Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-04-22 · 21 (22.4.1921) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
21 (22.4.1921)
Date
1921-04-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613604-2613625--0104-2617281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Dr. Paul Nathan. In einem Aufsatz: „Die jüdisch-nationale Heimstätte in Palästina" (auch der Verfasser verficht diesen Titel mit Anführungsstrichen) in: Märzheft der Z e n t r a l v e r e i n s - Z e i t s ch r i f t sagt er es rund heraus: Die Stellung der verschiedenen Mischen Parteien zueinander, insbesondere die Stellung der Zionisten zu den jüdischen Nicht-Zionisten muß sich fundamental andern; jedenfalls sollte sie sich fundamental ändern. Die Gegensätze, die die einen von dm andern trennten, haben aus absehbare Zeit jegliche Bedeutung verloren, und nach den Grundsätzen: cessat causa, cessat esiectus, nähern wir jetzt uns dem Augenblick, da eine Einheitsfront des Judentums wieder in den Bereich naheliegender Möglichkeit rückt. Er gründet diese seilte Ueberzeugung, die zugleich einen Wunsch und eine Mahnung enthält, auf den Inhalt des oben erwähnten englischen Mandatsentwurfes — ans das Positive, das er enthält, indem er den von nationaler oder religiöser Sehnsucht nach dem Heiligen Lande getriebeneil Juden ermöglicht, dort unter 'dem milden englischen Zepter den Acker zu bebauen, Warell ein- und auszuführen und „wie bisher an der Klagemauer zu beten", und auf das Negative, indem er allzu ausschlveifenden zionistischen Hoffnungen ein Ende bereitet und die Träumer dadurch erst so recht zu begreilzter, aber segensvoller positiver Arbeit auf die Erde zurückruft. Nathan sagt dazu in seiner klar nnd ruhig abwägenden Art: Die neue Entwickelung, mag man sie mit übertriebenen HoMungm begrüßen; mag man sie als politisch bedeutungslos betrachten: mag man sie mit Mißmut hinmbmen, stellt jedenfalls die Juden der Welt, ganz gleichgültig, ob sie Zionisten oder ob sie keine Zionisten sind, vor eine durchaus veränderte Sachlage. 'Die Zionisten mit weitgehenden Hossnungen sehen ihre Pläne in hohem Grade eingeengt. Die Nicht zionqlcn aber stehen einer Sachlage gegenüber, die Ramn für euren Gegensatz zu den Zionisten nicht mehr bietet. Palästina ist heute fest in der Hand Englands, und damit bietet sich die Möglichkeit, das; ubter englischem Schutz dort gesicherte Institutionen geschaffen werden, die den Inden des Landes aus intellektuellem und auf wirtschaftlichem Gebiete zugute kommen. War vor dem Kriege von 1914 bei allen Unternehmungen in Palästina mit willkürlichen türkischen Eingrisfen zu rechnen, so wird nunmehr englische Gesetzmäßigkeit zuverlässige Garantie für die Entwicklung des Landes bieten. Die Gesamtheit der Juden der Welt kann heute der Palästinasrage gegenüberstehen, wie ne ihr gegenüberstand vor den unerfreulichen und vielfach verbitternden Auseinandersetzungen mit den Zionisten. In der Politik kann man nichts Besseres tun, als neuen Verhältnissen gegenüber zu vergessen, gründlich zu vergessen. An den Palästtnaaufgaben bat der Kreis meiner Jreund: und ich seit einem Vierleljahrhundert gearbeitü. Diesen Aufgaben können wir uns wieder zuwenden denn nur eins hat sich geändert. An die Stelle schwankender politischer Vorallssetzungen, die das türkische Regiment bot, ist die für absehbare Zeit fest begründete englische Herrsckmft getreten. Freilich warnt Nathan aufs eindringlichste vor einer Ucberschätzung der