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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-04-01 · 18 (1.4.1921) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
18 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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beherzigt «würde. Nein, Herr Dr. Nammmn, eine große Zwischenschicht gibt es nicht in der deutschen Judenheit; nur eine scharfe Trennung zwischen Nationaljuden und jüdischen Deutschen. Ich «bekenne mich ganz bewußt zu der religiös-liberalen Richtung im Judentum und weiß, daß die deutsche Judenheit doch mehr religiös orientiert «ist, wie der Außenstehende annimmt. Bei uns gibt eS nicht mehr Indifferente, wie in allen christlichen Gemeinschaften. Mögen uns Zionisten unseres nationaldeutschen Gefühls «wegen „Affimilanten" schimpfen und uns verlachen, Antisemiten uns für alles Unglück, welches in der Welt geschieht, zum Sündenbock stempeln, wir werden uns nicht durch dieses verbittern lassen. W i r wollen unsere Seelen rein halten vom Haß und so kämpfen für unsere Rechte als gute Deutsche und als gute Juden. Wir dienen dabei am besten unserem deutschen Vaterlande, dem Judentum und der ganzen Menschheit. Hochachtend gez.: Frau Wwe. H. V o r r e u t e r. ' Berlin, den 25. November 1920. Frau H. Borreuter Dortmund. Sehr geehrte gnädige Frau'. Die „Kölnische Zeitung" übersendet mir Ihr Schreiben vom 20. d. Mls. Ich freue mich, in den wesentlichsten Punkten Ihre Zustimmung gesunden zu haben. Allerdings lege ich aus das religiöse. Moment weniger Gewicht als Sie. Ich erkenne durchaus an, daß viele religiös gesumte Juoen nationcudeutsch gesmnt sind, kann mich aber der Ueberzeugung nicht verschließen, daß religiöse Gesinnung sich auch bei den Jübrschnationcuen und bei den Zwischenschichtlern ftndet. Die Religion begründet gewiß ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Stärker aber-ist das Nationatttätsgesuhl. und deshalb ist mir ein wirklich nationaldeutsch gesinnter Jude, mag er zur Religion stehen, wie er will, näher, als ein Zionist oder Ojtjude, der in Religionssraaen völlia mit mir üibereinstimmt. Bezüglich der Ostjuden stehe ich im Großen und Ganzen durchaus auf Ihrem Standpunkt. Die Erfahrung hat aber doch gelehrt, daß die in Osteuropa herrschenden Moralanschauungen, selbstverständlich auch die bei Richtjuden herrschenden, von denen eines national gesinnten Deutschen grundverschieden sind. Ich sträube mich gegen den für Deutschland zweifellos schädlichen Import iüeser Leute, ob sie nun Juden oder Slaven sind. Daß es meist Juden sind, liegt unzweifelhaft an den scheußlichen Verhältnissen, unter denen die Juden jetzt im Osten leben müssen und vor denen sie von ihrem Standpunkt aus ganz mit Recht fliehen. Trotzdem kann ich mich nicht entschließen, der Masseneinwanderung ruhig zuzusehen, denn die Gefahr für Deutschland ist eben doch zu groß und das Hemd ist uns Deutschen näher als der Rock. Ihren Optimismus bezüglich der zahlenmäßigen Stärke der Zwischenschicht kann ich ebenfalls nicht teilen. Die Zwischenschicht ist meiner Ansicht nach außerordentlich groß; es gehören viele zu ihr, die es selbst nicht wissen oder wahr haben wollen. Der von Ihnen erwähnte Zentralverein, der ursprünglich von sehr gesunden Ideen ausging, ist garrz und gar in das zwischenschichtliche Fahrwasser geraten. Seine Tätigkeit ist zurzeit meiner Ansicht nach eher schädlich als nützlich. Er will das Gute und schafft das Böse, nicht viel anders als die in jüdischen Kreisen viel gelesenen Tageszeitungen, wie etwa das „Berliner Tageblatt". Mein Artikel ist inzwischen auch in Broschürensorm erschienen. Ich gestatte mir, mit Rücksicht aus das von Ihnen gezeigte Interesse, ein Exemplar beizusügen. Mit