Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 15 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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bafctt, auf Kriegshetzen sich auftxmte, aber vorüberging an allen schönen kulturellen, künstlerischen und wissenschaftlichen Problemen, wo der Geschichtsunterricht in den oberen Klassen vor den 70er Jahren aufhört, weil man nicht soweit kommt, Werl es nicht möglich war, die Zeit der Freiheitskriege zurückzusetzen auf Kosten der Zeit der 7Oer dis 90er Jahre, die doch den Grundstein bilden für unsere ganze jetzige Entwickelung — wenn man betrachtet, daß sie also in ganz engen nationalistischen Auffassungen großgeworden siird, dann wird man verstehen, daß ihre geistige Einstellung, wenn sie zur Universität kommen, nur zu gut vorbereitet ist für die antisemitische Phrase Und wenn sie heute auf den Universitäten sehen, daß Hochschullehrer den antisemitischen Schmutz mit ihren: Namen decken, wenn auch vielleicht nicht jedes Pamphlet, das herauskommt, mit ihrem Namen unterzeichnet ist, a'ber doch in Zeitungen erscheint, für die diese Hochschullehrer mit verantwortlich zeichnen, und wenn unter diesen Zeitungen zum Teil die besten Namen der. Hochschullehrerschaft sichen, dann ist es ganz menschlich — und wenn er überhaupt unter feinen Kommilitonen im wesentlichen nichts weiter hört als Aeußenrngen, die durchtränkt siird mit antisemitischen Phrasen —, ich male nicht zu schwarz —, wenn er das immer und imnrer wieder hört, rrnd wenn er dann in Betracht zieht, daß die trostlose nratenelle Lage ihm etwa den Gedanken eingrbt: an dem Elend, in dem ich nrich jetzt befinde, an der Tatsache, daß ich meine Jugend nicht so genießen kann, wie die Eltern sie genossen haben, an dieser Tatsache sind die Juden schuld —, wenn Sie berücksichtigen, daß der Durchschnitt der Akademiker zwischen einem Kaufmann und einenr Juden keinen allzuscharfen Unterschied zu urachen in der Lage ist, vielmehr geneigt ist, in jeder kaufmännischen Tätigkeit einen unerlaubten Ge-' winn zu sehen, und wenn Sie berücksichtigen, daß der jrrnge Student den großer: Unterschied zwischen seiner schlechten materiellen Lage rrnd der materiell günstigen Lage manches Kaufmanns, den er ohne weiteres der: Juden gleichsetzt, eine Erscheinung, die in weiten Volkskreisen, wie ich mich selbst aus meiner anwaltlichen Praxis inr Rheinland erinnere, zutage tritt — ich glaube, dann kann man bis zu einer:: gewisser: Grade sich erklären, weshalb heute die Strwentenschast der antisemitischen Phrase sich so zugänglich gezeigt hat. Vielleicht mag hier in Berlin die Lehrerschaft rücht so scharf antisemitische Propaganda nrachen; ckber ich bin beruflich sehr häufig nnt Leuten ans der Provinz zusammen, und wenn ich höre, wie die Kinder in der Provinz Brandenburg unter dem Antisemitismus zu leiden haben, wie mancher Vater bei der Lust, die durch die Gymnasien weht, auf den Gedanken kommt, seinen Sohn von der Anstalt wegzunehmen, »veil er ihn für zu schade hält, immer der Prellbock für seine Klassenkarneraden zu sein, wenn man immer vor Augen hat, daß der verabscheuenswerte Antisemitismus zwangsläufig ist und abfärben muß, dann muß man sagen, es ist die höchste Zeit, daß gerade an unseren Schulen reformiert wird. Ich sage nicht, man soll jernandeu: die freie Meinung nehmen: Aber von der Lehrerschaft, auch von der Hochschullehrerschaft können wir verlangen, daß sie uns Menschen heranzieht, die den anderer: werten nach den:, was er ist, nach seinen stttlick)er: Kräften, nach seiner: geistigen Fähigkeiten, die im Menschen den Menschen sehen, junge Merrschen erziehen zu dem ernsten Streben, gemeinsam mit dem Menschen, der dazu bereit ist, sei er Jude oder sei er Christ, am Wohle des Ganzen, am Wohle der Menschheit fortzuarbeiten. Wenn es uns nicht