Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 12 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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mich schvn'wüvethott— gestMetzIrage ist. Möge er auf fruchtbaren Böden fallend EiMt Äch, soweit Ihr eS vermögt. in den Dienst der Studentenhilfe. Anjeder Breslauer Bank ist ein Konto unter der Bezeichnung „Sludenterchilfe" errichtet. Gebt und gebt schnell. Noch stehen uns Tage voller Kälte und Entbehrung bevor. Noch ist das Ende der maßlosen Teuerung nicht abzusehen. Und währenddessen hungern, frieren und erkranken tausende und abertausende junger, ehedemsolebensfroherMenschen, die das Notwendigste entbehren müssen, während andere — Juden und Nichtjuden — im Ueberslusse dahinleben. Macht aus von Hunger unb Not zermürbten jungen Menschen solche, die freudig mit gefestigtem Körper und gefestigter Seele sichder Arbeit wechen und dem Ziele zustveben und darin den Inhalt ihres Lebens finden. .Helft ihnen, richtet sie auf, damit sie in dem harten Kampfe gegen des Lebens Willigkeiten nicht unterliegen, damit sie, zu ihrem und des Vaterlarwes Heile, arbeiten ktzstnen und nicht zu verzweifeln brauchen. * * Den warmherzigen Ausführungen unseres Freundes und seiner Mahnung schließen wir uns mit Nachdruck an. Wir weisen dabei in Erweiterung eines von Herrn Hermann schon gestreiften Gedankens vor allem noch aus eines hin: Die Studierenden, denen das Liebeswerk „Stirdentennot" vor allem zugute kommen soll, stammen zumeist nicht aus den Kreisen, in denen der üble akademische Antisemitismus zu Hause ist. Es sind vielmehr die Söhne des Mittelstandes, der Beamten, Handlverker. Kleinrentner, dieser heut unter besonders argem wirtschaftlichem Druck stehenden Schicht, dieser Kreise, die kulturell so viel siir unser Vaterland geleistet haben und die nun nicht mehr in der Lage sind, für ihre Kinder die Mittel zur Durchführung des Studiums aufzubringen. Wenn wir diesen jungen Menschen helfen, dann tragen wir an unserem Teile dazu bei, daß z. B. die Richter und Bevwaltungsbeamtcn der Zukunft sich nicht allem aus den Familien der Großagrarier, Industriellen und sonstigen begüterten Herrschaften rekrutieren, bei denen der Antisemitisnms jetzt zum guten Tone gehört. Die Gefahr, die sonst hier droht, kamt nicht ernst genug genommen werden. So dienen wir, indem wir durch Förderung des Studentenhilsswerkes eine vornehme Herzenspflicht erfülleU, zugleich unseren eigenen berechtigten Interessen uvb der Abwehr jener Strömung, die unser ganzes politisches Leben so arg vergiftet. Die Red. Kus üem Reich. Zu öen Wahlen. Die Preußischen Landtagswahlen stehen vor der Tür. So gewiß es ist,'daß jeder nach seiner besten Überzeugung stimmen soll, so ist es wohl selbstverständlich, daß es Ehre und Würde des Judentums verbieten, einer Partei die Stimme zu geben, die den Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben hat. Es verbietet sich dies vor allem auch im Interesse unseres deutschen Vaterlandes, dessen Ruhe und Wiederaufrichtung das verhetzende Gift des Antisemitismus nicht nur aufs schwerste beeinträchtigt, sondern dessen guter Name in der gesamten Kulturwelt durch den Judenhaß erniedrigt und um die jetzt mehr denn je notwendigen Sympathien überall gebracht wird. . Berlin. Im „Skite-m Mir Abwehr des ArttfamriiHmu-s" sprach <mt Diiens-tea Reichsrmmstor <>. D. Gothcün üb-n ,D'-« Wückrma d?s deutsche,r Antisemritismus rmss Amsl-a-nd". In die^r schwanen Zeit, süchrft, er -Ars. michten alte Deutschen zu* sammerhalten und sich bemühe,i, mora'l'sche