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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-03-04 · 14 (4.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
14 (4.3.1921)
Date
1921-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdisch liverale Zeitung Die „Äübisch-iiberale Zeitung" erscheint jeden Annadmeschlu» für Berichte: Montag mittag Freitag und »ostet durch die Post oder durch die fl Verantwortlicher ©cDrlfttelter: fl Sprechstunden der GchrifUeiwng: Geschäftsstelle bezogen, vierteijSbriich M». 4 — fl Zuiius Loeb, Breslau 13, Dittoriastrave I04d fl Montag bis srettao 11-12 vorm, ln der Geschäftsstelle. Ginzeinummer 40 Vs. fl m m numnm*xttm mußten fl Annavmeschlust für Anzeigen: Dienstag früh Lavlungen auf VostfcheSkonto Breslau 4S3S7.2üdlfch g cheschilstsstelle: Breslau 3, Neue Graupenstr. 5 fl Die 3v« cm vrettrMtlltmeterzeNe kostet 60 Df., SamtUen- UveralrLeitung,Kassenverwaltung,S. Bayer,Breslau 1 1111 mnumniixixirinnn 1 nxixii»rii anzeigen40Df. BeiMeberholungErmütztgungn.Larif Rr. 14 Breslau, den 4. März 1921 wsBBmmmmmmmam 1. Jahrgang Vom nationaldeutschen Auden. Bon RcchtAamrM Erich Spitz -Bresliau. Es ist in. diesen schreckellsvollen letzten 6^2 Jahren j öüitn die Erfahrungen der Jahrhunderte, in denen uns der Nationalismus immer wieder mit Schwert oder Peitsche den Weg zu einem geruhigen und menschenwürdigen Dasein versperrte. Nein, wir mögen ihn nicht und er ulls nicht. Will dies aber sagen, der Jude habe kein deutsches Nattonalgefühl? Das kann nur behaupten, wer diationalismus und Iiationcllgefühl durcheinander wirft. 'Eben dies aber hat man im Deutschen Reiche in den letzten 50 Jahren nur zu gern und nur zu oft getan, und man fängt schon wieder' an, sich auf das alte, ausgefahrene Meis zu begeben, obwohl wir auf ihm in den Blutsunrpf hineingevaten sirw. Me war es doch in dem Menschenalter vor dem Kriege? Wer da meinte, daß uns statt fünf neuer Kavallerieregimenter nur drei nötig seien, war „nicht national". Wer der Ansicht war. daß ein Schutzzoll von 3,50 Mark und nicht ein solcher von 6 Mark je Zentner angemessen sei, war „nicht national". Wem eine Barttracht oder eine Rode oder sonst etwas, was von sehr höher Stelle ausging, nicht als der Gipfel der Vollendung erschien, (d. h. wer dieser Meinung offen Ausdruck gab, denn glauben taten gewöhnlich sehr viele das gleicl-e), der war „nicht national". Wer sich als Dissident oder Atheist bekannte, war „nicht national". Hatten wir doch sogar im Deutschen Reichstag 'besondere Parteien, die sich selbst als „national" im Sinne der Ausschließlichkeit bezeichneten und zu denen nicht immer das Zentrum, nur in den letzten Jahren und nur zögernd die freisinnigen Parteieil, niemals aber die Sozialdemokraten gezählt wurden. Und selbstverständlich — selbstverständlich waren die unendlich oft ausgesprochen worden und hat doch durch die häusige Wiederholung nichts an herbem Wahrheitswert verloren: die ganze „zivilisierte" Menschheit ist krank. Wilde Fieberschauer und Krisen, die nicht einmal Linderung bringen, lösen einander ab. Krieg, Revolution, Pogrome, Bolschewismus, Streikwut, Hungersnot, Vergnügungstaumel — so reiht sich Symptom an Symptom zu jenem furchtbaren Krankheilsbilde, das uns immer drohender anblickt, je länger die Heilung ausbleibt. Vielgestaltig wie das Leben selbst sind die Gründe dieses grauenvollen Nienschheitsunglücks. Aber vielleicht deutlicher noch als der Krieg hat der „Frieden" von Versailles aller Welt gezeigt, daß zu den stärksten Ursachen dieser schrecklichen Verstrickung