gelingt, ::nsere Schule und unsere Hochschule und unsere Lehrer nnt den: Geiste hoher, wahrer Menschenliebe mtd echten Pflichtbewußtseins zu erfüllen, dann gehe:: wir in unserer gebildeten Schicht einer Epoche entgegen — denn der Antisemitismus besteht nicht nur in der Burschenschaft, in der Studentenschaft, sondern auch in der deutsckien Turnerschaft, Sängerschaft usw. — gehen wir Zeiten entgegen, die jeden, der es ernst und gut mit den: deutschen Volke meint, mit Grauen erfüllen. Des-! halb ist es eine der wesentlichsten Ausgaben, die Forderung zu erheben, daß unsere Schule mit einem neuen Geiste erfüllt imrb, der den Antisemitismus nicht destvegen ablehnt, weil er ein parteipolitisches Bekenntnis fft, sofern weil er den primitivsten Begriffen des Menschentums widerspricht. Rus öem Reich. Berlin. Fritz Mordechai Kaufmann, der Leiter des Arbeiter-Fürsorgeamtes, ist vor »reuigen Tagen im Alter von 33 Jahren gestorben. Er hatte noch vor kurzem, wie erinnerlich, auf der Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle das umfasseiDe Referat „Probleme der Ostjudenfürsorge in Deutschland" gehalten. Sein Ableben bedeutet einen schweren Verlust für die Organisation. Berlin. Eine neue politische Partei ist in diesen Tagen unter Vorsitz des deutsch-völkischen Publizisten Richard Krmze gegründet worben. Sie führt den Namen „Deutsch-soziale Partei". Als Ziel bezeichnet sie die Vernichtung der „jüdischen Vorherrschaft in Deutschlmtd". Görlitz. Lewinsky-Abend. In der hiesigen „Arbeitsgemeinschaft Mischer Korporationen" gab Äegfried Lewinsky vom Staatstheater in Dresden einen Vortragsabend aus Werken jüdischer Dichter. Tiefstes seelisches Einfühlen in die Dichtung, geradezu plastisches Herausarbeiten der Charaktere, das jede Figur, auch die schein- 'bar nebensächlichste, lebendig vor das Auge des Hörers stellt, das intuitive Erfassen und Widerspiegün jeder Stimn:ung, dazu glänzende rhetorische AÄttel, das sind die Wesensmerkmale seiner großen Kunst. Die zarte Lyrik des „Schlaslieds für Mirjam" von Richard Beer-Hoffmann traf er in gleicher Weise wie das inbrünstige Ringen um das Gebet in den: „Dorszaddik" von Schalöm Asch. Uiü) ein geradezu meisterhafter Interpret ist er namentlich für Perez: „Reb Jojchenen Gabaj" bildete eine einzige Steigerung von dem behaglich-humoristischen Anfang bis zu der Anklage des Schlusses, die nnt wahrhaft dramatischer Wucht sich den: Hörer einhämmcrte. Die himmlische Gerichtsverhandlung in „Bonze Schweig" entwickelte wie selbstverständlich ein packendes Wld dieses arinen, getretenen Menschen, der ganz nach den: Willen des Dichters als der „reine Tor" vor dem Hörer erstand; und der ekstatische Fanatismus der „KabbÄisten" »ourde zu einen: unheimlich-düsteren Gemälde von wuchtiger Kraft. Nach allen diesen erschütterirdsten, tiefsten Eilckrücken kan: zun: Schluß der befreiende Humor mit Scholen: Alechems köstlichem „Rat" zu Wort. — Die überaus zahlreiche Hörerschaft folgte dem Künstler in seinen ernsten Werken nnt tiefster Ergriffenheit und spendete am Schluß stürmischen Beifall. Dr. E. S. Königsberg. In: Verein für jiidische Geschichte und Literatur sprach Berthold Lazar über „Die Kulturwerke des jüdischen Rechts". Der Vortrage:we entwickelte, wie sich das jiidische Recht auf einen: ganz andern kulturellen Boden als das der anderen Völker ausgebaut hätte. Es entstand zugleich mit der historischen Bildung des Volkes, bestimmte seine Schicksale durch Jahrtausende hinter den Mauern des Ghetto bis zur Schwelle der Gegenwart und bslvaihrte es vor moralischem Verfall. Kein anderes Volksrecht hat diese lange Geltungsdauer. Aufgebaut auf der Gesetzgebung des Sinai, beruht seine Bindungskraft auf den: Zurückgehen m:f Gottes Willen, der Moses kundgetan wurde. Es hat das Prinzip.der freien Persönlichkeit, das den Eltern