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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-05-13 · 23 (13.5.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
23 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zn dem Wiederaufbau Palästinas, den die politischen Zionisten jetzt endlich ernsthaft in Angriff nehmen wollen, glauben auch Wortführer des liberalen Judentums ihre Gesinnungsgenossen aufntfen zu sollen. Da sich die Inden aller Länder daran beteiligen, so dürfe das deutsche Judentum nicht beiseitestehen, wenn es nicht seinen Einfluß ans das Gesamtjudentum verlieren wolle. Sodann verspricht nun: sich davon eine Stärkung 'des liberalen Judentums. Dieses hat in der Diaspora keine Autorität und Lebenskraft. Es werde sie erlangen durch ein neues jüdisches Palästina. Hier wird nur ein aus der Starrheit des orthodoxen Judentums erlöstes liberales Judentum bestehen können. Denn das Judentum des neuen Palästinas ist nur denkbar als ein mit der modernen Kultur und Zivilisation in Einklang stehendes, das über einengende und dem nwdernen Menschen unerträgliche Satzungen zur Tagesordnung übergeht. Dann aber wird es als Judentunr im Mutterlande a!s eine unanfechtbare Rechtfertigung des verwandten im Anslande zu gelten 'haben. Beide Begründungen befinden sich auf verhängnisvollen Irrwegen, vor denen nicht dringend genug gewarnt werden kann. Der Wunsch, auch dabei zu sein, wäre immerhin zu begreifen, obzwar auch dann nicht ohne weiteres zu billigen, wenn das Judentum eine politische Größe wäre. Das aber ist es nicht und soll es nicht sein. Es ist ausschließlich eine geistige Macht, und der Einfluß des deutschen Judentums, den die Geschichte einst verzeichnen wird, hängt nicht davon ab, wieviel Mitglieder nach Maßgabe der gelieferten Geldbeiträge im Aufsichtsrat für die Verwaltung Palästinas sitzen werden, sondern nach den geistigen Werten, die es schafft. Im neunzehnten Jahrhundert spielte das deutsche Judentum in der politischen Leitung der Gesamljudenheit keine irgendwie nennenswerte Rolle. Diese hatten vielmehr die Philanthropen Englands und Frankreichs, ein Moses Montefiore, ein Adolf Cremienx und die von Paris aus geleitete Alliance Jsraelite Universelle. Und doch hatte das deutsche Judentum unbestritten die Führung des Judentums in der ganzen Welt, während das französische und englische dafür bedeutungslos waren. Weil Deutschland die Heimat der nenerstandenen jüdischen Wissenschaft, einer neuen Auffassung und Darstellung der Geschichte und Lehre des Judentums und einer darauf gegründeten Neugestaltung des jüdischen Kultus und Unterrichts war. In allen religiösen Kämpfen, Parteiungen und Reformen war das deutsche Judentum der Fahnenträger und lieferte für alle anderen Länder die Stichwörter, Ideen und Formen. Solches aber kam davon, daß dieses deutsche Judentum in deutscher Lust aufwuchs und mit deutschem Geiste genährt war, der seinerseits besonders in den Geistes- und Geschichtswissenschaften die unbedingte Führung in der Welt hatte. Die Zunz, Geiger, Frankel, Hirsch ustv. waren die Jünger eines Kaut, Fichte Schelling, Hegel, der Böckh, Grimm, Niebuhr, Savigny und der ganzen Schar glänzender Geister, die für alle Zeiten Deutschlands Ruhm sein werden, den kein Oberster Rat konfiszieren kann. Das deutsche Bolk wollte freilich auch eine politische Macht sein und hat ein Recht darauf. Aber die Triumphe des Judentmns können nur aus geistigem Gebiete liegen. Daher wird die Jndenheit