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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-02-11 · 11 (11.2.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
11 (11.2.1921)
Date
1921-02-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i # Dir,^sablfch-llberalr Leitung" erscheint jeden Freitag und kostet durch die Vost oder durch die cheschLlftsstelle bezogen, vierteljährlich M». 4.— Ginzeinummer 40 Vf. Ladungen aufVoftlchecttonto Breslau 4L387,Iüdlschlwrrale Lettuuo. KasfeuverwaNuuo, «.Bayer, Breslau i > 1 m itiuuitiiifi mngmmi uryn-n ■ DerantworUlcher Schriftleiter:; Julius Loeb, Breslau 13, DlNorlaftraße 104 d; 80r vir RrOaftion drftlmmtr 3uf<ftrfftrn flav nur an diese Adresse tu richten * SrfchSittftrilt: Breslau 3, Reue Sraupenslr. 3 > siiiMiiiMMiMiiiiiimimiimimms Rr.ii Breslau, den 11. Februar 1921 Die Ostjudenf Seit den Tagen, da rusiijcher Staatsweishcit eine^ große Wschlachtung der Judenmassen nützlich erschien, seit der Zeit der ersten Pogrome, gibt es für Deutschland eine Ostjudenfrage. Je nach der Stärke des im Osten wirkenden Hasses wurde der Andrang der Juden schwächer oder stärker empfunden. Da Deutschland der natürliche j Zufluchtsort für die jenseits der Grenze verfolgten war, 1 da es andrerseits den gegebenen Uebergang auf dem! Wege zur neuen Welt bildete, hörten die östliche Ein-! Wanderung und die dadurch bedingten Fragen nicht auf.! Im Kriege kam noch ein neues hinzu. Solange man an J Deutschlands Sieg glauben durfte, dachte man an. eine Ausdehnung des Reiches nach Osten, und dieser, Zuwachs hätte Scharen von Ostjuden zu deutschen Bürgern gemacht' Ueber die damit verbundenen Vorteile! und Schaden wurde viel Papier verschrieben, viel gehofft und viel gebangt, und die Ostjudenfrage wurde zum beliebtesten Thema für alle jüdischen und nichtjüdischen Diskussionen. Der „Friede" kam; unser Vaterland lag, aus tausend Wunden blutend, au: Boden, und damit erhielt die Ostjudensrage von einer anderen Seite her ein bedenkliches Ansehen. War bisher lediglich das politische Momerrt in Betracht gekommen, da die Hand voll Ostjuden dem starken, wirtschaftlichen Gefüge des Reichs gegenüber garnicht in Betracht kam, so bedeutete das Nahen der Einwanderer jetzt eine w i r t - schaftliche Gefahr, nachdem die Zahl der deutschen Arbeitslosen riesig angeschwollen war, und Wohnungsmangel und Lebensmittelnot verheerend wirkten. Und je mehr unter der Wucht des polnischen Hasses der Zwang zum Verlassen des Landes die Judenmassen aufscheuchte, je weniger ihnen an den Grenzen ein Halt geboten werden konnte, um so größer wurde im Innern Deutschlands der Haß gegen die östlichen Einwanderer, der durch das allgemeine Bestreben, in den Juden den Sündenbock für alle Nebel des Krieges und des Friedens zu finden, derart vermehrt wurde, daß die Oftjudenfrage geradezu der Angelpunkt geworden zu sein schien, um den die ganze innere Politik sich drehte. Um so schwieriger ist es, ein leidenschaftsloses Urteil zu fällen, je mehr auf diese Weise die Frage in die Alltagspolitik hineingezerrt worden ist, un: mit tausenden von anderen Dingen verquickt zu werden. Gerade wir Juden aber, die wir in uns bald das vaterländische, bald das religiöse Gefühl stärker empfinden, sobald es sich um das Schicksal unserer östlichen Brüder handelt, sollten unserer Stellungnahme eine recht gründliche und ruhige Untersuchung der Tatsachen vorangehen lassen. Bor allem darf unser Urteil und unsere Tat keineswegs durch