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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-03-11 · 15 (11.3.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
15 (11.3.1921)
Date
1921-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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über den HÄferdienst sind an Fräulein Emmi Guttmann, Biktoriastratze 66 (Telephon: Ring 1440) zu richten. Die rituelle Aussicht hat Herr Rabbiner Dr. Cohn, Gutenbergstraße 43, freundlichst übernommen. In allen größeren Städten DeutschlaiM sind Vertrauensmänner bestellt, unter denen, da über die Hälfte der jüdischen Abstimmungsberechtigten aus dem Reiche in Berlin wohnen, die bei weitem größte Tätigkeit Herr Rabbiner Dr. E. Munk, Berlin N., Artilleriestmße 31, zu entfalten hat. In Berlin wird warme Verpflegung Auguststraße 16 (Jüdische Speifehalle) verabreicht. Auch während des Aufenthaltes in Oberschlesien ist, im engen Zusammenarbeiten mit dem Deutschen Plebiszitkonrmissariat, für rituelle Verpflegung gesorgt. Alle diejenigen, die rituelle Verpflegung wünschen, -haben sich an die Synagogengemeinde ihres Abstimmungsortes zu wenden. Die gesamte Organisation besteht aus ehrenamtlich tätigen Damen und Herren. Jüdische Abstimnmngsberechtigte, die auf rituelle Verpflegung reflektieren, werden in ihrem eigenen Interesse gebeten, vorstehende Mitteilungen genauestcns zu beachten. Im Abstimmungsgebiete wird ritu lle Verpflegung uachgewiescn. in Beuthen durch Herrn Arthur A l i m a n n, in Gleiwitz durch Herrn Paul Cohn, in Hindenburg durch Herrn Rabb. Dr. Kaay, in K a t t o w t tz durch Herrn Bruno A l 1 m a n n, in K ö n t g s h ü t t e d. H. Rabb. Tr. G o l d s ch m i d 1, in Kreuzburg durch Herrn PrHiger R a w i t s ch e r, in M y s l o w i tz durch Herrn Rabb. Tv. Ba ß s r«, n n o, in Nikolai durch Herrn Max W vi s l er, inSandowttz durch Herrn Joachim S i m o n s o h n, in S o h r a u durch Herrn Kan.or Getzow, in Tarnowttz durch HerrnRaob. Dr. Gradenw i y. Amtsjubiläum. Am 13. £>. Mts. kann, Prediger und Lehrer JakobBährauf eine 25jährige Wirksamkeit in der Gemeinde Waldenburg zurückblicken. Der Jubilar hat sich durch seine gewissenhafte Tätigkeit, wie durch seinen lixchchaft frommeil Lebenswandel die Achtling und Wertschätzung seiner Gemeindemitglieder und durch sein öffentliches Eintreten für die Besserstellung seiner Berussgenossen in sozialer und materieller Beziehung große Bechieüste erworben. Als würdiger Nachfolger des Professors Dr. Braun leitet er jetzt den Verein israelitischer Lehrer tu Schlesien mit großer Umsicht und Rührigkeit, wirkt im Ausschuß des Synagogen-Genleillde-Verbandes und ist u. a. Vorstandsmitglied der Lehrer-Unterstützungskassc, überall als treuer, gewiffenhaster Berater geschätzt und gewürdigt. Allch wir entbieten dem Jubilar zu seinem Ehrentage die besten Glückwünsche. Möge ihm noch eine lange Wirksamkeit im Jntereffe seiner ihn schätzenden Gemeinde wie der Allgenreinheit beschreden sein! Mytzlowitz. Während der Abstimmungstage wird sin alle inMYslowitz und dessen Synagogenbezirk Abstimmungsberechtigten die Einrichtung ritu.'ller Verpflegung beabsichtigt. Anmeldungen, die umgehend erfolgen müssen, an Herrn Rabbiner Dr. Baßfreund erbeten. — Am I. März beginc Herr Oberkantor