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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-04-22 · 21 (22.4.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
21 (22.4.1921)
Date
1921-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IiWchlibemle Zeitung Die .^radlsch-IIbrrale Leiluna" erscheint jeden Minimum^.. Anaadmeschltch für Berichte: Montan miitao Srrltan und kostet durch die Voft »der durch dlr 8 D«ra>»iw»ruiq»«r ««etnmnr: 8 apee«lt«,»»n »er Schrtnie»««,,: SeschüfttsieNe bezvoen, vtertetiadrltch M».8 Lulluo Lord» Breslau 13, DMortaßrad» io«d 8 sa»iaa,»i« seena, >1—12 vor«, in »er «w&WMr chtndelnummer 40 JSf. H A»»»». o»b^i«Abnci iurttttw H Bnnadtneschlud für BnzelntNi Dlenotan Mt sadtuvaen anfvoMcheiNontoDnsiaussLsr.saditch Q GrschüslSftrlte: Breslau r, 3tiui chranpenjtr. s g Die L'/> ca de,«»ontnimettrjclle rostet 60 CI., Samiuoaveeol»Seiwoo.Noll«i>ve»volt«oii.«Bavre.»reolo« 1 Immiinnnmiiiiiiiiniiuiuiiiini ametaevsoci BetMedechotunaarmasttanna«.Tor« Rr. 21 Breslau, den 22. April 1921 1. Jahrgang ■BaBaafifianBfiHBKHaHnHHafifiHfiBHBBBHBBBfiHfiSfiSBBBBBSBfiBaBaHBfifiSfiBfifiaHBBHHHHHBHSBBHBBHfiäfiMäBBfiH cHocJbq|tocHgc<bqlbQjl»qltoqllocll9cAoqAgclbdbQAftq|lcftWg<iAaflllocAa Des peffachfestes wegen erscheint die nächste Nummer unseres Blattes am Freitag, den 6. Mal. cgacy>oyocy3cy>cy>cyDcygyac|pcyacyqpq^&c^ac)|B cy&cyscyxy Mach. Boi» Gemeinde-Rabbiner Tr. Bogelstein-Breslau. Bor mehr als dreitausend Jahren hat ein sremdslämmigee Bovölkerungsteil in dem Wunderlaiw am Nil ltach mehrhunde:ffahr:ger Fronsklaverei die Freiheit erlangt. Aus einen! Lande hoher Kultur und mirtsä-aftlicher Blüte zogen die Befreiten durch die Wüste, Kämpfen und einer ungewissen Zukunft entgegen. Das Wunderland mit seinen Kolossalbauten, Pyramiden und Tempeln, mit seinen Hieroglyphen mtd seinen Rkumien, mit frühzeitig zur Blüte entfalteter Wissenschaft tlnd Kunst, fesselt iumrer wieder das Interesse des Forschers. Ader nebelt dem Großen starrd, fast als Voraussetzung hierfür, die schrankenlose Despotie der Pharaonen, die kastenmäßige t^ebunderrheit der Bevölkennrg, die völlige Verneinung individueller Frecheit ttnd Selbständigkeit. Eine willenlose NLasse ohne MeiffclMrecht, ohne Anrecht mtf Lebensfreude und aufBetätigung individueller Eige::art :var das Volk, Sklaven der Arbeit, die froitden »rügten, damit die großen Knllturwerke geschaffen iverden konirteir, die doch wiederum nur den wenigen bevorrechteten Kasterr;» grtte kamen. Es war aristokratische Kultur für wenige Bevorzugte, während Millionen in Unkultur lvetterlebten. Wie konnten Freurdstäurmlirrge ein besseres Los envarten? Mochte 'einst einer von ihnen der Wohltäter des Lcutdes gervesen sein: Dankbarkeit war der Pharaonenpolitik vollkommen frenrd. Äkan versklavte die Fremdlinge, und da inan von ihnen Widerstand befürchtete, suchte nran sie auszu rotten. Schlver litten die Israeliten unter der Sklaverei. Ein Rest dessen, was sie von den Bätern überkonrmerr hatten, war ihnen noch geblieben. Sie fügten sich; aber während die Masse des Aegyptervolkes die Sklaverei als selbstverstärrdlich hinnahnr, hatten sie we:rigstens noch ein Gefühl des Elends, das auf ihnen lastete. Ter Befreier erschien. Hane Schicffalsschläge, die Aegypten trafen, wurden ihnen Zeichen, dag der Gott der Bäter den Widerstand des Despoten strafte. Endlich war der Widerstand gebroä)en, das Bolk zog frei aus dem Laiwe. Zur Erinnerung feiern wir alljährlich das Pessachsest. Aber können wir wirklich ettvas feiern, was JaihNausende Hutter uns liegt? Und ist denn die Taffache, dag es unsere Borfahren waren, ausreichend, uu: die Kluft der Jahrtausende zu überb rücken? In