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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-03-11 · 15 (11.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
15 (11.3.1921)
Date
1921-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AidMllberale Äkftung IXXZXXXZZXXX3 Die,Lübisch-Iiberale Leitung" erscheint jeden Freitag und »ostet durch die Voft oder durch die H DerantworMcher ©(Driftieiter: SeschüstSstelle bezogen, vierteijädrlich M». 4.- g Julius Loeb, Breslau 13, Mktoriastra-e I04d Sinzeinummer 40 Vf. Lahlunarn auf Postscheckkonto Breslau 4SLS7, Lüdlfch- Uberale Leitung. Naffenverwaltung. S.Bayrr. Breslau i Für die Stedoktioa destlmmte Luschristen find nur an dies» Adrest» »u richten SeschüstSstelle: Breslau 3, Reue Graupenstr. 3 iwwwn miiniiiinmnifiiii i nininni Annabmeschlu» für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Gchristleltung: Montag dlS Frrltaa ii—12 vorm, ln der SefchüftSstelle. Annaymeschiust für Anzeigen: Dienstag früh Dle 3',. cm breite Mlaimrierzeile kostet SO Vf., Famillenonrelgen 40Bf. chelWleberbolungSrma-lguno n rari» Nr. 15 Religiöser Liberalismus. Bon Geinennde-Rabbknor Dr. Vog«c>l sie in - B res l^u. Bor einiger Zeit fand ich in einem Aussatz „positiv" und „liberal" als Gegensätze zur Bezeichnung der ^verschiedenen Richtungen im Judentum. Bon anderer Seite wird die Betonung urtb Betätigung einer bestimmten Richtung überhaupt verpönt; man solle Jude sein, aber nicht eine bestimmte Parteistellung innerhalb des Judentums einnehmen. Mer an unseren. Liberalismus wird innner, auch von den Nichtliberalen, appelliert, wenn man nicht an liberale religiöse, sondern: an politisch oder verwaltungsrechtlich freie Anschauung denkt. Das liegt daran, daß die Bezeichnung liberal aus dem politischen Leben in das religiöse übernommen ist, um auch hier die freie Auffassung, die der Entwickelung ihr Recht gibt, zu kennzeichnen. Diese gleiche Bezeichnung führt zu vielfacher Verwirrung. Es ist zuzugeben, daß „liberal" nicht die richtige Benennung für die religiöse Richtung ist. Aber diesen Mangel hat der Liberalismus mit den anderen religiösen Richtungen gemein; denn weder orthodox, noch gesetzestreu, noch konservativ ist eine wirklich angemessene Benennung. Und Jude sein ohne eine bestimmte Richtung? Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen. Im Äben einer Gemeinschaft kann jedoch nichts geschaffen werden, ohne daß man dies Gemeinschaftsleben von einem bestimmten Standort und Gesichtspunkt aus klar betrachtet. Alles andere führt zu Unklarheit und Verschwommenheit. Wenn jenes Wort einige Berechtigung hat, fo nur in dem Sinne, . daß niemals Parteirücksichten und Parteiinteressen, son-I \ dern das allgemein jüdische Interesse das entscheidende y fern mutz; daß nicht Parteizwist, sondern der Friede den Kampf der Meinungen bestimmen muß. Wenn wir liberale Juden sind, so heißt das oben nichts anderes, als daß roir unser Judentum in der liberalen Anschauungsweise betrachten. Das aber führt selbstverständlich zu dein schärfsten Widerspruch gegen die Gegenüberstellung von positiv und liberal. Liberales Judentum ist nicht weniger Judentum und nicht weniger positives Jridentum als jedes andere. Liberales Judentum ist * nicht Subtraktion von dem „richtigen" Judentum, es ist vielmehr, um einen neuerdings mehrfach gebrauchten, freilich sehr mißverständlichen Ausdruck anznweichen, Volljudentum, nur daß der Gesichtswinkel ein «anderer ist als bei den anderen Richmngen. Wenn sich..mehrfach religiöse Gleichgültigkeit unter dem Namen liberal verbirgt, wenn es rechts und links Menschen gibt, die meinen, man sei um so liberaler, je weniger religiös man