antisemitisches Geschrei beeinflußt sein. Ein großer Irrtum herrscht, das merken wir zunächst bei einer eingehenden Betrachtung, über die Absichten der Ostjuden. Schon in Friedenszeiten war die Lust, sich dauernd in Deutschland anzusiedeln, Vergleich zur Menge der Auswanderer nur gering. Jetzt aber, nachdem die wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten in Deutschland sich so sehr vermindert haben, sucht, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, Mehrzahl der Flüchtlinge in Deutschland nur das Asyl, das auf dem Wege nach Amerika vorübergehenden Schutz gewährt. Wer in der Flüchtlingsfürsorge tätig mltarbertet, weiß das. Er weiß freilich auch, daß ins- Aondere d:e Vereinigten Staaten von Tag zu Tag der Einwanderung größere Schwierigkeiten bereiten, ja daß ern völliges Einwanderungsverbot droht. Eine wesentliche Aufgabe der deutschen Juden muß es daher sein, das Gewissen und die Bruderliebe ihrer nordamerikanischen Glaubensgenossen zu erwecken und wach &K erhalten, damit sie, Angehörige der gegenwärtig stärksten wirtschaftlichen Macht, ihre Hilfsbereitschaft für die Ostjuden nicht nur durch billige Palästinavegeisterung und einige hingeworfene Almosen beweisen, ordern durch Erwirkung der Einwanderungserlaubnis für alle, die die Rot aus dem Osten forttreibt. „ sonders objektiv zum zweiten muß jüdisches Urteil allenMrschuldigungender Antisemiten gegenüber muk sich immer vor Augen halten, daß der Mdenseind zwischen Deutschen und Ostjuden garnicht scheiden , will, rtftd die Agitation gegen die letzteren ist nur enr Mittel, um den ersteren Aachen und Stellung ** Das sei vor allem denen gesagt, die er für politisch klug halten, sich teilweise oder ganz auf Bon Geinoinderabbiner Di'. Felix Goldinann - Läppst. ■ die Seite der Judenfeinde zu schlagen und so in unsere Reihen Verwirrung zu tragen. Sie schädigen sich nur selber, denn sobald es dem Airtisemiten gelungen ist, gegen den Ostjuden einen Schlag zu führen, wird er,' auf den damit errungenen Sieg sich stützend, sich gegen den deutschen Juden wenden, und seine Argumentation sich zu eigen machen, heißt den Ast absägen, auf dem n:an sitzt. Damit soll freilich auch nicht gesagt sein, daß wir aus Trotz oder Vorsicht Dinge übersehen dürfen, die offenkundig sind. Weder werden wir verkennen, daß Deutschland heute unmöglich Einwanderungsland sein kann, da jede Niederlassung die Lebensbedingungen der eingesessenen Bevölkerung erschwert, noch dürfen wir übersehen, daß die Ostjuden ihrer Wesensatt nach sich nicht schnell und ohne Reibungen in das deutsche Leben einstigen können. Ob sie schlechter sind, darüber kam: nur der Antisemit mit Sicherheit urteilen, dessen Anschauung dogmatisch feststeht. Jedenfalls aber sind sie anders, haben andere Gewohnheiten und ordere Auffassungen, was in Zeiten der Ruhe und des wirtschaftlichen Wohlergehens ebensowenig stören würde, wie es bei den längst ansässigen, kulturell assimilierten Ostjuden gestört hat, was aber bei den unruhigen nervösen Zuständen unserer Tage zu ständigen Zusammenstößen führen muß. Unsere Stellungnahme wird demnach sich ohne Schwierigkeit ergeben. Soweit es sich um Juden handelt, die sich vor dem Kriege hier angesiedelt haben, oder dir während des Krieges mit Erlaubnis und auf Veranlassung der deutschen Regierung herüber gekommen sind, ist von einer Ostjudensrage keine Rede. Die ersteren wären, wenn nicht der reaktionäre Antisemitismus bei den Juden eine Ausnahme gemacht hätte, cüs