nicht blinde Geüvalt über ihre Kinder oder ihre Sklaven verleiht. Es hat als erstes die Frauen emanzipiert. In schroffen: Gegensatz zu den: Recht aller arideren Völker des Altertnn:s zeigt >das jiidische Recht stark soziale Tendenzen. Es war vorbildlich in der schönen Einrichtung des arbeitsfreien Sabbaths. Es unterschied sich vorteilhaft I durch die mildere Behandlung des Schuldners. Es hatteeine hohe Austastung von der Ehe. Sein Strafrecht war human, die Strafe wurde nach den Motiven der Tat bervertet. Den Niederschlag dieser mehr als tausendjährige» Kultur finden wir im Talmud, der noch heute bei den Bolksmassen des Ostens Geltrrng -hat. Tilsit. Ritueller Zucker zu Peßach. Der Borstand der hiesigen KreiS-Synagogengemeinde erläßt eine öffentliche Bekanntmachung, worin er die Behauptung der hiesigen Ortsgruppe des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes von einer Bevorzugung der jüdischen Bevölkerung mrch Extrabewilligung von Zucker aus Anlaß des Osterfestes ts unwahr widerlegt. „Die rituell lebenden jüdischen Ber- .'raucher erhalten laut der bezüglichen Verordnung der Prooinzial-Zuckerstelle für Ostpreußen vielmehr lediglich die : l e i ch e Menge Zucker, wie die nichtjüdischen Verbraucher oder die nicht rituell lebenden jüdischen Verbraucher, und zwar, a>ie in der Verordnung ausdrücklich bestimmt ist, auch nur :egen Aushändigung der entsprechenden Menge von MonatStarten der Provinzial-Zuckerstelle für Ostpreußen. Die Verordnung hat ausgesprochenermaßen allein den Zweck, der ituell lebenden jüdischen Bevölkerung den Bezug solchen Zuckers u ermöglichen, dessen Herstellung unter Beobachtung der ituellen Bestimmungen erfolgt. Nicht die Verordnung der Provinzial-Zuckerstelle oder die darauf beruhende Bekanntmachung des Magistrats, sondern die Erklärung deS Deutfchlölkischen Schutz- und Trutzbundes ist sonach dazu angetan —;uie es in dieser Erklärung heißt — „Mißstimmung in die christlichen Kreise unserer Mitbürger zu tragen. Sie entspricht indes der Tendenz des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbuudes und richtet sich hiernach in den Augen aller wahrheitsliebenden Mitbürger von selbst." Ein antisemitischer Kongreß. Vom 11. bis 13. März findet in Wien ein an isemi.ischer Kongreß statt. Am ersten Tage werden Ve.tre.cv aus Deutschland, Ungarn, der Tscyecho-Slvwakei und Po en über den Stand der Judenfrage in ihren Lcmdern sprechen. Am zwe.ten Tage w.rd üb.r den Einfluß des Jureumns aus Kulturleben, Politik und W.rtschaflsleb-n gesprochen werden; am dri ten Tage dann über den Einguß des Juden ums ans Kunst, Ltera ur und Presse. Mit e^ner an.i,englischen Kunogebuns wird dcr Kongreß geschlossen. Auf d.eser Tagung wird ein« große inlerna.ionale Veranstaltuna vorbereitet, bit tm H-evft dieses Jahres in Men stattstndet und zu de.:: auch Vertreter des ferneren Auslandes eingeladen werden sollen. Professor Dr. Theodor N ö l d e k e, der Altmeister der semitischen Philologie, der viele Jahve zu den Zierden der Straßburger Universität gchörte, vollendete vor kurzem sein 85. Lebensjahr. Sein Name gehört zu den glänzendsten der deutschen Gelehrtenweltnimmt doch de.r ebenso gelehrte wie bescheidene Mann unter den lebender: Orientalisten wohl die erste Stelle ein. Auch von jüdischer Seite n:::ß dieses ausgezeichneten Forschers gedacht werden; denn als hervorragender Kenner der hebräischen Sprache und der biblisch-talmudffchen Literatur erfreut sich Nöldeke auch bei rabbinischen Gelehrten hohen Ansehens, mit einzelnen von ihnen, wie mit Abraham Geiger, verband ihn persönliche Freundschaft. Möge chm noch eine lange Reihe gesunder und zufriedener Jahre vergönnt sein! Kus üer Provinz. Oberschlesische Abstimmung. Für die jüdischen Abstimmungsberechtigten ist durch die „Freie Vereinigung für die Interessen des orchodoxen