und Religionslehrer S a n d a u die Feiet seines 25 jährigen Ortsjubiläums. Lokales. Zum Ableben -es Gemein-erabbiners Dr. Rosenthal. Vor wenigen Tagen starb im ehrenvollen Alter von 83 Jahren nach kurzer Krankheit Gemeinderabbiner Dr. Ferdinand Rosenthall. Als Sproß einer allangesehenen Gelehrtenfamilie im Jahre 1838 in Kenesa (Ungarn) geboren, besuchte er die Gymnasien zu Eisenstadt und Wien ulld studierte an der Universität Berlin Philosophie, orientalische Sprachen, alte Geschichte und rabbinisches Schrifttum. Nachdem er im Jahre 1866 an der Universität Leipzig das philosophische Doktorexamen absolviert, trat er Ostern 1867 das Nabbineramt in der Gemeinde Beuchen OS. an und hat dort sowohl als Seelsorger, wie auch als Ortsschulmspektor der jüdischen Volksschule 20 Jahre lang eine überaus umfangreiche und segensvolle Tätigkeit entfÄtet und sich dabei auch große Verdienste um das religiöse Leben in den anderen Geineinden des oberschlesischen Jndustriereviers erworben. Im Jahre 1887 folgte er einem ehrenvollen Rufe der Breslauer Synagogeugemeinde, in der er als erster Seelsorger an der Alten Synagoge auf der Wallstraße 33 Jahre lang in größtem Segen wirkte, bis er vor etwa einem halben Jahre wegen hohen Alters in den wohlverdienten Ruhestand trat. Was Dr. Rosenthal für seine Gemeinde, für das Judentum übechaupt bedeutete, das mag von berufenerer Seite gewürdigt werden. Mit allen, denen er teuer war, stchen auch wir an seinem Grabe als dem eines Großen in Israel. * * * Die loeihevolle Trauerfeier fand am Dienstag mittag in der alten Synagoge an der Wallstraße, der Stätte des langjährigen Wirkens des Heimgegangenen, statt. Dichtgefiillt lvar der weite Raum, der, trotzdem die Sonne hell durch die Kuppel brach, im feierlichen Scheine sämtlicher Flammen der Kandelaber Prangte. Zu den Seiten des vor dem Hochaltar aufgebahrten Sarges hielten die Chargierten jüdischer Studentenverbindungen mit ihren Fahnen die Totenwacht. Pünktlich um 1 Uhr begann die Feier. Ehorgesang erklang, und dann betrat Dr. Simonsohn die Kanzel. In wannen, tief empfundenen Worten zeichnete er das Bild «des edlen Mannes, zeigte ihn in seiner tiefen Frömmigkeit, seiner echten Güte und Bescheidenheit, seiner hohen Gelehrsamkeit, die ihn zum Führer und Lehrer der großen Gemeinde machte, deren allverehrter Seelsorger er über ein Menschenalter war. Nach ihm sprach Dr. Hoffmann, der, zum Nachfolger Dr. Rosenthals erwählt, herbeigeeilt war, um seinem Meister und Freund die letzte Ehre zu erweisen. Auch er betonte die seltene Art des hochgelehrten Mannes, dem es gewährt ward, die drei Kronen zu tragen, die Krone der Thora, die ihn zum Lehrer machte, die Krone des königlichen Priesters, als den er sich am Altar zeigte, und die Krone des guten Namens, den er sich durch sein vorbildliches Leben erwarb. Was an ihn: sterblich war, wird zu Staube, aber das Göttliche, das aus ihm strahlte, «wirkt fort und bleibt immer lebendig. Unter Ehorgesang wurde dann der Sarg hinausgetragen, wo sich der unabsehbare Leichenzug ordnete. Voran fuhren die Studenten, dann folgten die Schüler der Religionsschule mit ihren Lehrern, urrd hinter dem Leichenwagen schloffen sich den Angehörigen viele Rabbiner und eine ungezählte Schar von Leidtragenden an. Langsam ging