Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 19 (8.4.1921)
- Date
- 1921-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"'f f 'W'W ■V» rvrHWP t T.v TT'.w»-«-7~- Iüöischliberale Zeitung Ammdmeschluft für Berichte: Montaa mlttao Sprechstunden der GchrlfUelwng: Montag dls Frettao 11—12 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annavmefchluft für Anzeigen: Dienstag früh Die s'/> cm brelte Mllllmeterrrlle kostet so pf„ FamlNevanzelgen sopf. DelWlederdolungGrma-loung «.Tarif Die jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag und tostet durch die Dost ober durch die Geschäftsstelle bezogen, vierteljährlich Mk. 4.— Ginzelnummer 40 Pf. Ladlungen auf Postscheckkonto Breslau 4S3S7,Zadlfchllverale Leltung. «allenverwaltung. S.Dauer. Breslau l »iiiiiiimiiiiiiiiiimniiiiiiiiiiixx Verantwortlicher Schriftleiter: Julius Loeb, Breslau 13, Diltoriastraße 104 v Für dl» oredomoa bestimmte LufchelNea stab aae aa vlefe Abeeste »u eichte« Geschäftsstelle: Breslau 3, Neu» Seaiwenstr. s ... Nr. 19 Breslau, den 8. April 1921 1. Jahrgang Pazifismus unü Judentum. Don Dr. Walter B r i n i tz e r - Chemnitz. In einem französischen Kriegslied heißt es: Laßt hassen uns und morden, kein andrer Hort fortan als Haß, Haß um die Wette. Das sechste'Gebot gebietet: Du sollst nicht morden. Durch Jahrtausende erhebt das sechste Gebot seine Stimme; aber ach wie wenig wurde sie von denen gehört, die das Schicksal von Millionen Menschen in ihrer gewaltigen Hand hatten. Krieg war die Losung, Haß und Mord. Wie steht das Judentum zu Krieg und Frieden? I. Das Judentum und der Krieg. Du sollst nicht morden. Das Leben ist ein Geschenk Gottes, urch deshalb ist Gott allein Herr über Leben und Tod. Gott hat uns mit den: Leben die Aufgabe gestellt, uns auf Erden durch Selbstveredlung, durch Uebung des Guten, durch das Ringen nach Tugend und Heiligung die ewige Glückseligkeit zu erwerben. Darum ist der Mord und jeder sonstige Eingriff, der das Leben des Menschen unnatürlich beendet, aufs schärfste zu verurteilen. Der kriegerische Mord bereitet aber gewaltsam dem Leben ein vorzeitiges Ende und vereitelt, daß die Menschenseele ausreist, 'bis sie vom Baume des Lebens abfällt als reffe Frucht. Das Blut der Gefallenen sollte uns gellend ins Gewissen schreien: Du sollst nicht moÄ>en! „Wer eine Seele mordet, mordet eine ganze Welt, wer eine Seele am Leben erhält, erhält eine ganze Welt; die Welt hat ja mit einem Menschen begonnen. (Talmud, Sanhedrin 37a, d; Mischna, Sanh. 4, 5.) Der Krieg widerspricht über auch dem Gebot der Nächstenliebe, wie sie das Judentum fordert. (3. Mos. 19, 18.) Das Judentum will keine Feindschaft. Es erkennt keinen Grund zum Haß an. Der Talmud hat den Begriff des „grundlosen Hasses" geprägt; jeder scheinbare Grund ist ein Irrtum uÄ eine Verirrung. Aller Haß ist nichts als Illusion, als Umdeutung und Beschönigung der menschlichen Gemeinheit; Haß ist nichts als Habsucht, die der Seele das Scheinbild vorspiegelt, das man Haß und Neid nennt. Äe jüdische Religion gebietet vielmchr, auch dem Feinde Brot zu geben, wenn ihn hungert, und Wasser zu trinken, wenn ihn dürstet. (Spr. Sal. 25, 21, Ps. 72, 12—14.) Der Talmud erzählt: Als Gott die Aegvvter, die Israel jahrhundertelang widerrechtlich bedrückt halten, hatte untergehen lassen, rüsteten sich die Engel zu einem Hymnus. Doch Gott wehrte ihnen: Meiner Hände Werk versinkt im Meer und ihr wollt ein Lied singen! Der einigeinzige Gott des Judentums ist der Vater aller Menschen, er bedeutet die im Ideal der Sittlichkeit vereinigte Menschheit. Mag der Krieg auch vom „völkischen" Standpunkt aus hoch bewertet werden, weil er die Einzelnen verbindet als Zusamenschlietzung einer Vielheit zu einem einheitlichen Zweck, vom Standpunkte der Menschheit aus, den das Judentum fordert, steht der Krieg sehr tief, weil er die Völker trennt. Das Judentum zieht zwar infolge seiner geschichtlichen Schicksale den Krieg in den Bereich der Möglichkeit und macht im Kriege Tüchtigkeit, Tapftrkeit und treue Ausdauer zur Pflicht: Deines Weibes, deiner Kinder, deiner