Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 14 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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abspielen, Genaueres erfährt, als von den Geschehnissen im fernen Oste,' oder Westen, die von den Zeitungen meist mit ein paar Zeilen abgetan werden.. . Wir suhlen mit den ostiüdischen Opfern aller dieser Ausbrüche eines beklagenswerten- Fanatismus, nicht weil ste Jndrn, sendem weil st« Menschen sind. Aber wenn wir von den Leiden hören, die deutsche Kriegsgefangene in afrikanischen Gefangenenlagern, ja selbst bei den kulturstolzen Franzosen erdulden mußten, dann möchten wir aufschreien vor fast körperlichem Schmerz, denn die Schläge, die unsere Brüder treffen, brennen uns auf der eigenen Haut. In der vorigen Nummer dieses Blattes ist ein weniges aus den Berichten über die jeder Beschreibung spottenden Greuel wiedergegeben worden, deren Opfer in den 'letzten Jahren Z^ntausende, vielleicht Hunderttcuffellde der ukrainischen Juden geworden sind. Es sind Bkwer von einer so zwingenden Wucht des Grauens, daß Dantes Höllengesichte daneben wie zarte Schemen erscheinen. Die Ueiberlebenden aus diesem Gemetzel: geschändete Frauen, verwaiste Kinder, zerschlagene, verkrüppelte Männer und Greise, irren «heute «heimatlos umher und haben nur einen Gedanken: Nicht mehr den Menschenhorden ausgMesert zu sein, die all ihre besttÄffche Wildheit an diesen Wehrlosen ausgelassen haben. Da mag ihnen dann wohl in die Nacht ihres abgrundtiefen Leides und Elends wie ein Sonnenstrahl der Gedanke hinernblitzen: Mcht allzuweit von hier, in Deutschland, leben Hunderttausende unserer — unserer Brüder und Schwestern. Sie sind Juden wie wir, bete:: zum Gott Wbrahams, Jsaacs und Jakobs, glauben an die nressianffchen Aufgaben des Judentums, wissen von Vorvätern, die einst Ähnliches wie wir erduldet, stetzben selbst mit dem gleichen Sch'ma Jisroel aus den Lippen, das 'wir eben wieder aus dem Munde so vieler Märtyrer vernommen haben, und sind obendrein unseres Stammes. Auch sie sind zwar im Unglück, denn ihr Vaterland ist ans Glanz und Reichtum zu Ohnmacht und Armut h-inabgesunken, aber sie haben ein schützendes Dach über dem Haupte und leben in einem freien und geordneten Staate. Sie werden uns helfen mit dem Aufgebot ihrer ganzen Liebeskvast und werden die Welt zur Zeu'genschast und zum Schutze ausrufen, damit so Gräßliches sich nimmer wiederhole. Ueber die Grenze hinüber aber tont es aus Dr. Naumanns Munde zur tröstlichen Antwort: „Dem nationaldeutschen Juden ist der Ostjude ein Frenider, und nichts Äs ein Fremder, er ist ihm gosühlsfremd, geiftesfrentd, körperlich fremd. . . ." Freilich, «auch dieses dem Schöpfer anscheinend etwas kühl 'geratene jüdische Herz schlägt in Milerd für die Opfer „eines beklagenswerten Fanatismus", aber Gott behüte nicht etwa, weil sie Juden, sondern weil sie eben Menschen sind. Und dann auch, weil die Ukraine und Polen leider so unangenehm nahe liegen, sozusagen in der Nachbarschaft, wo einen doch 'alles etwas stärker nntnimmt. Denn an sich ist Dr. Naumanns Empfinden für diese „Mitleids- Werten Geschöpfe" nicht ein Atom stärker als für die Opfer von Negerlynchmorden in Amerika. Ostjndenmetzeleien und Negerlynchmorde — da haben wir ja wieder einmal eine Nebeneinanderstellung von Juden und Farbigen. Wo hörten wir doch jüngst ganz Aehnliches? Ach richtig, in der Resolution der deutschen Burschenschaft! Und in dem erhebenden Gckanken an jenen Gruß echter Brüderlichkeit, den uns ein großer und wichtiger Teil der deutschen Studentenschaft gesandt, schlucken wir dann noch , rasch den letzten Satz von Dr. Naumann herunter, lassen uns von ihm versichern, wenn er höre, daß Deutsche in