Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 1 (1920-1921)
- Issue
- 11 (11.2.1921)
- Date
- 1921-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Bus dem Reich. Berlin. Die Steuern der jüdischen Gemeinde. Gegenüber Gerüchten, daß die jüdische Gemeinde zu Berlin beabsichtige, von der Reichseinkomrnensleuer einen Zuschlag von 60 v. H. als Steuer zu erheben, erklärt der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin, daß der Zuschlag zur Reichseinkommensteuer für 1921 nur einen geringen Bruchteil dieser 60 v. H. betragen wird. Der für 1920 erhobene Zuschlag von 60 v. H. betraf nicht die Reichseinkommensteuer, sondern noch den Normalscch der Preußischen Staatseinkommensteuer 1919. Berlin. lieber „die politischen Parteien und ihre Stellung zur Judenfrage" sprachen in einer nach den Spichernsälen vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufenen Versammlung Reichstagöabgeordneter Dr. Schücking und Dr. Steiger, von denen ersterer seinem Vortrage die Anschauungen der demokratischen, letzterer die der christlichen Volkspartei (Zenlrumspartei) zugrunde legte. Dr. Schücking wies darauf hü., daß die unglückliche Lage, in die die vorkriegszeitliche Diplomatie unser Vaterland gebracht habe, den Antisemiten dazu diene, für alles Unglück die Juden verantwortlich zu machen, ebenso habe blinder Wahn in mittelalterlichen Zeiten die Juden als Schuldige bezeichnet, wenn das Land von Seuchen oder anderen Leiden heimgesucht wurde. Heute sei man geneigt, auch die Demokraten als im Dienst des Judentums stehend zu bezeichnen, obgleich die Demokratie ein spezifisch germanischer Gedanke sei. Sie erkenne den Juden die staatliche Gleichberechtigung unbeschränkt zu. Im Wirtschaftswie auch im Geistesleben habe das Judentum zweifellos dazu beigetragen, unser Volk auf eine höhere Stufe zu bringen. Eine spätere Zeit werde das heutige antisemitische Treiben unbegreiflich finden. Wünschenswert sei allerdings, daß Deutschland von einer Ueberschwemmung ans dem östlichen Europa verschont bliebe. Es müsse Sorge getragen werden, diesen Strom nach Ländern zu. lenken, wo er sich gedeihlich ausbreiten könne. Der Völkerbund solle planmäßige Siedelungen in die Hand nehmen. Heute gelte es überall zur Einigkeit zu mahnen, keinen Klassenhaß, keinen religiösen Haß mehr zu dulden. (Lebhafter Beifall.) Dr. Steiger hob hervor, daß schon Windthorst, der Gründer der Zentrumspartei, sich gegen alle Ausnahme gesetze ausgesprochen habe. Dieser Grundsatz sei auch von der Partei stets befolgt worden. Bon deutschnationaler Seite sei freilich das Wort geprägt wordenen Deutschland müsse das alte Testament endgültig abgeschafft werden. Dann — so bemerkte Redner — würde es aber mit allen Religionslehren aus sein. (Lebhafter Beifall.) Denn ohne das alte würde das neue Testament seine Bedeutung verlieren. Hier bestehe die Brücke zu einer gemeinsamen Verständigung des Bürgertums. Gegen Simultanschulen dürften sich nach seinen Erfahrungen schwere Bedenken wohl nicht ergeben, sie könnten wohl allen Religionen gerecht werden. In der folgenden Aussprache schlossen sich die Redner den Ausführungen der Vortragenden an. München. Der Erste Staatsanwalt bei dem Landgericht I hat das im Verfolg des am 4. Oktober 1920 in der Eschenanlage in München auf Sanitätsrat Dr. Magnus Hirfchfeld verübten Ueberfalles wegen Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs eingeleitete Verfahren eingestellt, da die umfangreichen Erhebungen keine Anhaltspunkte zur Ermittelung der Täter erbrachten. Die Untersuchung ergab, daß ein Anschlag gegen