen können. Deutschland ist verarmt. Die deutschen Juden 'sind es in unserem Vaterlande zum überwiegenden Teile gleichfalls. Daß wir deutschen Juden unter diesen Umständen in erster Reihe für die Aufrechterhaltung jener Institutionen zu sorgen haben, die in Deutschland notleidend, zum Teil schwer notleidend sind, ist selbstverständlich. Aber zweifellos gibt es bei uns noch jüdische Kreise, die es vermögen, Wohltätigkeit in Deutschland selbst zu üben, und die z u g l e i ch sich veranlaßt fühlen, auch fiir Palästina helfend einzuspringen. Diese wohltätigen und gebefreudigen Kreise, von ihrer Bereitwilligkeit für das Stammland der Juden Vorsorge zu treffen, albzuhalten, — hierzu liegt meiner Ueberzeugung nach ein Anlaß nicht vor; ein Anlaß, der hergeleitet werden sott aus dem Gegensatz von Zionisten und Nicht- Zionisten. Dieser Gegensatz wird glücklicherweise bald oder demnächst der Vergangenheit überall angehören. Berlin, den 8. Mai 1921. In größter Hochachtung Dr. P. N a t h a n. Der M kOWlmer MM Gemeinden Mn Sie veMioWniMn S« SenWea Men. Der Provinzialverbaw» rheinischer Synagogengemeinden versendet folgendes Rundschreiben: Köln, im April 1921. An die Synagvgen-Gemein den im Nh einlande. Gegen die am 23. Januar d. I. endlich zur Verwirklichung gewordene Neuorganisation des deutschen Judentums wendet sich in feindseliger Weise ein irreführendes Flugblatt des Bundes gefetzestrcuer jüdischer Gemeinden Deutschlands — Sitz Halberstadt. Im Interesse der Wahrheit und des Friedens hält sich der Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden verpflichtet, ausklärend an die Gemeinden unserer Provinz heranzutreten, um zu verhüten, daß das heißersehnte grundlegende Werk der Gesamtorganisation der deutschen Juden schon im Keime zerstört wird. W a s w ar b i s h e r? " „Was soll jetzt werden?" fragen die Gegner der Einheit des deutschen Judentums und geben darauf die Antwort, daß es sich darum handle, die privatrechtliche Institution des D. I. G. B. in eine öffentlich-rechtliche zu verwandeln. Es handelt sich um andere, größere Dinge. Es handelt sich darum, daß der unglückseligen Zerrissenheit des deutschen Judentums ein Ende gemacht wird, daß wir als eine geschlossene, Achtung gebietende Einheit auftreten und die großen gemeinsamen Aufgaben, die die schwere Zukunft dem deutschen Judentum bringen wird, mit vereinten Kräften zu losen imstande sind. Nur bei einem solchen Zusammenschluß können wir im Namen des deutschen Judentums sprechen und handeln, und nur dann wird man unseren berechtigten Forderungen Gehör schenken. „Welche Folgen hat die geplante Umwandlung des D. I. G. B. für die Zukunft der einzelnen Synagogengemeinden?" fragen die Gegner dsi^Einheit des deutschen Judentums und antworten darauf Dkt kleinlichen finanziellen Bedenken und drohen mit Steuerlasten und Abgaben für die Oiesamtorganisation. W i r fragen: Können solche rein maieriellen Bedenken ausschlaggebend sein, wenn es sich um ein hohes und ideales Ziel, um die ganze Zukunft des deutschen Judentums handelt? W i r erwarten von der Umwandlung eine Hebung und Stärkung der einzelnen Synagogengemeinden, und durch die Tatsache, einem großen Ganzen anzugehoren, ihren religiösen Aufschwung. Bezüglich der materiellen Seite sind wir gewiß, daß sich ein gesunder Ausgleich zwischen den Großgemeinden und den leistungsschwachen kleinen Gemeinden ermöglichen lassen wird, denn die ganze Organisation liegt nach dieserSeite hin nicht sowohl im Interesse der Großgemeinden als ausschließlich in dem der kleinen Gemeinden. „Welche Entschließung erheischt die Selb st