vorzüglicher Hochachtung gez.: Dr. M. Naumann. Dortmund, den 8. Dezember 1920. Herrn Dr. Naumann C h a r l o 11 e n b u r g. Sehr geehrter Herr! Mit Arbeit im Hause und Bureau überlastet, komme ich erst heute dazu, Ihren Brief zu beantworten. Nehmen Sie für Ihre Broschüre meinen verbindlichsten Dank und gestatten mir, Ihnen zu sagen, daß unsere Auffassungen bezüglich der „Judenfrage" in. der Hauptsache übereinstimmen. Ich bleibe allerdings bei meiner Behauptung, daß nicht Rasse und Stamm, sondern die furchtbare Leidensgeschichte und der dauernde psychische Märtyrerweg die Judenheit fester zusammenkittet, wie alles Blut. Den Weg durch die Völker kann weder das Judentum (Lehre) noch die Judenheit verleugnen; mag in einzelnen Geschlechtern die Abstammung auch noch so rein sein. — Und etwas, werter Herr Naumann, kittet die Judenheit auch heute noch zusammen, und selbst den freireligiösen Juden. Das ist das „Kidusch-haschem", die Heiligung des göttlichen Namens. Er muß schon jede Fessel abgestreift haben, wenn dieses Bewußtsein ihm ganz verloren gegangen ist, wenn er sich hemmungslos nur seinen Leidenschaften, mögen sie nun sinnlicher, politischer oder sozialer Natur sein, hingibt, ohne an die Verantwortung zu denken. Gewiß, die Tat bleibt immer nur seine Tat. Doch schlägt sie zum Unglück aus oder ist sie eine schlechte Tat, so wird ja gerade dieses stets der ganzen Judenheil zur Last gelegt, während die guten Taten, die der jüdische Stamm für die ganze Men^heit geleistet hat, ja meist verschwiegen und verkleinert werden. — Nun sagen Sie, Herr Doktor, Ihnen ist die Nationalität die Hauptsache. Ich denke. Sie meinen damit die Liebe und Treue zum deutschen Heimatlande. Daß die deutsche Judenheit, besonders hier in den uralten Gemeinden des Westens, in der Mehrheit nationaldeutsch fühlt und denkt, bÄ>ars erst garnicht hervorgehoben zu werden. Beweise, daß hier nur die aus dem Osten eingewanderten und meist überspannte Akademiker sich Nationaljuden nennen. Unsere Liebe und Treue zu deutschem Land und Volk wird jedoch in unseren Reihen niemals zu dem öden Chauvinismus ausarten, der heute den geistigen Horizont selbst einsichtsvoller Männer einengt und beschränkt, sie zur Selbstsucht und niederem Rassenhaß verleitet. Die Deutschen Mischen Glaubens und Stammes werden nie vergessen, daß das Zeitalter der Ausklärung und die Zeit der Humanität ihre Ahnen aus der Knechtschaft des Ghetto erlöste und ihnen ihre Menschenwürde zurückgab. Bei Wahrung der deutschen Eigenart werden wir doch alle humanen Bestrebungen stützen und das Gefühl der Einheit des ganzen Menschengeschlechts und die Gemeinsamkeit seiner wesentlichen Interessen pflegen. — Lächeln mußte ich allerdings, wie Sie schreiben, daß die Moralanschauung , der Osteuropäer mit denen eines national gesinnten Deutschen nicht übereinstimme. Moralanschauung und nationale Gesinnung gehören absolut nicht zusammen. Ich fand gerade bei denen, die stets das Wort nattonal schreien, viel weniger Moral, wie bei anderen Menschen. Verallgemeinerung ist auch hierbei von Nebel. Allerdings hätte ich von Ihnen, werter Herr Naumann, erwartet, daß Sie genau den Schandvertrag von Versailles gelesen hätten und dann auch wissen müßten, daß wir wegen der Ostjuden garnichts unternehmen können, weil dieselben polnische und rumänische Staatsangehörige sind. Polen würde direkt mit einer Massenausweisung der deutschen Staatsangehörigen antworten. Das Problem hat also zwei Seiten, dies dürfen wir nicht vergessen. Noch eins, soll Deutschland in der Welt vorangehen in Inhumanität? Soll es mit Pogrom-Ungarn und -Polen auf eine Stufe gestellt werden? Wissen Sie nicht, daß gerade uns die ganze Welt „Hunnen" schimpft, weil Deutschland d a s k