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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-02-11 · 11 (11.2.1921) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
11 (11.2.1921)
Date
1921-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Politik onü Religion. Bon Hermann Becker, Berlin I. In der Novembcr/Dezember-Nummer der Zeitschrift. „Ost und West" ist ein Leitartikel „Die Juden unter den Nationalitäten", ohne Nennung des Verfassers, veröffentlicht, in welcher das Verhältnis der Juden zu den Nationalitäten in den neuentstandenen Staaten historisch untersucht wird und Richtlinien für dieses Verhältnis in der Gegenwart auf religiöfer, jüdisch-ethischer Grundlage gegeben werden. Der ungenannte Verfasser hezcichnet besonders zwei jüdisch-ethische Grundsätze als Richtlinien für das Verhalten der Juden zu den verschiedenen Nationalitäten in Ungarn, Rumänien, Jugoflavien, Polen und der Tschechoslowakei. Diese Grundsätze sind: Schutz der Schwachen und Gerechtigkeit. Das führt uns zu einer Erörterung des Verhältnisses von Politik und Religion im allgemeinen undN,„^besonderen zur jüdischen Religion. * II. Es wäre sehr bequem dieses Verhältnis mit den Worten zu bezeichnen: Die Politik hat mit der Religion gar nichts zu schaffen, denn es gibt religionslose Politiker und unpolitische religiöse Menschen. Eine solche Antwort wäre, wie gesagt, allerdings sehr bequem, um allen Konflikten aus dem Wege zu gehen. Es haben auch zu allen Zeiten und in allen Landen die Machtpolitiker es verstanden, mit diesem demagogischen Mittel die Gewissensbedenken religiös Gesinnter zu beruhigen und sich — besonders aus den Kreisen der weniger Gebildtcn — zahlreiche Anbänger zu verschaffen. Allein dieser Grundsatz entspricht weder der geschichtlichen noch der geistigen Entwicklung der Menschheit und der Völker. Die geschichtliche Entwicklung der Menschheit lehrt uns, daß die Völkcrkriege zuerst Machtkricge waren, die zweite Stufe waren die Religionskriege, weil der neue Herr den Grundsatz aufstellte : cuius regio, eins reTgio, bis die dritte Stufe der Völkcrkriege lediglich wirtschaftliche oder inncrpolitische Ziele aufzcigt. Eine Ausnahme von diesen Entwicklungsstufen in den ältesten Zeilen machten die Kriege der Israeliten gegen die heidnischen, Kananiter, welche auf Gottes Befehl zur Anerkennung des einzigen Gottes gezwungen werden sollten, im Mittelalter die Kreuzzüge und der 30jährige Krieg. Seit dieser Zeit gab es keine eigentlichen Religionskriege mehr. Innere Unruhen im Volke und Religionsverfolgungen weist allerdings auch die Neuzeit auf, allein, sic haben weder mit der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit noch mit derjenigen der Volker etwas zu tun, sondern ihre treibenden Beweggründe sind meist Machtzielc der einzelnen politischen Parteien oder wirtschaftliche Zustände. Wenn die Angreifer auch religiöse Gründe für diese Kämpfe angeben, so ist das für jeden Kundigen nur ein scheinbarer Borwand. Selbst ein Mann, wie Oswald Spengler läßt sich nur durch sein starres mathematisches Geschichtsprinziv dazu verleiten, aus diesen Erscheinungen^„den Untergang des Abendlandes" zu folgern. Auch die geistige Entwicklung der Menschheit widerspricht der landesüblichen These: Die Politik hat mit der Religion nichts zu schaffen, beide stehen in keiner Beziehung zu einander. Schon die Gottähnlichkeit der Menschen, wie sie bei der Schöpfungsgeschichte gelehrt wird, die Gotteskindschaft der Menschen, die als religiöses Dogma von allen monotheistischen Religionen anerkannt wird und die es ihren Bekennern zur Pflicht macht, dem Allvater in Bcrnunst, Weisheit und Ethik ähnlich zu werden, widerspricht dieser These. Freilich, so lange die Verteidiger der These die dogmatische Religion im Sinne hoben, kann man wohl sagen: Politik und Religion haben keine Beziehungen