Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 14 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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•) Und es evweiterl sich zu dem Begriff der menschlichen ^Gesellschaft, der großen Gemeinschaft, die alles auf Erden umschließt und Zusammenhalt. In ihr gibt es nichts, was dem Einzelnen nur anginge, kein Unrecht, das nur gegen ihn verübt würde, keine Bürde, die ihm bloß aufgelegt iväre, keine Not, die er allein zu tragen hätte. Jedes Verlangen des Einzelnen, all sein Bedürfen und all sein Leid ist eine Mahnung, eine Forderung, die an alle ergeht. Jeder, der Menschenantlitz trägt, wo immer er lebt, ist unser Mitmensch. Die wahre menschliche Gesellschaft ist die Gemeinschaft der Zedakah. („Zedakah".) ftus dem Reich. Berlin. Im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde in Berlin führte Rabbiner Dr. Baeck in einem sehr lboisällig aufgenommenen Vorträge aus, daß das gesamte Judentum an der Errichtung des neuen Palästina mit arbeiten müsse. Das jüdische Palästina sei eine Tatsache, auch wenn alle deutschen Juden ihre Mitarbeit versagten. Die 600 000 Juden Deutschlands könnten sich nicht unter den 10 Millionen Juden der Welt ausschließen. Rabbiner Dr. Baeck erwartet von der Erneuerung des Judentums in Palästina eine fruchtbare Bereicherung des religiös-liberalen jüdischen Gsdankens. Mit größerer Berechtigung und Autorität würden von Palästina aus jüdische Gsdanken der Welt verkündet werden können. München. Der Wahlausschuß der liberalen Juden Bayerns, Ortsgruppe München, erklärt: Die neu geschaffene jüdische Volkspartei ist ein aus taktischen Gründen erfolgter Zusammenschluß von Zionisten und Orthodoxen für dir bevorstehenden Wahlen znm Landesverbände der bayerischen israelitischen Gemeirwen und zu den Gemeindevertretungen. Bei diesen Wahlen handät es sich ausschließlich um innere jüdische Angelegenheiten. Die überwiegende Anzahl der Juden in Bayern hat mit der jüdischen Volskpartei nicht das mindeste zu tun, sondern steht in jüdischen Fragen auf einem fortschrittlichen liberalen Standpunkt. Demzufolge erklärt der Wahlausschuß der liberalen Juden Bayerns, Ortsgruppe München, folgendes: Die von der Wischen Volkspartei veröffentlichte Notiz, daß sie alle vom jüdischen Bewußtsein durchdrungenen, also Orthodoxe, Zionisten und Liberale, Ostjuden wie Westjuden umfassen will, ist irreführend. Die Liberalen lehnen vielmehr die Bestrebungen dieser nur aus Jüdisch-Konservativen und Zionisten bestehenden sogenannten Volkspariei ab und bekämpfen die Grundsätze der jüdischen Volkspartei auf das Entschiedenste. Braunschweig. Bon einem geradezu widerwärtigen Fall antisemitischer Grabschändung berichtete kürzlich der „Braunschweiger Volksfreund": Auf dem jüdischen Friedhof in Seesen liegt das Grab eines Veteranen der Freiheitskriege, Hamm. Die antisemitischen Verfechter einer bekanntlich höheren Moral und Ethik haben nun ihren Geschmack und ihre Kulturhöhe nicht besser zu beweisen gewußt, «als sie den sonst selbst von gänzlich unkultivierten Wilden respektierten Ort des Friedens schamlos entweihten. Der Grabstein des Mannes, der einst für Deutschlands Freiheit mit seinen deutschen Brüdern gemeinsam ins Feld gezogen war, ist von Bubenhänden mit dem Hakenkreuz beschmiert worden, ein trauriger Beweis, wie die antisemitische Hetze verrohend und entsittlichend aus die wirkt, die ihren Truglchren ihre Ohren öffnen. Frankfurt a. M. Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit in Genf wies in einer Eingabe an den Völkerbund u. a. auch auf die dringende Notwendigkeit hin, daß er gegen die Judenverfolgungen in der Ukraine Stellung nehme. Von autoritativen jüdischen Organisationen seien die Ukrainer angeklagt worden, die entsetzlichsten Massakves >verübt zu haben, die in der Neuzeit überhaupt vorgckommen sind. Unzählige Personen wurden getötet, Frauen vergewaltigt, Pogrome auf Veranlassung und unter Protektion offizieller Personen, durch Abstimmung organisiert. Als Maßregel gegen diese Scheußlichkeiten verlangt die Internationale Frauenliga vom Völkerbund, daß er der Ukraine die von ihr nachgesuchte Ausnahme in den Bund so lange versage, bis sie eine ausreichende Bürgschaft gebe, daß sie den Minoritäten in der Bevölkerung volle Sicherheit und gleiches Recht wie der Majorität gewähre. Königshütte. Während der Mstimmungstage wird für alle in Königshütte und den zum Synagogenbezirk gehörigen Ortschaften zur Abstimmung Berechtigten Koscherverpflegung eingerichtet. Rechtzeitige Anmeldung ist zu richten an .Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt, Königshütte, Kaiserstraße 26. Ms üem Mslanö. bübischer Liberalismus Ln Posen. Einer unserer Freunde, der soeben von einer Reise nach Posen hierher zurückgekehrt ist, sendet uns das neueste Exemplar der „Posener jüdischen Zeitung", die, in zwanglosen Nummern erscheinend, vom „Verein liberaler Juden Posens" herausgegeben wird. Der Inhalt des interessanten Blattes zeigt uns, daß auch in diesen ehemals deutschen Gebieten, die der unglückliche Kriegsausgang uns leider entrissen hat, der Gedanke des jüdischen Liberalismus sich.^ weiterhin ^lebenskräftig erweist. Wien. Die österreichische Alpinistenwelt ist seit Wochen m lebhasker Aufregung. Gewisse grobe UnzmräglichleUen, von Schiebern in Alp.'nvereinshütlen verursacht, wurvcn von geschickten politischen Machern auf Das tonfessionelle Gebiet hinübergespielt und es kam zur Einbringung eines Ariervaragraphen in der Sektion Austria, einer der größten des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, nach dem in Zukunft Mr Deutsche arischer Abstammung als Mitglied ausgenommen werden sollten. Nach den Statuten war hierzu eine Dreiviertelmehrheit nötig. Die gestern abend abgehaltene Generalversammlung tvar von fast 2000 Personen besucht. 1253 stimmten für, 653 gegen den Arierparagraphen, der somit abigelehnt ist. Es ist aoer trotz dieses Abstimmungsergebnisses znm Schaden des 'Alpinismus in Oesterreich zu fürchten, daß Der zugleich neugewählte rein völkische Sektionsausschuß die Bestimmung des Arierparagmphen trotzdem handhaben wird. Lokales. Liberaler Verein der Synagogen-Gemeinde. Der schon in der vorigen Nummer unserer Zeitung angekündigte Bierabend des Liberalen Vereins der Synagogen-Gememde Breslau ftndet endgültig am Sonnabend, den 12. März er., abends 8 Uhr, in den Saalrämnen der Lessingloge, Agnesstmße, statt. Die Veranstaltung verspricht, jedem Geschmack gerecht zu werden, und es soll, wie wir hören, ein gut-bürgerliches Abendessen aus renommierter Küche mit einem vollmundigen Glase Bier gereicht werden. Ansprachen hervorragender Breslauer Persönlichkeiten, Trinksprüche, Lieder, Vorträge, eine amerikanische Auktion, eine. Verlosung u. v. a. m. werden den Abend verschönen. Wer versehentlich bei Übersendung direkter Einladung übergangen sein sollte, sich aber den genußreichen Abend nicht entgehen lassen will, teile durch Postkarte dem Oekonomen der Lessing-Loge sein Erscheinen mit. Repräsentanten- Versammlung. In der letzten Sitzung vom 23. Februar wurden, wie wrr hören, dre Herren Dr. Klein- Eyemnitz und Davids oh n- Berlm znRellgionslehrern gewählt. Seit Januar d. Js. erscheinen unter dem Namen „Z edaka y", Mitteilungen dev Zeniralwohlsahttssielle der deutschen Juden. Sie sind dazu oestimmt, sowohl ständige Nachrichten über die Tätigkeit der Zentvalwoylsahrtsstell« . uno die Arbeit der ihr an^ejchloßenen Wohlsahrtsovaanisa* . Nonen, als auch instruktive Aufsätze über wichtige jüdische oylzahrtsbeftv-oungen aus sacyoecfläuoiger Feoer zn vrmgen, um