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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-03-18 · 16 (18.3.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
16 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Frankfurt a. Mai». Die Zentrale f'ür MazLosversorgung G. m. b. H." teilt mit: Der Herr Reichsminister sür Ernährung und Landwirtschaft hat sich infolge der ihm borge brachten Klagen der jüdischen Bevölkerung über die Unzulänglichkeit der bisher für die Mazzosherstellung zum nächsten Pessachfeste von der Reichsgetreidestelle bereitgestellten Mehlmenge veranlaßt gesehen, eine weitere Mehlmenge sür den Zweck zur Verfügung zu stellen. Wir sind hierdurch in den Stand gesetzt, die Kopfanteile höher zu bemessen, als in unserem Rundschreiben vom November in Aussicht gestellt werden konnte. Unter dem Vorbehalte, daß es ohne Zwischenfall möglich sein wird, die verfügbare Mehlmenge zu' verbacken, setzen wir hierdurch im Sinne von Ziffer III, 4 der „Grundsätze für die Herstellung und den Vertrieb von Mazzos (Osterbrot) nach § IS, Abs. I der Reichsgetreideordnung für die Ernte 1920 den Kopsanteil wie folgt fest: Bestellschein A: 4H Pfund, Bestellschein B: 2 Pfund. 2)ie Lieferung von MazzoS an die Verbraucher wird den Bäckereien vom heutigen Tage an freigegeben. Gleichzeitig wird bekannt, gegeben, daß die MeichSgetreidestelle im Interesse der Mazzosverbraucher mit Verfügung vom 16. Februar Wä. Nr. B 100 eine Aenderüng den Bestimmungen über den Abzug der Brotmarken vorgeuommen hqt. Diese Verfügung ändert Abs. III, Ziffer 6 der oben erwähnten Grundsätze dahin ab, daß die Brotkarte um diejenige Brotmenge (nicht Mehlmenge) gekürzt wird, die der bestellten MazzoSmenge entspricht. Die Kommunalverbände haben den Verbrauchern die Brotkarten bei der Ausgabe derart zu kürzen, daß sür je 100 Gramm Mazzos 100 Gramm Brot (nicht Mehl) in Ansatz zu bringen sind. Etwa sich ergebende Markenbruchteile werden zugunsten des Verbrauchers abgerundet. Die Kommunalverbände sind durch die erwähnte Verfügung vom 16. 2. entsprechend benachrichtigt worden. Mit Rücksicht auf den höheren Preis der uns zur Verfügung gestellten Mehlmenge hat sich eine Abänderung der Höchstpreise als notwendig erwiesen. Diese betragen nunmehr: für 1 Pfund Mazzos 6 Mk., sür 1 Pfund gemahlene Mazzos 6,20 Mark. Kus.-er Provinz. Breslau, den' 18. März 1921. Zur Abstimmung in Oberschlesien. Nur Stunden trennen unS noch von dem Tage, an dem die Bevölkerung Oberschlesiens über ihre künftige staatliche Zugehörigkeit entscheDen soll. Wir hoffen nicht nur, nein, wir sind davon überzeugt, daß der 20. März einen überwältigenden Sieg der deutschen Sache bringen wird. Was ein Uebergang Oberschlesiens an Polen gerade für unsere Glaubensgenoffen bedeuten würde, bedarf heute kaum mehr der Hervorhebung. Aber nicht das ist es, was den Juden Oberschlssiens die Stimmabgabe für unser deutsches Vaterland zur seLbstverständlichen, freudig erfüllten Pflicht macht, sondern vor allen Dingen das Bewußtsein der festen Zusammengehörigkeit mit der deutschen Kulturgemeinschast. Die. oberjchtcsijchen Abstimmungszüge, die feit einer Woche in ununterbrochener Folge die Breslauer Bahnhöfe vaffieren und Zeugnis oblegen von dem starken Heimatgefühl, daS die Oderfchlefien-Fahrer beseelt, brachten auch eine große Anzahl von Glaubensgenossen, die hier rituell