afrikanischen Gefangenenlagern und selbst bei den Franzosen Leiden und «Schläge erdulden müssen, dann nröchte er aufschreien vor fast körperlichem Schmerz, dann brenne es ihm aus der eigenen Haut. N u r d a n n, n n r d a n n! Wer als Jude solches liest, möchte aufschreien vor fast körperlichem Schmerz. Wenn jene Zeilen aber einem echten, aufrechten, deutschen Christen vor Augen kommen, wird er «wcchrschoinlich nur geringschätzig mit den Achseln zucken. Damit ist eigentlich alles Weserttliche über die Broschüre uni) die Bestrebungen des Herrn Dr. Naumann gesagt. Glaubt er wirklich, fiir solche Gedanken einen wesentlichen Teil der deutschen Judenheit - oder gar der indischen Jugend gewinnen zu können? Meint er, daß diese sich die echt nationalistische Klassifizierung in „Zwischenschicht" und „nationaldeutsche Juden" gefallen lassen oder gar zu eigen machen «wird? Glaubt er. daß sie sich in so wenig würdiger Weise denen anbiedern wird, Die ihnen täglich Hunderte von Malen ihre Mißachtung geradeheraus ins Gesicht sagen und die sich mit einem Höllengelächter dafür blanken werden, daß man ihre Firma „deutschnattonÄ" durch eine kleine Umdrehung in „nationaldeutsch" verwandelt und sich in dieser geänderten Form selbst zu eigen macht? Wenn ich denken müßte, daß auch nur ein beträchtlicher Bruchteil der jüdischen Jugend zu derartigem fähig wäre, ich verzweifelte an ihr und ihrer Zukunft. Min, die jüdische Jugend geht andere Wege. Sie liebt ihr deutsches Land und Volk mit einer stillen, garnicht bekenntnissüchtigen, aber um so tieferen und reineren Liebe. Wenn ihr jemand aus dom deutschen oder jüdischen Lager ihr Deutschtum stvettig machen will, dann begehrt sie aus und fordert fiir sich das heilige Recht, dieser heute gleichfalls nrißachteten und 'gequälten Gemeinschaft ebenso zngerechnet zu werden, wie der Judenheit, die solches schon gewöhnt ist. Aber zugleich hungert diese Jugend nach lebendigen: Judentum und geht überall mit wachsendem Eifer den warmen Quellen nach, aus denen es ihr zufließt. Denn sie weiß: Wahrlich nicht deshalb ist die Fremdheit zwischen uns und unseren Mitbürgern anderen Stanrmes heute so groß, weil «wir unsere Zugehörigkeit zu ihnen zu «wenig, die zum Jrtdentum zu stark bekennen und betonen. Ich bin im Gegenteil der Ansicht: Wir wollten, zumal in den letzten 50 Jahren, allzu rasch vorwärts. Wir stürzten uns mit unserem ganzen Sein und Wesen in das «deutsche Kulturleben hinein und vergaßen darüber unsere jüdischen Uebevliesernngen, vergaßen jüdische Religion und Geschichte und alles andere heilige Bäteverbgut. Der schwerblütige, «bedächtige Deutsche aber liebt Menschen, die etwas aus ihre Art halten. Er mag diese traditionslosen Geschöpfe nicht, diese Leute, die aus Mangel an überkommenem Lebensstil jeder Mode von übermorgen nachkaufen, jeder neuen Bewegung sich mit Hast anschließen, bis ihr rasch entflammter Uebereffer ebenso schnell verpufft, diese «blasierten Jünglinge, die in der Welt nichts Festes mehr kennen, als ihren Stammplatz im Cafe Größenwahn — ach, und all die anderen üblen Typen, die das Bild der Judenheit in den Augen der anderen so schlimm verzerrt haben. Diese Wurzellosigkeit zu bekämpfen, das ist für unsere Jugend das Gebot und die Aufgabe der kommenden Jahve und Jahrzehnte. 