Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 16 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IildWlibemle Leitung Die «2<wisch-Ub»n>le Leituao" erschriat Irden Asritao «ad kostet durch die Dost oder durch dir chrschaftSstrlle derooea. viertrIILdrilch SM. 4.— Slareiaummer 40 Vf. Sa-Nmoe« aus 8oM$r<f iralo Brr« lau «387,3üHf(®. UDtrale 3rltuna. «allen»« rwaMina, S Bauer, Brrelau l Deronlworltt-ver Schrlllleller- ' r Julius Lord, Dresia« 13. DMortastrastr 104 d k -ür dt» vredoMoi« drftlmmleLufchrlftm find »ur an dies» 2ldr»ff»»u richte« e Geschäftsstelle: Breslau 3, Neue Graupenstr. 3 fc lyriimtminimiinminTgmmnrmi Annadmeschlutz für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlstlettung: Montan bis Arettog 11—12 vorm, in der Sefchästsstelle. Bnnavmefchiust für Anzeigen: Dienstag früh Die 31'« an breite MiMmeterreile kostet 60 Vt^ FamiiienonLeigen 40Dk. DeiDtederbotunoErma-iouno «.Tarif Rr. 16 Breslau, den iS. Mürz 1921 1. Jahrgang 3udtntam und Internationalismus. Bon Dr. Siegfried Marck. Privatdo-ent an der Universität Breslau. Berschiedene Erscheinungsformen des Internationalismus rve^en für die Frage Judentum und JnternationaliSmuS zu unterfcheiden fein: ein nur in der äußeren Form des Internationalismus zuweilen erscheinender rionailiSmuS, ein negativer Internationalismus und ein positiver. Lin nationales Soiidaritätsgefühl für die international zerstreuten Volksgenossen hat nur solange internationale Färbung, bis das Ziel nationaler Einigung erreicht ist und streift nach seiner Erfüllung die mu äußerliche Ähnlichkeit mit Internationalismus ab. Die nur zeitlichchistorisch bedingte internationale Färbung im Machen Nationalismus kommt für die Betrachtung notwendiger Beziehungen jüdischen Wesens, zum Internationalismus nicht in Frage. Notwendige Beziehungen zum Judentum aber enthalten negativer und positiver Internationalismus. Was bedeuten diese Begriffe? Der Unterschied in der Inter- Nationalität etwa von Lokomotiven und Schlafwagenadteüungen, Geidverkehr und Telegraphenanlagen auf der einen Seite und derjenigen, auf dre ein Satz wie: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" hinzielt, wird jedem «nleuchten. Bei den obengenannten Beispielen handelt es sich um die (relative) Losgelöstheit technischer Einrichtungen von nationaler Eigenart — diese Dinge sind wesentlich international —, im anderen Falle um die Forderung an national gesonderte Menschen, daß sie sich als Gemeinschaft fühlen sollen. Als Beispiel der Internationalität der ersten Art wären auch die vein logisch geltenden Ergebnisse der Wissenschaft zu nennen, deren seelffche Wurzeln jedoch — in den Kulturwissenschaften wenigstens — im Nationalen zu suchen find. Die ,Internationalität" der Wissenschaft beruht auf ihrer von Naum und Zeit unabhängigen G e l t u n g, die Internationalität der Technik auf ihrer Anpassungsfähigkeit an alle nationalen Verhältnisse. Hier also hat Internationalität chren guten Sinn. Aber einen schlechten Sinn mutz sie erhalten, wenn diese LoSgelostheit der Wissenschaft und des Technischen vom Nationalen auf menschliche Charaktere übertragen wird. Hier muß angematzte Losgelöstheit von nationaler Eigenart oder Anpassungsfähigkeit an alle Verhältnisse zur Charakterlosigkeit führen, zu jenem negativen Internationalismus, der Mangel an persönlicher Eigenart bheutet. Es ist kein Zufall, datz sich bei der Verdeutlichung dieser Art des Internationalismus Reiseeinrichtungen ausdrängen: der Mensch auf Reisen ist von seinem Heimatsboden, seiner Arbeitsstätte bis zu einem gewissen Grade losgäöst und der internationale Globetrotter ein wurzelloser Typus. Und ist nicht vom Lächerlichen zum Erhabenen