es durch die Straßen bis hinaus zum Friedhof aatf die Lohestraße, in dessen Halle wieder Ehorgesang den Sarg empfing. Dort hielt Gemenrde-Rabbiner Dr. Bogelstein die Trauerrede. Er pries den hervorragenden Seelsorger, dem es gelungen sei, Einheit uni) Friede in der Gemeinde aufrecht zu erhalten, und richtete Worte des Trostes an die Angehörigen, die mit berechtigtem Stolze dies kostbare Leben ihr eigen hatten nennen können. Ihm reihten sich Rabbiner Dr. Margolies aus Florenz, der Schwiegersohn des Verstorbenen, und die Herren Justizrat Hirschberg und Professor Dr. Wohlauer als Vertreter der Gemeindebehörden, des Vorstandes und der Repräsentanten-Bersamnllung an. Und dann folgte Rede auf Rede von Vertretern anderer Genre urden mrd all der vielen Verbände, denen der Verstorbene angehört hatte, seiner Schüler und seiner Fremrdc; auch die Großloge Bnei-Bris in Berllin hatte dem Expräsidcnten der hiesigen Lessingloge ihre Grüße durch ihren Meister Timmendorfer aus Berlin entboten. Der Abend sandte seine Schatten voraus, als eMich der Sarg zu Grabe getragen wurde. Langsam senkten sich über ihn noch einmal die Fahnen der studentischen Korporationen. dann verschwand er in der Tiefe. Die Schollen fielen hinab, die irdischen Reste eines Mannes zu decken, dem Liebe ein dauerndes Denkmal in vielen Herzen errichtet hat, und dessen Andenken in seiner Gemeinde alleil, 'die ihn kannten, fortleben wird. 10 jähriges Stiftungsfest des jüdischen Handwerkerverntns. Am 6. März konnte der Verein selbständiger Handwerter jüdischen Glaubens auf sein lOjähriges Be«.e en zu« ruckblicken. Aus diesrm Anlaß fand in den Räumen de« Lesstrrgloge eme esstzielle Seiet sta.t. Chor um» Harmonium buvetrn die Einleitung. Es folgten ein Prolog unv die Begrugurrgsmlp.ache des Bo.stunden, Flerschermetster ieitit Grunpe 1 er. Ter Berliner Bvüderve.ein ya.te fei. tun Vorsitzenden, Herrn Louis Wolfs, ent.andt welcher die Fepreoe hielt. Mit Worten, die aus warmem Herzen 'amen, entrollie er ein Bio d.s jüo.schen Handwerks, das sich in schwerem Rtng.n entwickelt habe. Der Jude, der N-iher im eigenen Lan.e jede.Arbeit verrichtet ha.te, war im Mittelaller von Innungen uno Zünsten ausgeschlossen. Zur Ze.t der Enu»nz.pa.ion fielen zwar die änderen schranken, aver die Juven wanoten sich nun noch mehr den geistigen Berufen zu, der Erwerb von Kapital trat rn den V c re ergründ. — Em Hanower'erstand war nur schwach vorhanden und an der Entwtcke.ung hinderte ihn vor a.lem cie ge>ellscyaftliche Achtung der eigeittir Glaubeitsgenojseu. Man bstrachle.v den Handwerker als Mensa.,eu zweiten Grades und nur wenn ein Junge zu, -tchts anderem mehr taugte, ließ man ihn Handwetter werden. Die Dümmsten schienen gut genug dazu. Tte Folge war, daß auch die Leistungen d:r jüdischen Handwerttr Himer denen der christlichen Kollegen zurüclstanden. In schwerem Ringen um die Existenz, zurückigeeK und von der Leite ange.e^en, führte der Mische Handwerker ein mükneltges Seren. In d.n letzten Jabrzehn.en iji eine Wandlung etngetreten; d e Leistnngen sind mit den wachsenoen Anforderungen gestiegen. Mr haben heute iüdsche Handwerker, d e den höchsten fachlichen Änforoerungen genüg-n und in Fachverbänden an leitenden Stellen stehen. An den meistm Orlen hatoen sie sich zu Vereinen