erhaltungspflicht von den gesetzestreuen Synagogengemeinden?" fragen die Gegner der Einheit des deutschen Judentums und antworten darauf: Bleibt der Gesamtorganisation fern, tretet sofort dem Bund gesetzestreuer Gemeinden bei. Zur Spaltung rufen sie auf in einer Stunde, deren Gebot die Einigkeit ist wie nie zuvor. Es ist nicht wahr, daß die religiöse'Pflicht es gebietet der Gesamtorganisation fern zu bleiben. Es ist nicht wahr daß alle Forderungen der Orthodoxie nicht berücksichtigt oder abgelehnt worden sind. In dem einen strittigen Punkt des Frauenwahlrechts in den Bundestag treten ebenso große Autoritäten dafür wie dagegen ein. Unberührt bleibt jedenfalls, wie in jedem anderen Betracht, so auch in diesem die Autonomie der Einzelgemeinde, die ihr Wahlrecht völlig nach ihrem Ermessen gestalten kann, denn der grundlegende Gedanke der Verfassung der Gesamtorganisation ist: „Alle Richtungen des Gesamtjudentums sollen unter dem weiten Dache des Bundes eine Heimat finden, jede die bedingungslose Sicherheit haben, daß sie sich frei und unbeeinträchtigt, ohne Reibungen und ohne die Notwendigkeit hemmender Rücksichtnahme, geschützt gegen jede Motorisierung und jeden Eingriff von außen her, nach ihreneigenen Gesetzen und Notwendigkeiten entwickeln kann. Darum Ihr jüdischen Gemeinden des Rheinlandes! Wollt Ihr den Zerfall des deutschen Judentums oder seine Erhaltung? Wenn Ihr seine Erhaltung wollt, dann schließt Euch ungesäumt und a u s - nahmslos der Gesamtorganisation der d e u t s ch e n Juden an. Provinzialverband rheinischer Thnagogengemeinden. I. A.: Geh. Sanitätsrat Dr. <2k Apfel, Vorsitzender. wahres Christentum. Trotz Henry Fords antisemitischer Hetzkampagne, von der wir kürzlich berichtet haben, wollen sich die Amerikaner anscheinend durchaus den antisemitischen Unflat vom Leibe halten. Nach der großen privaten Kundgebung John Spargos, die neben Staasmännern, Dichtern, Industriellen nsw. besonders auch eine sehr große Zahl katholischer und anderer christlicher Geistlicher unterzeichnet hatte, treten neuerdings offiziell auch die „Churches of Christ" der antisemitischen Hetze tatkräftig entgegen. Die beratende Körperschaft dieser kirchlichen Organisation, in der ungefähr 149 000 protestantische Kirchen Amerikas mit rund l 9V1' Millionen Mitgliedern vertreten sind, nahm unlängst auf ihrer, nur alle vier Jahre stattfindenden, beschließenden Sitzung eine Resolution an, in der sie die fortgesetzten Angriffe gegen die Juden beklagt und das amerikanische Volk ermahnt, eine derartige gelneinschädliche Propaganda zu mißbilligen, die darauf hinziele, eine gehässige Unterscheidung nach Nassen in Amerikas politisches System einzuführen. Desgleichen hat der katholische Orden „Knights of Colmnbus", zu dessen Mitgliedern die hervorragendsten katholischen Persönlichkeiten Amerikas gehören, in einem Aufruf an seine Mitglieder und Anweisungen an seine mehr als 2000 Wanderredner in Kanada und der Union gegen Ford und die ganze antisemitische Hetze in Amerika zum scharfen Kampf uufgefordert. Besonders treffend heißt es an einer Stelle des Ausrufes: „Man braucht nur mit den Juden zu beginnen und die Haßkampagne wälzt sich dann auch weiter gegen andere. Der Angriff auf eine Religion oder Rasse entwickelt sich da leicht zu einem Angriff auf jode beliebige Religion oder Rasse. Die katholischen „Knights of Colmnbus" müssen die antisemitische Bewegung bekämpfen, denn sie ist eine unamerikanische Bewegung. Es gckbe in jeder der vielen Rassen Amerikas unerwünschte Elemente. Das ist aber noch kein Grund zum Bannfluch gegen die ganze