verpflegt wurden. Die hierfür geschaffene, von Herrn Bankier L ö w y geleitete Organisation bewährt sich durchaus und findet bek den- Abstimmungsberechtigten rückhaltlose Anerkennung. — Ein Mißion wurde leider in den schönen Gemeinschaftsgeist, der alle an dem großen Werk helfend Tätigen erfüllt, dadurch hineingetragen, daß eine Anzähl von Helfern auf dem Bahnhof es nicht unterlassen konnte, auch dort das Hakenkreuz zur Schau »U stellen. Wie der Redaktion seitens des Schutzbundes ver sichert wurde, ist dagegen sofort eingeschritten worden. Rybnik O.-S. Wluch hier findet für die Abstimmungs berechtigten rituelle Verpflegung statt, die durch Rabbiner Dr. Ne Nh aus, Bahnhosstr. 5, nachgewiesen wird. Presse-Schau. unter der Ueberschrift: „Stellung der Institutionen zum jiidffchen Handwerker" u. a. folgendes: In vielen größeren, wenn nicht in allen Gemeinden knnrmern sich die Vorstände sehr wenig oder gar nicht darum, bei wem und bei welchen Meistern die benötigten Arbeiten bestellt werden, es ist ihnen vollkommen gleichgültig, ob die zu vergebenden Posten oder Arbeiten einem jüdischen Kaufmann oder Handwerker 'bestellt werden, denn diese Leute haben fiir ihre Glaubensgenossen, sobald sie ein Handwerk betreiben, so gut wie kein Interesse, und diele unter uns werden sich doch wohl schon gefragt haben, woher kommt das? Im allgemeinen ist hier eine alte Voreingenommenheit über die mindere Leistungsfähigkeit und das Können des jüdischen Gewerbetreibenden der ausschlaggebende Faktor, der Glaubensgenosse als Besteller zieht oft den Nichtjuden als den Tüchtigeren in Betracht, und kann er den jüdischen Gewerbetreibenden nicht umgehen, so sucht er demselben mit einigen belanglosen Nebenbestellungen gerecht zu werden. Nun hat der jüdische Kaufmann und Gewerbetreibende es noch nicht vermocht, trotz jahrelanger Propaganda, trotz der emsigsten Arbeit, den Glaubensgenossen am Platze von der Bonität seiner Arbeit zu überzeugen und damit komme ich zu dem springercken Punkt der ganzen Angelegenheit: Hier ist der Punkt, in dem alle den Hebel ansetzen müssen, in dem alle ihr bestes Können, ihre größte Neellität und Pünktlichkeit zeigen müssen, um gerade dem Glaubens genossen zu beweisen, wie sehr man seine Kundschaft schätzt. Sollten chm Sachen und Ausführungen übertragen wer den, die ihm wenig oder gar nicht liegen, so laste er sich in keinem Falle verleiten, die Angelegenheit nach eigenem Gutdünken zu liefern, sondern er betraue eine geeignete Person mit der Ausführung. Kollegen, scheut keine Mühe lmd keine Arbeit und laßt Euch nicht verdrießen, in allen Angelegenheiten dem Kunden offen und ehrlich Eure Mei liung und Euer Urteil rein objektiv zu unterbreiten und chützt gerade den Glaubensgenossen vor unnützen und wertlosen Arbeiten und Geldausgaben. Denn gerade dieses wird Euch jeder einsichtsvolle Besteller nicht vergessen, macht Euch in allen Sachen unentbehrlich, seid stets ein zuverlässiger Berater und betrachtet Eure Kundschaft als etwas Kostbares, bei der sich die Mühe auch in anderer Werse lohnt, sie braucht nicht immer in Mart auf der Rechnung zu stehen. Es ist eine unbedingte Notwendigkeit, daß jeder sucht, sich Vertrauen zu erwerben, zumal in der heutigen Zeit, und immer wieder in feiner Arbeit und Leistung darauf hinweist, daß der Glaubensgenosse als Besteller keine Ursache fir^et, einen Fremden mit