zusanmren^eschlossen, um gemeinsam ihre Interessen wahrnehmen zu können, sie gewannen das Vertrauen dev Genre^ndekörperschafen und der Oesfentlichkett, die timen heute ihr Jmeeesse unv ihre Aufträge zuwenden. Das Ziel ist eine Heranziehung der Jugend zum Handwerk und zwar der intellig.nen und ar eiissroyen In end. Diese soll nach gu.er Ausotloung die Gewähr für eine weitere Entwickelung des Handwerks sein. Handwerk ha.te immer „goldm.n" Boden, in einer Ze.t, in dev al es su,wnnit, soll es unserer Jugend, wenn nicht einen goldenen, so doch einen sicheren Boden geben. Die aus innerster Überzeugung fließenden Ausführungen des Redners fanden bet den Zuhörern lebhaften und begeisterten Widerhall. Tie Reihe der Gratulanten eröfsnete Herr Gemeinde Rabbiner Tr. V o g e l st e t n, der aus Talmud und Mischna Beispiele anführe, daß das Hanowerk früher unter den Juden g.achtet und verbreitet war. Unsere großen Lebrev und Forscher verd enten sich durch Handwerk den Lebenöun.erhalt, die Möglichkeit des Sind ums. „Es ist ein Großes um die Arbeit, denn sie ehrt den Menschen." — Herr Ignatz Malsch überbrachte die Glückwünsche der Synagogrnaenieinde und der Repräsentanten. Versammlung, Herr Marin Frc,nkel die der Jsraelt.tschen Krankenver- P.iegungsanftalt, des Vereins zur Förde.ung der Interessen der Synagogengemeinde und des Vereins zur Ersetzung yilssbedürftiger Kinder. Herr Rechtsanwalt Spitz sprach den Glückwunsch des Liberalen Vereins aus; es folgten die Glückwünsche der Vertreter der drei Brüdergesellscha^ten, des Bundes jüdischer Frontsoldaten und des Beutbener und Kaltowttzer Hanvtoerkerv.'reins. Mit dem Liede ^D'e Himmel rühmen" schloß die eindrucksvolle Feier. — Am Nachmittag fand in denselben Räumen ein Ball statt, de, die Mirgtieder bis in! die späten Abendstunden bet Tanz und lünstlerischen Darbietungen vereinte W. Arien-, Balladen- und Lieder-Abend Richard Rodek. Der sympathische junge Sänger, der sich uns neulich vorstkllte, wird noch statt an sich zu arbeiten häben, bis er solche hohe Zi.le, wie er sie sich gesteckt zu Hab.» scheint, restlos ersüllen kann. Rein technisch stören noch Jntonationsschwankungen, unausgeglichene Ueberyänge der einzelnen Stimmlasen, ungenaue Bokalisatton (d, ü). Auch metrisch war nicht alles ganz klar. Geistig hätte ich gern alles so dmchgeatbettet gehört, wie Hermanns Salomo. Es fehlt noch whr die temperamentvolle Ausgestaltung der in den einzelnen Kompositiotionen erforderlichen seelischen Gegensätze. Das merkt man namentlich an den zu wenig zum Ausdruck kommenden Steigerungen. Dafür gelingen aber kürzere, lyrische Lieder ernst'ren Inhalts recht gut. Und so werden wir uns rabbi, erzählt; den rufen in der Nacht drängend und bittend die Seelen Sterbender, auf daß der große Meister für sie bete und sie errette. Die Sorge um die Toten bildet einen ungemein liebenswerten und schwermütigen Zug im Leben der mittelalterlichen Juden, und von ihnen bis zur Melancholie eines Hofmannsthal vder Schnitzler führt eine direkte Linie. Dagegen schlägt die Behandlung desselben Themas in der übrigen Literatur viel kräftigere, mitunter geradezu bifterbumorhafte Töne an. " In den mittelalterlichen Totentänzen eines Holbein z. B.. ist Freund Hein ein derber, fast spaßhafter Geselle, ebenso in den