Möglichkeiten für die Entwickelung des ihm wohlbekannten Landes, und noch vor einer anderen Illusion: nämlich davor, auf die deutsche Mitwirkung beim Aufbau des Landes übertriebene Hoffnungen zu setzen. Aus zweierlei Gründen sieht er nur eng begrenzte Möglichkeiten für unsere Mitarbeit: um unserer Verarmung willen und deswegen, weil das namenlose Elend vor allem der ukrainischen Juden bald unsere ganze Liebeskraft und Hilfsbereitschaft erfordern und fesseln wird. „Unsere Sympathie aber", so schließt der schöne Allfsatz, „bleibt Palästina, wo ein gemeinsames Wirken aller Juden demnächst als durchführbar erscheint". Die — eigenartige Antwort auf diesen warmherzigen lind überzeugenden Appell ist der Beschluß des Zentralvereinsvorstandes. Wer die oben wiedergegebene Resolution ganz unvoreingenommen liest, muß erschrecken vor dem Eiseshauch von Kälte, der zumal dem ersten Satze entströmt. Also selbst lvenn die Besiedelung von Palästina nichts weiter, wäre als ein großes soziales Hilfswerk — selbst dann wäre vom Zentralvereinsstandpunkt aus mir nichts gegen die Förderung dieses Werkes zu sagen? Zum Teufel, wäre dann nicht am Ende sogar etwas dafür zu sagen? Der zweite und dritte Satz lehnen die Unterstützung der Besiedelung von Palästina rundweg ab. Hier frage ich mit starkem Nachdruck: Woher nimmt der Vorstand des Zentralvereins das Recht, dem Verein „Esra", der seit über vierzig Jahren Großes nnd Segensvolles für die kolonisatorische Erschließung des heiligen Landes geleistet und erst vor kurzem wieder um die Mitarbeit aller deutschen Juden gebeten hat, der sich ans Angehöriger: aller jüdischen Richtungen zusamnrensetzt und stets betont, daß die Erschließung Palästinas nicht das Werk einer Partei sein dürfe, ^derart in den Rücken zu fallen? Eine Art Antrvort ans diese Frage, aber durchaus keine nrenschlich und sachlich befriedigende, gibt der letzte Satz. Er besagt mit dürren Worten: wir sind zu arm, wir können nichts tun. In der Tat: wir sind sehr arm geworden, wir wissen und ahnen heut rroch kauni, w i e sehr. Und die Not unserer Gemeinden, unserer Wohlfahrtseinrichtungen tritt immer schärfer und krasser zrr Tage. Das verkennt ja auch Paul Nathan, wie wir gesehen haben, keineswegs, und man »ruß ihm vorbehaltlos zustimmen, wenn er erklärt, die Last, für Palästina Vorsorge zu treffen, werde in Zukunft vor allem auf den Schultern der englischen und amerikanischen Juden ruhen müssen. Aber will das besagen, daß wir Armen nicht auch unser Scherflein zu den: großen Werke beitragen sollen oder gar dürfen? Der Zentralvereinsvorstand ist dieser Ansicht, und Herr Rabbiner Dr. Jacob (den ich als wackeren Streiter im Abwehrkampfe kenne und deshalb ungern auf so falschen Pfaden sehe) stimmt ihm beiArnd gibt den Zionisterr den blutig ernst gemeinten, aber wie blutiger Hohn wirkenden Rat, „in fünfzig, vielleicht schon in dreißig oder zwanzig Jahren" wiederzukommen. Nein und hundertmal nein! „Armut gibt der Arnnrt gern", heißt es in einen: schönen Gedicht von Heinrich Seidel. Und da obendrein ein erheblicher Teil der deutschen Juden immerhin auch heut noch in einem Wohlstände lebt, der ihrer Opfer f ä h i g k e i t nicht eben enge Grenzen setzt, so gilt es nur, an das jüdische Herz und Gewissen dieser Männer und Frauen zu appellieren, ihnen i:nmer wieder einzuhämmern, daß es ein „ich kann nicht" für sie nicht geben kann und darf. Sollten sie aber in einem überzarten Gewissen solche Bedenken hegen wie Herr Rabbiner