ist, je weniger man mit dem Jichentum innerlich und äußerlich zu tun hat, so ist das ein beklagenswerter Mißbrauch des Namens liberal. Es muß ebenso gegen die Anschauung Widerspruch erhoben werden, als könne mau den Liberalismus äußerlich abmessen, als sei das Maß der Beseitigung religiöser Formen der Maßstab ftir die liberale Gesinnung. Der Positive Gehalt des Liberalismus muß darum schaxf und nachdrücklich »betont werden. Wir sind nicht etwa liberal, well wir unser Judentum bequemer haben wollen, wir siird auch nicht weniger Juden als die anderen, sondern wir sind liberale Juden, weil wir die religiösen Lehren und Wahrheiten des Judentums eben in dieser Ausprägung fassen müssen. Das.haben die vielgeschmähten Richtlinien — am meisten geschmäht von solchen, die sie nie mit Aufmerksamkeit gelesen haben — nicht als neue Entdeckung uüd :reue Weisheit, sondern als Ausdruck unseres lebendigen Empfindens ausgesprochen. Zwei Begriffe sind es darum, die für unser liberales Judentum grundlegend sind, Oftenbarung und Entwickelung. Uns ist die Bibel Gottes Wort, der Ausdruck der göttlichen Offenbarung, durchweht vom Gottesgeiste. Wie der Vorgang der Offenbarung sich abgespielt hat, das zu wissen maßen wir uns freilich nicht an. Aber das wissen wir, daß der wundervolle ethische Monotheismus des Judentums nicht sorgfältig ausgeklügelte Weisheit ist, sondern die Offenbarung, die in den religiösen Genies lebendig geworden ist. Aber diese Offenbarung ist nicht ein einseitig göttlicher Akt, sondern je nach ihrer verschiedenen Persönlichkeit ist sie in den Propheten verschieden wirksam geworden. Nicht nur für Menschen, sondern auch von Menschen ist die heilige Schrift geschrieben, m weiterem Sinne, als es vom Talmud selbst gemeint war, gllr uns das Wort, daß die Bibel die Sprache der Menschenkinder spricht. Uns ist das Bibelwort heilig, aber hnlrger der Gottesgeist, der es durchweht. Wir sind der Meinung, daß man-mit sklavisch buchstäblicher Auffassung der Bibel selbst vielfach unrecht tut, die wundervolle Poesie Breslau, den ii. März 1921 und den tiefen religiösen und ethischen Gehalt geradezu zerstört. Damit kommen wir zu dem zweiten Brennpunkt unserer religiösen Anschauung, dem Begriff der Entwickelung. Selbst ein so überaus gemäßigter Theologe wie Güdemann, den man ebenso wie seinen Lehrer Zacharias Frankel weit eher zu den konservativen rechnen kann, hat ebenso wie Frankel die Anschauung vertreten, daß im Judentum zu allen Zeiten der Volksgeist dem Faktor der Offenbarung sich als gleichberechtigt an die Seite gestellt hat. Uns ist die Tradition überaus werwoll. Das Judentum ist uns geschichtliche Religion. „Alles ist uns des Jlldentums unveräußerliches Eigentum, vom ersten Worte der Bibel bis zum letzten eines Talmudisten, von den tiefen Gedanken der mittelalterlichen Philosophen bis zu den Lukubrationen einer jeglichen Darschau, von der buchstäbelnden Enge «des Kasuisten bis zum freien Wort der neuen Predigt. Ueberall erkennen wir den urspriinglichen Geist nach den verschiedenen Zeilen und der verschiedenen Begabung und dennoch in voller Einheit." So hat Abraham Geiger den Begriff der Entwickelung treffend gekennzeichnet. Wir kennen fciifat Bruch mit der Vergangenheit, wir leugnen die Entwickelung nicht, auch wo sie uns nicht günstig zu sein scheint. Wir beten mit voller Ueberzeugung „unser Gott und Gott unserer Väter". Aber wir erkennen keinen Augenblick der Geschichte an, in dem die Entwickelung ihren Abschluß gesunden und das Judentum für alle spätere Zeit endgültig gestaltet hätte. Aus dieser Grundlage allein kann unserer Ueberzeugung nach die Religion eine lebendige, Leben schaffende Macht