ansässige Ausländer längst naturalisiert, und aus der Tatsache, daß frühere Regierungen sie schlechter behandelt haben als christliche Ausländer, die heute deutsche Bürger sind, kann nicht das Recht hergeleitet werden, sie heute nochmals leiden zu lassen, Av Ui« in ickem! Und was die letzteren anbelangt, so dürfte es in einem Rechtsstaat nicht angchen, daß inan erst die Leute durch Versprechungen oder Drohungen nach Deutschland lockt, ihre Arbeitskraft nach Möglichkeit ausnützt, um sie dann als lästige Ausländer auszuweisen. Vom deutschen wie vom jüdischen Standpunkte haben wir die Pflicht, jeder Unbill energisch entgegenzutreten, die man diesen Kategoriecn zufügen wollte. Nicht nur, weil man unseren Glaubensgenossen Unrecht täte, sondern weil für den deutschen Namen eine solche Hinterhältigkeit eine Schande wäre. Daß sich natürlich kein Finger für jene unter ihnen rühren wird, die sich in irgend einer Weise gegen das Strafgesetz vergehen, ist zwar selbstverständlich, sei aber doch hervorgehoben. Wenn s i e das Land verlassen müssen, so folgt ihnen gewiß weder Bedauern noch Mitleid. Die Schließung der Grenzen gegen neue Zuwanderung und Niederlassung müssen wir unter den gegenwärtigen Umständen gewiß für eine notwendige, wenn auch harte Maßregel ansehen. Nur dürfen wir im Interesse unserer eigenen Ehre uns mit keiner Regelung der Frage zufrieden geben, die einseitig die Juden benachteiligt. Man muß offen zugeben, daß wir hier in schwieriger Lage sind. Machen doch die Juden den Hauptteil der in Betracht kommenden Massen aus und ist es doch nur allzuleicht eine antisemitische Gesinnung hinter einer ganz allgemein gehaltenen Vorschrift zu verbergen. Durchdrungen aber von dem Bewußtsein, daß unser Vaterland tatsächlich zur Zeit für Einwanderer nicht aufnahmefähig ist, werden wir dafür Verständnis haben, daß Maßregeln zur Ber- IüöW-liberaler ^ugenöverein Montag, den 14. Februar 1921, abends 8 Ahr, im Saale der »Gesellschaft Eintracht", Tauentzienstraße 12 (Eingang nur Anger) Vortrag des Herrn Gemeinderabbiner Dr. Vogelstein über: „Sott und Mensch". Freunde und Anhänger unserer Bewegung willkommen. Freitag, de« 18. Februar, 8 Ahr, in der Spinoza-Loge: Gesellige Zreitagabeu-zujammeukunft. Zutritt nur für Mitglieder und deren Angehörige. Annahmeschluß für Berichte: Montag mittag Sprechstunden der Schrlftlrltuno: Montag bis Freitag 11—12 vorm, in der Geschäftsstelle Bnnavmefchluv für Anzeigen: Dienstag früv Die 31', cm breite Millimeterzelle kostet 60 Pf., Familien, anzeigen 40 Vf. Bel Wiederholung Ermäßigung N. Tarif BBSBBBSBBBSBSBBBBBBBBBBSBBBBBBBBBBBBBBBBBBBSBBtS 1. Lahrgang hindern:^ neuer dauernder Niederlassung im deutschen Interesse geboten sind. Selbstverständlich wird dadurch das Asylrecht keineswegs berührt. Da man den vielen baltischen Baronen ein solches gewährt, dürfen es auch die Juden für fick in Anspruch nehmen. Wenn wir im Interesse deutscher Kraft uns gegen Masseneinwanderung wenden, so müssen wir im Interesse deutscher Ehre dafür eintreten, daß dem politischen Flüchtling — und wer wäre das eher als ein vor Pogromen sich rettender Ostjude? — der vorübergehende Aufenthalt sowie der Schutz des Gesetzes gewährt werde. Hier steht die Tatsache fest, daß Ausländer christlichen Glaubens es in weiten: Umfange genießen, und we:rn man darüber klagt, daß der Wohnungsmangel in Berlin durch die Ostjuden vermehrt werde, so soll man nicht die Gastfreundschaft vergessen, die vertriebene Esten und Knrlünder