Dr. Jacob, der jede für Palästinaarbeit gezahlte Mark als „unerlaubte Kapitalflucht und Verschiebung ins Ausland" ansieht, dann brauchen wir sie nur auf die gewiß sehr patriotischen deutschen Katholiken hinzuweisen, die sich durchaus nicht abhallen lassen, Millionen und Abermillionen jährlich für den nach ihrem Religionszentrum Rom abfließenden Peterspfennig zu zahlen Seien wir nicht päpstlicher als der Papst! Lassen wir uns nicht durch unsere Mitbürger beschämen, die nicht minder arm sind als 'wir. Hüten wir uns vor Illusionen über das, was wir leisten können, aber bleiben wir nicht mit unserem bescheidenen Beitrag dem großen Werke jüdischer Gemeinbürgschaft fern, das dort unten im Werden ist Freilich, das muß hier mit allen: Nachdruck betont werden, wie jüngst auch Justizrat Hirschberg es ausgesprochen hat: eine vorbehaltlose Unterstützung des zionistischen Aufbaufonds, des Keren hajessod, wird nicht in Frage kommen. Wir wollen Palästina erschließen helfen, weil die schreiende Not der Brüder jm Osten erfordert. daß keine Möglichkeit, den Heimatlosen eine Zufluchtsstätte zu bereiten, unbenützt gelassen wird. Wir wollen es tun, weil die Zuwanderungsmöglichkeiten in den anderen Ländern angesichts der herrschenden Vorurteile und der sich überall mehrenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer stärker eingeengt weÄien, während dieses Land durch einen feierlichen, völkerrechtlichen Akt die Bestimnmng erhalten hat, den heimatlosen Juden eine Heimstätte zu werden. Wir wollen es tun, weil die wache und 'bewußte Sehnsucht von Zehntausenden und Hunderttansenden Verfolgter nach dem Lande der Väter, dem Lunde der religiösen Verheißung, geht. Wir wollen aber vor allen: auch deswegen unsere Mitwirkung nicht versagen, weil Nur zuversichtlich hoffen, daß diesem Lande einst ein warmer Quell jüdisch-religiöser Erneuerung entspringen wird. N i ch 1 aber wollen wir die Bausteine zu einem jüdischen Nationalstaat, einen: zionistischen Wölkenkuckucksheim, Zusammentragen, und dar::::: brauchen wir Garantien dafür, daß das Werk, das von allen Parteien getragen werden soll, nicht in den Dicknst von Bestrebungen gestellt wird, denen Nur nichtzionistische Juden heute, nach dern Fiasko der kühnsten nationaljüdischen Träume womöglich noch ablehnender gegenüberstehen, als in den Jahren und Jahrzchnten des Kampfes, die hinter uns liegen. Einen solchen Ausgleich und Ausweg zu finden, nnrg nicht leicht sei::, aber es wird und muß gelingen, sofern nur der Wille, beim Palästinaaufbau mit Hand anzulegen, überall vorhanden ist. Daß dieser Wille dem Hauptvorstande des Zentralvereins (oder der Zufallsmehrheil, die diesen Beschluß durchdrückte) gefehlt hat — das ist der schwere Vorwurf, den wir heut erheben müssen. Wir wissen oder ahnen: Die Besorgnis, bei irgendwelchen wirklichen oder scheinbaren Konzessionen an die Zionisten eine Anzahl von Mitgliedern an den in der Gründung befindlichen „Verband nationaldeutscher Juden" zr: verlieren, hat bei diesem Beschlüsse mit Pate gestanden. Aber die Furcht ist in solchen grundsätzlichen Dinge:: stets ein schlechter Berater. Und ganz besonders daun, wenn sie der berühmten „Angst vor der eigenen Kourage" auch nur entfernt ähnlich sieht. Der Hauptvorstand des Zeutralvereins hat gesprochen. Nun ist es an den Mitgliedern, auch ihrerseits zu reden und zu handeln. Keiner darf es sich etwa begneu: niachen und ansscheiden, weil ihn: die neue Richtung nicht paßt. Die Minderheit von heute u:uß