die Ueberspannnng des Nationalismus zählt. Nichts ist berechtigter im Bölkcrleben als das N a - t i 0 n a l g e f ü h l. Die Liebe zur eigenen Art, der Wunsch, sie auszübilden und zu vervollkommnen, die Sehnsucht, mit den anderen Nationen inr freien Wettbewerb die Kräfte zu messen, das Verlangen, dabei in Ehren zu bestehen, und dadurch zugleich dem Menschheitsganzen zu dienen und zu niitzen, das sind die Elemente jenes Gefühls, das die Völker zu so gewaltigen Leistungen angespornt, zu so hohem Fluge beschwingt hat. Das Zerrbild des NationalgesühlS ist der ^Nationalismus. Er ist herrschsiichtig und ländergierig, eitel bis zur Selbstvergötterung, brutal bis zur Bernicytungswut; feine hervorstechendste Eigenschaft aber ist die Unduldsamkeit gegenüber jeder anderen Art und Meinung. Die Welt ist krank geworden durch die Ausartungen des Nationalismus. Und wenn sie überhaupt noch gesunden kann, dann sind es vor allem zwei Heilsaktoren, die ihr dazu verhelfe,: mögen: die Erstarkung des Nationalgesühls im inneren Volksleben und das Aufteimen eines gesunden internationalen Gemeinschastsempfindens im. Verkehr der Völker untereinander. Das Nationalgesühl, die Liebe zum Volksganzen, soll die zerrissenen Fäden zwischen den durch politische und soziale Kämpfe heillos gespaltenen und durcheinandergeworsenen Volksgenossen wieder knüpfen. Das internationale Gemeinschastsenrpflnden, als dessen lebendiger Ausdruck einst ein wahrer Völkerbund erstehen mag, soll die Nationen zu gemeinisanrent Liebeswerke, zu gemeinschaftlicher Aufbauavbeit vereinigen. Aber schon ist wieder der Nationalismus am Werke, um dieses zarte Keimen und Werden zu stören. In seiner ganzen Widerwärtigkeit zeigt er sich lheut freilich vor allem bei den Westvölkern, deren Siegestrunkenheit, Hochmut und Selbstgerechtigkeit keine Grenzen kennt. Aber auch in unserem zerschlagenen und gepeinigten Deutschland schleicht er wieder unrher, macht sich an alle die heran, denen die Schande des Vaterlandes und eigene Not im Herzen brennt und bläst den nur zu bereitwillig Lauschenden ins Ohr, nicht eigenes Mitvevschulden, sondern nur die Schlechtigkeit der anderen habe dieses Unglück herausbeschworen. Das A und O seiner Haß und Hetze sprühenden Reden aber ist der Spruch: „Nieder mit den Juden!" Wortsichrerin und Verkörperung dieses unheilvollen Geistes ist die „Deutschnationale Bolkspartei", welckc damit die „vornehmen" Traditionen ihrer Rechtsvorgängevinnen, der konservativen Parteien und «des Gewimmels der antisemitischen Parteichen in noch gehässigerer Weise fortsetzt. Man hat oft behauptet, wir Juden seien unserem innersten Wesen nach so konservativ, daß wir uns in Massen der äußersten Rechten anschließen würden, wenn diese nicht so ausgesprochen antisemitisch wäre. Ich glaube, das heißt die Dinge nur obenhin betrachten. Gewiß, der Jude, der im Grunde ein lebendiges Gefühl für das Beharren beim guten Alten, für die Ächtung vor dem Gesetze und die Unverletzlichkeit des Eigentums und anderer wohlerworbener Rechte hat, hegt von Hause aus sicherlich eine Menge konservativer Tendenzen. Aber mag dies in ihm noch so ausgeprägt sein, eines ist er nicht: nämlich nationalistisch. Der Nationalismus liegt uns Juden nicht. Das mag teils in unserer Stammeseigenart, teils in unserer Leidensgeschichte begründet sein. Wir haben einer, tüchtigen Schuß gesunder Skepsis im Blute, der uns davor bewahrt, der eigenen Art gegenüber so blind zu sein, wie es die rechten Nationalisten sein müssen. „Eitelkeit der 'Eitelkeiten — alles ist eitel", hat