des Landes die Führung haben, das hierin vorangeht, und ein einziger großer Mann, der dem Judentum neue Wege weist, der in unserer Religion neue Tiefen erschließt, wird mehr wiegen als sämtliche Milliardäre Amerikas. Solche Männer hervorzubringen und ihnen durch ein reiches und kraftvolles geistiges und religiöses Leben den Boden zu bereiten und durch jegliche Förderung die Wege zu ebnen, trachte das deutsche Judentum, dann wird es der wahre Hohe Rat des Weltjrtdentums sein. Und es wird nichts bedeuten, sollte es auch die meisten Sitze im Palästinarat innshaben, wenn es religiös weiter stagniert, seinen Lebensinhalt in Verwaltung, Organisation und Betrieb sieht, in künrmerlichen Mittelmäßigkeiten und weniger seine geistigen und geistlichen Führer sindet und sie zu Funktionären und Beamten degradiert. Und mag Deutschland politisch zusammengebrochen sein, sein Geist, der einst die Welt führte, ist noch nicht tot und dämm auch das deutsche Judentum noch nicht verurteilt abzudanken, wenn es nicht will. Was aber nun gar die Hoffnungen des liberalen Judentums auf Paläsüna betrifft, so faßt man sich an den Kopf, wenn man dergleichen hört. Dieses liberale Judentum ist nämlich ganz wesentlich entstanden als Opposition gegen die Gebundenheit des Judentums an Paläsüna! Es wollte Emst machen mit der geschichtlichen Entwickelung, die Israel von diesem Lande gelöst hatte, nnt der Einbürgerung in das Vaterland, das eine neue Zeit ihm gegeben hatte, während Palästina höchstens noch eine verblaßte pietätvolle Erinnerung bilden sollte. Und entchlossen zog man die Konsequenzen für das religiöse Leben: alle Gebete um Wiederherstellung des Tempels, des Opserdienstes, eines jiidischen Reiches, einer Zurückführnng in das heilige Land wurden gestrichen und aller solcher Hoffnung und Sehnsucht tvard feierlich entsagt. Und jetzt soll sich das liberale Judentum wieder dazu bekennen! So wäre also die vielgerühmte „Entwickelung" nur eine Bewegung im Kreise? Aber, sagt man, das neue Palästina wird eben ein anderes sein, ein Zentmm liberalen Judentums. Man wird sich gründlich täuschen! Glaubt man etwa, daß selbst wenn ein Synhedrion in Jemsalem beschließen würde, es sei von jetzt an erlaubt, Schweinefleisch zrr essen, am Sabbat zu arbeiten, zu handeln, zu fahren rmd zri rauchen oder am Jom Kippur zu essen (und darin besteht ja doch Wohl praktisch der „Liberalismus" unzähliger Juden), dies für irgend jemand irgend eilte Autorität besäße? Der radikale oder indifferente Libertinismus (denn das, nicht Freisinn ist er) bedarf ihrer längst nicht mehr, und die Orthodoxie würde sie selbstverständpch nicht anerkennen. Denn dies wiederaufgebaute Palästina wäre kein ganz neuer Anfang, sondem eine Fortsetzung. Man vergißt, daß das Judentum eiU kanonisches heiliges Buch und ein Gesetz besitzt, das für göttlich offenbart und für alle Zeiten unaufhöbbar gilt. Nun sagt man: damit wird sich eine gänzlich geänderte Zeit schon irgendwie abfinden. In gewissen: Umfange glaube ich das auch. Bei eindringendem Studium des jüdischen Gesetzes und feiner Geschichte muß man immer von neuem über seine Bildsamkeit und Wandlungsfähigkeit erstaunen. Es ist ganz verkehrt, von seiner „Starrheit" zu roden. Die Gefahr eines geschriebenen Gesetzes fand ihr Korrektiv in dem 'Begriff des fließenden „mündlichen Gesetzes", eine geniale (wenn auch in: Namen nicht reinjüdische) Konzeption. Aber die umdeutende Auslegung hat doch ihre Grenzen, die sich niemals über das