l a s - fische Land des Judenhasses ist? Wiffen Sie auch wirklich nicht, daß die Hälfte der Ostjuden damals von der deutschen Militärbehörde nach Deutschland transportiert wurde, um in Fabriken zu arbeiten, damit fast alle Männer restlos Soldaten sein konnten? Hier arbeiten Hunderte von Ostjuden in Bergwerken und Fabriken und sind teils fleißige und ordentliche Arbeiter; später kam leider sehr viel Gesindel imb unlautere Elemente dazu und diese Gesellschaft wünschen wir über alle Berge. Wissen Sie. werter Herr Naumann. auch garnicht, daß fast 10 000 elsässische Juden, weil sie Deutsche waren und bleiben wollten, von den Franzosen aus dem Elsaß vertrieben wurden und fast ganz ryittellos 'hier in Rheinland und Westfalen ankamen? Daß das Damoklesschwert der Franzosen hier im Westen fast stets über unfern Häuptern schwebt, dürften Sie wohl wissen. O, es ist so gut zu reden, und dabei sich gegenseitig noch verketzern, zudem feiert der Judenhaß, „finanziell" von Gebildeten fast aller Kreise genährt, „Orgien". Deutschland, Deutschland, was bist du erbärmlich geworden, doch soviel Hochmut ist noch in dem zerschlagenen Lande, daß es über die Juden hergeht, schlimmer wie zu Stöckers und Ahlwards Zeiten. Sollten Sie. werter Herr Doktor, auch garnicht wissen, daß der „Verein zur Abwehr des Anttsemitismus" im Jahre 1891 von fast 500 angesehenen Christen gegründet wurde? Daß ein Rudolf von Gneist, Rickert, Virchow, Mommsen in flammender Empörung Protest erhoben gegen die Judenhetze? Heute noch stehen namhafte christliche Gelehrte und Männer aller Berufe an der Spitze der Vereinigung. — Zum Schlüsse schreiben Sie, Herr Doktor, «der Zentralverein bewege sich im Fahrwasser der Zwischenschicht. Herr Doktor, nur Unkenntnis Ihrerseits konnte den Mitgliedern des Zentralvereins dieses antun. Die im Zentralverein organisierten 250 000 jüdischen Deutschen fühlen ebenso gut deutsch wie Sie. Der Zentralverein fordert und fördert deutsche Gesinnung und hat das bei allen Angelegenheiten in Wort und Tat bewiesen. Wir bekennen uns offen und frei zur deutschen Nation, und fühlen uns als Glieder des deutschen Volkes, trotz des Hasses, des Vorurteils und der Verleumdung, mit denen ein Teil des Volkes uns 'begegnet. Daß wir uns gegen den Judenhaß wehren, ist selbstverständlich; ich würde einen jüdischen Deutschen nicht mehr als Ehrenmann ansehen, wenn er sich stets Beleidigungen seiner Religion und Abstammung wegen gefallen lassen würde. Sollen wir unsere Jugend weiter als Parias behandeln lassen, soll Ihnen die Kindheit schon durch diesen Haß verbittert werden? Hier einzugreifen ist Menschenpflicht. Ich betrachte den Antisemitismus als eine große Kulturschande und darum bekämpfe ich ihn. — Für den rechten Jsraeliter heißt es nicht, den Judenhaß fürchten, sondern ihn bekämpfen uvd nicht desertieren. Wir im Zentralverein organisierten jüdischen Deutschen fühlen ebenso gut deutsch, wie diejenigen, die stets ihr Deutschtum auf den Lippen tragen, deren zweites Wort „national" ist, deren Talen aber ganz anders ausschauen. Daß wir im Zentralverein unsere Mitglieder auch auf Fehler aufmerksam machen und rügen, ist selbstverständlich. — Die Nachkommen von Menschen, die jahrhundertelang in Deutschland schlimmer behandelt wurden wie ein Stück Vieh, die können nicht schlackenlos und rein sein. Doch es sind menschliche Fehler, werter Herr Doktor, und keine jüdischen. Gewiß, an uns ergeht noch immer der Ruf: „Heiliget Euch, denn heilig bin ich, der Herr, Euer Gott." Trotz aller Schmach, trotz allen seelischen Leidens bin ich doch froh in der Gewißheit, daß von einem Teil memec deutschen Glaubensgenossen r'e'-'s Streben nach Selbstvervollkommnung, das Streben nach höchster Sittlichkeit und Vollendung