Aufträgen zu unterstützen, sondern je selbstloser sich der Handwerker seiner Arbeit annimmt, um so würdiger erscheint er dem Kunden. Hier ist es. wo der Gewerbetreibende, ohne sich etwas vergeben zu müssen, zeigen kann, wie stolz ihn die Arbeit macht, und daß es sür ihn nichts anderes gibt, was ihn mehr erfreut, als eine gediegene und gute Sache, denn nur solches Schaffen adelt. Ueberzeugt den Besteller von einer einwandfreien, preiswerten und guten Lieferung, so wird er nicht einmal, sondern immer und immer wiö>er auf Euch zurückkommen, denn welcher einsichtige Glaubensgenosse würde in diesem Fall nicht stets den jüdischen Kaufmann urch Gewerbetreibenden vor allen anderen vorziehen. Dann wird sich schon in kurzer Zeit zeigen, wie der jüdische Mitbürger sich den am Platze befindlichen jüdischen Gewerbetreibenden unb Kaufleuten gegenüber verhält, und da bin ich der Meinung, daß bei einem solchen korrekten und soliden Entgegenkommen von unserer Seite der Erfolg wich, uiü> wir damit auch der Welffremdheit in den jüdischen Gemeinden am ehesten steuern. Irr der Zeitschrift „Handwerk und Gewerbe", dem offiziellen Organ des Zen^ralverbandes jüdischer Handtverker Deutschlands, schreibt Alfred Vogelfang-Düsseldorf I sür uns in jeder Ai-l und Weise ein zufriedenstellender sein In den: „Israelitischen Familienblatt" schreibt Dr. Margarete P-mner über „Die Berufswahl der jüdichen Mädchen": * „Nur bei vereinzelten Persönlichkeiten ist die Berufswahl von vernhevein drrrch eine ^besondere Begabung bestimmt. Bei der großen Mehrzahl unserer Mädchen ent cheiden traditionelle Gründe über den Entschluß, sich diesem oder jenem Berufe zuzuwenden. Während _ die jüdische Frau bis vor wenigen Jahrzehnten selbstverständlich und allgemein in den häuslichen Beruf überging, ist in der letzten Zeit der kaufmännische Beruf in den Vorder grund getreten, und es erscheint heute den Mischen Eltern selbstverständlich, ihref Töchter nach dem Schulbesuch eine .Handelsschule besucheü zu lassen oder sie direkt in kaufmännische Lchrstellen zu geben. Bei einer eingehenden Beschäftigung mit den Fragen der Berufsberatung stellt sich diese Tatsache als ein schwerer Schaden für das Leben unserer Gemeinschaft heraus. Die sitzende Tätigkeit hält den Frauenkörper in seiner natürlichen Entwickelung zurück, und die einseitige Beschäftigung läßt die geistigen und seelischen Kräfte unserer Mädchen unausgebildel. Unsere Frauen sind durch das unruhige Geschäftsleben nervöser geworden, die Erziehung und Ernährung der Kinder ist in vielen Fällen weniger liebevoll und sorgfältig, als sie es früher war, und das jüdische Haus zeigt nur noch selten die ruhige Schönheit, die man ihm früher nachgerühmt hat. In unserer unruhigen Zeit ist bereits in vielen Frauen die Neigung für die ordnende und ruhige häusliche Tätigkeit neu erwacht. Es kommt heilte daraus an, diese Neigung zu stärken, also vor allem unseren Mädchen wieder klar zu. machen, daß der häusliche Beruf ein wirklicher „Berits" ist, daß in ihm durch eine regelmäßig ausgeübt^ Tätigkeit Werte geschaffen werben, daß also die häuslichtätige Frau nicht geringer zu achten ist als die geschäftstätige. Es scheint uns eine der wesentlichsten Ausgaben der Berussberatungsstellen zu sein, in diesem Sinne zu arbeiten. Es ist ein schwerer Schaden in unserem Schulwesen, daß unsere Mädchen nur wissenschaftlich