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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-03-18 · 16 (18.3.1921) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
16 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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darum abhängig von ihnen. Steht diese divergierende Tendenz im Einklang mit dem Wesen des Liberalismus? JMMM bedarf zur Verwirklichung feiner ethieiner Gemeinschaft Gleichstvebenher. Das glatter ist der Zeitpunkt, in dem die MenschslPk nur ein einzelner zur geistigen und sittlichen rrcheit gelangt sein wird. Der Liberalismus ist löse Richtung innerhalb des Judentums und hat fte die Aufgabe, dieses vom Judentum geforderte <^Mttnschastsgefühl zu fördern. Vielleicht ist aber der Liberalismus seinem ganzen Wesen nach dieser Aufgabe nicht gewachsen, vielleicht kann er, ohne die Zersplitterung zu fördern, doch nicht einen Zusammenhang schaffen? Eins darf dabei nicht vergessen werden, daß die Bewegung auS dem Wunsch heraus entstanden ist, diejenigen zu sammeln, die eine freiheittiche Auffassung vom Judentum haben. Und so mutz dem Wesen des Liberalismus entsprechend das Streben darauf gerichtet fein, sich Wissen anzueignen und auf Grund dieses Wissens diejenigen Einrichtungen zu schaffen, die eine neue lebendige Verbindung zwischen dem Judentum und seinen Anhängern Herstellen, so erzeugt das gleiche Streben das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Daß auch den Aelteren diese Auffassung nicht fremd war, dafür ist der Beweis die Gründung der liberalen Vereinigung, die einen Zusammenschluß darsteüen soll. Dadurch, daß der praktisch politische Liberalismus die Oberhand gewann und somit die divergierend« Tendenz herrschte, ist diese Art Liberalismus in Gegensatz geraten zum wahren Wesen des liberalen Judenttuns. fleht Die aufiösende Wirkung der politischen Richtung im schärffien Widerspruch zu dem.eine Gemeinschaft schaffenden religiösen Liberalismus. So ist eS selbstverständlich, daß innerhalb der liberalen Vereinigung seit Jahren eine schwere Krise herrscht, deren AuSgang wohl keinem zweifelhaft erscheint. Anders, verhält eS sich in der ArbeilSgeuiemschaft der Jugend. Hier herrscht die religiöse Auffassung und demzufolge Uebereinstimmung mit dem wahren Wesen deS Liberalismus. Wie aber steht eS mit der Praxis? Eine Krise innerhalb der Jugendbewegung ist nicht vorhanden, wenn auch noch manches zu tun übrig bleibt, denn im ganzen liegen erst vier Jahre gemeinsamer Arbeit hinter uns. und eS handelt sich darum, nicht irgendwelchen praktischen Bedürfnissen entgegerrkommen, wie es z. B. dir Sozialdemokratie oder der Herm^vereür tun, sondern das Ziel des religiösen Liberalismus ist eine geistige Umstellung des Einzelnen. Klar erkennt aus diesen Betrachtungen die Jugend den Weg und daS Ziel ihrer Arbeit, nämlich/ daß eS P,licht ist, das Einigende zu bewnen. Darum mutz abgelehnt werden die Indifferenz, die sich so gern als liberal bezeichnet. Die rein politische Richtung mutz überwunden werden und die gefährliche Gleichsetzmvg von Religion und Philosophie aus unseren Reihen verschwinden; denn Philosophie ist die durch Anwendung vsrsrandeSmätziger Kräfte erzielte Erkenntnis, Religion aber das auS diesem Erkennen sich ergebende Handeln. Um die dem Wesen des Liberalismus entsprechende Gemeinschaft zu schaffen, muß dies, Zusammengehörigkeit bewnt werden im kleinsten Kreis der Familie. in der Organisation durch gleichgerichtetes Streben, ebenso wie innerhalb des Gesamtjudentums. DieseSGemeinjchastsgefühl wird sich zeigen, wenn wir unser Handeln den Ostjuden gegenüber bestimmen lasten von dem Gefühl, daß wir eS hier zu tgn haben mit Glaubensgenossen, die verfolgt und gehetzt werden und für die wir einzutreten haben. Daranergibt sich auch unsere Stellungnahme zum Palästinaproblem. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, datz Palästina nun einmal eine Rettung für viele unserer Brüder aus geistiger und leiblicher Not bedeutet, und insofern müsten wir dir Aufbauarbeit als Erfüllung des Gebotes der Wohltätigkeit fördern. Und noch ein anderer Grund muß dafür maßgebend fein. Palästina wird der Sammelplatz vieler Juden, die sich naturgemäß mit geistigen und lÄigiösen Dingen beschäftigen. So ist von dort auS ein starker religiöser Impuls zu erwarten, und zugleich für den Liberalismus er» Boden vorhanden, auf dem er segensreiche Arbeit verrichten kann. Wir müsten nbevhaupt mit der Auffassung brechen, als sei der Liberalismus eine Bewegung, die beschränkt bleiben muß auf die Grenzen Deutschlands. Denn überall dort, wo Juden mit modernen wissenschaftlichen Anschauungen leben, die religiöser Zwang dem Judentum zu entfremden droht, lda ist es der Liberalismus, der den lebendigen Zusammenhang zwischen der Religion urtd dem Einzelnen schafft. Und so muß der Liberalismus eine Bewegung innerhalb des Gesamtjudentums werden. So wie ein starker Gegensatz besteht zwischen der Tendenz des praktisch-politischen Liberalismus und dem inner ftcn Wes«, unserer Bewegung, s» «ehe fei «icte J<j)W fiiMMWte p* SÜteifieM Wfcte&n. M t» hängern jener praktisch-politischen Richtung ein starker peles. Bon dem segensreichen Einfluß, den der Liberale Verein durch seine Freunde in der WkwgltunUg^wghrend der 25 Jahre arMbte, zeugen neben der musterhaften Finanzwirtschast der Gemeinde hie Vermehrung der Synagogen durch die 'Synagoge Lützowftraße und Fasanen straße, der Schulen, sowie der Bau des Krankenhauses, des zweiten Waisenhauses und einer Alterversprgungsanstalt. Die Vorsitzenden des Liberalen Verein- Ware»! nacheinander: Geheimer Justizrat Hermann Veit Simon, Justizrat Bernhard Breslauer, Justizrat Plonskr. Per Liberale Verein wirkte auch durch die Herausgabe seiner „Mitteilungen" für die Erweckung des Interesses unter den Berliner jüdischen Gemeindemitgliedern mch für ihre lebendige Anteilnahme an der Verwaltung der jüdischen Gemeinde. Der Redner schloß mit einem wannen Appell an die Mitglieder,des Liberalen Vereins, auch fernerhin die überwiegend liberale Wählerschaft der Berliner fAü- Gefahren, die die Gemeinde gerade jetzt wieder Zwiespalt durch ihr Lsben. Viele von ihnen stttd in der abzmvehren. Die Versammlung folgte mit großem Hüter- Gemeinde tätig, spielen eine Rolle im jüdische». Mut und «fi*den AMMmüyewdH Redners nrchMMe m dev sich zeigen in ihrer Familie nicht einen Funken jüdischen Emp- 011 ®cn Vortrag anschließenden Aussprache ihre einfindens. in ihren Anschauungen verrät sich keine Spur'^uünige entschiedene Stellungnahme gegen das Rationaljüdischen Fühiens; von dem Geist des Judentums, das judenium und die Bolksgemernde. Die Ausführungen des sie vertreten sollen und wollen, haben sie nicht einen Hauch ^rrn Benas Levy fanden reichen'Beifall, verspürt. Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit | In der Vorstandswahl, die sich daran schloß, wurden jenem Geschlecht in Israel auf, das Moseaus Aegypten gewählt: Justirazt Plonsker als 1. Vorsitzender und Zahm führte. .Freudig folgten Israels Söhne chm, dankbar, > arzt Pt. Lipjchitz als 2. Vorsitzender, Eugen Easpary und der Sklaverei entronnen zu sein, und bei der ersten Schmiej Dr. Walter Breslauer zu Schriftführern, Richard Eastol rigkert sehnen sie sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens, j und Albert Rtaaß zu Schatzmeistern. Außerdem wurden Am Sinai werden sie — wie die Bibel berichtet — Zeugen 7 Beisitzer, darunter zum ersten Mal eine Dame, Frau der göttlichen Offenbarung, und dasselbe Geschlecht um-i Seligjohn, gewählt. tanzt dagoldene Kalb. Durch diese Zwiespältigkeit ihres! Alsdann fand eine Besprechung über die Reuv^zani- . Wesens irren sie in. der Wüste umher und gehen in den sation -eh Liberalen