zueinander. Das ändert sich aber, sobald wir die Sittenlehre der verschiedenen Bekenntnisse als einen wesentlichen Teil eben dieses religiösen Bekenntnisses anerkennen. Darin liegt der Ausgangspunkt dieses Grundirrtums. „Politik ist die Kunst deö Möglichen" nach Bismarck, einem der größten Politiker, ne hat es also mit sichtbarem, der menschlichen Arbeitskraft und ihrer Prüfung unterliegenden Ergebnissen zu tun. Die dogmatische Religion aber gründet sich auf unsichtbare, daher nicht restlos durch die, Vernunft zu prüfende Glaubenswahrheiten. Mit dieser dogmatischen Religion bat die Politik demnach nichts zu tun, beide haben zueinander keine Beziehungen. Zu dieser Erkenntnis hat sich glücklicherweise nunmehr nach Jahrtausenden die Menschheit hindurchgcrungen und darum gibt es keine Religionskriege mehr und wird es — trotz Oswald Spengler — auch in Zukunft keine mehr geben. Wohl aber hat die Politik zur Sittenlehre der religiösen Bekenntnisse Beziehungen und diese Beziehungen werden — trotz aller Machtkriege der Kulturnationen nimmer aufbören. Diese Erkenntnis ist eben noch nicht bei allen Völkern durchgedrungen. Wäre das der Fall, dann gäbe es eben keine Machtkriege mehr und die Zeit des ewigen Friedens, die der große Prophet Jesaias verheißen hat, wäre gekommen. Wie sollen nun die Beziehungen der äußeren und inneren Politik zur Sittenlehre der religiösen Bekenntnisse bei ihren Anhängern und im staatlichen Verkehr zun, Ausdruck kommen? III. V Der ungenannte' Verfasser des obengenannten Artikels .n „Ost und West" erkennt gleichfalls die Beziehungen von Politik und ethischen Grundsätzen der Religion an. Er gibt aber im Widerspruche zu dieser Erkenntnis seiner Arbeit den Titel „Die Juden unter den Nationalitäten". Damit erkennt er auch ein Verhältnis der Politik zu der dogmatischen Religion an. Denn „Juden" bezeichnet eben ein religiöses Bekenntnis und nicht nur ein ethisches. Sind aber, wie wir ausgefüyrt haben, die Sittenlehren aller monotheistischen Religionen gleich, dann müßte sein Thema lauten: „Di? Sittenlehre und die Politik". Aber auch so wäre der Titel zu weit gefaßt. Denn der Berfosscr spricht nur von dem Verhalten der Juden zur inneren Politik ihres Vaterlandes, nicht zur äußeren. Demnach ist der Titel irreführend, er müßte lauten: „Wie sollen wirJudenuns auf Grund unserer Sittcnlehre zur inneren Politik unseres Vaterlandes verholte n?" Diese Fragestellung und ihre Erörterung ist allerdings bei den inneren Partcikämpfen in den alten und neuen Staaten außerordentlich aktuell und fordert eine sorgsame Prüfung. Die Stellungnahme zu dieser Frage wird uns Juden erschwert und damit eine grundsätzliche Beantwortung verhindert durch folgende Erwägungen: 1. Die großen Massen erkennen eine Uebcreinstimmung der jüdischen Sittenlehre mit den Sittenlehren der anderen Bekenntnisse nicht an. 2. Auf Grund dieser mangelnden Erkenntnis wird unsere Stellungnahme überall und zu allen Zeiten als Ausfluß unserer dogmatischen Religion und nicht unserer Sittenlehre gewertet. 3. Jnsbesonders wird von der großen Masse und ihren demagogischen Führern geleugnet, daß auch unsere Sittenlehre die Liebe zum Baterlande (vergl. oben Jeremias) gebietet. 4. Im Gegensätze zu dieser geringen Bewertung unserer Sittenlehre verlangen die meisten Staatsleiter von uns ein rein ideales, frei von jedem materiellen Bedenken, rückhaltloses Bekenntnis zum Staatsgedanken, das sic und die großen, andersgläubigen Masken selber nicht betätigen! — Wohin die Außerachtlassung dieser Erwägungen führt, das beweisen die Ausführungen des Verfassers in den genannten Artikel. Er kommt auf Grund der beiden Grundsätze unserer Religion (nicht unserer Sittcnlehre), die er als Richtlinien für unser Verhalten verschreibt, nämlich: Schutz des Schwachen und Gerechtigkeit zu der widersinnigen Forderung, daß wir in dem neuen