Eroberun« en in der Weft Au Mischen. Eine überaus schwer Gcs-ahr für unfaire: Ausla-ndsbezicbu-ngelk bilde der Auliisenirtismus nur faiinem verstie-gen-en Rationalis-mms mch nriitettrlttrftch-.'Nl Rückschritt. Wie «m Mittelattvr sollen jetzt wictzer die Juden an all.im Unglück schuld fa-in. Schüchtern riMn sich bald da bald dort im Ausland Symtzachien für das Mttrrleiaeue Deutschland, ific werden cber durch die antlisemÄischen Bewegungen im erstickt. I« mehr sich der Anttsnnitismns bei uns bri-t mache, in desto höherem Maße büßten wir das Vor/trauen des Auslandes eiin. das wir so nötia haben. — Der frühere Lailchtagsaihgsordnete G'laue protestierte als cvangeUcher Theologe g-'rren die sittlich verwerflich? Hetze gegen bi.» Juden. Kein glaubigvr Christ düilfa derjpeffen, daß das Christentum sich auf dem Alten Tcistamuente aufbane. daß das größte religiöse Genie aüer Zeiten aus dem jüdischen Volksgc'iste herausgewachsen sei. Der ArttifamMmuS wÄvr^wkchs der GerechtigkM. der Wechrchm und twwtschen Kutt«ur. In dev Aussprache fteffee sich H.rr von Oppttln-Vwni* kowsvi als DeutsihrrathonaLer vor. dev aber i^ileichrvltia ein ent« fchivdentt Gegner des Airftsemrttsmus sei. Nur ein kfaiwer Teil vechtsrabifachm. rabrnlustigM Eßrmente mache die antisemiMche Hetz« mit. Mannheim. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte -und Literatur sprach P-rös.sior Dr. Franz Oppenheimer-FrcnkfuDt a. M. über ..ÄntlftntitiKmus im Liche der S^ölogie^. Er ging davon aus. daß wir Meschen in unseren Uirteiten den Einflüssen der Ge. sellqchaftsgruppe untorworfen seien, in der wir leben, -und dahav oft statt der wirklichen Wahrheit nur «me Qppvrwni-tätswahrheit aussprechen. Dieser Gefahr muß sich ein Jude bewußt sein. cs unternimmt, über Antifamitismus zu sprechen. Gr kann.sie nur vermeiden, indem er wissen-schriftlich vorgeht und also bei der Frage „Was «ist Antisemitismius?" sich »erst mit dem „Gnuppenhaß" sie. schasi.gr. der von jeher bestand. Wenn auch die ßrüher gehegte Meinung, daß die Berührung verschiede,r-vr Gruppen (Stämme. Nationen) st.ts seindlich war. nicht ganz richtiig -ist!, so Pflegt sie doch im aüg ,meinen so zu se'in. Um für die Be.pvin.Mmg des Gegners eine Rech.ise-itigung zu haben, wird dieser -moralisch und geistig als mindi.rwertig ba;-/chne-t. So macht -schon A-rftl-otetes die Unterschedung Uv-lschen Griechen und .Va.rba'ren". die von Statur Sklaven seien, und im letzten Weltkrieg sehen wir das gleich? m den Beschimpfter,'en gegen dte Deutschen, gegen -die man dieselben Anklagen erhoben hat, die die Antisemiten dien Juden mt Last b gen. Der Haß verschredeneik! Gruppen — ob sie auf dem glichen Boden leben od..r nicht — wird gefördert durch den Gegensatz der Sprache, der R.l-igion und der Klasse. Für alle Aeußerungen des Hasses brachte der Redner Beispiele von elten Völkern und aus allen Zeiten der Geschichte. D.im Antiiemitismus sind alle diese Gegensätze smrwifft. Währeno Kd -er Toleranz des alten Rom - viel.- Juden GroßgrmrdbgsrtzM waren, hat der chrMche Staat -ihnen dies unmöglich -gemacht. da er das Halten christlicher Höriger verbot. Gewerbe und Hcndwerke Wauen in Zünften zrrsirmnvench.M-ossen: auch hier hatte drr Jude kednen Platz: denn die Zünfte waren christliche Gemeinschaften. Ihr Zusammenwohnen in bestimmten Stadtteirteu, war ursprüniNlich kvx begehrtes Privileg des Kaufmannstandes (die Teulschdn hatten ihren Stadttoll w Ven-edist, in London. Bergen. Wilna), -e-ber <päter uniier dem Mneb'm-enden Druck wurde cs;urn „Ghetto". Ihr -Bonus als Kausloute. den