für jede Zeit bleiben. Denn mag nvan das Prinzip der Entwickelung theoretisch anerkennen oder nicht — in der Wirklichkeit des Lebens bleibt es herrschend. Dastir genügt ein auch nur oberflächlicher Vergleich unserer heutigen Orthodoxen mit denr Judentum etwa zur Zeit der Emanzipation. Es mag nur daran erinnert werden, welche Kämpfe es kostete, um die deutsche Predigt, geordneten Gemeindegesang, ja überhaupt äußere Ordnung im Gottesdienst einzuführen. Heute ist die Predigt auch in den orthodoxen Synagogen schon seit Jahrzehnten etwas ganz Selbstverständliches, und die Amtstracht des Rabbiners und Kantors erregt bei niemand mehr Anstoß, daß eingedrungene kabbalistische Mißbräuche beseitigt sind, erscheint allen ganz natürlich. Wir sind der Ueberzeugung, daß das Judentum mit 1 einem großen, reichen Ideengehalt für alle Zeiten uns ewige Werte gibt, daß der Strom der Entwickelung ebenso wenig gehemmt werden kann, wie der Zusammenhang unterbrochen, ein Bruch mit der Vergangenheit herbeigesührt werden darf. Darum erkermen wir die subjektive Berechtigung mich jedes anderen Standpunktes' an und wahren rrns gegen jeden Fanatisnrus, von welcher Seite er auch kommen mag. In welcher Weise diese Grund gedanken. praktisch in die Erscheinung treten, mag einer späteren Darlegung Vorbehalten bleiben. 1. Jahrgang Ingenunö Antisemitismus. Bon Rechtsanwalt Tr. B r a u b a ch. Ueber dieses Thema sprach vor . kurzem aus der auß<r^rdentlicren Haupt. Versammlung des Pere ns zur Abwerr des Anisemutsmus Rechtsanwalt Dr. Braubach. Wir hauen seine Ausführungen für so allg m nn interessierend da 8 wir sie im Folgenden unverkürzt wiedergeben. Die Redaktion. Wenn ich meine Ausfichrungen über das Thema „Jugend und Antisemitismus" im wesentlichen abstelle auf eine Erörterung der antisemitischen Strömung in studentischen Kreisen, so will ich' damit keineswegs zum Ausdruck bringen, daß ich die akadenrische Bildung als etwas Hervorragendes ansehe, was eine besondere Behandlung beansprucht, sondern ich will damit lediglich das eine dokumentieren, daß in studentischen Kreisen der Antisemitismus zum erstenmal eine programmatische Fest- W-jsch-liberaler Iugen-verein Montag, den 1*. März 1921. abends 8 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 13 (Eingang nur Anger) Bortrag de- Herrn Gemeinderabbiner Dr. Vogelsteilt über: „Das Buch Esther". Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. legung erhalten hat. Darum erscheint es nur zweckmäßig, davon auszugehen, und von diesem Gesichtspunkte aus das Problem zu behandeln. Ihr Herr Geschäftsführer war so liebenswürdig, mir das Material vollständig zur Verfügung zu stellen. In dieser Gesamtheit war der Eindruck. den man aus dem Studium der verschiedenen Hochschulbeilagen zu den Tageszeitungen und aus den studentischen Verbandszeitschriften bekam, überaus traurig und niedevdrückend. Es sind heute nicht mehr nur die inkorporierten Studenten, insbesondere die Angehörigen der -schlagenden Verbindungen, die sich zunr Anttsemitismus bekennen, denn es ist mehr oder weniger ein Bekenntnis, sondern es stehen heute auch die weitesten Kreise der sogenannten Finkenschaft aus dem Boden des Anttsemitismus, wie ja auch die Wahl zum hiesigen Universitäts- Studenten-Ausschuß zeigt, wo die antisemitischen Gruppen eine Zweidrittelmehrheit bekamen. Die jungen Menschen, die unter diesen Einflüssen stehen, die in diesen Gedankengängen leben, sie sind dereinst berufen, im deutschen Volke Richter, Lehrer, Aerzte zu sein, kraft ihrer Bildung im deutschen Volke Führerstellen einzunehmen. Da muß es besonders schmerzhaft berühren, wenn eine Organisation wie die Deutsche Burschenschaft, die