'Sie muß jüdischer «werden, dann wird sie in einer ruhigen und stetigen Entwickelung auch zugleich -mit der deutschen Heimat und dem übrigen deutschen Volke fester, organischer zufammenwachsen. Noch gärt und brodelt es gewaltig in dieser Jagerrd, und es scheint manchnal, als wollte ein großer Äil von ihr vom deutschen Volke in bewußtem Trotze innerlich sich älüvenden. Ich 'aber glaube nicht mehr daran. Auch drüben bei den Zionisten reift allmählich eine bessere Erkenntnis und Einschätzung gegebener historischer Tatsachen und künftiger Möglichkeiten und Notwendigkeiten heran. Sie werden uns in deutschen, Wir werden ihnen in Palästinensischen Fragen entgegenkommen, und wir werden uns auf dem «Boden gemeinsamer jüdischer Arbeit treffen und finden. Und wenn es etwas geben kann, was uns zusammenführt. uns alle, die wir positiv jüdffch gerichtet sirrd, uns, denen das Jnderrtum nicht Schicksal und Schuld, nicht Schmuck noch Schande ist, sondern ein Wille uNd ein Weg, so ist es die Karikatur eines Ju«den, wie sie uns aus Naunmnns Schilderung seines „nationaldeutscheu Juden" ein bißchen lächerlich und ein bißchen drohend entlsegenblictt. * UNd so könnte denn Herr Dr. Naumann vielleicht doch etwas Gutes gewirkt haben. Wenn 'auch nicht ganz das, was er sich vorgestellt hat. Zeöakah. Von Rabbiner Dr. L. Baeck, Berlin. Das Judentum hat den Begriff des Mitlmnschen entdeckt. Ich und der andere sind hier eine sittliche Ein jeit. Es gibt im Gründe keinen anderen; wer immer als ein anderer besteht, wie fern und fremd er mir sei, er gehört zu mir. Gott, der uns alle geschaffen, hat ihn mit mir verbünde::. Der Bund Gottes mit mir ist zugleich der Bund, der den anderen mit mir zusammenführt. Jeder Mensch fft der Mensch neben mir, mein Bruder, mein Nächster. Gott hat ihn dazu gemacht. Mcht erst mein Wohlwollen, mein Mitleid, meine Zuneigung schenkt es ihn:, nicht erst eine gesellschaftliche Einrichtung oder eine staatliche Anordnung weist es ihm zu, bald mehrend, bald mindernd. Er ist es durch Gott und ist es darum unbedingt. Der Arme fft „mein Armer", der Bedürftige ist „mein Bedürftiger", der Fremdling, der neben mir weilt, „mein Fremdling". Er fft es von Gottes Gnaden, es hängt von keiner Voraussetzung ab. Gott hat ihn dazu gemacht, und in der Religion wird alles Gegebene zur Aufgabe, alles, was da ist, zur Pflicht. So wird es zr:m obersten Gebote: wir sollen Mtnrenschen sein. Es ist Eine Pflicht, den Menschen neben mir, den Gott Äs meinen Mittnenschen geschaffen, auch selbst zu meinen Mtmenschen zu machen. Meine Tat soll ihn dazu werden lassen. Ich soll ihm alles das zugestehen und gewähren, ihm alles das erhalten und bringen, wodurch er der Mensch neben mir, mein Mitmensch wird. Ich soll ihm helfen und beistehen, alles für 'ihn leisten, damit er lebe, neben mir lebe; ich soll ihn durch meine Gesinnung und mein Handeln Äs den erkennen u:ch anerkennen, den Gott neben mich gestellt hat. Das ist die jiidffche Gerechtigkeit, die Zedakah. Gerechtigkeit besteht so hier nicht bloß darin, daß jeder Eingriff in das Recht des anderen vermieden oder verhindert wird. Sie ist hier mehr, ste fft hier ein unbedingt positives, ein soziales Gebot, sie ist die aufrichtige, tätige Anerkennung des anderen, die Verwirklichung seiner Gleichheit, des Menschenrechts, das Gott ihm verliehen hat. Menschenrecht ist hier nicht bloßes Eigenrecht, sondern das Recht des anderen, des Mitmenschen, das Recht, welches er auf uns hat. Was w«ir dem anderen gewähre::, ist unsere Schuldigkeit, fft sein Recht. Er hat den Anspruch auf uns. Er ist, wie ein alter Spruch es sagt, „der Eigentümer der Wohltat", die wir ihm erweisen sollen, und wir „enthalten sie ihm vor", wenn wir sie ihm nicht gewähren. Oder wie ein anderer Satz, der ein Bibelwort erklären will, meint: wir „berauben den Armen", wenn wir nicht an ihm tun, was 4vir tun können; wir nehmen ihm das, was sein Besitztum voll Gott ist, das Recht, ale unser Mitmensch dazusichen. Damit ist der ideale Begriff der Gesellschaft geschaffen. Sie ist die sittliche, soziale Gemeinschaft. Die Menschen gehören sittlich, zusammen; nicht Interessen und Bestrebungen verbinden sie