Vereins statt, die aber nicht mehr zu j Wirrnissen zu Grunde. Erst die kommende Generation, Ende geführt werden konnte. Im einer neuen Versamm . die den Weg und dar Ziel klar vor Augen hat, hält ihren lung soll dieser Punkt ausgiebig besprochen werden. Einzug in das heilige Land. So muß auch die liberale I ~ 1UU, ,Y A Jugend und alle, die gleich ihr danach streben, daß der' Hamburg, ^s „JSraelttische Farmlrenblalt hat Liberalismus in Wahrheft eine religiöse Richtung inner- 551eim .Jf ^er Astben aenchtAe halb des Judentums sei, sich über Weg und Ziel klar ^frage über seimFortbestehen nach der beschlossenen Gesein, muß ein enge Gemeinschaft bilden, die nicht perfön. fninpn**» SHuÄfm»«- »rfoiw. liche Bequemlichkeit gewährleistet oder . lediglich Abwehr von Angriffen bezweckt und ein Produkt äußerer Bedrängnis ist, sondern ein Ganzes, dazusammengehalten wird durch den Willen zur Tat im Sinne des Liberalismus für das Judentum urch die jüdische Gesamtheit. Aus öem Reich. janttorganifation folgende Allskunst erhalten: „Die Gesamtorganisation der Deutschen Juden ist zwar beschlossen, ihre Inkraftsetzung aber kann erst erfolgen, sobald die Abänderung der Satzung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes von den Staatsbehörden genehmigt und die neue Organisation als öffentliche Körperschaft im Sinne des § 157 der Reichsverfassung aberkannt ist. In der Zwischenzeit darf die bisher von dem Verband der Deutschen Juden wahrgenommene und mit dem Inkrafttreten der Gesamtorganisation auf letztere übergehende Vertretung der deutschen Juden den Behörden gegenüber keine Unterbrechung erleiden. r BerÜ«. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten . _ der jüdischen Gemeinde zu Berlin hielt am A3. Februar die bon dem Verband geübte Prüfung der Gesetzgebung seine diesjährige Generalversammlung ob.;Sammlung des Materials für die Widerlegung der! «m 8. Fetruar 1920 konnte der Liberal« Berein auf JudentNMs erhobenin AngrM guih sein sbjähriges Bestehen zurückblicken, doch war in Rück- ^hreich dieser llebergangBMt sprtgesKhrl werden. T^her sicht auf die allgemeinen Verhältnisse von einer Jubb läumSfeier Abstand genomnren worden. Um dieser immerhin doch bedeutungsvollen Tatsache gerecht zu werden, wurde mit der Generalversammlung eine kleine Gedenkfeier verbunden. Herr Benas Levy gab einen Rückblick auf die Wirksamkeit des Liberalen Vereins während der vergangenen 26 Jahve. In Hochinterestanten und für die heutigen Verhältnisse recht lehrreichen Ausführungen schilderte der Redner.die Zustände in der Gemeinde vor 25 Jahren, die zur Begründung des Liberalen Vereins führten. Unter den Männern, die den Liberalen Berein begründeten, befanden sich die bedeutendsten Namen der Berliner Gemeinde jener- Zeit, z. B. Hermann Veit /Simon, Hermann Makower, Karl Emil Franzos, Karglaubt der Verband der Deutschen Huden noch so lrmge tätig bleiben zu müsten, bis die beschlossene Gesamwrganisation in Kraft trist." Schwerin. Aus Plan in Mecklenburg witd gemMet. daß die im vorigen Jahre von einem Fabrikanten Paul Strauß getaufte ehemalige jüdische Synagoge, ein im Innern architektonisch gut durchgeführter Bau aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, der katholffchen Pfarrgememde Parchim, zu der auch Plau gehört, zum Gebrauche für immer geschenkt wurde. In den letzten Wochen ist das Gebäude von einem hiesigen Architekten zu einer schmucken katholischen Kapelle umgebaut und renoviert worden. ' Am letzten Sonntag fand die Benedizierung und zum ersten Male darin katholischer Gottesdienst statt. Aus einem oberfchleflschea Neste. Kindyritsermnerungen. •?it €tact 1VLlMd»rt ist Irhr s»v«, und »tmt »in fei drr Fern« in si» tauft und zufällig d»r, ßtboiM ist, »lrd (jntm wundkilich z»mulr. Ich dtn bor« geboren, und « ch mir, «UB »ftptt ,ch ß «ich n«h Hause gevn . . . Heuirtch Heine. Man braucht nicht