in der Geschichte des deutschen Volkes eine große und bedeutsame Rolle gespielt hat, sich dazu erniedrigen kann, in ihrer programmatischen Erklärung jede „Verbindung mit jüdischen und farbigen Weibern" abzulehnen. Als ich diese Worte las, da erinnerte ich mich der wunderbaren Stunde, wo ich in Dresden vor der Sixttna gestanden habe, und ich dachte daran, daß diese ideale Frau, diese Muttergestalt, eine Jüdin war, und daß die unverantwortlichen Führer dieser Bewegung diese Frau, diese Mutter des edelsten Menschen, den die Weltgeschichte gesehen hat, mit beschmutzt haben. Gerade dieser Eindruck war für mich, der sich mit seinen 30 Jahren noch zur Jugend rechnet, überaus niedebdrückend, es war niederdrückend, daß man so gemein, so jeden ethffchen Empfindens bar sein konnte, um eine derartige Wendung zu gebrauchen. Es konnte mich auch nicht höher stimmen, wenn ich in demselben mir zugänglich gemachten Material eine Aeußerung des Grafen Reventlow fand, der vor der Verbindung mit jüdffchen Weibern warnte; aber die indischen Weibe müsse man ausnehmen, weil Indien die Wiege des Ariertums sei. Ich weiß doch nicht, wie das mit dieser programmatischen Erklärung der deuffchen Burschenschaft sich vereinbaren läßt. Jedenfalls, wenn man mit einer derartigen Beweisführung an derartige Probleme herangeht, dann kann es doch nur gewollte Bosheit und der Witte zu verletzen gewesen sein, der diese Formulierung eingab. Wenn wir nun fraaen, wie es kommt, daß in diesen Kreisen der Anttsemitismus so rüde Formen annehmen konnte, so tun wir recht daran, den ersten Grund k dafür in der trostlosen materiellen Lage der Studentenschaft zu suchen. Meine Danken und meine Herren! Speziell diese junge:: Leute, die in schlagenden Korporationen Führer sind, stammen durchweg aus Beanttenkreisen, aus Kreisen des Mittelstandes; ihre Väter sind darin gewesen, und sie schicken ihre Söhne wieder hinein. Deren Situation ist keineswegs beneidenswert, wie ja überhaupt unser akademisches Studium nrateriell jetzt mit am attertrostlosesten gestellt ist. Die Zahl derer, die über einen Monatswechsel von über 300 Mark verfügen, ist ganz gering, und auch ein solcher Monatswechsel reicht wirklich nicht aus, um auch nur die Notdurft zu befriedigen. Der größte Teil der Studentenschaft muß sich nicht nur, jeden Genuß versagen, er ist auch nicht in der Lage, sich ausreichend zu ernähren. Wenn nun zu dieser trostlosen materiellen Lage die Tatsache hinzukommt, daß unsere Studentenschaft — und da bitte ich um Verzeihung, wenn meine Darlegung etwas politisch ausklingen könnte, — herangewachsen ist in Anschauungen, die in einer Zeit wurzeln, die jetzt vorüber ist, in Anschauungen, die man als den Ausdruck stärksten nationalistischen Empfindens bezeichnen kann, aufgezogen von einer Lehrerschaft, die ebenfalls in diesen Anschauungen großgezogen ist und kraft ihres Berufes sich verpflichtet glaubte, die jungen .Menschen ebenfalls in diesem Sinne heranbilden zu müssen, und durch den ganzen Aufbau des Lehrplans in ihrer Bildungstätigkeit in diesen nationalistischen Rahmen hineingezwängt wurde. Und wenn man weiter betrachtet, daß sie in der Auffaffung groß geworden sind, daß diese Zeit das Schöne, das Große gewesen ist, daß diese Zeit nun dahin fein soll, und daß alles daraus ankomme, diese Zeit wiederzuholen, und wenn man immer wieder in Betracht zieht, daß ihre ganze Auffassung nur aus das Aeußere gerichtet war, nicht an den inneren Kern der Problenre, die in der Menschheit schlummern, heran gekommen ist, well ihre ganze Bildung, vor allem im Geschichtsunterricht, auf Zahlen, auf Kriegs-

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