Dr. Hirschfeld zw bereits vor dessen Ankunft in München geplant und vorbereitet war, doch sind die eigentlichen Täter im Dunkel der Nacht entkommen, so daß es angeblich nicht mehr möglich war, sie ausfindig zu machen. Mit Recht bemerkt dazu der „Vorwärts": „Diese Methode ist der beste Weg, das erschütterte Rechtsbewußtsein im Volke zu heben." Osterode Nach volltöniger Einladung in der Zeitung und nach reichlicher Verteilung von Eintritts-. freikarten fand hier eine öffentliche Versammlung statt, einberufen durch die deutsch-völkische Ortsgruppe. Ein Herr Dr. Veit sprach über die „Psychologie des Judentums". Seine Ausführungen bestanden größtenteils aus Urteilen griechischer und römischer Schriftsteller über das Wesen der Juden, über ihre Sittenlosigkeit, über die Schändlichkeit ihrer Ehen, Zitate aus Talmud und Schulchan Aruch, die zum größten Teil in bekannter Kampfesart Entstellungen und glatte Fälschungen waren. Das Ganze stellte sich als so ausgesuchte Hetze dar, daß eine Widerlegung im einzelnen nicht lohnt. Der Redner warf massenhaft Gist in die Massen. Die Sittenlehre des Judentums, die Bibel, die messianische Idee usw., alles wurde in den Schmutz gezerrt. Ms erster Diskussionsredner sprach der Generalsekretär des Deutschen Bauernbundes Bax aus Königsberg, der in treffender Weise das Auftreten des Redners als Wahlmanöver und die Deutschvölkischen als Schutztruppe der Deutschnationalen kennzeichnete, die die Juden als Blitzableiter für das Unglück Deutschlands benutzen. Die Anhängerschaft des Hauptredners schrie darauf Herrn Bax nieder, so daß er nicht mehr weiter prechen konnte. Der Diskussionsredner Prediger Mannheim wußte ich dagegen dauernd Gehör zu verschaffen und griff von der Unmenge der Angriffe die wichtigsten heraus, u. a. legte er überzeugend klar, wie gerade die Ehe Verhältnisse der Juden mustergültig seien, wie die geäußerten Zitate aus Talmud und Schulchan Aruch über Jesus, über die messianische Zeit usw. falsch seien, führte die Kernpunkte der hervorragenden talmndischen Sittenlehren an, die genau das Gegenteil der von Dr. Veit angeführten Prinzipien besagten und schloß daran das Wort Ezechiels: „Hat nicht e i n Vater uns geschaffen, warum hadert ein Bruder gegen den andern?" Herr Mamrhcim erklärte, daß er vor acht Tagen erst aus Graudenz nach Osterode gekommen sei, kaum der polnischen Knechtschaft entronnen, und jetzt solche Giftmischerei antcesfen müsse. Es sei eine Schmach, daß er, der sein heißgeliebtes deutsches Vaterland endlich wiedergefunden habe, hören müsse, die Juden seien keine Deutschen. Der Redner schloß mit einem Mahnru' an die Gerechtigkeitsliebe der Osleroder Bürgerschaft sich nicht verhetzen zu lassen. Und dieser Aufruf tat nach den trefflichen Aus führungen Mannheims seine Wirkung. Die Stimmung schlug in der Versammlung plötzlich um. Derm als Dr. Veit in seinem Schlußwort wieder eine kraß erfundene Stelle aus dem Schulchan Aruch anführte und Prediger Mannheim ihm 10 000 Mark anbot, wenn er ihm diese Stelle im Schulchan Aruch zeige, und dieses Zitat ebenso wie alle vorherigen als Schwindel bezeichnete, da entstand ein Tumult im Saal, und Dr. Beit konnte seine Ausführungen nicht zu Ende führen. Dessau. Landesverband der Anhattischen Kultusgemeinden. In einer am 9. Januar hier abgehaltenen Sitzung ist ein „Landesverband der Anhaltischen Kultusgemeinden" mit dem Sitze in Dessau errichtet worden. Jüdische Gemeinden bestehen in Anhalt zurzeit in Dessau, Bernburg, Cöthen, Zerbst, Sandersleben, Ballenstedt, Coswig, Gröbzig und Jeßnitz; diese sämtlichen Gemeinden