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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-04-01 · 18 (1.4.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
18 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdisch liberale Zeitung Die.Mdilch-iiberaie Zeitung" erscheint jeden Freitag und Yoftet durch die Post oder durch die Geschäftsstelle bezogen, vletteljädrNch Mk. 4.— Ginzeinummer 40 Vf. Ladlunaea auf £offl$t<!Yonto Breslau 4srS7,2üdlfch- Uberale Leltuna. ffoffenverwaltuno. S. Bayer. Breslau r nrmvm in rr« n im tim ui » m i mimi DerantworMider Schriftleiter: Julius Loeb, Breslau 13, DMoriastraße i04d I ALr vir OtevaMon bestlmmt« LuschNftra stad aur aa 6Uf* 2ldr,N« iu rtQtta | Srschafts-rll»; Drr«Iau 3, Rrur Sraiwenstr. s liiiimiimiiHiirinTrn.. Annadmrlchlu» für Lrrichlk: TRontao mlttaa Sprechfiundea der Schrlftleltuag: Montag blS Arettao 11—12 vorm, ln der Geschäftsstelle. Annavmeschiuß für Anzeigen: Dienstag früh Die 3'h cm breite MilNmrterrrilr kostet so Vf., SamiUenanrrlgen so Vf. BelMederbolungsrma-lgung lt£artf Rr. iS Breslau, den i. April 1921 Der üMtonuN uaD dit Alhvilliste. Bon RMxmer Dr. Sigfrid Beh rer. Die Zeit «der typischen vciic^iöien Hdmpfc, deren klassischer 'JJattclpamft und interessierter Zeuge einst die altehrwurdrge ^meinde Breslau gavüjen ist, scheint vorilber zu sein. Die. Aufgaben, die Probleme der Gegenwart sind jo grotz unb schwierig, daß wir geneigt sind, über die m religloser Anlage und Erzieyurrg wurzelnden Gegensätze kurzer Hand himvegzuseher:. Jrn öffentlichen jüdischen Leben, im Vereinswesen urw hu Parteienkarnpf flackert nur letten die Parole: „hie orthodox, hie liberal" auf. Die <2orge nur unsere jüdische Existenz, der Zwang zur Abtvehr und die Notwendigkeit gemeinsamer humanitärer Arbeit hat eine weitreichende Einstellung auf die Kt c u t v a l i t a t der Parteien erzeugt, die vou weiteir Kreiser: ehrlich re spektiert worden ist. Abgesel-err von derr Großgentcinden aber haben die Provinzgemeinder: sich vielfach auf aus- Ichlietzliche Vevwaktnngsarbeit befchräntt. Die Berührung religloser Fragen wird ängstlich vermreden, wir sind der einer bedenklichen Stagnation des geisrig-rettgiösen Gebens augelaugt, die rwch vertieft rvird durch die geradezu unbegreiflicl)e Scheu vor der Ausgleichung au die modernen formen des öffentlichen Gebens. Das ist im gründe genommen nichts anderes als das Ergebnis der Entwickelung des letzter: Menscherralters. Wir find zu einem all genreiuen Desinteresse m e u t Übergängen. Die kleinen Gruppen aber 'der Orthodoxie, mit den Zionisten im rurgleichen Bündnis, haben eine Swgtraft entfaltet, die der Liberalismus n i ch t aufgebracht har, einen Opfermut bewährt und Erfolge erzielt, die weit über ihre zahlernnäßige Stärke hinauSreichen. Ueberall, rvo der LrberaliSnntS rricht von altersher dominiert, ft: er ftav; ins Hintertreffen geraten. Selbst die Kreise, die nrwedeuklich ihr Leben nach HbcraJ.cn Gesichtspuntter: eiurichten, stehen 'dein Liberalismus fremd urrd ablehnend gegenüber Fehlen ihm die Äärsserr, die ihm zrr folgerr geneigt jnrd, die .Fügend, die sich für ihn begeistert, dre Führer, vre rhrn die Richtung weisen? Fohlt ihm die Zugkraft, die in der Hingebung an eure b c w u ß t e U c b e r z e u g u n g ruht? Fehlt ihnr die Rührigkeit und die Emsigkeit,' die die rrach JA acht strebenden kleineren Gruppen betätigen? Mari wird rricht lerrgnerr, daß in all derrr ein Körnchen Wahrheit ver borgen ist. Der Liberalismus arbeitet rveder rrrit dem Schlagwott rwch mit der Sensation. Er rrruß an die über tormnene Tradition wohl anknüpfen, aber er kann nicht einseitig ihren Zauber verherrlichen. Ihm ist die Mystik fremd, die sich rrrit dem Althergebrachteil