uns unser Weiser Koheleth nicht umsonst warnend zugerufen. Dazu kommen Juden samt und sonders nicht national. So stieß man das Nationalgefühl von -den, erhabenen Throne, den es im Bewußtsein der Volksgenossen hätte emnehmen sollen, und setzte darauf einen breitgrinsenden Popanz: den Nationalismus. Soll sich dieser schlimme Unfug, der weit mehr als ein Spiel mit 'Worten ist, und der den deutschen Namen allenthalben in der Welt dem Haß und Gespött ausgeliefert hat, auch im neuen Deutschland wieder breit machen? Wir fürchten es! Und unsere Sorge gründet sich nicht allein auf das Treiben der Antisemiten, sondern auch auf eine Bewegung (oder wassich so nennt), die eben jetzt aus unseren Reihen hevvorgcht. Ist da in Berlin gegen Ende des vorigen Jahves eine kleine Schrift „Bom nationaldeutschen Juden" erschierren, die den dortigen Rechtsanwalt Dr. Max Naumann zum Verfasser hat Das Buch an sich würde uns einer besonders ausgiebigen Besprechung nicht ^bedürftig und kaum wert erscheinen, wenn es nicht selbst als seinen Zweck bezeichnete, eine Sammlung derjenigen Elemente Vorzubereilen. die es als „nationaldeutsche Jrrden" «bezeichnet, und wenn nicht schon ein vorbereitender Ausschuß am Werke wäre, einen solchen neuen Bund zu begründen. Hier droht eine Gefahr, gegen die rnan sich nicht rasch und nicht scharf genug wenden kann. Dr. Naumann geht offenbar von der Auffassung aus, daß es in der Welt noch nicht genug Trennendes, nicht genug zerschnittene Tischtiicher gebe. So geht er entschlossen daran, ein oder richtiger zwei weitere mitten durchzusäbeln. Er scheidet nämlich das Judentunr fein säuberlich in drei Gruppen: erstens die Zionisten, zweitens die „Zwischenschicht", drittens die nationaldeutschen Juden. Die Zionisten kriegen, als entschlossene Männer, manches gute Wort mit auf den Weg nach Palästina, den der Verfasser sie in aller Freundschaft lieber heute als morgen ziehen lassen nröchte. Um so schlechter kommt die „Zwischenschicht" tveg. Deren Bereich ist ein arges Fegefeuer (beinahe «eine Hölle) zwischen dem zionistischen und Misch-liberaler Iugenöverein Montag, den 7. März 1921, abends 8 Ahr, im Saale der „Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Bortrag des Herrn Erich Bayer über: «Besteht eine Krise im liberalen Judentum?" Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. Freitag, den 11. März, 8 Ahr, in der Spinoza-Loge: Gesellige Zreitagaben-zusammenkunst. Zutritt nur für Mitglieder und deren Angehörige. dem nationaldeutschjüdffchen Himmel. Der „Zwischen« schichtler" ist innerlich unfrei, aufdringlich, taktlos, ehrfurchtlos, dreist, er hat die (dem nationaldeutschen Juden und Ehristen natürlich völlig fremde) „Steigung, sich ,/hintenherum". durch Verschlagenheit Vorteile zu verschaffen, die auf geradem «Wege nicht erreichbar sind", er ist ein nur äußerlich, noch nicht innerlich befreiter Knecht, im «ganzen also, nchmt «alles nur in allem, ein Schweinhund in Folio. Was nach Nietzsche der Mensch für den Uobevmenfchen ist: „ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham", das ist der Zwifchenschichtler für den Ueberjuden, den „nationaldeutschen Juden". Was ist nun das Wesensmerkmail des nationaldeutschen Juden? Naumann findet es in der Kraft zur Bejahung. Was bejaht er? Zunächst das Judentum. Und wie macht er das? „Bor allem, er bekennt sich zu feiner Abstammung und schämt sich ihrer nicht." Nian liest's in freudiger Erregung und fühlt sich versucht, namens der NLanen von Mose, Jesajas, Spinoza und einigen anderen für so viel Edelsinn zu