der qroße Heinrich Heine, man kann ein ganz bescheidener Durchschnittsmensch sein und doch das zaubersame Befühl, das hier zu unmittelbarem und lebendigem «uSdruö gelangt ist, von ganzem Herzen verstehen und teilen. Und man braucht auch nicht die schöne Stadt Düsseldorf zur Heimat zu haben, um so zu empfinden. Die oberschlesische Kleinstadt, auS deren scheinbar so eintönigem Leben ich hier dieS und vaS erzählen Witt, wie sich mir die Bilder gerade über die Schwelle des Erinnerns heben, ist nach der ziemlich übereinstimmenden Meinung der Zeitgenossen gar nicht sehr schön, aber da ich zufällig dort geboren bin, wird mir bei dem Gedanken an dos liebe Rest „wunderlich" zumute, um so wunderlicher in diesen Tagen, da wir Oberschlesier „nach Hause gehn", um durch unser freudiges Bekenntnis zum deutschen Baterlande die Heimat vor argem Lose schützen zu helfen. UebrigenS, daß ich nur kein Unrecht tue: man braucht daS abfällige Urteil, von dem ich sprach, nicht fo auf Treu und Glauben hinzunehmen; man kann mein Heimotstüdtchen dessen übliche spöttische Kennzeichnung als „Rest" ich mir gern, ober in ganz anderem Sinn zu eigen mache, schön finden, auch wenn und vielleicht gerade wenn man eS mit nnpatteiischem Luge ansieht. Bor allem hat die Stobt zwei wundersame Schmuckstücke: das breite Band der hier in zwei Arme geteilten Oder und den grünen Gürtel von wundervollen Promenaden, der den Ort rings umspannt. Wer an einem Wasser groß geworden ist, weiß, woeS für die Jugeckd bedeutet. Baden, Rudern, Hischfang im Sommer, Eislauf im Winter, — immer neue Freuden, gegen die einem daS noturferne Leben der meisten Großstadtkinder arm, schal und leer erscheinen will. Und dann unsere Promenaden. Sie standen und stehen voll hoher, breitwipseliger Bäume, deren jeder uns mit einem eigenen vertrauten Gesicht anzusehen schien. Diese Alten haben Generationen von Menschen, deutschen Menschen, zu ihren Füßen aufwachsen und groß werden, blühen und vergehen sehen, und sie schütteln jetzt sicher ihre Häupter voll Verwunderung darüber, daß irgend jemand im Zweifel sein kann, ob die Bewohner dieses Landes und dieser Stadt Deutsche sind. Sind ihnen diese doch alle genau bekannt: die Kinder, deren Jauchzen und Singen zu ihnen hinoufdringt, die Bürger, die am späteren Nachmittag behäbigen Schrittes hindurchgehen, und dann die Liebespaare, die am Abend kommen und von denen man freilich nicht so genau sagen kann, welcher Sprache ihre Berständigüngsmittel augehören ... Bor allem gibt es da wundervolle alte Eichen, hie wii nicht nur um ihrer Schönheit, auch nicht nur um des geheimnisvollen Raun^ns und Rauschens ihrer Wipfel willen, sondern auch aus recht materiellen Gründen zu schätzen wußten. Denn wenn die echten Herbstwinde hineinsuhren, dann warfen sie ihre harten, festen Früchte ab. Und diese Eicheln sammelten wir gar emsig, machten sie bei einem Kaufmann, der sie zur Schweinemast brauchte, zu Gelde — und das Geld setzten wir dann gleich an Ort und Stelle in Bonbons oder später in die ersten, selig-verbotenen Zigaretten um. Mit denen aber flüchteten wir uns wieder in den Schutz unserer breitstämmigen Eichen und „kloppten" dazu unseren echten, selig-verbotenen Skat... Die Promenaden führen den Ramen „Glacis" und weisen dadurch auf ihre frühere militärische Bestimmung und damit an ein Stück großer Vergangenheit. Hat doch. 1806/7 die damalige Festung dem Ansturm der Franzosen und der mit ihnen verbündeten Bayern mutvoll und trotzig standgeholten. Größere und kleinere Kugeln in einzelnen Häusern und in den alten nun als Werkstätten und Wohnungen verwendeten Kasematten erinnerten während meiner Kindheit noch recht lebhaft und anschaulich an diese Zeit deutscher Not, und wir blieben manchmal davor stehen und ließen unsere Kinderträume um die alten Zeiten, die schönere Gegenwart und die in den hellsten Karben vor unserem