Judentums, Abteilung Schlesien", in: Einvernehmen mit der „Zentralstelle für die technische Durchführung der oberschlesischen Abstimmung" und dem „Deutschen Schutzbund" eine Organisation mit dem Sitz in Breslau geschaffen worden. An der Spitze der Organisation steht Herr Bankier Loewy, an den alle Anfragen organisatorischer Art zu richten si:w. (Telephon: Ring 7687, 7688 und 7689.) Für alle Verpflegungsangelegenheiten ist Frau Bertha Kober, Königsplatz 5 (Tel.: Ring 3922) zuständig. Die Organisation verfügt über ungefähr 300 Helfer und Helferinnen, die den Abstimmungsberechtigten in jeder Hinsicht mit Rat und Tat zur Seite stehen und an allen Breslauer Bahnhöfen warme Speisung verabreichen werden? Alle Anfragen lieber öen ToÜ. Plauderei von Dr. Ludwig Davidsohn. Der Leibarzt des Königs von Dänemark, ein Professor Bloch, hat vor 2 Jahrzehnten ein umfangreiches Werk „Ueber den Tod" verfaßt, das man mit Recht in Aerzte- und Gelehrtenkreisen geringschätzig beurteilt hat; denn der Mediziner hat in diesem Buch nur — systematisch geordnet — eine große Menge von Beschreibungen und Studien über die letzten Stunden aller möglichen Menschen zusammengestellt. — < Damit ist nun freilich dem denkenden Menschen nicht Genüge geleistet! Der Sinnende möchte gern mehr und TiesereS üb^r dies unerforschliche und unerschöpfliche „Problem aller Probleme" hötxn, denn alle irdischen Gedanken und Philosopheme, alle Theorien über den Sinn und Zweck des Dasein-wurzeln in dem Grübeln über dieses ewige, undurchdringliche Rätsel, ohne das, wie Schopenhauer bemerkt, es weder äiiie Philosophie noch eine Religion überhaupt geben würde. r. Die Zahl der Werke, die im Laufe der Jahrhunderte über dieses Mysterium geschrieben worden sind, ist Legion. Äsber täeüp man die Tausende von Büchern, die das gewaltigste Thernü behandeln, Revue passieren läßt, muß man an Voltaires Scherzwort über die Theoloaen denken: ^s rl» äs tont oss xons, c*r> 4)« ne sagend da bon Dien pas plus qae moi I“ Uyd es ist wohl sicher, daß es den Menschen für alle Zeiten vetsägt ist, Endgültiges und Gewisses über die Formen des BerÄel^rS-'iiiid'' Entstehens in Erfahrung zu bringen. Immer Mrd dem Wahtcheitsucher an der dunklen Pforte, durch die,ihe^;Meg>i-llys Seilenden gehen muß, ein abweisendes : eusgegenstqrren. ^TxöHemfreist der,menschliche Geist unablässig um den Tw Ldhtett. dw er für die Lebensgestaltung erteilt. Mk^ettsam ^rckurig^m'^Äpott sagt der Baron in Schnitzlers „MnsamtzMuAeq^r ^Jch wüßte nicht, an was ein a nstä nd i.ge^.M je n jjch l'l) Häufiger und intensiver denkt!" In einep «w gen^ Nexydy rüttelnden Weise behandelt derselbe ÄWfWner'wiir Ende tn sicher Novelle „Sterben", und schon at» blutjMge^ÄtdWH chÄi ^HNgo von Hofmannsthal in seinem „Der Tor und der Tod" — er.lchrzebiihn M Siebzehnjähriger! — viel dichterisch liefe und sein^ ^Äe/Üver^ WseS große „Letzte" geprägt. Mit ernster Gebärde sagt dort der Tod, dessen Nahen sich dnzch sehnsüchtiges und ergreifendes Spiel einer Geige ankündigt, zu Claudio: „Wenn in der lauen Sommerabendfeier Durch goldne Luft ein Blatt herabgeschwebt, Hat dich mein Wehen angeschauert, Das traumhaft um die reifen Dinge wobt. . . . In jeder wahrhaft großen Stunde, Die schauern deine Erdenform gemacht, Hab ich dich angerührt im Seelengrunde Mit heiliger, geheimnisvoller Macht." Als handelnde Gestalt erscheint der Tod auch in der bitteren Satire Paul Wertheimers „Die Komödie des Todes"; hier wird die Respektlosigkeit und Banalität, mit der gewisse Familienkreise noch einen Sterbenden quälen, auf das schärfste gegeißelt. Es ist gewiß kein Zufall, daß das Denken und Dichten vom Tod in der empfindlich organisierten jüdischen Seele meistens nur unendliche Trauer und lähmende Melancholie ausgelöst hat. Die älteste Dichtung, die die Menschheit überhaupt kennt, das