übergehend, auch der „ewige Jude" der heimatlose Wanderer? Der negative Internationalismus kann also nicht als Forderung aufgestellt werden, es kommt in ihm lediglich das Phänomen nationaler Entwurzelung zum Ausdruck. Aus seiner Geschichte haftet dem Judentum negativer Internationalismus an. Dessen Kultivierung wird ernsthaft von niemandem vertreten, in bewußter Form ist er höchstens frivole Maxime jener genußsüchtigen Oberschicht, die wir als Karikatur Berlin W.'s kennen. Jedem nachdenklichen Juden ist vielmehr der Mangel an Bodenständigkeit ein oft quälendes PrMem grch der negative Internationalismus etwas zu UeberwindendeS. Aus der Sehnsucht nach seiner Ueberwindung durch einen nationalen Gehalt ist sowohl der Ruf nach Aufgehen im Deutschtum wie der Zionismus geboren. Hier heißt es sich entscheiden, ob man die nationaljüdische oder die nationaldeutsche Eigenart in sich pflegen will. Wie jede letzte praktische Stellungnahme läßt sich diese Frage nicht ausschließlich mit Bemunftgründen entscheiden, sondern fordert den auf innere Selbstgewißheit gegründeten persönlichen Entschluß. Rur eins kann von der Einsicht in die Leere eines negativen Internationalismus aus gefordert werden: daß man sich überhaupt entscheide, daß man sich aus Halbheiten und Unklarheiten als dem dösen Erbteil unserer Geschichte heraus zum nationalen Bewußtsein durchringe! Hinter, der Wucht dieser Entscheidung müssen die auch dem Zionisten bekannten national-deutschen Gefühlsregungen und die dem nationaldeutschen Juden nicht fwmden nationaljüdischen Empfindungen zurücktreten.*) Pflege eines Nationalgefühls ist notwendig zur Ueberwrndung des gefährlichen negativen Internationalismus. Was aber bei jenem Mangel und Unklarheit ist, ist bei dem positiven Internationalismus Bewußtheit und Kraft. Positiver Internationalismus sollte besser Uebernationalismus heißen; denn er enthält die Forderung, über das eigene Nationalgefichl zu einem positiven Solidaritätsgefühl mit den anderen Nationen hinauSzuschreiten. Gr negiert nicht die eigene Nation, er fordert sic alS Fundament eines UoberbauS, er will sie als kräftiges Glied dem übernationalen Organismus einordnen. Der Menschheitsgedanke steht im Mittelpunkte dieses sozialistischen Uebernationalismus. Der Kapitalismus enthält, wie jeder Rationalismus, Elemente des negativen Internationalismus. Das kann ihm, wenn man ihn lediglich als Technik des Wirtschaftslebens betrachtet, ebensowenig wie den anderen oben erwähnten Arten der Technik zum Borwurf gemocht werden. Als Lebensanfchauung aber ist er materialistisch und damit international im schlechten Sinne. Als bloßer „Schatten des Kapitalismus", wie man ihn genannt hat, trügt auch der Sozialismus materialistische Züge, die ihn mit dem negativen Internationalismus verbinden. Als ethischer Sozialismus aber weist er auf das Ideal be£ lieber- Nationalismus hin. Die Ethik des Judentums steht zum ethischen Sozialismus und Uebernationalismus, ur den Idealen Völkerbund und Menschheit in inniger Beziehung. Äuf ihrem Boden vermag der deutsche Jude deutsches Nationalgefüh! und den unerschütterlichen Glauben an übernationale Zusammenfassung zu vereinen. Gewiß: die pazifistischen Ideen stehen bei unS wieder in Mißkredit, nachdem sie selbst von kalt rechnenden Feinden zu einer Kriegslist herabgewürdigt worden sind. Die Schändung reiner Ideen aber charakterisiert nur die Schänder, nicht die Ideen. Die messianifche Id« hochzuhalten und sie vor jeder Verwechselung mit dem zersetzenden Internationalismus zu bewahren, bleibt das Judentum berufen auch in den Wogen des Hasses, die es gegenwärtig umbranden. *) Während tan dicher Zeilen faxte mix die AuA» eincmidersetzuna .uM dem Buche Dr. Ncmmmns «Bom ruUümnaldeutschen Indens «t Nr. 14 ftiefec Zeitung zu Gesicht. Meine Einiikckvit mit Herrn RechttSamo-M Ä>itz in bet Abwägung jedes >Mb«ÄevungSversuchs der „NÄiommweuHchxn/" an die Deutsch- Nationalen brauche ich wohl nicht «erst zu versichern. Einen anderen -idealistischen Internationalismus wie den der »ZwischeNschlchtle-r^ zu vertreten, den Nammmn nicht zu Kennen scheint, bemüht sich dieser Aussatz. Aach ich empfinde den Ton Naumanns inbezug auf die Ostj-uden. als vrmletzenide Kälte. Elementares Mitfühlen für die StanMvesbrüder> <mherhaÜ> DcMchliands braucht mit der deutschen Stellungnahme ebensowenig zu kollidiererr. wie die Gefühle des Deutsch-Schweizers oder DeutichÄmevikanerS mit ihwr schmciizerischen und amenikanischen (MmdeiMEuina. Ande-iß aden biegt es dort, wo eg sich um po» l-Wche Entscheidlungen zwischen eventuell! koll>dic.venden Interessen des Deutschtums und des Ostjudentums handelt. Bon dem Juden, der deutsche Politik nrinpssticiilten will, mutz nr solchem Falle Ueberordnung des deutschen Gesichirs- Punktes verlangt werden!. befiehl Me KO im liberalen Morn! Bon Erich Bayem--Breslau, Verbandsvorsitzender der Arbeiitsgememschaft jMsch-Mbicwaler Jugendbereine Deavtlschllmds. Besteht eine Krise im -liberalen Judentum? Um diese Frage beantworten zu können, müssen zunächst durch eine grundlegende Betrachtunng die Gesichtspunkte aufgezeigt werden, nach denen eine Ordnung des verschiedenartigen Materials vorgenommen werden kann. Unter Krise versteht man den Zeitpunkt während einer Erkrankung, in dem es ungewiß erscheint, ob der Krankheit Genesung folgt oder ob der tödliche Ausgang bevorsteht. Auf jeden Fall fetzt eine Krise das Vorhandensein einer Krankheit voraus. Krankheit bedeutet eine Funktionsstörung im Organismus. Auch eine im liberalen Judentum, das Id« und Praxis vereinigt, austretende Krise müßte sich als Funktionsstörung zeigen, die sich auf eine Ursache zurückführen lassen wird, und zwar auf einen diese Störung veranlassenden inneren Widerstreit, hervorgerufen durch die Unvereinbarkeit des inneren Wesens des Liberalismus mit der durch die Praxis sich zeigenden Auffassung der Liberalen, oder durch eine so weitgehende Vernachlässigung der Praxis, daß diese als Auswertung der Id« überhaupt nicht in Frage kommt, also durch ein Mißverhältnis Mischen dem von der Id« Geforderten und der praktischen Misch-liberaler ^ugenöverein Am Montag, den 21. März, findet mit Rücksicht auf die Abstimmung in Oberschlesien keine Veranstaltung statt. Erfüllung. Besteht nun wirklich ein Gegensatz -wischen Id« und Praxis, so muß für die Erkenntnis deS richtige« Verhaltens die Entscheidung getroffen werden, ob die Praxis sich nach der Id« richte oder die Id« der PvaxiS nachgeformt werde, denn oft zeigt sich in derPraxiS die Unmöglichkeit der Erfüllung einer Id«, die dann km Sinne der Praxis umgebogen werden muß. Welches fit nun das für die Entscheidung notwendige Kriterium? Alle Richtungen im Judentum haben ein Ziel: eine lebendige Verbindung zu schaffen Mischen dem Judentum und der Judenheil. So wird das Ergebnis der Untersuchung, die auf die Feststellung cckzielt. ob Id« oder Praxis die Arbeit in diesem Srnne fördern^ die Frage beantworten. Welches ist das in der Praxis sich offenbarende Wesen des Liberalismus? Es gibt Mei Arten von Liberalismus; einen religiöswissenschaftlich und einen praktisch-politisch gerichteten. Der erste« zeigt sich im Bemühen, sich jüdisches Wissen anzueignen, durch Forschung zur Erkenntnis vom Ursprung und dem unvergänglichen Wert des JudenttrmS und seiner Schriftdenkmäler zu gelangen und auf diesem Wissen die Tat. jüdisches Leben in Familie und Gemeinde