moderne liberale Judentum erstrecken würden. Es würden sich dieselben religiösen Kämpfe abspielen, dieselben Gegensätze und Parteien entstehen, die wir in allen andern Ländern haben. Auch Palästina liegt auf dieser Erde, und Gedanken und geistige Strömungen lassen sich nicht absperren. Genau so ist es zu allen Zeiten gewesen, und 'während des zweiten Tempels war das Laich eine wahre Musterkarte aller erdenklichen religiösen Schattierungen. Es gab Schammaiten und Hilleliten, Pharisäer, Sadduzäer und Essäer, Hellenisten und gänzlich Ungläubige, und schließlich entstand auf demselben Boden, zu dessen erhallender und erneuernder Kraft für das Judentum man eine so unbegrenzte Zuversicht hat, sogar eine neue Religion, die nicht mir dem Gesetz und Messias, soitdern selbst dem Einzigen Gotte Israels kündigte und die 'bitterste Feindin des Judentums wurde. Ich habe den: Zionismus von Anfang an recht gegeben in der negativen Kritik des modernen Jtldentnms und seiner inneren Zerrissenheit. Was ich an ihm auszusetzen hatte, war nur Ein Wort, nämlich sein Name. Unter einem Zionisnrus, der nicht schon in seinem Namen sich selbst Lügen strafen will, kann ich nur eine Bestrebung verstehen, in deren Mittelpunkt Zion steht. Der Zion war der 'heilige Berg, auf dem der Tempel stand, ein Brennpunkt 'des Landes :ntd Volkes Israel. Das Ziel eines wahren Zionisnrus nmß also der Wiederaufbau des Tempels auf dem Zion sein, unr den sich das 'heimgekehrte Volk Israel unter einen: eigenen Herrscher aus Davids Geschlecht frei von jeder fremden Herrschaft rind Bevormundnvg schart, um nach dem alten Thoragesetz zu leben. Dies ganz allein ist die Hoffnung des traditionellen Judentums seit zweitausend Jahren des Golus gewesen, dies der Zionismus, der in feinen Gebeten zum Ausdruck kommt. Wie konnte ich einen Zionismus anerkennen, dessen Triebfeder reine Poliük war, der Religion als Privatfache erklärte und an dessen Spitze Atheisten staiiden? Als das Volk Israel zum ersten Male in das Land einziehen sollte, da lautete das erste Gesetz, daß es vor allen Dingen jegliche Spur eines fremden Kultus ausrotten solle, und jetzt sollen wir ein Palästina 'bekommen, in dessen Mitte hochragend das Kreuz, eine Moschee und das Grab des Erlösers stehen wird, und gerade das Judentum soll verfassungsn:äßig zum treuen Hüter dieser fremden Heiligtümer bestellt fein! Was ist also religiös genommen für ein Unterschied zwischen Jerusalem und Newyork, London oder Beölin? Ein liberales Judentum, das in klaren Ideen wurzelt, darf sich weder von einer reaktionären Romantik gefangen nchwen lassen, die unwiderruflich vergangene Zustände wieder ins Leben rufen will, ein Unternehmen, das stets mit Mißerfolg endigt, noch von einem mystischen Materialismus, als 'wenn dem Boden und der Luft Palästinas eine mechanisch wirkende magische Kraft innewohnte. Ein jüdisches Palästina wird immer historische Rui::en zu konervieren und den MuseunÄvärter darzustellen haben. Seine Förderung durch den Liberalismus könnte insofern ein kluger Schachzug sein, als es der Orthodoxie Gelegen-!)cit gäbe, sich zu bewähren und aller Welt klar zu machen, in welchem Umfange die vollständige Durchführung des Thoragesetzes eine Utopie ist (und sehr wahrscheinlich immer gewesen ist). Ihre Experimente und Verlegenheiten werden eine Fülle von Problemen überhaupt erst zum Bewußtsein bringen und auf das ganze Judentum aufrüttelnd und klärend wirken. Aber eine solche Poliük wäre unnötig, da die