haben sich dem nengegründeten Verbände angeschlossen. Der Verband hat beschlossen, seine Satzungen auf streng demokratischen Grundsätzen aufzubauen und seine Vertretung durch Urwahlen bestimmen zu lassen; das Wahlrecht soll dem politischen Wahlrecht entsprechen und Männern und Frauen zuftehen. Vorsitzender des vorläufigen Vorstandes des Landesverbandes ist Herr Staatsrat Dr. Cohn-Dessau. Die Begründung des Verbandes stellt den ersten Versuch dar, die anhaltischen Juden zu einer kirchlichen Organisation zusammenzufassen. Der Verband hat sich zum Zweck gesetzt: „Die Vertretung der Gesamtinteressen der anhaltischen jüdischen Gemeinden gegenüber dem Reich, dem Freistaat Anhalt, den Gemeinden und ihren Behörden wie gegenüber dem Gesamtjudentum und feinen Organisationen. Religiöse' und parteipolitische Fragen find von dem Aufgabernreis des Verbandes, ausgeschlossen. Frankfurt a. M. Die Aussichten der Theologe«. Das hiesige Berufsamt für Akademiker hat gemefiyam mit dem städtischen Berufsamt eine Vortragsreihe über >ie Aussichten det akademischen Berufe veranstaltet. Letzhin sprachen drei Theologen verschiedener Bekenntnisse über ihren besonderen Beruf. Als jüdischer Seelörger sprach Rabbiner Dr. Horovitz. Die drei Geistlichen ührten übereinstimmend aus, daß dieser.Beruf infolge )es Kriegsverlustes nicht überfüllt und nicht aussichtslos ist, doch könne man bei seiner Ergreifung nicht von einer eigentlichen Berufswahl sprechen, da die Voraussetzung des Seelsorgeramtes eine starke Religiosität und das tiefe Gefühl innerer Berufung seien. Reichtum an irdischen Schätzen werde den Angehörigen dieser Berufe nicht zuteil; schwierig sei schon immer die Lage der Rabbiner gewesen, weil diese keinen staatlichen Gehaltszuschuß erhalten. Jeder der drei Geistlichen hob mit begeisterten Worten 5as Ideale seines Berufes und seiner Glaubensgemeinschaft hervor. y\m der Provinz. Tarnowitz. Bei der vorgenommenen Ergänzungswähl für den Vorstand der Synagogengemeinde find zum Vorsteher Kaufmann Elias Bach und zu Borsteher- Stellvertretern die Kaufleute Aron Perlberg und Fedor Schweiger gewählt worden. Schreiberhau. Der als Urheber der hiesigen antisemitischen Bewegung wiederholt genannte Postfekretär Obst ist durch Verfügung zum 1. April d. I. versetzt worden. Dem verbände ehemaliger Posen« (Geschäftsstelle: Breslau I, Antonienstraßc 24) gehören als Mitglieder und Spender an: Max Jacob und Paul Jacob-Wüstcgiersdorf, Alb. Blaste, R.-A. Jacques Blaste, Mathias Blaste. Walter Blaste, Günter Blässe-Berlin, Paul Flerschmann-Breslau, San.-Rat Dr. Alf. Katz-Berlin, S. Feldmann-Hirschberg (Schl.), Hugo Wollheim-Berlin, Theod. Guttmann-Berlin, R.-A. Dr. Heinrich Radt-Berlin, Georg Goldmann-Brieg, Bruno Galewski-Berlin, Sally Sandberg-Breslau, Rich. Jacobsohn-Berlin, Herb. Kastellan-Ostenbach a. M., Alb. Joachim-Berlin, San.-Rat Dr. Ferd. Fuchs-Breslau, R. -A. Dr. Gust. Ehrenfried-Berlin, Apotheker Paul Freundlich-Hamburg, Max Nathan-Breslau, Paul Schwarz-Berlin, Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., Rabb. Dr. Dienemann-Offenbach a. M., Erna Futter geb. Blaste, Berlin, Paul Lewin-Falkenstein i. V., Isidor Guttmann-Breslau, Carl Jaraczewer-Jauer, Direktor Dagobert Budwig-Berlin, Ad. Kastellan-Berlin, Max Krotoschiner-Breslau, San.-Rat Dr. Radt-Höchst a. M., Heinrich Euphrat-Berlin, Dr. Hugo Peiser-Fürth, Betty Farntrog geb. Peiser-Fürth, Hanna Marcus geb. Heppner- Breslau, Dr. Ernst Heppner-Hamburg, San.