polnischen Staate uns den Nationalpolen anschlicßen müssen, weil sie zu den Schwachen gehören, die sowohl im Zarenreiche, als auch in den ehemals polnischen Teilen des kaiserlichen Deutschlands und der österreichisch-ungarischen Monarchie bedrängt werden, und daß wir ihnen Gerechtigkeit schuldig sind. In der Tschechoslowakei hingegen, wo die Deutschen und die Juden von den gegenwärtigen Machthabern in der Zeit, wo cs noch einen habsburgischen Staat gab, verfolgt tourden, müssen die Juden besonders in Böhmen und Mähren, mit den Deutschen zusammengeheu. In Ungarn wiederum, wo die Juden früher die vollste Gleichberechtigung hatten und jetzt aufs Schlimmste verfolgt werden, sollen sic die gegenwärtigen Machthaber nicht unterstützen. In Rumänien, dem antisemitischen Musterstaate, sollen den Juden ebenso wie gegenwärtig in Ungarn ihr Verbültnis zur Staatsregierung gestalten. Der einzige der neuen Staaten, in welchem der Verfasser den Juden ein rückhaltloses Bekenntnis zum Staatsgedanken empfiehlt, ist Jugoslawien, weil dort die Juden ebenso jetzt wie früher, den Schutz des Staates genießen. — Wir nannten diese Forderungen des Verfassers widersinnig und jeder unbefangene Leser wird zn demselben Urteile gelangen. Denn der Verfasser vergißt oder verschweigt die polnischen Pogrome in Galizien, Kongreßpolen und Oberschlesien, weil sonst seine Richtlinien sich als völlig unhaltbar erweisen würden. Für Ungarn mußte er ebenso den Juden ein Bekenntnis zum gegenwärtigen Staatsgedanken empfehlen, weil hier, genau so wie in Jugoslawien, die Schwachen allezeit Schutz fanden. Daß sie jetzt keinen Schutz, sondern nur Verfolgung erfahren, ist doch nur eine vorübergehende Erscheinung, die mit dem Ende der gegenwärtigen Machthaber auch ihr Ende erreichen wird. In der Tschechoslowakei hingegen, wo mit Ausnahme von Prag und Umgegend, Judenpogrome nicht stattgefunden haben, müßten die Juden nach den Richtlinien des Verfassers zu Anhängern des zeitigen Staatsleiter, insbesondere des duldsamen Präsidenten Masaryk, werden und nicht zu Gegnern, wie er emvfiehlt. Nur für Rumänien und Jugoslawien treffen die Richtlinien des Verfassers zu. Aus diesen Darlegungen erkennen wir zweierlei: I. Die Aufstellung allgemeiner Richtlinien für das Verhältnis der Juden zur inneren Politik ist nicht möglich. 2. Der Verfasser hat im Widerspruche zu seiner Forderung, daß nur die jüdische Sittenlehre, die doch die allgemeine aller religiösen Bekenntnisse ist, für unser Verhältnis zur inneren Politik maßgebend sein darf, das dogmatische Bekenntnis in den Vordergrund gerückt. Durch diese Unklarheit ist er zu Widersprüchen, ja selbst widersinnigen Schlüssen gekommen. Das hat der Verfasser selbst empfunden und einen wahren Eiertanz aufgefuhrt, um seine Richtlinien zu retten.Dabci hat er es sorgfältig vermieden, für das Verhältnis der Juden zu dem Staatsgedanken in Deutschland Richtlinien zu geben, obwohl auch hier Nationalitütsbestrebungen sichtbar werden und man keineswegs von einer ungemischten reindeutschcn Bevölkerung sprechen kann. Doch abgesehen davon herrscht vielleicht in keinem Lande nach der November-Revolution, ein so erbitterter Kampf der Parteien wie gerade in Deutschland. Deshalb hätten wir gerade hier von dem Verfasser Richtlinien für unser Verhältnis zum Staatsgedanken erwartet. Das Sonderbarste ist aber, daß unsere Gegner stets die jüdische Sittenlehre und das einzige Dogma der jüdischen Religion gering bewerten, sobald es gilt, die Verbrechen Einzelner zu erweisen, daß sie aber von den Bekennern dieser selben Religion verlangen, sich gerade auf Grund ihres religiösen Bekenntnisses zu ihrer reaktionären Politik zu bekehren und mit ihnen in der inneren und äußeren Politik durch dick und dünn zu gehen. Würden unsere Gegner logisch denken und in ihrem blinden Haß nicht von Gott und Menschen ganz verlassen