dauernd, sondern menschliche Aufgaben und Pflichten. Diese erst schaffen die wirkliche Gemeinschaft. Jeder, der im Lande lebt, soll mit den anderen leben dürfen: mit dem Anspruch auf ihre Hand, die ihm gibt, und aus ihr Verständnis, das „ferne Seele kennt" — in einer Gemeinschaft von Menschen. Der wahre Staat ist ein Staat der Zedakah, sie erst gibt ihm sein sittliches Dasein :md damit sein Daseinsrecht vor Gott. Las Glück. Eine Alltagsgeschichte von Vidsche Hohnsalz-Zehlendors. Ein harter und starrer Mann war der alte Elias Lewin; seit früher Jugend betrieb er mit ungeheurem Fleiß von früh bis spät seinen Handel; der Inhalt seines Lebens war Arbeit, nur Arbeit, und das Ziel, der Zweck seines Daseins bloß die Vermehrung seines Vermögens. Allen weicheren Regungen war er abhold. Für ihn war die Welt nicht bunt, denn er sah sie nur durch die Brille des Geldverdieners — aber zuguterletzt machte das Schicksal, dem di« Wünsche dev Menschen immer höchst gleichgültig zu sein pflegen, e neu dicken Strich durch seine Rechnung: er verlor durch widrige Umstände fast sein ganzes, schwererworbenes Vermögen. — Merkwürdig, daß der düstere, kräftige Mann jemanden gebeiratet .hatte, der so ganz und garnicht zu ihm paßte, — das Leben macht oft zu bösartige Scherze! —, nämlich die kränkliche, zierliche, versonnene Esther, die Tochter des Kantors der kleinen Gemeinde. Ach! die arme Frau hatte sich, an der Seite ihres Gatten sehr unglücklich gefühlt, und es war eigentlich nichts Trauriges für sie, als der Tod sie schon früh von ihrem trüben Sein erlöste. Bevor sie jedoch enttäuscht und verbittert starb, hatte ste noch ein Kind zur Welt gebracht, ein zartes, nervöses, wenig widerstandsfähiges Geschöpf... Alle unbefriedigt« Sehnsucht, die wie eine schwelende Flamme in ihr brannte, hatte sie ihrem Kinde vererbt, aber leider auch ihre Lebensunfähigkeit und seelische Schwäche: viott der kräftigen, zielbewußten Art des Vaters hatte der Knabe nichts mit au? seinen Lebensweg bekommen! Das kleine Jaköble war immer ein Dow im Auge seines Erzeugers gewesen; er war so ganz, ganz anders, als sein Vater geartet. Auf «der Schule kam er schlecht vorwärts, denn er träumte vor sich hin, war sehr langsam, konnte zwar viel Gedicht« auswendig, und ersann Märchen, die er in seine Schulhefte schrieb, aber zöche, ununterbrochene Arbeit war nicht seine Sache! Bald wurde er allgemein der „Schlemthl" genannt, und diesen Blrinamen wurde «r sein Leben lang nicht mehr los. — Als der Knabe 14 Jahre alt war, nahm ihn der Vater vor, bedeutete ihm, daß er nun einen Ben:s ergreifen und Geld verdienen müsse und fragte ihn beinahe drohend, ob er etwa etwas anderes als Kaufmann werden wolle. Drüben am Markt war die Tuchniederlage des Textilwarensabrikanten Abraham Lachmann, und Jakob hatte den Herrn Kommerzienrat oft erst am späten Vormittag in der Equipage an seinem Büro Vorfahren gesehen. „Ich möchte auch Textilwarenfabrikant werden", hatte der Junge geseufzt, und der alte Elias gab seinen Sohn als Lehrling zu Lachmanns. — O Weh, dort mußte er von früh bis spät ununterbrochen Rechnungen ausschreiben, kopieren, registrieren und abends nach 8 Uhr twch die Post fertig machen! So hatte sich Jakob das Leben nicht gedacht! Schon nach einigen Wochen kam er weinend zu seinem Vater und schluchze bitterlich: „Er wolle so einer werden, wie Der alte Herr Abraham Lachmann. . ., aber nicht solch trübes und gedrücktes Dasein führen wie letzt!" — Der Vater verwies ihn barsch und verbal sich ein für allemal derartige Klagen. Und dev kleine, schwache Jakob blieb im Geschäft, wrrrde dott Schreiber und — kam nie vorwärts. — Die Jahre vergingen.. . In seinem Herzen brannte die Sehnsucht nach allem Schönen und Großen, die