danken. Um nun ganz augenfällig zu zeigen, wie man sich diesies „Bekennen" vorzustellen hat, weiß Dr. Nauman«n gleich ein treffliches Beispiel, nämlich die heutigen Ilachkommen der französischen LNesugies — die sich ibekcmntlich durch die Reihe der Jahrhunderte unzählige Dlale mit reindeutschen Familien versippt haben, von denen manch einer als Heerführer gegen Frankreich im Felde gestanden hat, und denen ihr Welschtum wahrlich nichts anderes mchr ist, als eine „verstaubte Erinnerung" — etwa das, was, bei Lichte besehen, Herrn Dr. Naumann sein Judentum bedeutet. „Wie diese Deutschen französischer Abstammung zu dem ihren, steht der nationaldeutsche Jude zu seinem Stamme." „Spottet seiner selbst und weiß nicht wie" — sagt Dr. Naumann einmal von anderen. Dann gibt es da noch eine jüdische Religion. Oder nein: die gibt es wohl nicht. Denn die Auffassung, daß die Religion das Bindemittel zwischen uns Juden fei, „darf heute als abgetan gelten". So ist es Seite 6 schwarz auf weiß zu lesen. Aber der nattonaldeutsche Jude ist tolerant. Bon den gesetzestreuen Juden, die „dem Äten Glauben mit Inbrunst anhängen und voll Andacht die hebräischen Gebetworte murmeln" (!) bis zu den Irreligiösen umfaßt er alle mit gleicher Liebe, denn „die Stellung des einzelnen zu den Fragen des Glaubens ist ohne Belang für sein Verhältnis zum deuffchen Vaterland". Nur eines darf der nationaldeutsche Jude nicht fern: antireligiös. So darf er auch, um das hier gleich mit zu behandeln, allen politischen Parteien angehören, sogar die Mehrheitssozialdemokratie ist (nach den Verlautbarungen des vorbereitenden Ausschusses des neuen Bundes) nicht ausgeschlossen, nur Unabhängiger oder Kommunist darf er nicht sein. Also Antireligiöse, Unabhängige und Kommunisten siud ausgeschlossen, sind sozusagen „vaterlaudslofe 'Gesellen". Wie freuen wir uns, dieser uns aus dem nationalistischen Sprachschatz früherer Zeiten so vertrauten Scheidung hier in der Schrift eines Juden zu begegnen. Dem sie närnlich etwa ebensogut zu Gesichte steht, wie die törichte Anrempelung, die er gegen das „Berliner Tageblatt" richtet. Wie „Positiv" der nationaldeutsche Jude ist, das zeigt er vor allem in seinem Verhältnis zu den Ostjuden. In einer Polemik mit dem Zentralverein hat Dr. Naumann selbst betont, daß die Stellung zur Ostjudenfrage der eigentliche Prüfstein für die innere Zugehöriokeit zum Kreise der nationaldeutschen Juden sei. Und hier will ich nun Dr. Naumann selbst das Wort lassen, denn wenn ich nur den Inhalt seiner Ausführungen zu dieser Frage wiedergeben würde, dächte man bestimmt, ich böte nur ein Zerrbild dessen, was er sagt und meint. Wenn ferne eigenen Worte als ein solches wirken sollten, dann — bin ich nicht schuld daran. Er schreibt: Dem nattonaldemschen Juden ist der Ostjude ein Fremder, und nichts als ein Fremder, er ist chm gesichlsfremd geistessremd, körperlich fremd. Wenn wir hören, daß im europäischen Osten gegen diese Mitleids-? c rt er!L. ® c f ® P f« Greuel verübt wer. d en, schlagt das Herz des nationaldeutschen Juden in menschlichem Mitgefühl wie das Mes menschlich empfindenden Deutschen anderen Stammes auch. ES ist dasselbe Mitleid, das wir auch fühlen, wenn von Armenier- Metzeleien dev Türken oder Negerlynch» morden in Amerika d' e Rede ist.*) Dev Gradunterschied in der gefühlsmäßigen Reaktion beruht um» davauf, daß di« europäischen Pogrombezirke uns rämttlich näher liegen, und daß man von den Dingen, die fich dort *) Bon uns in SpendmS gesetzt. Die Red.

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