Habe sollst du nicht gedenken, sondern mit ganzer Kraft au' Deinem Posten stehen (Chinnuch Nr. 525, Sota, Mischna 8, 7), aber es will nicht den Krieg und sein Morden, sondern^— von der Gewißheit erfüllt, daß alles, was ist und geschieht, auch alles Leid und aller Jammer, die Welt eimm höchsten, seligen Ziele entgegenführt —, will es über der: Krieg hinaus. Mit den furchtbaren Verwüstungen und dem unendlichen Elend des Krieges kann es sich nur aussöhnen als einem Mittel in der Hand der Vorsehung, die Menschheit dem messianischen Ziele entgegenzuführen. Das Jrwentum verwirft also den Krieg als unsittlich und sündhaft und fordert vielmehr: Der Mensch suche den Frieden und jage ihm nach. (Abot 1. 12.) II. k Der Krieg und die Wirklichkeit. I Ist der Krieg in der Welt der Wirklichkeit aber zu vermelden? Dem Staat eignet Macht; für ihn ist wesentlich, daß er in einer menschlichen Gemeinschaft eine aller anderen Gewalt unvergleichlich überlegene Gewalt übt, die Quelle für allen Zwang ist. Kann der Staat das von ihm gesetzte Recht nach innen hin nicht mehr zwangsweise durchsetzen, so hat er aufgehört zu sein; aber auch wenn er nach außen hin seine Macht nicht durchsetzen kann, ist er kein Staat, denn ein Staat ist nur da, wo auch nach außen hin die unbedingte Möglichkeit des Widerstandes und das Bewußtsein der Fähigkeit zum Widerstande ist. Wenn der Staat unter fremdem Zwange stände, würde er in seinem Grunde vernichtet sein. Wie er nach innen Rechtstaat ist (nicht „Nationalstaat". denn der Inhalt des Staatswillens ist das Recht, und nur dazu führt er das Schwert der Gewalt*), so ist er nach außen Wahrer seiner Macht. Nach innen ist es die Aufgabe des Staates, Grundlage zu sein und die Bedingungen dafür herzustellen, daß die Menschen in der Gemeinschaft zusammenbestehen und für die menschlichen Zwecke miteinander arbeiten können. Nach außen hin gibt es aber für die Staaten kein schlechthin verbindliches Recht, weil es über ihnen als selbständigen souveränen Mächten keine höhere übermächtig zwingende Gewalt gibt. Daher entscheidet zwischen Staaten letzten Endes die Macht. Der Staat ist also erst dadurch wirklicher Staat, daß er durch einen anderen Staatswillen begrenzt und eingeengt ist. Wollte man aber die Vielheit der Staaten abschaffen, um die Machtkonflikte zwischen den einzelnen Staaten zu vermeiden, so würde alle lebendige Kulturentwickelung aufhören. In diesem Universalstaate wären wir keine sittlich freien Menschen mehr, 'denn der Staat würde einer Zwangsanstalt für alle, der absoluten Despotie gleichkommen, die die Menschen schlechthin versklavt. Dieser Zustand wäre nur denkbar bei vollendeter Kulturhöhe aller Staaten in der messianffchen Zeit. Durch Gleichheit und Verschiedenheit der Naturbedingungen, der Abstammung, der Bodenbeschaffenheit, des Klimas, der geschichtlichen Geschicke zusammengehalten oder getrennt, bilden sich aber viele einzelne Staaten aus. Gilt es aber keinen einheitlichen gemeinsamen übergeordneten Zwang über den einzelnen Staaten, so ist auch ein Recht unter Staaten zwecklos, weil es im Ernstfall nicht verwirklicht werden könnte. Hier gibt es keinen Vollstrecker. Bei Konflikten zwischen Staaten liegt darnach die Entscheidung in der Gewalt. Selbst Interessengemeinschaft zwischen Staaten kann Konflikte und damit Kriege nicht vermeiden, da die Gemeinsamkeit der Interessen jeden Augenblick in den'Widerstreit der Interessen Umschlägen kann. Gilt nach innen im Staate das Recht, so enffcheidet nach außen bei Konflikten die Macht. Der Krieg scheint darnach mit dem Staate mitgesetzt zu sein. III. Pazifismus und Judentum. So ergibt sich einerseits die immer drohende Möglichkeit des Krieges, während anderseits seine Unsittlichkeit offenbar ist. *) Vgl. hierzu näher: Dr. WMeiri BriNitzev, Stogtsfoum itnb sMichie Idee. Bevlop ^riredvich Andrms Povthes. Gochcr 1921. Wisch-liberaler Wenüverem Montag, den 11. April 1S21, abends 8V4 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 13 (Eingang nur Anger) Diskuffions-Abenb unter Leitung des Herrn Gemeinderabbiner vr. Vogelsteln. Die Versammlung beginnt ohne Rücklicht auf die Anzahl der Erschienenen eine Viertelstunde nach anberaumter Zert. Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. Wie kommen wir aus diesem Zwiespalt heraus? Auf der einen Seite das Gespenst des menschenmordenden Krieges, auf der andern die sittliche Forderung: Du sollst nicht morden! Aus dieser Not erwächst der Pazifismus, das Bestreben, den Krieg zu vermeiden. Der Pazifismus ist eine durchaus jüdisch-ethische Idee. Seine Wurzeln hat er in der n:essicmischen Friedensidee, denn in ihr ist die Vervollkommnung des Menschengeschlechts enthalten. Jesaja 11 und Jesaja 2 sind die wundervollsten Gemälde des einstigen Völkerfriedens. Die Mischna torcch schließt mit den Worten: „In jener Zeit wird nicht Krieg, nicht Neid, nicht Eifersucht sein, sondern das Gute wird sich weithin ausbreiten und in der ganzen Welt wird es keine andere Beschäftigung geben als Gott zu erkennen." Die Hoffnung auf den Welffrieden ist ein Glaubensartikel für den Juden geworden. ^Jakob Guttmann sagt: Weil wir an einen Gott der Liebe glauben, der alle Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen hat, darum glauben wir an einen Fortschritt, der sich unaufhaltsam in der Geschichte der Menschheit vollzieht, und darum glauben wir an den Sieg deS Versöhnungsgedankens im Leben der Völker. Diese Friedensidee steht nicht im Gegensatz zur Vaterlandsliebe (wie dem Judentum so oft fälschlich zum Vorwurf gemacht wird, sondern bildet erst ihre Vollendung. Denn während der national beschränkte Patriotismus vom Gegensatz und Wettbewerb der Völker ausgeht, fordert die von der messianffchen Friedensidee getragene Vaterlandsliebe: den eigenen Staat zum wirksamen Gliede in der Gesamtheit der Menschheit zu erheben. Gott spricht: Mein Haus soll ein Bethcms für alle Völker genannt werden. Den wesentlichen Nährboden zu Kriegen liefern Bölkerhaß und die Machtgelüste der Staaten. Soll die Idee 'des Pazifismus verwirklicht werden, so müssen deshalb Garantien geschaffen werden, die diesen ungesunden Nährboden sanieren. Diese Garantien liegen der Natur der Sache nach einmal auf ethffchem und anderseits auf rechtlichem Gebiet. Aus sittlichem Gebiet muß 'hingewirkt werden auf Erziehung zur Friedensliebe zwischen den Völkern, auf rechtlichem Gebiete auf Einsetzung zwischenstaatlicher Schiedsgerichte zur Vermeidung gewaltsamer Konflikte. 1. Erziehung zur Friedensliebe. Der wahre Friede wird nicht durch Verträge geschaffen — dadurch werden meist nur neue Reibungspunkte erzeugt — sondern durch Erweckung und Hegung friedvoller Gesinnung, die allem Verkehr der Völker untereinander zugrunde gelegt wird (vergl. Bammidb. r. Par. 11, 7). Nur bei liebevollem Zusammenschluß der Menschen und Völker kann sich die messianische Friedensidee effüllen. Darum ist alles herzlich zu begrüßen, was eine Annäherung der Völker herbeiführt, vor allem Wissenschaft, Kunst und Welthandel (vgl. Sota 49a). Das Judentum hat diese Friedensliebe immer betont: Wenn du dich einer Stadt nahest, sie zu bekriegen, so rufe sie zuerst zum Frieden auf. (Deut. 20, 10.) Selbst mitten im Kriege wird von den Rabbinern ein friedliches Verhalten in allem, was nicht unmittelbar zur Kriegstat gehört, gefordert (vgl. Sifre, Schaftim, Pff. 199, Perek Hascholom). Auch im Christentum, das feine Sendung in der Aufrichtung der Gottesherrschaft erblickt, ist kein Raum für den Krieg. Die deutschnationalen Kriegshetzer, die ach so oft (und sicher nicht zufällig) mit den Antisemiten zusammenfallen, haben wir im Veracht, keine wahren Christen zu sein. Mitten im Kriege haben Papst und englische Pazifisten (ich nenne nur Bertrand Ruffel) ihre Stimme erhoben. Wie kirchlicherseits für die Erweckung friedlicher Gesinnung gewirkt werden kann, zeigt folgendes Beispiel: Die lucherische Kirche von Elsaß-Lothringen - hat den zweiten Advent, der früher dem Gedanken des Weltgerichts gewidmet war, zum Friedenssonntag -bestimmt. In der Begründung heißt es: „Es ist offenkundig, daß die Regierungen der europäffchen Großstaaten in anhaltender Arbeit um die Tr-