sein, dgnn müßten sie also schließen: Ist die jüdische Religion und die jüdische Sittenlehre minderwertig, dann würde unsere Politik durch die jüdischen Mitläufer von den anderen Parteien schnell als verderblich erkannt werden, und in unseren eigenen Reihen einen gewaltigen Abfall veranlassen. Wollen wir aber die im Judentum unleugbar vorhandenen geistigen Kräfte, vor allem aber die materielle Unterstützung der Juden, in den Dienst unserer Politik stellet, dann dürfen wir nicht beständig von der Minderwertigkeit der jüdischen „Moral" und der „semitischen Rasse" sprechen! — In denselben Gedankengängen bewegen sich streng konservative „arische" Gelehrte und Politiker wie Professor Strack, von Oppeln-Bronikowski u. a. tri. Als ein weiterer Mangel au Logik ist der Zustand zu bezeichnen, daß niemals das Verhältnis der Protestanten oder der Katholiken — mit Ausnahme in der Zeit des sogenannten Kulturkampfes — zum Staatsgedanken auf Grund ihres religiösen Bekenntnisses zur Erörterung bei unseren inneren politischen Kämpfen stand. In ollen Parteien, von den Deutschnationalen bis zu den Kommunisten, sind Protestanten, Katholiken und Juden — letztere freilich nicht bei den Deutschnationalen — zu finden. Besonders in der Gegenwart gilt für die Angehörigkeit zu irgend einer Partei der Grundsatz: Religion ist Privatsache! Aber für die Aufnahme und die Betätigung in den politischen Parteien soll gerade die „minderwertige" jüdische Religion und ihre minderwertige Sittenlehre ausschlaggebend sein. Ist das nicht der klarste Beweis für das unlogische Denken unserer Gegner? - Gerade zur rechten Zeit hat der bekannte freisinnige Kirchenlehrer Professor Baumgarten auf dem demo kratischen Parteitage in seinem Referat über „Kirche und Schule" am 14. Dezember 1920 in Nürnberg mit Scharfsinn und Eifer die These verfochten: „Die Religionsgemeinschaften haben das Recht der Selbstbestimmung. Dafür sollen sic die Garantie geben, daß sie nicht gegen den Staat hetzen, sondern ihn schützen". Und an einer anderen Stelle seines Referates sagt er: „Für die Tätigkeit im Staatsleben dürfen konfessionelle Gegensätze nicht in Betracht kommen, lediglich die Fähigkeit müsse gelten." - Klarer, aber auch eindringlicher kann das Verhältnis von Politik und Religion nicht bezeichnet werden, als durch die Forderungen Baumgartens. Jede Partei, die sich bereit erklärt, den Staat zu schützen, hat das Recht — ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis ihrer Parteigenossen — auf ihre Existenz im StaatslebeH, aber auch auf die Achtung der anderen Parteien. Wer aber seine Bereitwilligkeit, für das «slus publica zu wirken, nicht erklärt, sondern gegen den Staat hetzt, der hat keinen Anspruch aus die Achtung der anderen Parteien, ihn möge auch die volle gesetzliche Strafe treffen, sei er Kommunist oder Deutschnationalcr, sei er Protestant, Katholik oder Jude. Fällt doch diese Forderung Baumgartens mit der Mahnung unseres Propheten zusammen: „Suchet das Wohl der Stadt, dahin ich euch geführt." Wir Juden verlangen nur dasselbe politische Recht, wie unsere nichtjüdischen Glaubensgenossen, d. i. unser Selbstbestimmungsrecht in der Zugehörigkeit zu jeder Partei, die den Staat schützen will. Möge der einzelne Jude so wie der einzelne Protestant und Katholik sich jeder Partei anschließen, von der er glaubt, daß sic das geeignetste Parteipogramm für den Schutz des Staates besitzt. Aber wir lehnen eS rundweg ab, uns in politischer Beziehung von irgend Jemand bevormunden, oder durch Drohungen und Versprechung ein zum Anschlüsse an eine Partei zwingen zu lassen, undzwaraufGrundunsercsreligiösen Bekenntnisses. Solche Gefühle, wie Dankbarkeit, Furcht und Haß sollen und dürfen in der Politik keinen Platz finden, sondern nur die gemeinsame Arbeit aller Bolkskreise und aller Stände an dem gemeinsamen Ziele, an dem öffentlichen