Knabenblick liegende Zukunft schweifen. Aber das Träume» war natürlich nicht unsere Hauptbeschäftigung — im Spiele erst lebt sich das Kind aus. Und wo konnte man schöner spielen als bei uns. Bald um die Rumen deS alten Raubritterschlosses herum, das so spuk- und geisterhaft hinter alten Bäumen dalag, bald im Bereich der alten Festunaswftle und -grüben, die wie zum Räuber- und Gendarmspielen geschaffen waren, bald an dem bescheidenen „Hexebergel", von dessen Abhängen unsere Rodelschlitten um die -Wette herabsausten. bald in dem Birkenwäldchen wo wir an verbotenen Kartoffelfeuern die (natürlich kühn zusammengestohlenen) Erstlinge der herbstlichen Felder brieten. Was weiß der Durchschnitt unserer Großstadtkinder von diesen himmlischen Freuden? I Eingab «S dann «och, was *dcm Leben unseres Städtchens und dadurch auch unserer Kindheit sein besonderes Gepräge lieh: die Stadt war Garnison, sie beherbergte zwei Bataillone Infanterie. Auf 7—8000 Einwohner an die 1ö00 Soldaten — was wunder, daß der bunte Rock das Straßenbild und unsere Kindheitsvorstellungen fast völlig beherrschte. DaS ganze Jahr war für uns sozusagen in militärische Abschnüte ungeteilt. Es begann etwa um die Zeit, in die auch unser religiöses Neujahrsfest siel, mit der Einstellung der Rekruten. An den hohen Feiertagen waren gewöhnlich die Söhne der Gemeinde, sie als neue Einjährige eingetreten waren, der Gegenstand unserer besonderen Bewunderung und Anbiederung. Aber hr Glanz verblaßte sogleich, wenn andere Unisormen in der Synagoge auftauchten, etwa die eines gerade zu einer militärischen Uebung eingezogenen BizefeldwebelS (höher gjngS nimmer!!) oder die eines — Stabsarztes ... natürlich „d. R." An den klaren Herbsttagen sahen wir dann zu, wie die neuen Rekruten gedrillt („geschnickt") wurden, und wir entwickelten dabei eine weit größere Begeisterung als die Objekte dieser nicht immer sanftmütigen Erziehung. Am bürgerlichen Neujahr war das erste, was der anbrechende Tag bot, ein militärisches Schauspiel: Dos „Große Wecken", die Reveille, die in der siebenten Stunde durch die Straßen zog und die Zipfelmützen aufscheuchte. Da stürzte alles, was ein Junge war, ans Fenster und sah. sie voll Bewunderung unten im Dämmergrau vorbeiziehen — voran der Leutnant mit der Schärpe, dann die Spielleute, der Tambour, die Kapelle und dann unsere Freunde, die Musketiere! Denn zu denen hatten wir natürlich unsere besonderen Beziehungen — schon des Kommißbrotes wegen. Am engsten aber wurden die in den Wochen vor Kaisers Geburtstag. Denn nun galt es, Zutritt zu den Festaufführungen der einzelnen Kompagnien oder wenigstens zu den einige Zeit vorher einsetzenden öffentlichen Generalproben zu bekommen, wo es so viel zu sehen, zu hören, zu lachen und manchmal auch zu weinen gab. Weiß ich doch noch recht gut, wie wir alle bewegt waren, als da einmal ein (vielleicht wirklich darstellerisch begabter) Soldat da- Julius Wolffsche Gedicht „Die Fahne der Eirtundsechziger" vortrug. Bei dem Schluß: „ . . . Wenn wir nun ohne Fahne wiederkehr«n, Ihr Brüder allesamt — gebt uns Pardon! Verloren haben wir sie schon, Doch keinem Lebenden ward sie aenommen", heulten wir mit den anwesenden Mädels um die Wette. . . . ♦ Einen feenhaft schönen Anblick bot am Borabend des großen Tagedie illuminierte Stadt. Die Jugend, die letzt in der Zeit der teuren Kerzen aufwöchst, ahnt nicht, wie schön, rein ästhetisch genommen, ein solches Meer von Kerzenlicht wirkt und welch zaubersame Stimmung es schafft. DaS ist nun für lange vorbei — vorbei mit so vielem, was schön, aber doch etwas allzusehr auf äußerliches. Gepränge abgestellt war und was wir nun durch innerliche Werte zu ersetzen suchen müssen ... Dann der Festtag selbst. Früh wieder die Reveitte. Dann die Gchntfater, bei denen eS recht oft jüdische Schüler wären,

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