verknüpft, er tarrrr ohne Bruch rrrit der Bergarrgenheit nicht leben, aber er tarrrr derr Schnrerz nicht verstehen, derr ferne Gegner an jede Wandlung rechen. Er will allerdings dem Gemüt rricht rvehe tun, desserr Forderurrgerr ihm heilig sind, aber er will der Phantasie die Vergeistigung des Judentums gesellen, ivaS geschichtlich vollauf begründet. von weiten Kreisen aber scharf zrrrückgewiesen wird. Tenn Formen, die Genrüt und Verstand ansgleickstn, werrdcu sich gebieterisch an den denkenden Menschen, der sich nicht mit der bloß a n g e l e r u t e rr Mensck-ensatznng begnügen kann. Man kann rricht Hhaupten, daß die Orthodoxie dein Liberalismus jemals hirrreichcndcS Verständnis entgegengebracht hätte. Selten ist cs ihr in den Sinn gekommen, Duldsanckeit ihur zu. gewähren, sonst hätte sie nicht bis auf den heutigen Tag arff ihrem Separatismus bestanden. Es wäre nicht liberal, wollten wir von der bisher beobachteten Linie abweichen. Das Judentum hat Raum für alle Schattierungen. Es braucht alle PaAeien, um im Geisteskampfe seiner: erhabenen Zielen entgegenzuschreiten. Wir hegen Gerechtigkeit gegen die anders gearteten Brüder, urrd wir erachten es für unsere Pflicht, ihren begrürrdeten Wiurschen Gehör zu scherrkerr. Gegen Majorisierung urrd Einseitigkeit aber setzen wir uns zur Wehr, ebensosehr wie gegen jede Entstellung liberaler Bestrebungen. Uns ist die jüdische Religion, chre Lehre und ihr Bekerrntnis aufrichtige Herzenssache. Wir verlangen, daß Haus und Scl-nle m wahrhaft jüdischem Geiste für die religiöse Erziehung sich einsetzen. Die Pflege der hebräischen Sprache ist uns ebenso heilig und unerläßlich, wie die Liebe zum Laude der Väter. Wir setzen uns ein für unsere jüdische Lebensauffassung und klammern uns keineswegs an ein bloßes a k a d e rn isches Bekenntnis, wie man uns vottvirfft. lvir fordern ebensosehr der: ganzer: Menschen, wie der: ganzen Charakter. Es genügt nicht, das programmatisch auszuspvechen. Im drängenden, hastenden Kampf des Lebens müssen wir Zeit finden. uns zu uns selber wiederzufnÄen. Wir 'müsset: Kraft gewirmerr, für das dort uns erwählte liberale Judentum Opfer zu bringen. Wir dürfen nicht Institutionen des religiösen Lebens schaffen, deren Benützung wir nur den anderen anhenngeben. Das wäre ein völlig falsch verstandener Liberalisnms. S a b b a t h c urrd Festtage, religiöse Erinnerungen und Bräuche, in wahrhaft j ü d i s ch e m Geiste e r n e u e r t, müssen airfS neue uns ihren tiefer: Sinn erschließen. Alles aber wäre veMbcns, rvenn mir nicht die Jugerrd erwärrrten ::nd begeistern, die Heranwachsende und die erwachsene. Das ist die eigentlicl)e Lebensnnt> Zuknnfts- 'rage des Iudenturrw, an der alle Gruppen ur:d Parteien gleich stark interessiert sirw. Ist sie ideal genug, um das zu begreifer:? Ich gestehe, daß ich den Ernst der gegenwärtigen kritischer: Stmwe nicht verkenne. Jede Belvegung aber braucht geistiges i r: t e r: - i v e s Leben u n d Schaffer:, braucht Personichteiten von hinreißender Kraft des Vorbilds, des Warrdels rnw des Wortes, des JdcaliSuurs der Begeisterung. brmrcht Führer, die ur:s den Weg ins Land der Verheißung zeigen. Gerade u: einem Zeitalter des Uebergangs, in den: alle Formen des Lebens und des Denkens eine Umivälzrmg erfckhrer:, find mir aus sie angewiesen. Geradezu erschrecket aber ist eS, wie unser gesarntes geisü ges Leben in Derttschlartd zu Bruch geht, wie selbst die jüdischer: Gementder: im innerster: bedroht sind. Die lüdisch-liberalen Gen:ei:ider: Haber: heute eine Ehrenpflicht gegen ihre jüdischer: Fichrer, geger: ihre Beantten zu er füller:, die sie niemals aus angen:esser:en Sold gestellt haben. Die leidige Preftigepolitik, die uns keinen Schritt vorwärts gebracht lM, nu:ß