erzogen werden und die häuslichen und ländlichen Beschäftigungen nicht kennen lernen. Nur wenn sie bereits als Kirwer alle Arbcitszweige geübt haben, können sie sich entschieden dem einen oder anderen Beruf zuwenden, und es scheint sicher, daß bei einem derart veränderten Schulsystem wieder ein beträchtlich größerer Prozenffatz von Mädchen zur Haus¬ und Landwirtschaft übergehen wird. Eine Abhilfe dieses Mangels konnte man im Augenblick durch Haushaltungs- Abenkurse und Schulgärten schaffen; die Mittel für derartige Einrichtungen sind nicht unerschwinglich und müßten durch Private, Organisationen und Gemeinden zur Verfügung gestellt Wecken. Bevor diese Einrichtungen durchgeführt sind, wäre den jüdischen Eltern, die irgendwie dazu in der Lage sind, jedenfalls zu raten, ihre Kinder vor der endgültigen Berufswahl ein Jcchr lang im eigenen oderfremden Haushalt arbeiten zu lasten. Neben den städti schen und ländlichen hauswirtschaftlichen Lehrstellen, welche den Berrffsberatungsämtern «bekannt sind, wäre ein or ganisierter Austausch von Kindern, wie er heute zum Bei spiel von der Loge geplant wird, ein Mittel, Lehrstellen frei zu machen und ’beit jungen Mädchen ohne zu große Kosten die Möglichkeit zu geben, sich vielseittger auszu bilden. Dieses wirtschaftliche Lehrjahr soll allgemein an die Stelle des früher üblichen Pensionsjahres treten. Es istzu hoffen, daß die kommenden Jahre durch die Zusammenarbeit aller maßgebenden Kreise einen Fort ^BSSSSSBSSmamSmBBSSaSSBSBSBSBSBSSaB darüber im Zweifel sein, wer die Schuld an dieser bitteren Wendung trägt . . . Auf einen ausgesprochen friedlich-freundschaftlichen Ton waren auch die Beziehungen zwischen uns Luden und der übrigen Bevölkerung abgestimmt. Nie habe ich in der Schule — nicht von Lehrern und nicht von Schülern — ein verletzendes Wort über Juden gehört. Freilich rückten mannigfache günstige Umstände zusammen, um so glückliche Verhältnisse zu schaffen. Jedermann, weiß: In Oberschlesien wird die Gesinnung der Bevölkerung in weitem Umfange durch die katholische Geistlichkeit bestimmt. Der alte Stadtpfarrer aber — er ist hochbetagt noch heut im , Amte — war stets ein Mann des echten Gottesfriedens, der nach Lessings Forderung „mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott" sein schönes Amt versah. Und in gleich friedlichem Sinne wirkten der evangelische Pastor, der Landrat, der Bürgermeister — durchweg Männer streng konservativer Gesinnung, die aber mit den heutigen Hakenkreuzlern etwa so viel gemein hatten, wie eine edle Dogge mit einem zuschnap- Pkflden Dorsköter. Freilich wurde die Aufrechterhaltung dieser freundlichen Beziehungen zwischen uns Juden und der anderen Bevöl kerung durch die Persönlichkeit des Mannes, dem unsere kleine Gemeinde daS Amt des Kantors und Predigers anvertraut hatte, wesentlich erleichtert und gefördert. In dem roten Häuschen neben der Synagoge, dessen Bewohner mit meinem Elternhause durch engste Freundschaft verbunden waren,in dem Garten dahinter und auf dem grünen Platz um den Tempel Herum habe ich mit die schönstrn Stunden meiner Kindheit 'Verlebt. Aber nicht diese Tatsachen bestimmen mein Urteil über den herzprächtigen alten Mann, zu dessen Füßen ich dann sitzen durfte und der io viel echte Begeisterung und Liebeskrast daran wandte, uns den heiligen Sinn der Gebete und den ,Geist der Sprache; in der