die Mehrheit von morgen werden. Und wenn's flugs bis übermorgen dauerte — einmal kommt unser Tag! Denn die Zukunft hat ::och niemals der absoluten Verneinung gehört! Erich S p i tz. Kus üem Reich. Berlin. Das Winterfest, das der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde am 10. April im Logenhause, Kleiststraße, veranstaltete, kam diesmal zwar etwas verspätet, brachte aber dafür auch ein künstlerisch hervorragendes Programm, das den Rahmen eines Vereinsfestes erheblich überschritt. Wir nennen nur dir Namen Andreas Weißgerber (Violine), Alfred Lichtenstein (Flöte) und Senta Söneland. Die Teilnehmer, Mitglieder und Freunde des Liberalen Vereins, die sehr zahlreich erschienen wäre::, spendeten den Künstlern reichen Beifall und kamen bald dank den überaus lustigen Darbietungen der Humoristen in eine richtige Feststimmnng, die ihren Höhepunkt in: Tanz fand. Auch auf diesen: Gebiete war für Auge und Herz gesorgt, und eine reichhaltige Tombola verschaffte manchen: der Teilnehmer auch noch ein wertvolles Andenken, das er heimtragen konnte. Die Jugend, die besonders zahlreich erschienen war, konnte nach Herzenslust tanzen. In seiner einleitenden Ansprache hob der Vorsitzende des Liberalen Vereins, Herr Jnstizrat Plonsker, hervor, Seüerabenö. Skizze von Ino G c> s; m a n m. In gleichmütiger Ruhe und unbeirrbarer Energie zog der Ozeanriese seinen Weg durch das schimmernde Dunkelblau des Weltmeeres; die Sonne stand schon dicht über dem Horizont und baute sich eine ungeheure Lichtbrücke über das Wasser; die Kiellinie des Schiffes blitzte in der sich unendlich nach allen Seiten dehnenden, opalisierenden Fläche wie eine ungeheure, geradeaus hingestrecktc Degenklinge. In drei Tagen mußte der „Orion" in Newyork eintreffen. Warm war es, wie im Sommer, nnd der tiefe, seefrische Salzgeruch machte die Bufft aufatmen. Auf dem Oberdeck des Dampfers ging der Großindustrielle James Lavy aus Baltimore in einem weißen Strandanzuge spazieren; er war in Europa gewesen, ::::: gewinnbringende Verträge abzuschließen, und kehrte jetzt zufrieden in seine Heimat zurück; einige reiche Geschäftsfreunde waren mit ihm an Bord und gedachten an den: schönen Frühlingsabend gemeinsam die Rückkehr zu feiern. Man hatte in dem luxuriösen Speisesaal erster Klasse ein opulentes Souper und eine feine Champagnerbowle bestellt; nach Sonnenuntergang wollte man zusammen speisen. Eben kam der Steward mit Lampions und Papierblumen, um den Raum und den Tisch zu schmücken. „Are yon ready, Sir?" redete Lavy den Diensteifrigen an; der hagere Hamburger lehnte an der Reeling und lachte. „In einer halben Stunde wird das Souper serviert", erwiderte er in deutscher Sprache mit leisem Lächeln, denn er wußte, daß Lavys Geburtsland nicht Amerika war. Ohne Aufforderung begann der geschwätzige Steward dann mit dem vornehmen Passagier über die Neuigkeiten an Bord zu plaudern. Dabei sahen die beiden Männer zu, wie der rote Sonnenball langsam ins Wasser versank und die Wolken purpurn <n:fleuchteten. „Merkwürdige Dinge spielen sich im Zwischendeck ab", erzählte der Mann spottend, „dort unten sind an zehn bettelarme Ostjudenfamilien, die nach Amerika auswandern; heute Abend feiern sie ihr Osterfest. Was die Leute für seltsame Vorbereitungen getroffen haben, können Sie sich kaum denken; da haben sie sich eigenes Mehl mitgebracht, aus dem sie sich runde, weiße Platten geröstet haben, vom Koch haben sie sich Salzwasser, Petersilie und Merrettich geben