des Menschen mit allen Kräften ausgenommen wird. — Trotz der Not und des Jam- Louis Lewanüowski (zu seinem 100. Geburtstage.) Am L. April 1921 sind es 100 Jahre, da Louis Lewandowski in Breschen, Provinz Posen, das Licht der Welt erstickte, einer der verdienstvollsten Reformatoren aus dem Gebiete des jüdischen TempelgJaages. Während Salömon Sulzer in Wien sich große verdien,ie um den synagogalen Gesang erworben hatte, hauptsächlich durch sein monumentales Werk „Schir Zion", wirrte Lewanoowski ungefähr zwei Jahrzehme später in Berlin nach SulzerS Vorbild. — Sowohl der Vater wie die Mutter Lewandowskis. stammten aus alten Rabbiner- und Gelehrtenfamilien. .Sein Vater, «in Kaufmann, nebenbei gerichtlicher Translateur! (Dolmetsch) für die hebräische, polnische und deutfche Sprache, erteilte seinen fünf Söhnen selbst den Anfangsunterricht und machte seine Kinder schon im zartesten Kindesalter mit den Lehren des Juoeatums und den religiösen Gesängen bekannt. Sogar mit dem damals berühmten Rabbi Attba stand er in regem Briefwechsel über talmudische Fragen. Der kleine Louis, der jüngste von den fünf Söhnen, machte bei dem ersten Unterricht des Vaters so erstaunliche Fortschritte, daß der Vater ihm schon mit sechs Jahren mit den Lehren der Mischna vertraut machte, einem Studium, das. er wohl bis zu seiner Bar-mizwoh trieb. — Der Vaier, der selbst cm den hohen Festtagen im Tempel vorbetete, bereitete den Kleinen schon dadurch aus seinen kommenden Beruf vor, er sowohl, wie seine vier älteren Brüder waren als Hilfssänger tätig. Louis' auffallende musikalische Begabung, vor allen Dingen seine schöne Stimme und dev gute, selbstlose Unterricht des Vaters, ersparten ihm viele Jahre mühseligen Studiums im Jünglingsalter und waren für ihn insofern ein großes Glück, als die materiellen Verhältnisse im Elternhaus sehr schlechte waren und sogar der kleine Louis selbst genötigt war, seinen Lebensun erhalt zu suchen. Allzufrüh wurde den Kindern die treusorgende fromm« Mutter entrissen, von der namentlich Louis das tiefe Verständnis für Musik geerbt hatte und schon im Alter von 12 Jahren mußte Louis das Vaterhaus verlassen. Der Segensspruch seines frommen Vaters: „O mögest Du Gunst und Wohlgefallen finden in den Augen Gottes und dw Menschen" und eine Barschaft von 12 Silbergroschen waren alles, was ihm d r Vater mit aus den Weg geben könn e. Durch einrn Günstling kam der Knabe nach Berlin, besuchte dott das Gymnasium und wurde namentlich von Dr. Baruch Auerbach, Beschütz u. a. unterstützt. Die schöne Sopraniimme (Louis wurde Solosänger in der atten Synagoge) erregte beim Gottesdienst so großes Aussehen, day der Phtlantrop Alexander Mendelssohn, ein Enkel Moses Mendelssohns', aus ihn aufmerksam wurde und den mittellosen Knaben in sein Haus bat. Das Mendelssohnsche Ha^is war damals der Treffpunkt der ersten Berliner Künstler. Louis, der außer seiner stimmlichen Begabung auch ein gu.er Geiger- und Klavierspieler war, spielte aus beiden Jnsiruhenten vor und beschloß nach den glänzenoen Talentproben aus Anregung Mendelssohns, sich ganz der Musik zu widmen. Er begann mit Studien in Harmonie- und Formenlehre, später mit der Kompositionslehre, dem einfachen und doppelten Kontrapunkt. Nach Absolvierung des Gymnasiums hörte er Vorlesungen an der Berliner Univrrsstät bei Pros. Marx über Musikwissenschaft und Akustik. Sein sehnlichster Wunsch war es nun, in die Akademie der heutigen Meisterschule sür Musik, die an die Hochschule sür Musik angegiiedett ist, ausgenommen zu werden und die nur besonders Begabten die Ausnahme gestattet. Damals waren sür einen Juden die Tore geschlossen; heute, wo die Kunst interkonfessionell ist und ein jüdischer Musiker, wie Gernsheim, Jahrzehnte