abgclöst werden durch jene soziale Gerechtigkeit, die doch das Inder:tun: zuerst gelehn hat. Soll nach den: TalmudÄvort der Geist der Freudigkeit. der Pflichterfüllung aus ihnen ruher:, dann nmß nun: wenigster:s die wirtschaftliche Verelendung ihnen ersparen. Schon ist die Gefahr der Berufsabtvanderung über sie gekommen. Wollen die 'durchweg wohlhaberiden Gemeindei: sich auch noch dieser beschämenden Möglichkeit aussetzen, die mit religiöser Verwilderung endet? — Hk* Rhodas, nie salta! vom natroualüeutschen Ouöcn. E i n Briefwechsel. Von befreundeter Leite werden uns mit der Ermächtigung zur Veröfjem lichung folgende Briefe zur Verfügung gestellt. Nachdeu: unser Standpunkt zu der Broschüre Dr. Naumanns „Vonr natioualdeutschen Juden" in Nr. 14 dieses Blattes von Rechtsanwalt Spitz dar getan worden ist, entbehrt es unseres Erachtens nicht des Interesses, wenn zur wetteren Klärung der Frage im folgen den der Briefwechsel zum Abdruck ge bracht wird. Die Red. D 0 r t nt n n d, den 20. 11. 1920. Herrn Chefredakteur E r n st P 0 f s e K ö l n. Sehr geehrter Herr! Vor einigen Tagen brachten mir Freunde christ licher: Bekenntnisses die Artikel in der „Kölnischen1 Zeitung" vom 30. 10. 20 aus der Feder des Herrn Dr. Naumann über den nativnaldentschen Jtwen. Ich bin erfreut, daß Herr Dr. Naumann sich bemüht, ohne jegliches Vorurteil die Verhältnisse in der deutschen Iudenheit den nichtjüdischen Deutschen nach seinem besten Wiffen urrd Willen darznstellen. Es wäre im Interesse des deutschen Ansehens in der Welt sehr erwünscht, wenn solche Versuche der Verständigung, wie sie letzchir: ja auch der bedeutertde christlick)e Theologe Geheimrat Professor D. Hevnr. Strack in einem Artikel des Oktoberheftes des „Zentralvereins deutscher Äaatsbnrger jüdisck)en Glaubens" unternahm, auf furchtbaren Boden fallen würden. — Nichts ist ja unseren ehemaligen Feinden so erwünscht, als an Hand dieser s Y st e m a 1 u s che n I uden hetz e in D en tschlandder Kultur- Welt zu verkünden, dieses halbbarbarische Volk der Deutschen verdiene keine archere Behandlung. Wer Arrger: mtb Ohren hat, der sicht rnü) hört, Nne England um die Sympathien der Iudenheit der ganzen Welt wirbt und sich als Beschützer für die armen, geknechteten Ostjnden Mötsch-liberaler ^ugenüvereln Montag, den 4. April 1921. abend- 8 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Vortrag de» Herrn Kovar» Hirichfeld, Berlin über: .die Hagaüah und ihre Geschichte" (mit Lichtbilder»», Freunde und Älnhänger unserer Bewegung willkommeru 1. Jahrgang mammammmsssmBssassssBmBBBSSBBBm ausgibt. — Nicht die Rasse, rverter Herr Naursiann. sorrdcrn die Religion und furchtbare Leidensgeschichte kettet die Iudenheit fester zusammen wie alles Blut. Wer den Geist im Blute verankert sieht, wie unsere deutschvölkischen Antisemiten und unsere jüdischvölkischen Zionisten, denkt so in ater i a l i st ij ch, wie sonst keine Gemeinschaft. Bei Tieren spricht man vou Rasseil. Menschen sollten nach ihrer Geistesverfassung beurteilt werden. Ich, die ich die Geschichte des Judentums (rmsere Lchre) sehr gut kenne, weiß, daß der Zionismtts unsere Lehre auf eine niedere Stufe herabdrückt und nickst nur aus deutschem, sondern ebenso aus jüdischreligiösem Empfinden bekämpfe ich der: Zionismus in schärfster Form. Sollte Herrn Dr. Naumann nicht bekannt sein, 'daß die im Zentralvereilt organisierten fast 250 000 deutschen Iichcn von den Zionisten ihres nalionaldentschen Gefühls wegen als „Zlfsimilanten" bezeichnet -werden? Wir sichen im Deutschtum Nation und Volk rmd im Judentum Religion und Stanunesgemeinschaft. Ich kenne wirklich keine bedeutertde Zwischerrschicht. Es mag rnehrere tausend Feiglinge geben, die ihre jüdische Mstamnmng verleugnen. Was wir erlstrlten wollen, das ist die sittlich-religiöse Eigenart unseres Stammes, der: Fannlierrsinn urrd die jüdische Wohltätigkeit, die wollen wir erhalten wissen.