in unendlich große Zahl dauernd in Anspruch nehmen dürfen. Aufgabe der deutschen Juden muß es gewiß sein, dafür zu sorgen, daß die durch Deutschland ziehenden Ostjuden möglichst schnell an den Ort ihrer eigentlichen Bestimmung gebracht werden. Ebenso wichtig aber ist, daß sie während der Zeit ihres Aufenthalts jede Unbill von ihnen fernhalten, der nicht auch andere Durchwanderer ansgesetzt find. Es ist allerdings bedauerlich, feststellen zu müssen, daß man in Deutschland durch kleinliche Ausnahmebestimmungen und Chikanen seinen antisemitischen Heldenmut nur zu oft an wehrlosen, armen jüdischen Flüchtlingen ausläßt. Und diese Folge der Ostjudensrage ist tatsächlich geeignet, Deutschlands Ansehen als Kulturstaat ernstlich zu schädigen. Bon der charitativen Seite der Oftjudenfrage darf hier ganz abgesehen werden. Daß die deutschen Juden mit aller Kraft für das leibliche und seelische Wohl ihrer durchwandernden Brüder sorgen müssen, ist selbverständlich, damit den durch das Schicksal so schwer geprüften wenigstens Leben und Lebensmut erhalten bleiben. Und es ist beschämend, daß wir Juden allein uns einer Aufgabe unterziehen, die eigentlich, da es sich um die Fürsorge für ihres Glaubens wegen Verfolgte handelt, jedem fühlenden Kulturmenschen am Herzen liegen sollte. Die Tatsache, daß sie von anderen nicht erfüllt wird, darf uns weder Anlaß noch Vorwand sein, uns ihr zu entziehen. Und wenn einer oder der andere fürchtet, durch die Unterstützung von „Ausländern" sich den Vorwurf mangelnden Deutschtunks zuzuziehen, so dürfen wir mit gutem Gewissen ein „Deutschtum" ablehnen, das sich in kalter Lieblosigkeit und hartherrger Beschränktheit offenbart. Will man unsere politische Stellung zur Ostjudensrage auf eine kurze Formel bringen, so kann sie nur lauten: Gleichberechtigung für alle Einwanderer in Zulassung und Behändlung! Gelänge es zu erreichen, daß ein Jude genau so angesehen würde, wie ein Tschechoslowake, so wäre die Frage gelöst. Hätten wir diese Garantie der gleichen und unparteiischen Behandlung, so würden wir uns gegen keine Regierungsmaßnahme zu wenden brauchen, hätten wir doch die Ueberzeugung, daß in der Ostjudenfrage nicht wilder Antisemitismus regiert, sondern Rücksicht auf wirkliche Staatsnotwendigkeiten, denen wir uns beugen müssen. Und damit kommen wir zum Schluß auf die Frage des tatsächlichen Umfanges der Einwanderung. Und hier harrt unser eine kleine Ueberraschung. Wenn man nämlich von den vor den: Kriege ansässigen Ostjuden absieht und die während des Krieges von der deutschen Regierung ins Land geholten selbstverständlich außer Betracht läßt, so bleiben höchstens einige Tausende übrig. Man schätzt die Anzahl der während der Revolutionszeit hierher gekommenen Flüchtlinge auf höchstens 30 000 für das ganze Reichsgebiet! Was aber bedeutet eine so geringe Zahl den 65 Millionen deutscher Bevölkerung gegenüber? Und so darf ruhig angesprochen werden, daß mit Ausnahme gewisser Handelszentren — Berlin und Leipzig gehören in erster Reihe dazu — ein wirkliches Ostjudenproblem nur durch die Dittatur der antisemitischen Phrase hervorgerufen worden ist. Und von ihr sich zu befreien, würde auch für den christlichen Teil der Bevölkerung insofern ein großer Nutzen sein, als sie dann sich. davon überzeugen könnte, daß eine wittschaftlick oder politische Gefahr für Deutschland seitens der Ostjuden nur in der Phantasie von Gespenstersehern besteht.

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