-Rat Dr. Max Goldmann-Tegel, Alf. Heppner-Charlottenburg, Mor. Lehmann-Stettin, Herm. Tuch-Breslau, Jenny Tuch geb. Kottow-Breslau, Helene Tuch geb. Guttmann-Breslau, Martin .Heppner-Breslau, Martha May geb. Unger-Glatz, S. Jacob-Gleiwitz, Regina Jacobsohn-Leipzig, Hugo Heppner-Berlin, Jacques Kastellan-Beuthen, Ink. Hor- Witz-Berlin, Alfred Finkelstein-Breslau, Heim. Ehaim- Berlin, Oscar Licht-Jauer, Ferd. Jrankenstein-Jauer, Wilh. Schüftan-Jauer, Max Ostrower-Jauer, S. Nistel- Jauer, Benno Landmann-Jauer, Pechner-Jauer, Ludwig Trschler-Jauer, Moritz Sittenfeld-Jauer, Nathan Schäffer- Jauer, Dr. Heinrich Czarnikauer-Nürüberg, Max Graupe- Lübeck, Max Marcus-Berlin, Dorothea Marcus gob. Mitglied ernannte. Das mächtige Emporblühen der Reichshauptstadt hat Ludwig Geiger fast ein halbes Jahrhundert mit hoher Freude begleitet. Für die Rechte seiner Glaubensgenossen zu allen Zeiten unerschrocken mannhaft eintretend und kämpfend, deren Kränkung und Zurücksetzung tief schmerzlich empfindend und beklagend, ein aufrechter liberaler Deutscher und Jude, Verehrung heischend und genießend, steht Ludwig Geiger über das Grab hinaus vor uns! Die schweren Jahre des Bölkerringens zeitigten viele wertvolle Beiträge zur Zeitgeschichte, „Der Krieg und die Juden," „Krieg und Kunst" u. a. m., fraglos hat die Not des Vaterlandes seine Gesundheit untergraben und seinen Tod herbeigeführt. Ludwig Geiger hat das hohe Glück genossen, in wahrhaft idealer Ehe, in innigster Seclengemeinschaft mit der ihm an Geist und Gemüt ebenbürtigen Lebensgefährtin ^'rzig Jahre verbunden gewesen zu sein. Fünf Kinder, ein Sohn und vier Töchter, Schwiegerkinder und heranblühende t^nkel umgaben das teure Familienhaupt mit rührender Liebe und Verehrung und das Geigersche Heim in der Schaperstraße war Jahrzehnte hindurch eine Stätte edelster Geselligkeit. Das Goethewort „Alt werden, heißt viele sterben sehen" hat Ludwig Geiger auch erfahren. Biele, die ihm in Liebe und Freundschaft nahe gestanden, sind ihm im Tode voraus gegangen, allen hat er ern pietätvolles Gedenken bewahrt, viele hat er nach ihrent Heimgange in Wort und Schrift geehrt, so wiederholt ocn väterlichen Freund Berthold Auerbach, seinen Schwager Hermann Veit Simon u. a. m. In einzig-eigenartiger Weise hat cs Ludwig Geiger ve stunden, sich Freunde zu gewinnen und zu erhalten, Freundscha im besten Sinne zu betätigen, war doch Treue ein Grundzu ^'.ues Wesens. Eine Reihe von Jahren war ich stolz und glückliä mich fernes warmen Interesses, seiner herzlichen Freundscha hn bütfen' einer der schönsten Lebensblüten, der u tcuijattig geworden bin. Dankbar und wehmutsvoll geben! « t I eichen literarischen Eindrücke, die ich in seinem letzte Lebensjahrzehnt durch ihn empfangen habe, in der Zeit pe^ sönlicher Trauer boten sie mir Erhebung. Unvergessen lel namentlich in meiner Erinnerung jener wundervolle Bortra, oen er am 100. Geburtstage seines großen Vaters im Mai 191 vier rn der Ortsgruppe des Vereins „Liberales Judentum" htel Die deutsche Judenheit wird Ludwig Geiger stetei ehrendes Gedenken bewahren! Breslau. Emaauel Wertheimer uvfein «Vuch -er Weisheit. (Verlag Hoffmann & Campe.) Wie schnell fertig in ihrem Urteil über ihre jüdischen Mitbürger sind doch manche nichtjüdische Kreise des deutschen Volkes! — Mit dem Schlagwort „Geschäftliche Betriebsamkeit und Erwerbssinn" glauben sie das Gros der Juden abgetan zu haben; aber die Tatschen strafen diese törichte Berallgemcinerungssucht immer wieder Lügen. Da lebte z. B.in Berlin ein Börsenmakler, namens Schlesinger; und als der nach einem langen Leben, dos nur mit äußerst prosaischer, kaufmännischer Arbeit angefüllt schien, starb, fand mau in seinem