Grimmschen Volksmärchen, und auch in dem Legendenspiel von ^Jedermann" ist er durchaus nicht jener ernste, blasse Jüngling, als der er Hofmannsthal oder etwa Heinrich Heine in seiner „Morphins" erscheint. — Im „Gevatter Tod" ist er ein Arzt mit viel Mutterwitz, in Schmidt-Häßlers „Herbst" ein stiller, feiner und liebenswürdiger Diplomat, der im „Aufträge einer fremden Regierung reist", in Wilbrandts großangelegtem „Meister von Palmyra" ein energischer, immer wiederkehrender, ernster Mahner und in Wildgans' bedeutendem Drama „Armut" ein fast gemütlicher, weißhaariger „Vorgesetzter"; als kraftvoller Umformer alles Bestehenden läßt ihn Ibsen sogar (— der Knopfgießerl —) in feinem Peer Gynt auftreten. Ein Dichter de8 Todesgrauens, wie ihn die Weltliteratur nicht zum zweiten Mal hervorgebracht hat, ist der junge Maeterlinck. Mit suggestiv wirkender Kraft schildert dieser große Künstler die Angst vor dem Sterben in dem Puppenfpiel „Der Tod des Tintagiles", und das wortlose Entsetzen, das der ungebetene Gast hervorruft, findet in den Dramen „Der Eindringling" und „Die Blinden" einen überaus wirkungsvollen Ausdruck. Ganz wundervoll ist auch das Stück „Der Gast" von Wilhelm von Scholz. Man hat dieses seltsame Werk, über dem Todesstimmungen in ganz merkwürdiger Schönheit gebreitet liegen, viel zu wenig beachtet; die Dichtungen des Belgiers stehen nicht höher, aber Maeterlinck ist es gelungen, in seinen „Wundern des AntoniuS" mit dem Todesproblem einen geschmackvollen, wenn auch bitteren Scherz zu treiben. So groß aber auch die Wirkung sein kann, die uns di^ Literatur vermittelt, wenn sie das Thema vom Tode behandelt, riefer und weiter reichend sind jedenfalls die Antworten, die uns Philosophie und Naturwissenschaft geben. All unser Wissen von der Natur ist zwar auch im letzten Grunde immer nur ein Ahnen, Herumraten und Vermuten, wirkliche Lösungen werden niemals gewonnen werden. Ob der Lieblingswunsch der Menschheit, mit all ihrem Denken und Fühlen in die „Unsterblichkeit" einzugehen, erfüllt wird, — — — eemper ignorablmos; aber wenn wir auch sehen, daß alle individuellen Prägungen der Materie dem sicheren Tode verfallen, die Substanz als solche ist unsterblich; und aus ihr formt die Natur immer wieder neue Gebilde. Es gibt eigentlich kein Sein, es gibt schließlich nur ein Werden. — Niemals ist der Tod absolute Vernichtung. Im hohen Liede Salomonis heißt es: „Gewaltig wie der Tod, ist auch die Liebe", d. h. anders ausgedrückt: die Wiedergeburt bedingende Zeugungskraft. Allüberall sehen wir lAuferstehung und Erneuerung, und auf diesen Beobachtungen süßt der sieghafte Optimismus neuerer Naturforscher wie Fechner (das „Büchlein vom Leben nach dem Tode", 1889) und Karl Ludwig Schleich (das „Problem des Todes"; 1920 erschienen). Philosophisch sind die Ideen dieser Männer schon seit Jahrhunderten gestaltet worden; wie in einem kleinen Brennspiegel hat Moses Mendelssohn in'seinem „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele" die wichtigsten denkerischen Ergebnisse dieser Ueberlegungen zusammengefaßt, und wenn heutzutage der jüngste Philosophiestudent die ergreifende Anklage gegen die Natur etwa eines Theophrast liest, so kann er ihm mühelos die gebührende Antwort erteilen. Denn erstens — erwidere er — entgleitet jedem Menschen seine Individualität ja in gewisser Weise bereits bei Lebzeiten.