Nächte verbrachte er über Dichtungen aller Art, aber den ganzen Tag über mußt« er Eintragungen in die Geschäftsbücher machen und Adressen schreiben. . . Es war ein kleiner, blasser Mensch mit überwachten, von nächtlichem Lesen entzündeten Augen aus ihm geworden. — — Heute hatte man ihm im Büro einen eiligen Brief übergeben, der noch zum Frühzuge gebracht werden sollte. Und nun hatte er das tun müssen, was er schon seit Monaien unterlassen hatte: er war spazieren gegangen, bolle Dreiviettelstmtden, den weiten Weg vom Kontor durch den Park und die Stadt zum Bahnhof, itt dem trüben, nebligen, naßkalten Novembermorgen. Die hastenden Menschen aus der Straße, die bunten Reklamebilder und die glänzend ausgeputzten Schaufenster, die eilig vvrüberjagenden Fuhrwerke, alles war heute in seinem verwirrten Kopfe haften geblieben und hatte ihn ermüdet. Das Pflaster war mit einem klebrigen Schmutz bedeckt, der es schlüpftig machte und das Wetterkommen beträchtlich erschwerte. Aber er war sehr geeilt und noch zur rechten Zeit gekommen. — Als er in die Bahnhofshalle trat, stand der Schnellzug zur Abfahrt bereit da, an seiner Seite ein« Schar von Menschen, die wie Ameisen geschäftig unr ihn hemmwogten. In 10 Minuten mutzte er absayren. Ein dämmriges Halbdunkel herrschte in der Halle. Trübe saihen die Gaslaternen mit ihrem gelblichen Licyte aus die Wagenreihen herab. Die große Lokomotive schnaubte und zischte in regelmäßigen Zwischenräumen. Ein unbestimmter, klirrender Lärm und ein dumpfes Gerassel erfüllte die Lust. Die Leute liefen durcheinander, hier fuhr ein Gepäckträger einen ganzen Wagen mit Paketen beladen durch das Menschengewimmel. Dieustmänner brachten den Reisenden ihre Koffer an die Wagen, ein Bahnhofsbuchhändler bot laut rufend seine Bücher und Zeitschriften an, dott nahmen Leute gerührt voneinander Abschied. — Rur mit Mühe bahnte sich dev Schreiber, den Brief in der Harro, einen Weg durch die Menge, um zu dem unweit der Lokomotive befindlichen Postwagen zu gelangen. Dieser stand schon draußen im Freien, und er mußte den ganzen Bahnsteig entlanggchen. Er hatte ihn beinahe erreicht. Er war schon an einem der letzten Wagen; das Tageslicht flutete dort unbehindett in die Halle, und die Menschen stanven hier spärlicher. — Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und starrte auf das Fenster eines Wagenabteils erster Klasse. Ein wunderschönes Mädchengesicht war an ihm zu sehen, eigentlich war es noch ein Kindergestcht, rührend in seiner verträumten Unschuld. Schlicht war das reiche, braune Haar aus dev hohen, reinen Stirn gestrichen und durch einen einfachen Knoten am Hinterkops emporgehalten. Der schlanke Hals war leicht zurückgebogen, in einer Ha:;d — einer schmalen, feinen Hand — stützte das junge Wesen das ovale Gcsichtchen; sie achtete nicht auf die draußen hastenden Menschen, sondem sah sinnend und unbeweglich in den grauen, dunsttgen Novemberhimmel. Um die ichma«cn, seltsam leuchtend roten Lippen lag ein Zug tiefen Kummers. Das Antlitz trug die Spuren schweren seelischen Leidens, aber der Schmerz verlieh ihm einen Adel und eine Weihe, die es fast überirdisch schön machten. Wie gebannt stand Jakob draußen an einen Pfeiler gelehnt und starrte regungslos auf die wunderliebliche Mädchenerscheimutg. Und plötzlich fühlte er ein seltsames Weh im Herzen, krampfhaft griff er mit der Hand an die Brust. Roch nie hatte ein weibliches Geschöpf irgendwelchen Eindruck auf ihn gemacht, stumpf und dumpf war sein bisheriges Leben dahingegangen, freudlos und öde lag es vor und hinter ihm, nm von der Sorge um das tägliche Brot erfüllt. — Träumettsch und energielos wie er war. hatte er sich, als cs noch Zeit war, nicht von der verhaßten Beschäftigung