sie nm allen unternehmenden Wrsönl'chkeiten den -rntiken Weift genveinfa»m hatten, machte sie geistig regsame Sia-bildeten als städtrfche Bevöiterung einen neuen w,ir.ri!h<vftttchen und politischen Gegensatz .;ur Landbevölkerung. Der HändL.r. beisondous der Fcrnhändfar. ist revolutionär. Anfangs braucht und hegt man ihn als P-ionieu, später isr er unlivbfalme Konkurrenz. Mit dem Auftauchen d^es Kapitalismus kam der nationale Antisem-ittsnurs. So entstanden immor neue Gegensätze. De« poMjch liberale Städter ist dem tonservaeiven Landadel an sich unsympathisch. Dazu suchen die RechtspartviLn. die ihr Programm doch für richtie, halten, für den Schissbruch. den Drutschland erk)tten hat. einen Sirndenbock. und das iß von jeher das fremde Eldment gewesen. -Und es ist selbstt>erständlich. daß dar jahrhamdert. lange Druck auch be-i den Juden Mouche unangemhmc Eigenschaften eräugt hat; ja, «s darf sie mit erjfüllen, daß er nicht noch schlimmer gewirkt hat. Die Auflösung aller religiösen und g-esellschaftbchen Bindungen, die infolge der Emanzipation den den Juden «intrat. hat es bewirkt!, daß sie bei der allgemc-men Zersetzun,?: dcr -modernen Gesellschaft stark in Mttleidierschcvft geMgen sind. So sind sie an d« Spitze aller extveinen Bewegungen in Kunst. Literatur und Politik, und m-amheu Pat-rrot macht sie für Krtttu r,e rschvimmgen verckntwovtliich. die nur bei ihnen stärker hervortreten. In Wirkttchk 5t hat der AkMenütis'mus dom deutschen Volke den größten Schaden 5Uge-fügt. Dir 4Gähvig« Gewöhunng an Vie.rfalsftmgs-br.uch und Rrchtloserkläru-ng einer Klasse von Bürgern hat o' nen GeistesMsiand erzeugt, der aus den unglücklichen Ausgang des Kvtegc-s sich -r nicht ohne Einfluß gebliciben -ist. — Aushören des Anttfamstismus fa>tz»i> all der brmwmen Erfaheinungen unserer heutigen Zustände rerspr-icht sich der Redner nur von »eigner neuen Ordnung der Ge« sellschaft und der Beseitigung des Kapitalismus. Rr'ichör Be-ifackl belohnte die mtereffanten Ausführuniten des Redners. Rtzbnik O^-S. Am 23. Januar bezw. 13. Februar d. I. veranstalteter. die Syngw-gengemieinden Rhbnük und Äoslau Gcderckfeiern m Ehren der im Weltkrieg' gefallenen Geme-rMmiitgldeder. Bei d'öfar Getegenheit wurden die Gedenktaf ln. die die Gomoinden für ihre Synagogen gestiftet haben, feierlichst emgew-eiht. Hwr Rg-bbmor Dr. Nel-lhau s-RylbM hielt d-te Gedenkreden. Presse-Schau. „Vtett«. Auf den Zusammenhang, der zwischen dem Antisemitismus und den Schwierigkeiten des deutschen Wiederaufbaus besteht, machte kürzlich in der ^Rationalzeitung" der frühere Staatssekretär Dr. August Müller unter der Ueberschrift „Antisemitismus und Geschäft" aufmerksam. Er erwähnt einen Artikel, den jüdische Zeitungen in Polen, Litauen und anderen Randstaaten veröffentlichen, und oer „nach Feststellung einer Anzahl sehr bitterer Wahrheiten über das Deutschland der Gegenwart" zu folgenden Shlußfolgerungen kommt: „Deutschland ist jetzt gezwungen, seinen Außenhrndel wieder aufzubauen, besonders mit Rußland und mit Amerika. Dabei tritt Deutschland ein in eine Konkurrenz mit England und Amerika. England und seine Kolonien wollen ebenfalls Waren nach Rußland und nach ganz Osteuropa und sogar nach Amerika schicken. Amerika will ebenfalls Waren na cp Osteuropa und besonders nach Rußland schicken. In Rußland, Polen, Litauen und sogar in Ungarn und den umliegenden Ländern, auch in Jugoslawien und in Rumänien ruht der Handel fast ausschließlich in den Händen der Juden. Ohne die Juden kann man in j'nen Ländern keine Geschäfte machen, sogardie- Inden in Amerika spielen eine große Rolle ftp Handel mit Europa, besonders mit Deutschland. Die Mdttchftr ShopkeeperS (Ladenbes'ßer, beziehen ihre Wären mit Vdr? liebe aus Deutschland, z. B. Kinderspielzeug. BaumtvoL- Produkte, Papierwaren, Holzwaren und dermeiche«.