der Tat wäre die Fesffeier rvertlos. weil inhaltlos, wenn sie uns nicht ettvas zu sagen hätte, was auf uns selbst und auf urffer Leben Bezug hat. Das komrnt in der Pefsachhagadah klar zum Ausdruck: In jedem Zeitalter soll der Mensch sich selbst als aus Aegypten erlöst ansehen. Glicht unsere Bäter allein hat Gott erlöst, sondern »ns mit ihnen. Die Frage mufe aufgeworfen werden: Welck)e dauerirden. fruchtbaren Wirkungen gehen von diefenr Ereignis ans? Denn „lvas furchtbar ist. allein ist wahr". Das war ja scharr der Irrhalt der Erörterung jener Lehrer, die der: Pessachabe:id gemeinsam in Bue Brak verlebten. Das geht aus dem Wenigen hervor, was uns von ihren Unterredungen erhalterr ist. Derrrr die eine Teutrrng spricht aus, daß die ägyptische Befreiung ettvas so Gewaltiges ist, daß kein Augenblick unseres Taseirrs ohne das Gedenkerr arr sie sein soll, und die andere Deutung sagt, daß selbst in messtanffcher Zeit die Erirrnerrrng an sic lebendig sein soll, weil sie die Wurzel intb die Quelle dessen ist, was irr messianrscher Vollendung die Menschheit erreicht hüben wird. Hier ist zrrm ersten Male die Freiheit des Individuums als göttliches Recht, als sittlich-religiöse Forderung nich nur ausgesprochen, sondern durch die Befreiung Israels verwirklicht worden. Die Idee der Freiheit ist zu einen: der Gruiwpfeiler der gesamter: religiös-fittlick)eu Lebensuud Weltanschauung des Iudentrmrs gelvorden. Es ist darum keine leere Fornr, tvenn in dem Weihegebet an jeden: Sabbath und an jedem Festtag die Erinnennrg an den Auszug ans Aegypten Erwähnung findet. Aber der Freil-ettsgäanke ist gleichzeitig als Aufgabe gestellt. Meist lautet die Frage: frei wovon?, :veil den Menschen die Beseitigung äußerer Fessel das Wichtigste zu fein scheint. Wichtiger fft die Frage: frei wozu? Denn dadurch erst wird die Freiheit zu einem sittlichen Gut. Das Judentum ist als Vorkämpfer für die Freiheit durch die Geschichte gegangen. Es 'hat in den Zetten, in denen der unsittliche Grundsatz galt, daß der Landesherr die religiöse Ueberzeugung der Untertanen besttnnnt, dieser Knechtung der Gewissen getrotzt. Es hat in Nöten und Verfolgungen seine Bekenner zu innerer Freiheit erzogen. Die Ideen des Pessachfestes sind heute nicht weniger bedeutungsvoll als vor Jahrtauserwen. Wie alle geschichtlichen Feste des Judentums weist Pessach durch die Erinnerung an Ereignisie der Vergangenheit ans die Aufgabe der GegeMvart, auf das Ziel der Zukunft hin. Folgcrichttg betonen die letzten Tage des Festes diese Zukunftsgedanken. Von jener meffranffchen Vollendung fft die Welt scheinbar noch mündlich weit entfernt. Aber es müßte für jeden, der in den: Leben ideale Werte sucht, ein Holzes u:w ständiges Bewußtsein sein, miffchaffen zu dürfen an der Berw:rklichung des Ideals, dessen Träger unsere Väter durch den Auszug aus Aegypten geworden sind. Freiheit der Vernunft erftchten, Heißt für alle Völker rechten, Gilt für a lle ewige Zeit. Mußte üas fein? Wir bMmien gerade foeü diesem Aufsatz, im ausdrückbichen Emvemohmen mit dem Perkassier, daß m darin hcvWich PÄne persönliche Ärvffasstvna zmn Ausdruck gebracht hat. Die Redaktion. So leicht es ist, so froh es »lacht, auf dem Boden des geistigen Kampfes »irt dem Feinde, dem Gegner die Klilvgen zu kreuzen, so schlver mck> bedrückend ist es, gegen Freunde streiten zu nlüssen. Da »lochte matt kein Wort zu viel, keinen Satz in zu scharfer Fornr aussprechen, danrit nur aus jedem der Wunsch tu© Wille hervorleuchte, zu sagen, :vas Gewiffensnot und Gewissenspflicht zu «bekennen zwingt, und doch den, mit dem man sich innerlich ourch starke Bande verknüpft weiß, um keinen Preis zu verletzen. Ich uruß heilt