Rasse. Solange Rassenhetzen ihren Führern und Agitatoren Profit und billiger: Ruhm bringen können, werden wir immer von antijüdisck-en und ähnlichen Anti-Bewegungen geplagt werden. Es liegt in unserem Interesse, uns gegen diese dunklen Kräfte «Ggges - die öuöenheit". (Schrift von Rabbiner Dr. Fuchs-Chemnitz, Verlag Gustav Engel-Leipzig 1921.) Die Erkenntnis, daß «ber jüdische Liberalismus in: Kampfe um seine Existenz steht, ist von: Lager der Gegner aus langsam auch zu uns gedrungen. Aus der Notlvendigkeit des liberalen Judentums muß der Weg zur Existenzmöglichkeit gesucht weiden. Rabbiner Dr. F u ch s aus Chenmitz*) glaubt diesen Weg gefunden zu haben. Sehen wir uns ai:, wohin er uns führt. In seiner kleinen Schrift „Gyges — die Judenheit" schildert er die Krise, in der der jüdische Liberalismus heute schwebt. Ihm, der noch seinen Namen unter die „Richtlinien" gesetzt hat, fällt es besonders sclstver, zu erklären „Die Richtlinien waren nicht der Anfang einer neuen, sondern der Schluß der Vorangegangenei: Zeit.... Das Absterbei: der „Vereinigung des liberalen Judentums" ist das Symbol dafür, daß die liberale Idee nicht mehr die führende Macht in der deutschen Judeicheit ist. Man kann ihm nicht vorwerfen, daß er über der äußeren Form den Inhalt, das Wesen vergäße, denn er weiß: „Die ewige Wahrheit des Judentums hat der Liberalismus hüllenlos geschaut, vielleicht reiner als irgend eine jüdische Richtung vor ihn:. Aber „er blieb in der Theorie stecken"; es ist ihm nicht gelungen, jüdisches Sein in die indifferente Masse zu tragen. Den Weg zur Rettung sieht er in einer Betonung des jüdischen Gemeinschaftsgeistes, der ihm auch heute in religiös gleichgültigen Kreisen als kettendes Bcnid vorhanden scheint. „Erkennen wir an, daß die Gemeinschaft der Jrckenheit die führende Idee und -geistige Macht im Judentum ist und künftig sein soll." Soweit können wir mit Fuchs zufarmnentzehen, in: folgenden aber scheiden sich unsere -Wege. Was sollen wir dazu sagen, wenn Fuchs diese jüdische Gemeinschaft als Selbstzweck sicht, wenn ihm Wille znm Judentum nichts weiter ist als Wille zum jüdischen Gemeinschaftsgeist! Müssen wir nicht energisch uns von ihm wenden, wenn er fragt: „Soll das Judentum allein auf *) «Gyges — die Judenheit" von Rabbiner Dr. Fuchs, Chemnitz, Leipzig Verlag Gustav Engel 1921. seinen Thesen hocken und starr auf seinen Beweisen für die Wahrheit und Güte seiner überlieferten Heilswahrheilen bestehen, womit man doch keinen Hund mehr hinter den: Ofen hervorlocken kann, kamen Abtrünnigen und noch weniger einen Judenfeind bekehrt?", wenn es für ihn „dahingestellt" sein kann, „ob das Judentum eine Substanz in metaphysischem Sinne oder bloß die Summe der geistigen Aeußernngen der Inden und der jüdische!: Gesamtheit ist." Für uns ist das Judentum etwas Absolutes, Zeitloses, daß zwar, wie auch Fuchs meint, „eine regulative Idee, nicht festes Gedankengebilde ist", das aber immer uttlb unabhängig von der jeweiligen Lage und Einstellung der Judenheit Ziel sein muß. Wir können uns nicht damit einverstanden erklären, daß es genügend wäre, den jüdffchen Genwinschastswillen zu pflegen und glauben nicht mit Fuchs, daß ivir damit allein letzter: Endes der Religion Helsen. Vielmehr sind wir der Ansicht: Judenheit ist Träger; Judentum ist Ziel. Nur durch das Ringen mit dem Judentum, nur durch die Pflege des Judentums als Religion haben wir als Judenheit Existenzberechtigung. Das gerade ist unsere hohe Bedeutung, daß wir nicht um unserer Selbst, sondern um einer großen Idee willen da sind, leiden müssen, doch siegen werden. Der