- Die- Ostjuden wiederum fahren immer nach Deutschland, um dort Waren einzukaufen und sie nach Rußland bis wett «ach Asien hinaus zu verbreiten. Run erhebt sich die Frage: Mnß daß immer und ewig bleiben? Mit dem deutschen Kaufmann und der deutschen Ware kommt überall der deutsche Am tisemitiSmuS mit hinein. Die meisten amerikanischen Jude» stammen selber aus Osteuropa. Warum sollen sie nicht lieber Handel treiben mit England und seinen Kolonien? Die englische und amerikanische Ware ist nicht geringer als die deutsche, der englische und amerikanische Kaufmann tp nicht weniger ehrlich und kreditwürdig als der deutsche Kaufman«, der Unterschied besteht nur darin, daß jener keinen Antisemitismus macht." Hierzu bemerkt Staatssekretär a. D. Müller: „Der wahrt-rft gebildete und humane. Mensch beurteilt natürlich de» Antisemitismus überhaupt nicht nach den hier dargelsgten Zusammenhängen. Aber auf den, och so kleinen, Teil der Mitbürger dieses Schlages wollen diese Zeilen ja auch nicht eiuwirken. Der echte Antisemit ist auch nicht belehrbar. Dazwischen aber gibt es die große Schar der Gedanlenträgen, die dem antisemitischen Geschrei Beachtung schenken, weil sie an der Oberfläche der Dinge haften bleiben. Ohne deren Billigung tmd Hilfe wäre der Antisemitismus in Deutschland nicht zu der Bedeutung gekommen, die er gegenwärtig besitzt. U«h diese Kreise haben doch in der Regel für das Geschäftliche großes Verständnis. Sollten ihnen die hier hargelegten Zusammenhänge zwischen Geschäft und Antisemitismus nicht zu denkjen geben?" Berlin. In der Zeitschrift „H a n d w e r k u n d G e w e r b e" dem offiziellen Organ deS Zentral-Berbandes jüdischer Handrverker Deutschlands, weist Glasermeister Paul Goldmann« Hannover auf die antisemitischen Bestrebungen hi«, die unter dem Deckmantel der Handwerkerfreundlichkeit bemüht sind Zwietracht zwischen jüdischen und christlichen Handwerkern zu säen. Anknüpfend an einen in der „Deutschen Zeitung" erschienenen und, was nicht verwunderlich ist, geradezu haarsträubende Verunglimpfungen unserer Gloubensgenossen enthaltenden Artikel fordert Goldmann seine Kollegen auf, regelmäßig die Versammlungen ihrer Innung-- und Fachverbäude zu besuchen, um dann diesen Verleumdungen und Gemeinheiten, wo sie sich an die OesfentUchkeit wagen, energisch entgegen zu treten. Er sagt weiter: Wir wollen die Wahrheit l'.nd scheuen sick keinen Augenblick, nur daß unsere Wege gerade und nicht so versumpft sind, wie die der „Deutschen Zeitung". Rew Uork. 120 hervorragende Amerikaner haben eine Erklärung veröffentlicht, in welcher sie die antisemitischen Wüh' lereien, die in letzter Z-'it zu bemerken waren, aust entschied denste verurteilen. Präsident Wilson, der frühere Präsident Taft, alle Mitglieder des Kabinetts, eine ganze R>ihe anderer hervorragender Bürger und namentlich auch die bekanntesten Geistlichen der katholischen und protestantischen Bekennknrsse haben das Dokument unterschrieben, durchweg mit Lemerlungen, die ihre Entrüstung über diese „Verstöße gegen die Grundlagen des amerikanischen Lebens", die Toleranz, dartun. Der frühere Staatssekretär Lansing bemerkt, er hahe For-. schungen über die vtelerwähnten „Protokolle" angestellt ungesunden, daß sie Fälschungen seien, welche zu üblen Zwecken in