gegen einen der besten und 'bewährtesten Freunde kämpfen: gegen den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubeils! In der vorigen Nunlnrer dieses Blattes ist die Entschließung lviedergegeben, oie der Haupworstand dieses Vereins an: 10. April zur Frage der Besiedelung Palästinas gefaßt hat. Es mag trotzdem nicht überflüssig erscheinell, ihrer: Wortlaut hier nochmals anzuführell: „Wäre die Besiedelung von Palästina nichts weller als ein großes soziales HNfswerk, so wäre vom Standpunkt des Femratverems gegen die Fördert,ng dieses Wertes nichts 511 lagen. Tie Besiedelung von Palüsnna ist aber in erster i?hue das Fiel nauonaljüdtscher Politik. Jyre Förderung uttd Unterslügung ist daher abzulehnen. Solange die sozialen lmd geistigen ^inruHtungen oes detilscyen Volkes uitd die reltgioseit uird kultiirellen Bedurfutsse des deiltschen Jiidenlums bitterste Rot leiden tUid solange zahlreiche heiinatlose Fuoen tinserer augenblicklichen ulid dringenden Htye bedürfen, hat jüdischer Gememschaftsgeist und WohltätigkettSstNii überreichliche Gelegenheit imd Pflicht zu ftilchlvarer 'Arbeit innerhalb der deutschen Vottsgemeinschaft." Als sich kurz vor dein Welttriege die sogenannte „Zaberner Affaire" ereignete, als dort unten i:n Elsaß die extremsten und unsympathff'chsten Vertreter des preußischen Rrilitarismus die Freiheit und Gleichberechtigung des elsaffff'chen Volkes mit Fiißen traten, da sagte urffer jetziger ^ieichskanzlcr Fehreltbach tit einer »leisterhaften Reichstagsrede, es hätte sich gerade in den Jahren vorher eine so erfreuliche Warrdlung in der Stintnruirg uitd Stellung der Elsässer gegenüber de»t Reiche angebahnt gehäbt, und das sei nun alles vorbei. Er, Fehrenbach, habe, als er von den: Vorfälle in Zabern hörte und seine Wirkung ermaß, einmal über das andere erschüttert ansgerufen: „Lailter Scherben, lauter Schebbeit!". „Lauter Scherben" . . ., das ist auch die bedrückeitde Entpsindung, mit 'der viele von uns vor dieser Enffchlreßung des Zentralvel'eins stehen. Es war — lvre auch ich ein:nal ah dieser Stelle angedeutet habe — in den letzten Monateil Hoffnungsvolles in: Werden. Die Zionisten waren ditrch chre ersten großen Enttäuschungen hmdurchgegangen. Mit den überschwänglichstenHoffnungen, mit Triumphs- und Jubelfeiern hatten 5üüisch-liberaler Jugenüverein Rücksicht auf das Pessachsest Veranstaltungen statt. ie es begrüßt, daß der Bölkerbu:id England das Ma:wat über das den: türkischen Reiche abgenonnnene Palästina übertragen :nid ihn: dabei zugleich die Aufgabe gestellt satte, dort die geeigneten Schritte und Vorkehnlngen zur Schaffn:rg eurer nattonalen .Heimstätte für die Juden zu tun. Schien es doch dainals, als ob alle zioinstischen Blütenträume reisten mW als ob :vrr, die wir uns der zwnistisck^en Ideologie c::tgegengeste:nntt hatten. e:idgültig an die Wand gedrückt seien. Aber dann fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Es wurde der Text des Statuts bekannt, das die cnglffche Regierung als Richffchnuv für die Ausübung des ihr übertragenen Paläfüna-Ma:rdatcs allsgearbeitet hatte. Und diese Satzungen waren so wett entfernt, den Juden einen überrage:tden Einfluß auf die Regierung und Benvaltung des La:tdes zuzngeftehen, wahrten mtt so ängstlicher Parität die nattonalen und politischen Rechte der nichtjichff'chen Landesangehörigen :utb unterschieden sich so tvenig von den — gesu:rden und freiheitlichen — Prinzipien, nach denen auch sonst die kulttirell fortgeschrittenen Kolonien Englands regiert werden, daß aller Welt offenbar tvurde, was nüchterne Be::rteiler englischen Wesens und englischer Geschichte niemals beztveifelt hatten: daß England im Grunde nicht daran