amerikanische Dichtevphilosoph Emerson hat einmal gesagt: „Alle Reform strebt dahin, die Seele ihren Weg durch uns nehmen zu lassen." Wir Pflegen dei: jüdischen Gememschaftswillen um unserer 'Seele, der jüdischen Religion, willen. Von der Existenznotwendigkeil eines Jeden ausgehend, ziehen wir die Grenzen gegenüber den verschiedene!: jüdischen Parteiungen scharf, betonen das gemeinsam Jüdische durch das Einstehen für die Gründung eines (^esamtverbandes der Juden in Deutschland, durch Anteilnahme am großen sozialen Hilfswerk in Palästina, sii:d aber bewußt jüdisch-liberal d::rch das Ablchnen jedes Kompromisses mit irgend einer Erscheinungsform des Zionismus. Die Krise des liberalen Judentums wird durch die Jugend überwunden werden. Das Streben nach jugendlicher Lebendigkeit und religiöser Vertiefung, der jungjüdffche Gemeinschaftsgeist in: Sinne des Judentums als Religion wird dem jüdischen Liberalismus Auferstehung werden._ W. I. Mstimmungötage. Von Anna G v l d s ch m i d t. An: 19. März 1921 kreuzten sich auf der Strecke Kattowitz O.-S. — Nordhausen a. H. folgende zwei Briefe: Nordhausen, den 18. Mürz 1921. Meine arme, liebe Freundin! Ich weiß nicht, ob Du heute dazu aufgelegt bist, Briefe zu empfangen, aber Mama meint, man müsse in schwerer Stunde die Teilnahme feiner Freunde merken, auch wenn sie einem in dem Augenblick gerade einmal lästig sei. So nimm denn meinen Händedruck mein armes Mädchen in dieser schweren, schweren Zeit. Mama uyd ich sind soviel in Gedanken bei Euch. Wir sehen Euch im Geiste da beieinander sitzen, Euch Einheimische und Euere weitgereisten Gäste, Ihr entnervt von der langen Zeit vorher in Hangen und Bangen, sie todesmüde von der oft so weiten unerfreulichen Fahrt, und beide vereint in der dumpfen Angst von dem Kommenden. Mama meint, daß Ihr Oberschlesier jetzt verurteilt seid, Gäste aufzunehmen, in solcher Zeit und solcher Stimmung, das scheine ihr beinahe mit das Grausamste. Du lieber Himmel, wenn man in Gefahr ist, seine Existenz, seine Heimat, seine Wohnung, sein alles zu verlieren, dann soll man sich noch den Zwang auferlegen müssen, höflich oder gar noch liebenswürdig gegen Besuch zu sein. Wir würden uns nicht wundern, wenn zartere Personen, wie z. B. Deine gxme Mutter, zusammenbrächen unter diesen unmöglichen Aufregungen. Ich kann mir vorstellen, daß Ihr nun in den Tagen der Entscheidung gar keinen Mut mehr aufbringen könnt, maßlos verzagt oder stumpf und gleichgiltig geworden seid. Wie mancher mag nicht mehr die Kräfte haben, zur Abstimmung zu gehen oder wie im Traum dahinschwanken. Wie der Tag auch ausfallen möge, verzweifelt nicht, es kommt auch wieder besser. Ich erinnere an unsere Verabredung, — und Mama schließt sich herzlich meiner Bitte an, komm auf dem Rückweg, wenn Du in Deine Pension zurückreist, ein paar Tage zu uns, daß wir Dich wieder ein wenig aufrichten und Du unter friedlicheren Eindrücken die Qualen der Abstimmungstage vergißt. Du bist uns in jeder Verfassung (ach, jede könnten wir begreifen) willkommen, auch wenn Du keinen Menschen um Dich haben kannst von nervöser Reizbarkeit oder nicht allein sein kannst in einer ewigen unbestimmten Angst. Man schämt sich ordentlich, daß man hier so friedlich und sicher lebt. Beruhige bald Deine Dichlieb. Anni. Kattowitz, den 18. Mürz 1921. Liebste Anni! Gerade als es wieder mal so extra himmlisch war, fiel mir mein Versprechen ein, und mir kam der Gedanke, daß es wohl nie gehalten werden würde. Annilein, es wird gehalten, Du bekommst den versprochenen Brief aus den Abstimmungstagen. Ich bin ein viel anständigerer Mensch, ^83035