Verstand rnö für diese Fragen in die weitesten Kreise zu tragen. Der gediegene Inhalt — der von uns heute entnommene Aussatz von Rabv. Dr. Baeck ist ein Beweis dafür — empfiehlt eine Bestellung dev „Zedatah" nachdrücklich. Wegen Ausnahme in die bekannte iitfte des deutschvölkischen Schutzumb Trutzbundes haben noch folgend« firmen Einspruch erhoben: Alfred Pilz, Toiletten-Artikel, Schillerstraße l, Zahnarzt Klötzel, Schweidrutzer Stadtgraben L7, Fritz Wowevka, Waich- und Plairanstalt, Augustaflvaße 127. Bunter fibenö veranstaltet vom Verband der Ostjuden. Der oom Verband der Ostjnoen veranstaltete Bum« Abend zugunsten xüvtscyer Flüchtlinge zeitigte sowohl in finanzieller, als auch künstlerischer Hinsicht einen schönen Ersotg, der wohl in erster Reche der Umsicht des Komirees vei der Wahl der mirwirkenven Kläffte zu verdanken ist. Joseph Haipern leitete den Abend mit drei etivas melancholisch angehauchten Gedichten ein uno erfreute das allzu dankbare Publikum später noch durch seine mir dcroem Humor vorgerragenen „Gedankensplitter'. M a r g a Dannenberg bot mit einer von ihr sehr bevorzugten Arie aus „Samson uno Dalcka' und zwei Griegschen Liedern Wieoer einen Beweis it-res yoyen Kon nens, während es ihr im „Tosoa"-Dnett mcht gelang, ihre üppige Stimme der ihres Partners Adolf L ö l t g e u anzuschmiegen; ein etwas genraßigteres Forte der beiden Sänger wäre in vom intmerhin kleinen Mozartsaal angebracht gewesen. Löltgens Ueverbvettl-Lieder stnd sein und sinnreich komponiert, verlangen aber einen anderen Interpreten, als den Tondichter selbst: Löltgens .Stimme dernrag, wenn man von der Bühne, wo er heimisch ist. absieht, höchstens den Volksliederton zu treffen, wie z. B. die beiden Schumannschen Lieder, aoer der Kabarettstil ist und bleibt ihm (vielleicht zu seinem Heil) fremd. Besser traf ihn Hans F a b e r, der im Pievrotkostüm zwei Proben seiner KomödiaNtenbegabung bot. Auch Frl. K n e p e l zog es vor, einen Teil ihier Gesänge kostümiert darzNbieten. Entzückend waren die Duette aus der „Geisha" und dem „Fidelen Bauer", bei denen man einmal nach Herzenslust in alten, bewahrten Operettenmelodien schwelgen durfte. Der ungenannte Klavierbegleiter (weim ich nicht irre, svar es Helmüth Seiorlmann) entledigte sich seiner Ausgabe anfangs nicht sehr diskret, besonders im „To sc «"-Duett, ordnen sich aber später besser den Stimmen der Sänger unter. Hffi. Vereine unü Versammlungen. Jüdisch-liberaler Jugendverein. Am 7. v. Mts. berichtete Herr Emrl Wald st e i n - Breslau über die „Gesamto.cganisarivn des deutschen Judentums", wie sie aus dem Ge> meindevrmdesiage zu Berlin kürzlich zustande gekommen sei. Der Redner gab ein anschauliches Bild von dem Gang dev Verhandlungen, die trotz mancher zu überwindenden Schwierigkeit, insbesondere in der Frage oer Wahlberechtigung oer Ausländer, schließlich zu dem im ganzen hocherfreulichen Ergebnrs der Annayme des Entwurfs führten. Jetzt tomme es darauf an, durch ernste Arbeit die geschaffenen Bestimmungen mit Leben zu erfüllen und den großen Ausgaben, vie uns damit gestellt sind, gerecht zu werden. Am 14. v. Mts. sprach Gemeinderabbiner Dr. Vogelst e i n über das Thema „Gotl uno Mensch". Das Zeruvanr. des religiösen Gedankenkreises des Judentums ist die Frage, nach dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch, insbesondere der Mensch selbst, wie das bekannte Wort Hillels von oer Nächstenlieoe zeigt. Nicht also ist Ausgangspunkt dt« Lehre vom emzig einigen Gotte. Das Emia-echende im Judentum ist das Ethische, gefordert wird Gerechtigkeit, Liebe — dies beides auch die Attribute Got.es — und Gottesfurcht. Diese Begriffe umschreiben die Frömmigkeit nach jüdischer Auffassung. Zahlreiche Bibelstellen bewerfen,, daß es aber nicht die Gottesfurcht ist, sondern in erster