denkt, in diesen: Lande ettvas anderes zu sehen als ein wetteres Betättgungsfeld für die wettschauende großbritannffck-e Staats- und Berrvaltungsku:fft und — eine uneMich rverwolle Sick-erung seiner Flanken stellung nn Orient. Andere Enttäiffchungen kamen hinzu. Ie mehr rnan dos La:w kennen lentte, um so deutlicher zeigte es sich, daß :nan bei der Massensiedelung nnt sehr großen Zeiträumen zu rechnen hatte u:rd ungeheurer Geldnnttel bedurfte, deren Beschaffung England von den I n d c n erwartet. Auch die Widerstände der Araber, die nran auf Gnnw von Bankettreden des schlauen Ennr Fessal vor zwei Jahren als belanglos eingefchätzt oder wohl gar in ihr Gegenteil umgedelttet hatte, erwiesen sich als sehr stark und zäh und genrahnten dringend zu größter Vorsicht und Uufficht. Und endlich: die amerikanischen Zionisten wollten nicht ganz so wie die des Kontinents, wie msbosondere die deutschen. Den: klugen Blick der Amerikaner waren die eben geschilderten großen Schtvierrgk^lken von vornherein nicht entgangen; sie waren wohl auch durch die bitteren Erfahrun gen der Deuffchaurerikaner („Bindestrich-Anrerikaner") in: Weltkriege befo:rders eindringlich davor gewarnt, sich selbst in eine nationale Zwttterstellu:rg drängen zu lassen, und so »lachten sie chre unentbehrliche Mittvirklurq irgendwie — der Außenstehettde steht da nicht ganz klar — davon abhängig, daß :nan das nationale Eleuunt in der Bewegung zurückdränge, das soziale, proktisch-kolonisatorisä)e hingegen um so stärker in den Bordergrnltd rücke und dadurch die Mitarbeit aller Juden an den: Palästinawerke ermögliche. Die deuffchen Zionisten verschlossen sich dem nicht. Sie lernten zu, sie lernten um. Ihre Tonart, die jeder Besucher ihrer Versammlungen mW jeder Leser ihrer Presse sett Jahrzehnten als — geluwe gesagt — bitter und der bitternd kannte, begann allurählich eine andere zu iverden. Auf unserer, der nichtzimttstffchen Seite, »lachten sich Teiwenzen geltend, welck>e dieser Entwickelung in gewisser Hinsicht elttgegenkamen und den Zionisten das Unwenken erleichterten. Die reger werde:rdc, immer n:chr in die Tiefe gehende Anteilnahme der jüdischen Jugend an: religiösen Leben, an jüdffchem Schrifttuu: und jüdischer Geschichte stärkte auch die Liebe zu den: Lande, das einst nicht nur die Hein:at nuferes Stamnres, sondern auch u:fferes Glaubens gewesen. Der Haß der anderen schweißte uns fester zusammen und ließ es immer mehr als heiliges Gebot der Stunde erscheinen, unbeschadet aller tiefen Gegensätzlichkeit der Auffassung zu gemeinsan^r Abwehr der Gegner und gemeinfoiner jüdischer Aufbauarbeit zusammenzustehen. Eine neue Gesinnung war im Werden. Ueberall zeigte sie sich. Ein so zuverlässiger Vorkämpfer des Liberalismus, ein Bkann von so eilttvandsfrei deutscher Gesinnung wie Rabbmer Dr. Baeck, rief vor einigen Wochen in einem Berliner Bortrag, über den hier berichtet worden fft, zur Mitarbeit aller Juden an der Errichtung des neuen Palästina auf. In Breslau gab erst jüngst der Zentralvereinsvorsitzcnde, Iüstizrat Hiffchberg, ein Mann, den kein Verständiger des Schielens nach Zionistengunst zeihen wird, der gleichen Gesinnung lebhaften Ausdrr:ck. Keiner aber hat mffer Recht und unsere Pflicht zur Palästtnaarbeit klarer und überzeugelwer ausgesprochen, als ein Mann, der ebenso Großes für die Juden des Ostens, wie für das deuffch-jüdische Kolonffatwlls- und Schulwerk in: Orient geleistet hat, der intntti für alles Jüdische und gegen alle übertriebenen zionfftffchen Aspirationen eingetreten fft und dessen dellffche Gesinnung nicht einmal Herr Dr. Naumann wird anzweifeln können: ich meine

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