Wohl. Worin aber diese Arbeit gerade jetzt bestehen muß, das sagt uns der Frciheitsdichter Schiller mit den Worten: „Heil'gc Ordnung, segensreiche Himmelstochter, die das Gleiche Frei und leicht und freudig bindet. Die der Städte Bau gegründet. Die herein von den Gefilden, Ries den ungesell'gcn Wilden. Und das teuerste der Bande W ob den Trieb zum Vaterland?." Hus Luöwig Geigers jungen unalten Tagen. Ein Gedcnkblatt zum 9. Februar. „Höchstes Glück der Erdcnkinder Ist doch die Persönlichkeit." Goethe. Am 9. Februar 1919 schied Ludwig Geiger, wenige Monate nach vollendetem 70. Lebensjahre von dieser Erde, tiefbctrauert von der deutschen Judenheit, der gesamten deutschen Ration als einer ihrer besten und treuesten Söhne. Ludwig Geiger hat seiner Vaterstadt Breslau, in der er nur seine Kindheit und Jugend verlebte, bis zum Ende die wärmste Anhänglichkeit bewahrt. Hier hat er am 6. Juni des sturmbewegten Jahres 1848 als der Sohn des hochbedcutenden Rabbiners Abraham Geiger und seiner Gattin Emilie geb. Oppenheim das Licht der Welt erblickt und gemeinsam mit seinen drei Geschwistern eine ausgezeichnete Erziehung genossen. Der Geist der Liebe und Religiosität, der im Hause herrschte, das Beispiel und Vorbild der Eltern übten den tiefsten Einfluß auf die Kinder aus und zeitigten deren unbegrenzte Verehrung und Pietät für diese. Ungeachtet seiner ausgedehnten Berufstätigkeit und schriftstellerischen Wirksamkeit widmete sich der Vater in seinen Mußestunden gern seinen Kindern, während die Mutter kein größeres Glück kannte als diesen mit voller Hingebung ganz zu leben. Leider fielen schon in der Mitte der fünfziger Jahre trübe Schalten auf den Lebenshocizont der glücklichen Familie, indem die Mutter zu kränkeln begann. Badereisen brachten nur vorübergehend Erholung. Roch war cs Emilie Geiger vergönnt, sich in den zahlreichen Ehrenbezeigungen, die ihrem Gatten anläßlich seines sünsundzwanzigjährigen Rabbincrjubiläums dargebracht wurden, sonnen zu dürfen, bald jedoch gestaltete sich ihr Zustand besorgniserregender. Vergebens hatte sie Heilung in Berlin gesucht und nach langem schwerem Leiden, das sie mit bewundernswerter Ergebung ertrug, hauchte sie am 6. Dezember 1860 ihre reine Seele aus. Abraham Geiger hat feinen Kindern leine zweite Mutter gegeben; in ihnen und in seiner Arbeit suchte vnb fand er Trost, bis er ihr am 23. Oktober 1874 in die Ewigleit folgte. Ludwig Geiger, dessen Begabung und Lerneifer sich schon frühzeitig offenvarten, besuchte das Elisabeth-Gymnasium seiner Vaterstadt und genoß den Religionsunterricht seines Vaters, wie den dessen Freundes M. A. Levy; mit den Kindern des hochverehrten Lehrersverband ihn während seiner ganzen Lebensdauer die herzlichste Freundschaft. Die Berufung des Vaters als Rabbiner nach Frankfurt a. M. bildete einen bedeutungsvollen Wendepunkt im Leben der Familie. Dem erhebenden Abschied von Breslau folgte ein Aufenthalt in Kolberg und am 9. August 1863 hielt Abraham Geiger mit den Seinen seinen Einzug in seine Geburtsstadt. Der junge Ludwig hatte schon in Breslau eine gleichermaßen hohe Vorliebe für deutsche und jüdische Literatur und Geschichte, wie für fremde Sprachen bekundet, die sich in der neuen Heimat noch bei weitem befestigte und vertiefte. Nach absolviertem Abiturientenexamen bezog er 1866 die Universität Heidelberg. Abraham Geiger hatte gehofft und gewünscht, diesen Sohn dereinst als geistigen Führer einer deutschen Großgemcinde in seinen Bahnen wandeln zu sehen. Wie innig der Vater auch mit dem in der Ferne weilenden Sohn verkehrte, wie er sich als der verständnisvollste Freund und Berater in dessen Sturm- und Drangperiode erwies, davon legte besonders ein herrlicher Brief an den jungen Ludwig Zeugnis ab, nachdem dieser seinen Entschluß erklärt hatte, das Studium der Theologie aufgcben zu müssen. Ludwig studierte