Linie die Liebe zu Gott, auf der sich das ganze religiös« Leben aufbauen soll. Die menschliche Seele ist nach jüdischer Auffassung rein geschahen mit der Fähigkeit zum Gmen wie zum losgeliffen, zu der er sich verdammt und nicht berufen fühlte. Was hätte er auch anders werden können, da die Geldmittel vollstimdtg fehlten! Im Herzen die brennende, nie schweigende Sehnsucht nach allem Schönen, saß er meistens die Nachte hindurch bei den Büchern, bis die Augen anstngen, ihm den Dienst zu versagen. Aus diese Weis« war sein Rücken krumm, er selbst müde und alt geworoen. — Zum Unglücklichsein hatte er den Tag über kein« Zeit; aber wenn er von dem dämmernden Halbbewußtsetn seiner Maschinenarbeit zur Besinnung« kam, dann stand das leere, erbärmliche und widerliche Dasein in seiner ganzen Mtsetzlichen Inhaltslosigkeit vor ihm.. . Jahraus, jahrein im Kontor, inuner dieselbe Tätigkeit, — — — wenn auch draußen noch so hell die Frühlingssonne lachte. Unbeweglich sah er noch immer aus das schöne Mädchengesicht. Er trat einen Schritt näher, um in das Wagenabteil zu sehen, — die Dame saß allein... — Nun stand er wieder in seiner vorherigen Stellung. Ein feiner Staubivgen rieselte hernieder, und der Wind blies ihm die Tropfen ins Gesicht. Er achtete nicht daraus. — Eure wilde, jubelnde Freude hatte ihn ergriffen. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, klar konnte er in sich selbst sehen. Es war, als ob in ihm etwas gelöst wäre, was Jahre hindurch gefesselt geschlummert hatte. Die Ahnung von einem großen, wunderbaren Glück, das ihm nun begegnen müßte, erfüllte ihn. In seiner Seele ging etwas Herrliches vor. Dieses unsagbar schöne, traurige Madchenanilitz kannte er ja! Tausendmal hatte er es in seiner Phantasie gesehen. Es war das Idealbild seines ganzen Lebens, nach dem er gestrebt, das schon in seine Knabenlräume 'hineingespielt hatte. Zuerst hatte er gehofft, daß er es einstmals erreichen würde, dann aber war der Zweiser gekommen, hart, unerbittlich und wühlend! ... So war also sein Leben doch nicht umsonst gewesen! ... Er wutzte nun ganz genau, daß er sein Glück gesunden habe, daß jetzt das Ziel seiner steten Sehnsucht erreicht sei. — Er wunderte sich namenlos, daß die zauberhafte Mädchengestalt, die in seiner Phantasie schon solange lebte und webte, wirklich existiere. Ein nie gekannter, seliger Schauer durchrieselte chn. Er konnte sich nicht an ihr satt sehen. Immer wieder betrachtete er das träumerische, sanfte, ovale Kindergesicht mit den merkwürdia roten Lippen. Das Schönste in ihm waren doch die großen, schwermütigen Augen, die immer noch unbeweglich in den bleiernen Himmel starrten. Wie er ste lange Zeit anschaute, sah er mit einem Male, wie sich aus ihnen zwei schwere, leuchtende Tränen lösten, die langsam über die Wangen rollten. Da erfaßte ihn plötzlich eine heftige, krampfhafte Sympathie zu dem schönen Wesen. Wie ein Wirbel kam es mit einem Mal« über ihn. Alles um sich herum vergessend, wollte er ausspringetl und zu ihr hineinstürzen, wollte . . . doch in diesem Augenblick ließ die Lokomotive plötzlich einen schrillen, kurzen Pfiff ertönen — eine Stimme hatte laut Abfahrt gerufen! — Er erwachte aus seiner Lethargie und bemerkte zu seinem Schreck, daß er den Brief immer noch in der Hand hielt. — Di« Menschen warzn alle von dem sich langsam in Bewegung setzenden Zugezurückgetreten. Instinktiv lief er so schnell, wie er konnte, die kurze Strecke bis zum Postwagen. Es gelang ihm noch, den Brief in den an ihm befindlichen Kasten zu Wersen. Die Regentropfen schlugen ihm stecknadelscharf ins Gesicht. Er sah schattengleich das Schild am Zuge, auf dem in gespensterhaft leuchtenden Buchstaben das Wort „Heide" stand. Die Lokomotive zischte fauchend auf. Große, weiße Dampfwolken entströmten ihr und hüllten