lang' dott als Lehrer wirkte, besteht diese Verfügung nicht mehr. — Trotzdem bestand Lewandowsll darauf die Aufnahmeprüfung mündlich und schriftlich zu machen; er mußte ein Klavterwerk sür großes Orchester bearbeiten und zwei geistliche Chöre komponieren. Durch Mendelssohnsche Fürsprache wurde nun die alte Tradition g Machen, Lewandowski wurde nach gut bestandener Prüfung als erften Jude ausgenommen und erwarb sich bald große Beliebtheit und die volle Zufriedenheit seiner Lehrer Grell und Rungenhagen, der auch gleichzeitig der Dirigent der Stng- Akademie war., Eine Kantate für Soli, Chor und Orchester wurde sogar preisgekrönt, seine weiteren Komposttionsarbeiten oft durch Prämien ausgezeichnet. 1856 trat er sogar als Dittgent im alten Operntheaier Kroll am Königsplatz an die Oeffentlichkeit; in Gegenwart des Lehrerkollegiums und eines auserwählten Znhörerkreises, darunter viele Bierliner Torüünstler, sühtte er seine eigene Kompost tion aus, eine preisgekrönte Sinfonie. Rungenwagen selbst sprach sich sehr lobend über diese Komposition, sowie« über sein Dtrtgiettalent aus. Wie das Schassen eines reden Künstlers von zufälligen Einflüssen abhängig ist, können wir auch bei Lewandowski beobachten. Von seinen weltlichen Kompositionen wmdh durch eine lange schwere Krankheit sein Sinn aus fern eigenstes Schaffensseld, nämlich den Tempelgesang gelernt. Jugendeindructe wurden wieder in ihm wau), das rvilo oes frommen Vaters uno der gottessürchtigen Mutter traten vor seine Seele. — Schon 1840 wurde er an die alte orthodoxe Synagoge als Vorderer berufen; durch die Bearoeiiung altiüoischer Originalweisen uno vor allen Dingen mit seiner schonen Stimme trug er viel zur Heoung des Gottesdienstes bei. Die Gemeinde scheute damals keine Kosten und schickte Lewandowski nach Wien, um Sulzer im Settenstetrentempel zu Horen, der sowohl als Sänger und Komponist des schon erwähnten „Schir Zion" einen Weltruf hatte. Lewandowski schuf nun durch Sulzer angeregt sein bedeutendes Werk: „Kol ttunats und T'sillah", „Stimme, des Gesanges und des Gebetes, das er,»« große synagvgale Werk, das zu seinem 25. Amtsjubilärun 1865 erschien. Im Vorwort betont er ganz besonders die Bedeutung unserer jüdischen Sangeswetsen mit folgenden Worten: „Der musikalische Ausdvuck sür unsere Gebeiweise ist ein heiliges Erbe, geschaffen ohne musikalische Bildung, ohne kritische Untersuchung, einzig und allein der fromme unmittelbare Erguß heiligster Inspiration; und wenn wir auch die Sprache unserer Väter verlernt haben, das Verständnis für ihre und unsere herrlichen Tonweisen mühen wir wieder gewinnen, dieselben erhalten und Pflegen; wer empfände nicht in ihnen die Geschichte unseres Volkes!" Da er den Vorbeter als den Hauptträger des Gottesdienstes ansteht, hat er dem Rezitativ die größte Sorgfalt zugewendet, also dem einstimmigen Gesang, der bekanntlich, wenn er die Stütze des Instrumentes entbehrt, die schwierigste Kunstgattung ist. Der Chor ist nur zweistimmig oine instrumentale Begleitung und gerade in dieser knappen Form erzielte Lewandowski Bedeutendes. 1866 wurde Lewandowski an die neue Synagoge berufen. In dieser neuen Amtstätigkeit entstand sein zweitegroßes Werk sür vierstimmigen Chor mit Orgelbegleitung: „TodaH w'stmro"; die Chöre, die er sür die alte Synagoge ramponierte, versah er mit Orgelbeglettung, darunter sterte traditionelle Melodien, wie das Kol Nidre, den„Kaddtsch" sür „Tal und Geschem" (Gebet sür Tau und Regen), ohne «dadurch dem Gesang seine Eigenart zu nehmen. — Lewandowskts Gesänge, die so mit dem hebräischen Text verwachsen sind, werden immer ihren Wett behalten; auch seine zahlreichen deutschen Psalmen bewahren lies religiösen

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