Nachlaß ein hochbedeutendes, umfangreiches, wissenschaftliches Werk vor7 „Die Geschichte des Symbols", an dem er „nur so nebenbei" viele Jahrzehnte gearbeitet hatte. Ein Kaufmann war auch Emanncl Werlheim er, der 1916 die klugen Augen für immer schloß, und dessen Lebenswerk im altberühmten Heine-Verlag Hoffmann & Eampe unter obigem Titel erschien. Es ist kein dickes und kein teures Buch, aber es ist ein kleiner Kosmos, eine Welt für sich! — Wieviel Erfahrungen, wieviel Weisheit, wieviel soziologische Wahrheiten bergen doch diese schlichten Blätter! Und wie leuchten die Tränen dieses großen, resignierenden Menschenkenners in den blitzenden Facetten seiner knappen, kurz geprägten Sätze, — Sonnenstrahlen vergleichbar, die beim Unwetter in den buntesten Regenbogenfarben strahlen! — Wertheimer's Aphorismen sind komprimierteste Ergebnisse eines überaus scharfen Beobachters und Denkers; sie bilden meist nur einen einzigen Satz: aber sie treffen mit fast unheimlicher Sicherheit ins Schwarze und bringen die Torheiten und Schwächen der Menschen geradezu auf eine Formel! — Der Verfasser muß viel durchgemacht und durchlttten, sowie manche schmerzliche Enttäuschung hinter sich haben, bevor er von Welt und Menschen in dieser merkwürdig wehen Art schreiben konnte! Erblutete Skepsis ist derGrundton des Buches, wenn auch überall die umfassende Güre »es Verfassers fühlbar wird. „Der Stil ist der Mensch? . . . Gibt cs so wenig gute Menschen?" fragt er in trauriger Negation. — „Wer die Welt kennt, wie sie ist, sollte sich wundern, daß wir nicht alle an Verfolgungswahn leiden!" heißt es an anderer Stelle. — „Eine Hölle nach dieser Welt? Welche Phantasie!" — „Selbstbeobachtung genügt, um Satiriker zu werden." — Derartig ernste Aussprüche finden sich häufig! „Auch der Greis lächelt — wenn von Idealen gesprochen wird." — „Jeder möchte die Welt so verbessern, daß vor allem er Platz darin fände." — „Man fürchtet Kindern ideale Grundsätze beizubringen, aus Angst, ihren Mitmenschen später nicht gewachsen zu sein." — „Wir, Ebenbilder Gottes? Welche Gotteslästerung!" Den Egoismus der Menschen zu geißeln wird er nicht müde: „Uneigennützigkeit! Inhaltloses Wort! Man streiche cs, und die Hälfte aller Enttäuschungen fällt" . . . . „Um Philanthrop zu bleiben, enthalte man sich eines Nebels: der Menschenkenntnis" .... „Es ist unmöglich so gut zu sein, wie du dich hältst" .... Sein Pessimismus wächst mitunter ins Erschütternde: „Man tadelt die Schöpfung — mit Recht: für unsere Begriffe ist sie zu unendlich, für unsere Wünsche zu begrenzt." — „Den Toten fehlt nichts als das Bewußtsein ihres Glücks." — Wie häufig werden Wahrheiten fixiert, die das Fazit gesellschaftlicher Zustände ziehen: „Die Teilung der Güter wäre jeichter, wenn ihr die Teilung der Ansprüche vorausginge." Mit merkwürdiger Schärfe spricht er unter anderem von der Liebe: „Alles kann die Liebe überdauern, nur nicht die Erreichung ihres Ziels" .... „Man hat die Liebe zur Ehe verurteilt, und das überlebt sie nicht" . . . „So viel Freuden hat die Natur gar nicht zu vergeben, als sie Schmerzen zu unserer Verfügung hält" . . . „Man nehme der Zuneigung den Eigensinn, und es gibt keine Verliebte." „Wie undankbar sind wir gegen den Eigennutz! Ohne ihn würde sich keiner um den andern kümmern." Den ganzen Reichtum des Buches hier zu erschöpfen, ist natürlich nicht möglich; es ist wirklich, wie der Verlag rühmt, „ein Lebensverk", — es ist sogar mehr als das, ein zeitloses Buch, das — fast möchte ich sagen leider k — auch «och fßr kommende Geschlechter geschrieben ist. Br. 8 D.'