— Bin ich noch derselbe, der ich vor 3v Jahren war? — Zweitens ist es vor allem nötig, daß sich der Mensch von der egozentrischen Betrachtung des Weltganzen sreimacht: daß Tiere und Pflanzen sterben, Steine verwittern, überall ein ewiges Vergehen und Neuwerden zu beobachten ist, erscheint dem Menschen natürlich und selbstverständlich; daß er aber, — der ja selbst auch nur eine Mikrobe auf dem Sandkorn Erde ist, — ebenfalls all den ewigen Gesetzen unterworfen ist, sollte ihn zum Jammer und zur Anklage veranlassen? — Nein, Richard Beer-Hofmann hat Recht, wenn er in seinem schönen^ Gedicht vom „Altern" ausruft: „Furchtbar wär' es, ausgeschlossen vom gemeinen Los zu sein." — Wenn uns der Dichter dealten Testaments mit versteinertem Antlitz in schneidender Schärfe zuruft: „Staub seid ihr, und zum Staube sollt ihr zurückkehren!" so kann man ihm — ohne von Grauen überwältigt zu werden — zuversichtUch erwidern, daß es um diesen Staub (Atome, Materie) doch nicht gar so bös bestellt sein könne, denn er wenigstens sei ewig, und Gott. (respektive die Natur) höre nicht auf, aus diesem Staube immer wieder und wieder in nie versagender Schöpferlüst die wundervollsten Gebilde zu formen! — Und in herrlichen Tänzen schwingen Atome, bilden Kristalle und Figuren, — eine heimliche Melodie scheint unhörbar überall zu klingen; — wahrlich, die religiöse Verzücktheit der erhabenen Stifter unsrer Religion läßt sich auch mit dem Mikroskop in der Hand empirischnaturwissenschaftlich nacherleben! — Und ebenso wie die Materie ewig lebt, — auch die Idee, der Geist, stirbt sicher nicht Menschentod: — ich schlage die Sprüche des Laotse oder die Ermahnungen der Propheten auf — und uralte, höchste Weisheit grüßt mich über die Jahrtausende hinweg! . . . — Wenn ein Dichter wie Barbusse in seinem Tagebuch gesteht, daß nach den von ihm geschauten Schrecknissen des Krieges die Welt und ihr Geschehen nun jeden Sinn für ihn verloren habe, so muß man eine derartige Betrachtungsweise zum mindesten kurzsichtig und egozentrisch schelten; denn die Hoffnung ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, daß die Natur diese biologischen Explosionen braucht, um die Menschheit zu höheren soziologischen Lebensformen zu führen. — Das unaufhörliche Sterben der Individuen läßt uns zwar deren geringen Wert für ihren Schöpfer erkennen, aber die Hoffnung bleibt, daß die Menschen — um mit Nietzsche zu reden — nur „Brücken" und „Uebergänge" zu besseren, höherstehenden Organisierungen sind. Niemals läßt sich die Hegelsche idealistische Zuversicht widerlegen, daß alles Geschehen nicht ein in sich stets zurücklaufender Kreis, sondern eine sich aufwätts windende Spirale sei. Gerade wir, die wir in einer so trüben Zeit leben, können uns auch vor Augen hallen, daß die vielbeweinte „Vergänglichkeit" auch ihre guten Seilen hat; spült sie doch z. B. die uns jetzt soviel Gram verursachenden, bösartigen Torheite» der Entente-„Staatsmänner" — hoffentlich bald — auf deWMßeu Kehricht der Weltgeschichte, allwo sie^dereinst dem Menschen der Zukunft nur ein verächtliches-«kV-unÜttnWs»Lächeln entlocken werden. __________ .;V T’*.

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