- Warum soll die Iudenheit sich öffentlich abfonderrr und große Kundgebungerl erlassen gegen die asozialen Elemente in ihren Reihen? Ich habe dergleichen nie als Forderung von Katholiken und Protestanten gehört. Zwifcheit deutschen Religionsjnden und Inden von vadikaler bolschewistischer Färbung gibt es niemals ein Zusammengehen. Die Unterschiede snw so tief wie Feuer und Wasser. Für uns ist der Warne „Irwe" ein Ehrenname und er wird durch schlechte Elemente entweiht. ebenso wie der Name Christ entweiht wird durch die schlechten Elemente in der deutscher: Christenheit. Uobrigcns fft die Znsammenstelhlng der Hakenkreuzrittev mit unseren „jüdisch-völkischen" und dem angezüchteten jüdischen Nationalgeftchl, sehr richtig. Beide meinen, es gibt nur Deutsche gerntanischen und jüdischen Stammes, während doch jedem, nicht vor: der Rassentheorie benebelten Deutschen klar ist: „Wir Detltsche sind Gemisch aus der: verlchiedensten Rasserr. aus vorgermanischen Ur eiMvohnern, Germanen, Kelten. Jtlden. Wenden und der vielen aridem slaüvisä)en Stämme östlich der Elbe. Wir sirtd die deutsche E i n h e i 1 s g r u p P e inner h a l b d e r g r 0 ß e r: weißen Rasse. — Seit langen Jahren irn Kampfe gegen den Indetchaß stehend, ist es rrnr besonders schnrerzlich, zu sehen, wie gerade in den Kreisen, die sich zu den Gebildeten zählen, dieser Haß geschürt und genährt wird. Geheinrvat Harnack hat recht, als er vor einiger Zeit schrieb: „Wer Jesu und feinen Gottes- < glauben wirklich in ferner seelischen Eigenart verstehen will, der lut besser, zu den höherstehenden Teilen des Talmud, oder zu der religiös-echischen Literatur des modernen Judentums zu greisen, als zu manchen Darlegungen christlicher Theologen. Die spezifische Sittlichkeit des modernen Jndentüms ist mit Jesu viel enger verwandt, als die mancher arischer Theologen, denen das eigertartige warn: s 0 z i a l - g e f i n n t e jüdische M e n s ch e n t u m völlig frenid bleibt. Und die sich teilweise bis zur Billigung der Forderung einer rein nationalegoistschen, ans sittliche Momente nicht R ü ck s i ch t nehmenden Machtpolitik garr^ von Jesu entfernen." — Die jüdischer: Theologen haben aber vollkommen recht, wenn sie feststellen, >daß das Christentum weder irr Bezug auf das Wesen Gottes, noch die dem Menschen obliegeriden Berpflichtungen religiös-sittliche Gedanken aufwofft, die nicht auf den Höhen des Judentums vorhanden waren. (Ans Harnacks „Wissertschaft und Leben". Barü) I, Seite 202.) Hieran anknüpfctw möchte ich bemerken, daß die übergroße Mehrheit der jüdischen Deutftl-en. obwohl den Ostjnden ganz fremd in Sitten und Gebräuchen, teils sogar in: religiösen Kultus und Ritus, doch niemals einem schutzbsdürftiger: Religionsgenoffen Hilfe r:nd Unterstützung verweigert. Durch Knechtung mtd ichrhundertelange unmenschliche BchaMung, zun': großen Teil noch im mittelalterlicher: Ghetw lebettd, verfolgt, gepeinigt, gewürgt und gefoltert, ist es unmöglich, von den Ostjuden zu erwarten, daß sie auf der sittlichen urw kultureller: Höhe stehen, welche alle Religionen bei ihren BokerNrern erzielen wollen. Nicht nur der Polnische und galizische Jude, sortbern auch der Polnische Katholik urrd Protestant stehen auf sehr niederer Kulturstufe. Ich verurteile unbedingt unlautere und schlecht« Elemente bei den Ostjuden. Doch auch hier darf man nicht verallgemeinern. „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Ich wollte, daß dieser Ausspruch mehr von meinen deutschen Brüdern andern Stammes

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