lassen, dazu einen angebrannten Knochen und ein hartgekochtes Ei. Dann haben sie aus Nüssen, Aepfeln und Wein einen lehmartigen Brei hergestellt; — komische Leute das! Was das wohl alles bedeuten mag?" Aufmerksam hatte Lavy zugehört. Leuchtende Erinnerungen längst vergangener Jugeiüffahre tauchten in ihm auf: er war als früh verwaister Knabe armer Kaufmannslehrling in einem schlesischen Städtchen an der Polnischen Grenze gewesen, und hatte viele unvergeßliche Soderabende bei seinen: Onkel Moische Roth, der in der Nähe wohnte, verlebt. Dann war er in Hamburg Angestellter gewesen nnd war vor dreißig Jahren kurz entschlossen „übern großen Teich" gefahren, mit drüben sein Glück zu versuchen. Durch enormen Fleiß und nie erlahmende Energie hatte er sich zum Leiter eines der größten industriellen Werke Baltimores emporgeschwungen; aber über seiner Arbeit. währe:ch seines Jagens nach Geld, Macht und Gut hatte er seinen Gott und seine Jugend vergessen. — Wie leuchtende Sterne zwischen treibenden Wolken aufblitzen, grüßte den gereiften Mann das Gedenken an glückliche Kinderjahre; — hatte er nicht während des fieberhaften Schaffens sein Wertvollstes verloren? — Und mit einem Male ergriff ihn eine brennende Sehnsucht. Er wandte sich ab und stieg das Fallreep zun: Zwischendeck hinunter. Heimatlust und Jugend umfächelten ihn Plötzlich. Unten in der stickigen Luft, am Fuße eines großen Nebelhorns saßen auf langen Bänken, angelehnt den: Alter nach, an fünfzig Menschen, vom ehrwürdigen, weißhaarigen Greis an bis zum kleinen Kinde, das kaum sprechen konnte. Ein etwa Siebzigjähriger saß obenan, in einem Lehnstuhl, in Kissen gebettet, ein Käppchen auf den: Kopf, unter den: die weißen Schläfenlocken hervorquollen. Niemand war erstaunt, daß der vornehin gekleidete Mann in den durnpfen Schiffsraum hinunterkam. — Ohne zu fragen, geleitete man den Gast an die Seite des Alten, gab ihn: eine Hagadah in die Hand und stellte Teller und Mazze vor ihn hin. Der elegante Passagier schlug das zerschlissene Bändchen auf, und die altvertrau ten, beinahe vergessenen Buchstaben riefen ihm selige Grüße ans der Knabenzeit zu; — siehe! — er konnte noch ganz leidlich hebräisch lesen! Etwas unbeschreiblich Wunderbares klang in seinem Herzen wieder. Er sprach fließend die alten Gebete mit, wie er sie bis zu seiner Barmizwahzeit gehört hatte. Draußen war es dunkel geworden, die Wellen schlugen dumpf an die Schiffsplanken und begleiteten mit ihrer eintönigen Musik die Weihe des einzigartigen Festes. Bis nach Mitternacht saß man zusammen, bis das Lied „von: Lämmchen, vom Lämmchen" verklungen war. Und der Jndnstriebaron fühlte tieferschüttert die uralte Wahrheit jenes jahrtausendalten Volksliedes, das von den: großen, mitleidslosen Kainps ums Dasein singt, aber zuletzt in den tröstenden Schluß ausklingt, daß Sinn und Ziel alles Seins und Vergehens in Gott ruhe. . . . Oben, in: Luxussalon, warteten die Freunde vergeblich bei ihren: üppigen Mahl auf den Gefährten; sie halten ihn eine Weile gesucht und dann erfahren, daß er in: Zwischendeck sei. Darüber hatten sie nur verständnislos gelächelt. Erst gegen Morgengrauen kan: der Gesuchte herauf, — mit strahlenden Äugen. Er hatte sein besseres Ich wiodergefunden. Mit rührender Sorgfalt und Hilfsbereitschaft half er in der neuen Welt seinen armen Glanbensgenossen ihr Los erträglich zu gestalten. Seit jenem Jahr hat er den Tederabend immer wieder gefeiert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.