Orthodoxie einer Aufmunterung nicht bedarf, und unwürdig, weil auf dem Gebiete der Religion Siege nicht durch Schachzüge gewonnen sein wollen. Der Liberalismus wird doch auch nicht den: Verdacht Vorschub leisten wollen, daß fein Eintreten für Palästina ein Akt der Verzweiflung sei, inden: er an seiner eigenen Lebenskraft in 'der Diaspora verzweifelnd, nach diesem letzten Rettungsanker greift, oder daß er sich nur nicht ein zugkräftiges Schlagwort entgehen lassen wolle, von dem man sich besonders die Gefolgschaft der Jugend versprechen dürfe. Es ist gerade die Aufgabe der Reiferen, die Jugend vor verkehrten Schlagworten zu warnen, und wenn sie keine Ideale hat, ihr echte und nicht falsche zu geben. Möge sie z. B. das Judentum erst einmal kennen lernen — durch begeisterte Hingabe an ein täüges religiöses Leben und gründliches Studium unserer Schriftwerke im Urtext, also durch „Lernen", da ohne das alles Reden über das Judentum nur leeres Geschwätz ist. Vielleicht spricht bei einzelnen, 'die sich dem jüdischvölkischen Naüonalisnms in die Arme Wersen, auch noch die Verzweiflung am deutschen Volke und ferner Zukunft mit. Sicherlich hat es erbärmliche Seiten gezeigt und seine Zukunft ist über die Maßen düster. Aber, gern oder ungern, es ist unser Vaterland und wir sind Kirtder seines Geistes. Wer es darin nicht aushält, mag es verlassen, aber wer darin bleibt, darf ihm nicht entgogenarbeiten. Es «bliebe also für die Beteiligung am Wiederaufbau Palästinas nur noch der 'humanitäre Gesichtspunkt. Darüber ist hier nicht zu reden, nur das eine mag gesagt sein, daß, so wirksam die Parole für das jüdische Herz ist und so gerne man ihr zu anderen Zeiten folgen möchte, für die deutschen Juden kein Zeitpunkt übler gewählt werden konnte als jetzt, da näherliegende Not nach Hilfe schreit. Zur Palästina-Krage. Ein Brief von Dr. Paul Nathan-Berlin. Sehr geehrte Reaktion! Die „Jüdisch-liberale Zeitung" vom 6. Mai veröffentlicht einen Artikel von Herrn Max Bogelstein, Breslau, der sich gegen den von mir vertretenen Standpunkt in der Palästina-Frage richtet. Ich wäre Ihnen verbunden, 'wenn Sie die nachstehenden kurzen Ausführungen güügst in Ihrem Blatte veröffentlichen wollten. Der Artikel von Herrn Max Vogelstein vertritt den Standpunkt, daß die Zionisten noch heute an ihrem alten Programm festhallen. Diese Behauptung ist zum Teil durchaus zutreffend; diese Feststellung trifft aber nicht den Kern p unkt der Streitfrage. Es kommt im Politischen Leben nicht in erster Reihe darauf an, ob ein Programm aufgegeben wird, ob dieses Programm offiziell beseitigt wird, oder ob es in der Theorie immer noch aufrecht erhalten bleibt. Nicht allein auf das Wollen kommt es in: politischen Leben an, so:ü>ern auf das Können, und das Wollen erlahmt schließlich von selbst; es stirbt ab, wie ein lebensunfähiger Organismus, tvenn es reale Funktionen ansznüben unvermögend ist. Wisch-liberaler Jugenüverein Sonntag, den 15. Mal 1921, VWtW-MWg lisch öm Rullimeisbrrs bei Strehlen. (Lventl. lt. persönl. Uebereinkunft auch noch am 16. Mai) Treffpunkt 53/4 früh Hauptportal Hauptbahnhof. Da nunmehr eigenes Kochgeschirr vorhanden, wtrd für diejenigen, welche nicht im Restaurant essen, abgekocht; hierzu mitbringen: Eßnapf, Eßbesteck» 1 Paar Würstchen. Bet schlechtem Wetter findet der Ausflug am 16. Mai statt. LS wird gebeten, Musikinstrumente mitzubringen. I. A.: Ludwig Freund. Telefon R. 8112. ' .

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