sie unS überliefett sind, nahezubringen. Ach, wir löhnten ihm feine Mühe oft gar schlecht! ^er hebräische Unterricht nahm unS den Mittwoch Nachmittag, einen der beiden einzigen schulfreien Nachmittage der Woche, nahm uns Stünden des Sonntag Vormittag, tn denxn unsere Kameraden sich draußen tummeln dursten; das lag uns allzuoft im Sinn und lähmte unsere Aufmerksamkeit. Wenn der alte Mann, den wir doch alle liebten, mit seinem dicken Stocke auf den Tisch aufschlug und immer mit den gleichen Worten: „Scht, Ruh' mal, die Schule hat begonnen", den Unterricht einleitete, dann wurde es wohl still bei den Jungens und Mädels im Raume, aber die Gedanken ließen sich nicht wie die losen Mäuler im Zügel halten, sondern flatterten frei im Raume umher und gaukelten von dem Siebengebel und den anderen heiligen Dingen hinweg zu den blühenden Wiesen draußen und zu den „Klippe" oder „Knetschenball" spielenden Schulkameraden. welche die patriotischen Gedichte hinauszuschmettern auSersehen wurden; einen Antisemitismus, der das gehindert hätte, gab es weder an der simultanen Volksschule, die ich zuerst besuchte, noch an dem Progynmasium, das mich dann ausnahm. Nach der Feier häuften sich die Freuden. Denn nun begann das militärische Schauspiel: die feierliche Einholung der im Hommandanturgebäude untergebrachten, ehrwürdig zerschlissenen Regimentsfahnen, der Aufmarsch der Truppen zur Paradeaufstellung, die weithin über den Markt dröhnende Ansprache des Obersten — und dann der Parademarsch. Mochte der Kommandeur ein strenger Kritiker sein, wir waren strenger! Hoch auf aber hüpfte Unser Herz, wenn dann hinter der Truppe die Kriegervereine des Kreises ankomen. Bon den Veteranen aus den drei Kriegen, deren eiftrne Kreuze ehrfürchtig angestaunt wurden, bis zu dem jüngst erst zur Reserve übergetretenen Jahrgange wetteiferten sie alle an Strammheit mit den aktiven «Mdktzen. ftnd doch waren unter den Aelteren so viele, von denen inan'üftf eiste deutsche Frage käum eiste verständliche deutsche Antwort erhalten hätte; war doch polnisch ihre Mutteruud ümgöingssprache. Hätte aber etwa elfter vor ihren Ohren Unziemliches über die Bedeutung des Tages oder über Deutschland verlauten lassen, dann hätte er sogleich eine sehr deutliche „deutsche" Antwort von einer oder zwei polnischen — Händen erhaltest. Denn das müssen und dürfen wir, die wir in Oberschlesien groß geworden sind, gegenüber der wüsten Hetz- und Lügenpropaganda dieser Zeit mit ruhigem Nachdruck behaupten und betonen: Mögen auch die preußische Bürokratie und der preußische Militarismus in den zweisprachigen Gebieten oft MMr M-'WWe WM iiEckndere dtp - Beamten, dle aüs 84m WMen rstmen und das Volk nkcht kannten, me und da böS danebengehauen haben: alles in allem fühlte sich ßeräde dieses vielleicht etwas slavisch-weiche Bolk in der straffen Zucht, die ihm Ruhe, Ordnung und Wohlstand verbürgte, mcht übel geborgen. Darum war auch von nationalen Gegensätzen in meifter Kindheit nie und nirgends etwas zu IstNn; hie . wurden'dann erst ganz allmählich mit allen abgefeimten Künsten der Verhetzung diesem Volke eingeredet und aufgepsi;opft. Wobei eS natürlich an schweren Fehkern bei ber Abwehr solcher Bestrebungen auf deutscher Seite nicht gefehlt hat. Wie wenig trotzalledem noch bis in die letzten Jahre hinein Deutsche und Polen etwa aufeinander eingebissen waren, lehrt aufs