grandiose, etwa 60vtt Jahre alte, semitisch - assyrische Gilgameschepos, das man im vorigen Jahrhundert in Keil- 'chriftbruchstücken in Kujundschik, dem einstigen Ninive, fand, spricht vom Sterben mit dem erschütterndsten Pessimismus. Dem strahlenden Helden Gilgamesch ist sein einziger Freund Enkidu durch den Tod geraubt worden, und nun schweift der Trauernde jahrelang in mühevollster Weise über Meere, auf dornigen Wegen durch Wüsten, ganze Erdteile, Märchenländer in die Unterwelt, um die Seele des ihm auf der WeU Liebsten zu suchen und sie nach dem Rätsel des Sterbens und dem Sinn des Daseins zu befragen. Und schließlich erscheint ihm der Geist des Abgeschiedenen und spricht: „Ich kann es dir nicht sagen, Freund, .... denn künde ich dir das Gesetz der Erde und das Geheimnis des Todes, die ich schaute, so wirst du dich hinsetzen und nur noch weinen!" .... Die Schlußrede Enkidus, die alles Sein für zwecklos und alles Leben nur als eklen Würmerfraß bezeichnet, atmet einen Pessimismus, der kaum noch überboten werden kann, und der zu dem Ergreifendsten und am meisten traurig Stimmenden gehört, was die Literatur aller Zeiten und Völker je hervorgebracht hat! Hier unterscheidet sich nebenbei bemerkt semitisches Wesen auch auffallend von der übrigen damaligen Kultur. Denn wie Lessing in seiner meisterhaften Abhandlung „Wie die Alten den Tod gebildet" überzeugend nachweist, wird im ganzen klassischen Altertum der Tod niemals als furchtbar oder grauenhaft dargestellt, sondern erscheint stets als Bruder des Schlafes, als schöner, totenblasser und geflügelter Genius, der die gesenkte Fackel in der Hand hält. ' \ \ __ Im alten Testament vernehmen wir dann z. B. im Buch" Hiob und im Kohelet einige dem Gilgameschepos verwandt^ Töne, ohne daß jedoch die Klage jemals so trostlos ausklingt, wie in jenem uralten Dichtwerk; denn in der heiligen Schrift ist ja der Zweck des menschlichen Lebens ausreichend erklärt durch das nimmermüde Hinstreben nach einem gewaltigen Ethos, nach einem steten Sich-Mühen-Sollen, heilig im qöttliche.n Sinne, d. h. frei von Sünden zu werden, und ein Gott (dem ewig-allsittlichen Prinzip) wohlgefälliges Dasein zu führen. Zu einem Jammern über das Sterben als solches bleibt dabei nicht viel Raum! — In dem Grade, in dem sich das jüdische Schrifttum zeitlich von der Bibel entfernt, beginnt wieder das schwermütige Suchen nach einer Lösung des dunklen Rätsels. In unvergeßlicher Weise spricht das Gadol-Sche-Mebi von dem Geheimnis des Todes und beschwört ängstlich seine Lesrr unter anderem, von Gestorbenen nur ja nichts Böses zu reden, damit die Ruhe der im Grabe Liegenden nicht gestört werde. Rührende Pietät gegenüber den Abgeschiedenen findet sich in der hebräischen Literatur häufig; im Traktat Berakoth des Talmud Babli sind erdichtete G-spräche von Toten aufbewahrt, die den ganzen Hang der jüdischen Volksseele zum Mystizismus zeigen. In einer chassidischen Legende wird in inniger, an holdselige Volksmärchen erinnernder Schlichtheit erzählt, wie eine junge Mutter noch 10 Wochen nach ihrem Tode allnächtlich wiederkehrt, um ihren auf Erden zurückgelassenen Säugling zu tränken und zurechtzulegen, und erst als der beschwörende Rabbi dem Geiste betend bedeutet, daß das Kind ihrer Pflege nicht Mehr bedarf, findet die arme geängstigte Seele den ewigen Frieden. Keine Ruhe ist nach dem Midrasch Bereschit Rabba den in fremder Erde von ruchloser Hand erschlagenen Glaubensgenossen vergönnt; die Unglücklichen verlassen in langen Reihen die durch Mord geschändeten Orte, um in die alte, heilige Heimat zu wallfahrten, damit sie in Palästina, im Schoße der geweihten Erde des gelobten Landes für immer eine Heimstätte finden. Ans Herz greifend sind auch einige der zahllosen Gespenstergeschichten, welche die Legende vom Baalschem, dem Wunder