im Einklang mit dem praktischen Leben aufzubauen. Rabbiner und Jugend sind Vertreter dieser Richtung; eS ist das eine Verallgemeinerung; aber die Mehrheit der Anhänger Prägt einer Richtung ihren Stempel auf, und sv muß werter gesagt werden, daß das Alter diesen praktischpolitischen Libera-lsmus fördert. Wenn auch gerade hier in Breslau ein Teil älterer Herren eine Ausnahme von «dieser Regel bilden, so muß doch diese Behauptung, da die Betrachtung sich auf die liberale Gesamtheit erstreckt, aufrecht erhallen werden. Der Praktisch politische Liberalismus zeigt sich im Kampfe gegen Zionismus, gegen Antisemitismus, gegen religiösen Zwang und im Gemeindeleben. Mit Recht könnte man sich über die Einmütigkeit wundern, mit der in diesen Kreisen gegen den Zionismus Stellung genommen wird. Man darf aber nicht vergessen, daß ein großer Teil der Aelteren die Uebergrtffe der Zionisten in früheren Jahren am eigenen Leibe verspürten und die heutige erbitterte Feindschaft die Reaktion darauf ist. Ferner befürchten sie, und mit Recht, daß der Zionismus den Antisemiten Waffen in die Hand gibt und so die Arbeit des Zentralvereins, dessen treue Anhänger sie sind, erschwert. Man darf selbstverständlich das Wirken 'des Zentralvereins nicht unterschätzen, muß jedoch aufs entschiedenste dagegen Front machen, daß die Tätigkeit innerhalb dieser Organisation als die jüdische Arbeit überhaupt gewertet tvird. Denn dieses bloße Abwehrjudentum verhält sich zu dem wahren Wesen, wie die Muschel zu dem kostbaren Inhalt, zur Perle. Leider ist in liberalen Kreisen dieses blasse Abwehrjudentum vor^ herrschend, und man wird sich fragen, woher diese lieber»' schätzung von Aeußerlichkeiten kommt. Zweffellos aus der Indifferenz, der Gleichgültigkeit der Religion gegenüber. Doch die Tätigkeit der Anhänger des praktisch politischen Liberalismus erstreckt sich ja insofern auch auf religiöses Gebiet, als sie jedem Zwang in Dingen der RÄigion den Kampf anfagen. Nur muß man dabei nach der Ursache dieser Stellungnahme fragen und wird dann erkennen müssen, daß es sich hier in den meisten Fällen nicht darum handelt, sich ein lebendiges Judentum zu schaffen, sondern daß dieser Widerstand gegen den in der Orthodoxie sich offenbarenden religiösen Zwang seinen Grund hat in der persönlichen Bequemlichkeit, also herstammt aus egoistischen Rücksichten. Aus die Art und Weise kann natürlich auf den Trümmern des Alten nichts Neues entstehen. Bezeichnend für die Auffassung über die Pflichten innerhalb der Gemeinde ist es, daß bei der Auswahl der Repräsentanten auf Verwaltungslechnische Fähigkeiten mehr als auf jüdisches Wissen und Fühlen Wert gelegt wird. So ist eS auch nicht verwunderlich, daß bisher noch keine engere Fühlungnahme der in den verschiedenen Gemeinden tätigen liberalen Repräsentanten und Vorstandsmitglieder zum Zwecke der Einführung einheitlicher liberaler Einrichtungen gesucht wurde. Fragen wir uns nun. ob dieser praktisch politische Liberalismus überhaupt eine einheitliche Tendenz austveist, so werden wir erkennen müssen, daß es eine divergierende Tendenz ist, ein Auseinanderftrefccn, das jede Gemeinschaft verhindert. Die Orthodoxie bildet eine Einheit, die geschaffen wird durch die gemeinsame Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften. Der Kampf gegen diese Richtung muß einen auflösenden Einfluß auSüben, wenn an die Stelle des Alten nichts Neues tritt. Ebenso läßt die Tätigkeit in der Gemeinde jede Circheitlichkeit vermissen, und auch die Geschlossenheit im Kampfe gegen Zionismus und Antisemitismus ist nicht von der Art, daß daraus eine feste Gemeinschaft entstehen könnte, denn sie ist lediglich durch äußere Dinge ausgezwungeü und i