deutlichste folgende Tatsache, mit der ich freilich über den Rahmen der Kindheitserinnerung hinausgreife: Während fünfzehn Jahren, in denen ich als Referendar und Anwalt an oberschlesischen Gerichten tätig gewesen bin, habe ich nicht einen Beleidigungsprozeß, nicht ein Schlägereiverfahren, nicht emen Zivilprozeß erlebt, in den nationale Gegensätze zwischen Deutschen und Polen auch nur entfernt hineingespielt hätten. And damit vergleiche man daun das Heute, und man wird nicht Und dennoch, mochte auch die Ausbeute an posmvem Wissen durchaus nicht seinen unermüdlichen Bemühungen entsprechen, das wesentlichste: die Liebe zur Sache, die Liebe;um Judentum hat er uns wohl allen tief ins Herz gepflanzt, weil er sie selbst in so unendlichem Maße besaß und weil er ein Io gütereicher, von lauterstem Wollen beseelter Mensch war. Darum kamen auch die früheren Schüler, wenn sie zu den Ferien oder auf der Durchreise im Städtchen weilten, immer wieder mit Freuden in sein Heim, zu ihm und seiner engelsquten Frau, und in diesen Tagen, wo all die in weiter Ferne wohnenden Söhne und Töchter der Stadt in die Heimat zurückkehren, wird die alte Frau, die geistig rege und körperlich frisch allmählich auf die Neunzig zuschreitet, wohl viel lieben Besuch bei sich sehen und ein wenig von der unermeßlichen Liebe ernten, >ie auch sie all die Jahrzehnte hindurch ausacsät. In diesen Tagen, da sich ereignet, was in solchem Umfange sonst nie und nirgends war: da die Menschen, welche n it einander daS Glück der ersten goldenen Lebensfrühe genossen haben und über die dann das unsäglich schwere Erlebnis des Krieges und der Revolution hingegangen ist, wieder zusammenkommen, etwas tastend noch, etwas unsicher und zaudernd und doch voller Jubel über dies Wiedersinden und Wiederennken aus dem Boden der heißgeliebten, der schwer bedrohten Heimat... In diesen Tagen, wo die Würfel rollen . . . Da muß ich an einen kleinen jüdischen Hausierer meiner Vaterstadt denken, der beim Pfingstschießen auf dem festlichen Wiesenplan die Leute stets mit großen Reden um seine „Paschbude" versammelte und immer mit den Worten schloß: „und quietsch und quatsch und yuorlmoiüa, und jacta est alea . . „Jacfca est alea“ wird es nun bald in schwerem Ernste heißen. Da werden die Würfel gefallen sein nm das Schicksal dieses Landes und dieser Stadt, und auch um Dich, Du mein „Oderhaus", von dem ich hier gar nichts erzählt habe, erzählen mochte. Als damals zuerst die Sorge auftauchte, Oberschlesien könnte uns verloren gehen, da machte sich mein kleines Mädel einen Schluß zu ihrem Abendgebet zurecht: „Lieber Gott, mach', daß wir nicht Feinde werden." Wie sich das in dem siebenjährigen Kötzschen gemalt hat, ob sie wohl glaubte, daß durch die Verschiebung der Landesgrenzen auch mit den Menschen eine geheimnisvolle Veränderung vorgehe, — ich habe es nicht ergründet. Aber ich nehme dies Kinderwort in anderem Sinne auf. Die Oberschlesier werden zu zeigen haben, ob sie ihre eigenen Feinde sind. Wenn sie es nicht sind, — und wir haben die festeste Zuversicht: sie werden es nicht sein — dann wird in wenigen Tagen ein Jubelsturm von nie erlebter Stärke durch unser Deutschland gehen, und er wird nirgends heller und tönender widerhallen als in meiner Heimat, in meinem geliebten oberschlesischen Neste. Erich Spitz.

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