ihn sanft schmeichelnd in ihre warmen, dichten Schleier, sodaß er auf Momente nichts sehen konnte. Als sich der Dampf verzog, wollte der Zug bereits langsam zum Bahnhof hinaus. Ganz nahe neben sich sah er noch eine Sekunde ihr Gesicht. Da sttetz er einen heiseren Schrei aus, zog' blitzschnell sein Taschentuch und begann mit Aufbietung aller Kräfte zu winken. Aber zu spät, es war schon alles längst vorbei. —. Die Leute, die ihn sahen, fingen zu lachen an. — Der Zug setzte sich mit rhythmischem Zischen, das leiser und leiser wurde, in imnrer schnellere Bewegung. Verblüfft und ungläubig verfolgte ihn der Schreiber mit den Augen, er sah ihm nach, wie er sich, einer sänken Schlange vergleichbar, durch das Schienengewirr wand, um in die endlose Ebene hinauözugleiten. Ein leises .Donnern war noch vernehmbar, als er über eine eiserne Bogendrücke fuhr, dann wurde ev kleiner und kleiner und verschwand schließlich als ein Punkt am Horizont. — — — Lange noch stand der Kontorist^ ohne sich zu bewegen, auf derselben Stelle, sah zum trostlosen, grauen Himmel auf und murmelte unverständliche Worte. — Der Stationsvorsteher schreite ihn endlich aus seinem Brüten auf, als er ihn fragte, was er hier noch zu suchen habe. Nun erst sah sich Jakob um und bemerkte, daß fast alle Menschen den Bahnsteig verlaffen hatten. Jetzt g'ing auch er. Langsam, mit blassem, traurigem Gesicht schritt er wiederum durch die Stadt rmd den Park. Den Regen rann unablässig. Von allen Zweigen tropfte es, die Bäume ließen ihr« nassen, entlaubten Aeste wie klagend Mr Erde hängen. Von einer kleinen Anhöhe tonnte der Blick unbehinlert in die Evene hinausschweifen. Dort siand er still und blickte noch einmal in das endlos sich dehnende, kahle Land und in den nebelgrauen Novemberiag hinaus. Ev folgt« dem Lause des Flusses, der als ein mattglänzendes Band seine schmutzigen, trüben Fluten gemächlich mir eintönigem Rauschen durch die Niederungen zum fernen Meere walzte. — So würde auch er sein nutz- und freudloses, armseliges- Leben zum großen Meere, in das schließlich alle Flüsse und Ströme münoen, führen. Ebenso wie der schwere, düstere Spätherbsttag aus dem Lande lastete, lag aus ihm der Gedanke an seine Zukunft. Mit einem schmerzlichen Lächeln wandte er sich schließlich ab uno ging wieder gebeugt und mit eingesunkenen Knie« zurück in das Kontor, in die Tretmühle, in den aus Aäenschen bestehenden Mechanismus, an dem er nur ein winziges Rädchen war. Wie ein Träumender verbrachte er den Tag, abends aber stand er wiederum stundenlang auf der Seite des Bahnsteigs, an dem die Züge ankommen. Als er endlich, es war schon längst nach Mitternachts stierend und mißmutig in seine dürftige Behausung, ein mit Büchern überfülltes Zimmer oben im vierten Stock einer alten Mietskaserne, zurücklehrte, fühlte er sich emstlich krank und matt. In dev Nacht sing er an, heftig zu fiebern und« zu phantasieren. In seinen wilden Fieberträumen war es ihm, als müßte er dem Zuge nachlausen, um ihn etnzuholen und festzuhalten. Keuchend, mit fliegendem Atem, tat er es; allein immer wieder hüllten iim dichte, weiße Wasserdampswolken ein und raubten ihm die Besinnung, Wenn er dann erwachte, war der Zug schon rveit entfernt, und das Nachlaufen begann von neuem. Erst nach vielen Wochen wurde Jakob wieder gesmid. Einstmals erzählte er einem Kollegen das Geschehnis. Dieser aber lachte ihn versttmdnislos an und meinte, er sei verrückt. Da bereute er seine Redseltgleit, schloß sich in Zukunft noch mehr ab und erzählte niemandem mehr davon. Das Gedenken aber an das Erlebnis wollte ihn nie ganz verlaffen. — — Es stand noch Jahrzehnte hindurch tvie ein leuchtendev Traum in seiner Erinnerung. — — Ob es wirklich sein Glück gewesen war, in dessen nächster NiHe er sich an jenem Tage befunden hatte?