Umlauf gesetzt würden. Antisemitische Propaganda betreibt übrigens nur eine inzige Druckschrift in den Bereinigten Staaten, dos von dem Automobilsabrikanten Henry Ford herausgegebene Wochenblatt »Dearborn Independent". In ollen andern Organen der Presse, ganz gleich welche Partei oder Richtung sie vertreten, namentlich auch in der großen Togespresse, wird der Antisemitismus rüekhaliSlos verdammt. Lokales- Repräsentanten-Versammlung. In der vorigen Sitzung am 13. d. Mts., -er im neuen Jahre, nahm die Versammlung ordnungsgemäß die Wahl des Vorstandes durch Zums vor und zwar wurden Professor Dr. W o h l a u e r wiederum zum Bolpzende«, Geheimrat Dr. Reich zum stellvertretenden Borsttzenden, Lruchdmckereibesttzer Meyer und Justizvat P e i s e r zn> Schriftführern gewählt. — Herr Eugen Freund richtete eine- Anfrage an dm Vorstand vetresjend Satzungsänderungen, um dm Repräsentanten bei der Wahl der Kornmissionm einen größeren Einfmß zu sichern. Der Vorsttzende haß Popstmtdcs dran woktete die Ansrage dahin, daß die § § 57, % und 83 des Statuts geändert werten müßten, um den Wunsch des Antragstellers auszustthren. Da aber devmüchft ein: Statutenänderung wegen Aenderung des SteWkrechrs einttcten müsse, so oeantvage er, dann auch die zweite Aendecung vorznnehmen. Der Antragstellte Freund ditiet, diese Antwort des Vorstandes zrrr Kenntnis "zu nehmen, Verantwortung aus dieser Verspätung müßte die Rtpräseniantenversammlung aber ablehney. Er beklagt im Anschlüsse daran die allgemeine Einflublosigkeit der Uepräselüanien?.ersammlnng. — Bet Besprechung der Vorlage hetreffend Erhöhung der Preise für Benutzung der Badeanstattbrachre Zahnarzt Schachtel Klagen vor, die ihm dezüglich de Sanderkett der B-adertnrtchtung zu Ohren gekommen seien. Auf Beschluß drr Versammlung prüften Zahnarzt Schachtel und Juttzrat Breslauer sofort die Richtigkeit dieser Beschwerden und sie stellten deren völlioe Haltlosigleit fest. Eine längere Debatte em „Ich war Unterarzt bei einer Kolonne des Korps Tschessikoss, Vas später dem Rennenkampfschen zugeieilt wurde. — Die russischen Zustände im Sanitätswesen, — und die deutschen, — was.für ein Unterschied! — — Wie zwischen Tag und Rächt! — Da lagen wir mit unserem Feldlazarett in der Nähe von Carowitschi ... Ich möchte übrigens auch wissen, was aus dem Doktor Wasstlij Wersiew geworden ist! Der hat ja damals einen Stich davongetragen l — Er war der einzige Arzt bei uns, — ein großer, starker, blonder Kerl, . . . aber faul wie die Sünde! . . . Ohne Mitgefühl für die Verwundeten; wenn er nur seinen Grog hatte und mit den paar Gehilfinnen, die auf unserer Station arbeiteten, scharmutzieren konnte, scherte er sich den Teufel um die Verletzten! — Rach der Einnahme von Zuesk wurde in unser Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ein polnischer Jude, aus Barnow, namens Leib Rosenblatt, eingeliefert. Er hatte^ einen Oberschenkelschuß, die Wunde war schlecht verbunden. Ich erinnere mich noch deutlich an sein intelligentes, scharf geschnittenes Gesicht. Ein Student wars; er empfahl sich in seiner possierlichen, munteren Art lebhaft meiner Auft merksamkeit: „Ich darf noch nicht sterben," sagte er, „ich habe meine alte Mutter zu Hause, deren ein und alles ich bin, . . . und dann ... ich bin ... Schrifsteller ... ich habe noch einiges der Welt zu sagen ... um mich wäre eS schade! . . . Uebrtgens iü meine Verwundung nicht schwer; — ein Skandal wäre es, wenn Ihr mich nicht durchkriegt!" Ich beruhigte ihn und plauderte abends mit ihm: — wirklich, ein netter, kluger Junge