zunächst in Heidelberg, hierauf in Göttingen und Bonn Philosophie, Geschichte und Literatur mit hohem Eifer und promovierte kaum zwanzigjährig 1868 in Güttingen; seine Dissertation galt Mclanchthon. Mit begeisterter Liebe für Deutschtum und Judentum, hatte er 1870 Berlin, wohin sein Vater als Rabbiner berufen worden war, zur Stätte seiner Wirksamkeit erwählt und sich 1873 als Privatdozent an der Universität habilitiert. Berlin ist, nur durch vielfache Reisen unterbrochen, seine Heimat geblieben. Die Einigung Deutschlands hatte der junge Gelehrte mit Entzücken begrüßt; daß später manche schwere Enttäuschung folgte, hat er tief und schmerzlich empfunden. Bald entfaltete er eine vielseitige literarische Tätigkeit in Wort und Schrift. Eiserner Fleiß, rastloses Streben und Studium, eine geradezu staunencrregende Virtuosität, die Zeit seines Erdendaseins weise zu nützen, kennzeichnen Ludwig Geiger. Als Goetheforscher einer der bedeutendsten seiner Zeitgenossen, gebührt ihm der Verdienst, wesentlich zum Verständnis des Dichterfürsten in weiteren Kreisen veigetragen zu haben. Dir müssen eS uns leider verfügen, alle Schriften, die in fünfzigjähriger Schaffensfreudigkeit aus der geistigen Werkstatt? Ludwig Geigers hervorgingen, anzuführen; wir erwähnen nur: „Geschichte der Juden in Berlin," „Geschichte der Juden in Deutschland," „Geschichte des geistigen Lebens der preußischen Hauptstadt," „Michael Sachs und Moritz Veit," „Dichter und Frauen," „Aus Alt-Weimar," „Goethe," „Goethe und die Seinen," „Reuchlin," „Rousseau," „Petrarca," u. v. a. Mit dem lichtund lebensvollen Werke „Abraham Geiger" hat er 1878 seinem verewigten Vater das herrlichste Denkmal kindlicher Liebe errichtet; 1910 erschien anläßlich der hundertsten Wiederkehr von dessen Geburtstage dieses in erweiterter und vertiefter Ausgabe. Bon 1880 bis 1903 war Ludwig Geiger Herausgeber des Goethe-Jahrbuches; nicht minder ist erauch ein ebenso tatkräftiger als hochgeschätzter Mitarbeiter verschiedener wissenschaftlicher Zeitschriften, wie der bedeutendsten Tages- und Wochenschriften gewesen und aus dem Gebiete der literarischen Kritik genoß er hohes Ansehen. Eine neue hohe Aufgave erwuchs ihm, als der Baseler Gelehrte Jakob Burckhardt ihm das ehrende Vertrauen schenkte, sein Werk „Kultur der Renaissance in Italien" neu zu bearbeiten. Länger als vierzig Jahre bildete diese Tätigkeit ein gut Teil der Lebensarbeit Ludwig Geigers. Neben seiner akademischen Lehrtätigkeit entfaltete er auch eine reiche Vortragstätigkeit. Wiederholt hielt er Vorlesungen in der Humboldt-Akademie wie in der Lessing-Hochschule und eine Reihe von Jahren war er ein gefeierter Redner in den Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur der deutschen Großstädte. Nach dem Heimgange des unvergeßlichen Gustav Karpeles als Leiter der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" berufen, hat er, die Tradition treulich wahrend, dieses Organ der liberalen Judenheit Deutschlands nicht nur zu einer vornehmen führenden Revue gestaltet, er wußte sich mit einer Schar bewährter Mitarbeiter zu umgeben, die ihm freudig und gern Gefolgschaft leisteten. Es war nicht sein geringstes Verdienst, daß er zu allen Zeiten bemüht war, jedes redliche Streben gern zu fördern, jede Ueberzeugung geehrt und die Leistungen seiner Fachgenossen neidlos anerkannt und gewürdigt hat. 1880 zum Professor, 1908 zum Geheimen Regierungsrat ernannt, sind ihm vielfache Ehren und Auszeichnungen, insbesondere anläßlich seines fünfzigjährigen Doktorjubiläums und seines 70. Geburtstages zuteil geworden; eine lange Reihe von Jahren gehörte er dem Repräsentanken- Kollegium wie dem Schulvorstand der Berliner Gemeinde an und seine letzte Erdenfreude war, daß ihn das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zum Ehren?

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