war er . . . immer aufgeweckt und lustig! — Am Rachrnittoge des folgenden Tages sah ich zu meinem Schreck, wie sein Verband sich plötzlich langsam durchfeuchtete und das Blut allmählich hervorsickerte. Ich ging sofort zu Wassilij, dem einzigen Arzt, der einen Jnstrumentenkasten hatte. Ach! er sah wieder beim Grog, neben ihm eine hübsche Kconkenpflegerin aus Moskau, mit der er ein angeregtes Gespräch führte. Ich bat ihn hastig, aber höflich: „Der kleine Jude 'hot ein- Nachblutung bekommen, wenn man ihm die «rteria femoralis unterbindet, können wir die Blutung zum Stehen bringen, und der Mann kann gerettet werden!" — Wassilij schnupperte an seinem Grogglas und sah mich unwillig on. — Plötzlich hörte man von unten taut Leib Rösenblatt rufen: „H.'rr Doktor, Herr Doktor, helfen Sie mir, schnell!" Eine merkwürdige, zitternde Angst log in der Stimme des Juden, er schien zu wissen, daß es um Tod und Leben ging. Wassilij ging an das. Treppengeländer und in seiner gefühllosen, rohen Art äffte er Lribs Hilferufe nach, rief dann jedoch: „Ich komme gleich!" — Zuerst wollte er aber noch seinen Grog austrinken. — Eben kamen wieder Ambulanzen mit Verwundeten; — ich mußte hinunter, abloden hellen. — Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu Leib ging, bemerkte ich, daß er verblutet war! — WaWj war entweder - rar nicht oder zu spät zu ihm gekommen, fite ich mich über Re Leiche beugte, sah ich, daß das Antlitz des Verstorbenen vor Wut und Aerger ganz verzerrt war. ... Am nächsten Tage fand im Stalle des Bauernhauses, unserer Leichenkammsr, Leib Rosenblotts Sektion statt. Rach den Vorschriften mußte nämlich von jedem Toten ein kurzes ,Srktionsprotokoll angefertigt werden. — Da geschah das Seltsame! — Ich werde dieses Rätsel nie in meinem Leben vergessen, und wenn ich ein alter Mann werden sollte! Ich erinnere mich noch on alles, als ob es gestern geschehen sei. — Es war Halbdunkel ln dem Raum. 'Die von der Decke herabhängende Oellampe verbreitete nur ein schwaches Licht. Leib Rosenblatts Leiche lag ans dem Seziertisch, Wassilij stand daneben, der Feldscher schnitt, und ich.sckrieb Wir drei waren ganz allein. — Uns allen fiel das Ayllitz des Toten, das von Unmut und Zorn ganz entstellt war, ans. . . ' Ich notierte: . . . „Die Schenlelorterie durch Schuß einfleriss^u; im übrigen finden sich außer der Blutleere, die sämlllchtz Organe als Zeichen des Vteblutungstodes aufweisen, keine Veränderungen." . . . usw. — — Nach der Obduktion gingen wir aus dem Stall. — Der Feldscher ging mit den Papieren auf dos Stabsbüro, um Meldungen zu erstatten, ich stand mit Wassilij im Freien und machte ihm Borwücfe: „Wie leicht hätten Sie den armen Rösenblatt drin retten können!" ... Der Doktor gab mir eine zynische ^rtwort, donn ging n noch einmal in den S?ktion4raum, um sein Roft^hnch zu holen, das er dort liegen gelassen hatte. Plötzlich hörte rch einen markerschütternden Schrei. . . . Wassilij taumelle heraus, die Augen traten ihm vor Angst aus den Höhlen, fein. Gesicht war käseweiß, aus seiner Wange war die Spur ton fünf Fingern, - ec mußte eben eine furchtbare Backpfeife bekommen haben k. . . Wassilij schrie noch immer und htelt sich das Gesicht, dann stierte er wie geistesabwesend vor sich hin und murmelte nnverstänbllche Worte. Sein Verstand schien gelitten zu haben! — Lein Gott, es war borst, niemand im SekttanSranm gewesen! — Ich ging hinein. — Totenstille. — LeiLMchnndsatt. ' ia«t| seziert und zssHchnilten, log still und friedltsh ßo, — ansdem Wicht aber etv hefrirdigte»' Lächeln! - — -